Vom Wir zum Ich: Anne Godards Poetik der Pronomen

Anne Godards Roman „Nous aussi“ (Actes Sud, 2026) lässt eine großbürgerliche Pariser Familie über Generationen hinweg mit einer einzigen Stimme sprechen, dem grammatischen „on“, das Besitz, Herkunft und Zärtlichkeit ebenso selbstverständlich in einen Haussmann-Bau und ein alpines Feriendomizil einschreibt, wie es sexuelle Übergriffe unter den eigenen Kindern unsichtbar hält, bis ein Bruder vom Treppenhausfenster in den Innenhof stürzt und sein Tod, Jahre später, eine Kette von Enthüllungen auslöst, die auch die Erzählerin selbst als Betroffene zeigt. Der vorliegende Essay argumentiert, dass sich diese Geschichte nicht über Ereignisse, sondern über eine Grammatik erschließt: Er verfolgt, wie Gattungswahl, Raumordnung, Zeitstruktur, Körperlichkeit, Geschlechterrollen, Poetik und intertextuelle Verweise gemeinsam auf eine einzige Bewegung zulaufen, den seltenen, harten Bruch vom kollektiven „on“ zu einem individuellen „je“, das sich erst in den letzten Seiten aus der Familie löst und dort, kaum gewonnen, wieder im alten Wir der Kindheit versinkt. Anhand konkreter Szenen und wörtlicher Belege zeigt der Essay, wie dieser Umschlag sprachlich vorbereitet, im Text selbst reflektiert und schließlich wieder zurückgenommen wird, und liest den Roman damit als Werk, das sein eigentliches Ereignis nicht in der Handlung, sondern in der Frage austrägt, wer in einer Familie überhaupt „ich“ sagen darf.

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Schmerzensmutter: Anne Godard

In Anne Godards 2006 bei Minuit erschienenem récit „L’Inconsolable“ wartet eine namenlose Mutter, zwanzig Jahre nach dem Suizid ihres ältesten Sohnes, in einem südfranzösischen Haus auf ein Telefon, das nicht klingelt: Ein Ritualsystem aus Jahrestagen, weißen Lilien und einem verschlossenen Kinderzimmer samt Klavier hält die Trauer wach, während Ehemann und überlebende Kinder sich der stummen Anklage entziehen, bis die Erzählung selbst im Schlusskapitel in ein imaginiertes Sterben und ein Testament an die Kinder kippt. Der vorliegende Aufsatz liest diesen schmalen, durchgängig in der zweiten Person erzählten Text als Ökonomie der Anklage: Er verfolgt, wie die Du-Anrede Nähe und Distanz zugleich erzeugt, wie Korridor und verschlossenes Zimmer die Trauer räumlich zur Krypta verdichten, wie ein Kalenderritual profane und heilige Zeit nach dem Muster religiöser Wiederholung ordnet und wie die Bildfelder Weiß, Blut und Stein sich zuletzt im Mythos der Niobe verdichten. Zugleich zeigt die Analyse, wie der Roman das kulturelle Bild der Mater Dolorosa nicht bestätigt, sondern als Machtform befragt, und wie er sich am Ende selbst als jenes Testament ausgibt, das seine Protagonistin erst noch schreiben wird, eine selbstbezügliche Volte, die den Vergleich von Romananfang und Romanschluss zum eigentlichen Angelpunkt der Interpretation macht.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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