Vom Wir zum Ich: Anne Godards Poetik der Pronomen
Anne Godards Roman „Nous aussi“ (Actes Sud, 2026) lässt eine großbürgerliche Pariser Familie über Generationen hinweg mit einer einzigen Stimme sprechen, dem grammatischen „on“, das Besitz, Herkunft und Zärtlichkeit ebenso selbstverständlich in einen Haussmann-Bau und ein alpines Feriendomizil einschreibt, wie es sexuelle Übergriffe unter den eigenen Kindern unsichtbar hält, bis ein Bruder vom Treppenhausfenster in den Innenhof stürzt und sein Tod, Jahre später, eine Kette von Enthüllungen auslöst, die auch die Erzählerin selbst als Betroffene zeigt. Der vorliegende Essay argumentiert, dass sich diese Geschichte nicht über Ereignisse, sondern über eine Grammatik erschließt: Er verfolgt, wie Gattungswahl, Raumordnung, Zeitstruktur, Körperlichkeit, Geschlechterrollen, Poetik und intertextuelle Verweise gemeinsam auf eine einzige Bewegung zulaufen, den seltenen, harten Bruch vom kollektiven „on“ zu einem individuellen „je“, das sich erst in den letzten Seiten aus der Familie löst und dort, kaum gewonnen, wieder im alten Wir der Kindheit versinkt. Anhand konkreter Szenen und wörtlicher Belege zeigt der Essay, wie dieser Umschlag sprachlich vorbereitet, im Text selbst reflektiert und schließlich wieder zurückgenommen wird, und liest den Roman damit als Werk, das sein eigentliches Ereignis nicht in der Handlung, sondern in der Frage austrägt, wer in einer Familie überhaupt „ich“ sagen darf.
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