Zwei Ordnungen der Verletzlichkeit: Männlichkeit bei Abdellah Taïa
Abdellah Taïas Roman „Debout dans tes rêves“ (Julliard, 2026) erzählt von Majid, einem Einwanderer aus Salé, der in Paris sieben Jahre lang, zwischen 2003 und 2010, den kleinen Gabriel betreut, während sein eigener Aufenthaltsstatus alle drei Monate neu verhandelt werden muss; in Rückblenden erschließt sich seine Herkunft in Marokko, die Gewalt des kranken Vaters El Mekki, der Versuch des Schwagers Mourad, ihn an einem See zur Heterosexualität zu zwingen, während in Paris eine Reihe ungleicher Liebesbeziehungen zu älteren, wirtschaftlich abgesicherten europäischen Männern und eine an einem orientalisierenden Doktorvater gescheiterte Arbeit über den Maler Fragonard von der Kollision zwischen Begehren, Geld und institutioneller Macht erzählen; der Roman endet im Winter 2010/2011 in einem Krankenzimmer, in dem Majid, mit inzwischen gesichertem Aufenthaltstitel, Gabriel erstmals offen von seiner Homosexualität berichtet, während im Hintergrund der Arabische Frühling beginnt, und sein Titel geht auf ein Bild zurück, in dem Gabriels beim Tsunami 2004 umgekommene Cousins in seinen Träumen aufrecht stehen. Der Aufsatz liest diesen Roman als Verhandlung zweier ineinander verschränkter Fragen, was Männlichkeit in einem patriarchal geprägten Milieu bedeuten kann und wie Homosexualität sich unter den Bedingungen migrantischer Prekarität überhaupt artikulieren lässt, und verzichtet dabei auf getrennte Kapitel zu Gattung, Erzählperspektive, Raum, Zeit oder Poetik zugunsten einer Argumentation, die diese Kategorien fortlaufend einbindet und die konkurrierenden Männlichkeitsentwürfe des Textes, den gewalttätigen Vater, den zur Aufführung zwingenden Schwager, den orientalisierenden Doktorvater und Majids eigene fürsorgliche Praxis, als Antworten auf dieselbe patriarchale Logik ausweist. Argumentativ tragend ist der Vergleich mit dem übrigen Werk Taïas, von „Mon Maroc“ (2000) bis „Le Bastion des larmes“ (2024): Anhand wiederkehrender Motive, des demontierten Vaters, der Flüsse und Schwellenräume als Schauplätze non-normativer Männlichkeit, der ökonomisierten Beziehungen zu Europäern und einer über mehrere Bücher hinweg gleichnamigen Mutterfigur, zeigt der Aufsatz, dass „Debout dans tes rêves“ bekannte Bausteine des Gesamtwerks aufruft und zugleich verschiebt, indem er das zentrale Beziehungsmodell von der erotischen zur nicht-sexuellen, fürsorglichen Bindung verlagert und, anders als die meisten vorangegangenen, in Verlust oder Katastrophe endenden Romane, mit einer vorsichtigen, ausdrücklich als vorläufig markierten Hoffnung schließt. So ergibt sich, von „Mon Maroc“ bis „Debout dans tes rêves“, das Bild eines Werks, in dem Männlichkeit immer wieder von Vätern, Königen und Doktorvätern eingefordert und von den Protagonisten auf Flüssen, in Bussen, Krankenzimmern und Briefen ebenso beharrlich unterlaufen wird, ohne dass sich daraus je ein endgültiges Bild dessen stabilisieren würde, was ein Mann zu sein habe.
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