Die Abschrift als Trauerarbeit: Claudio Piersanti und Leo Tolstojs Anna Karenina

Claudio Piersantis Roman „Quel maledetto Vronskij“ (Rizzoli, 2021) erzählt von dem Mailänder Setzer Giovanni, dessen Frau Giulia nach überstandener Krebserkrankung mit einem Zettel verschwindet: „Verzeih mir, ich bin so müde. Such mich nicht“. Auf der Suche nach einer Erklärung liest Giovanni in Giulias Regal Anna Karenina, glaubt in einem „maledetto Vronskij“ den Rivalen zu erkennen und setzt Tolstojs Text Seite für Seite neu, um daraus ein gebundenes Unikat als Liebesgabe zu machen. Als Giulia nach mehr als einem Jahr zurückkehrt, gesteht sie, dass sie nicht zu einem Liebhaber, sondern zu einem Bahnsteig gegangen war. Es folgen eine zweite Liebeszeit, der Umzug in die Berge, ein Rückfall, Giulias Tod und Giovannis eigenes stilles Ende. Der Aufsatz liest das Buch als Anti-Ehebruchsroman, der Tolstojs Text nicht als Handlungsmodell, sondern als Werkstoff behandelt. Er zeigt, wie die Perspektive des Zurückgelassenen die Eifersucht zur Ersatzform der Todesangst macht, wie die höfliche Sprache des Helden das Gespräch der Eheleute verhindert und wie die Typografie mit ihren Leitbegriffen Fehler, Kopie und Geheimnis die Poetik des Romans stiftet. Der Vergleich von Anfang und Schluss und die Conclusion führen zur These, dass Piersanti Tolstojs ethische Schlussgeste der Zukunft („die Richtung auf das Gute“) durch eine Ethik der Treue im Abschreiben und Aufbewahren ersetzt.

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