Was nach dem Brand bleibt: Michele Ruol
Michele Ruols Roman „Inventario di quel che resta dopo che la foresta brucia“ (2024) erzählt vom Tod zweier Brüder bei einem Autounfall und von den achtzehn Jahren danach, in denen ihre Eltern, im Text nur Madre und Padre genannt, einander kaum erreichen. Das Buch ist als Verzeichnis angelegt: Neunundneunzig nummerierte Gegenstände, geordnet nach den Räumen eines Hauses und später eines Autos, rufen je eine kurze Geschichte auf, aus der sich Ehe, Elternschaft, Trauer und ein zäher Zivilprozess um die Schuldfrage zusammensetzen. Der Aufsatz geht von der These aus, dass diese Katalogform das fehlende Gespräch der Figuren ersetzt und dass der Roman damit eine Gegenrechnung zur juristischen Bilanz aufmacht, die die Zukunft der Söhne in Entschädigung umrechnen will. Die Argumentation verläuft in fünf Schritten. Zuerst zeigt sie, wie Raumfolge und Zeitordnung (Präsens der verfallenden Räume, Plusquamperfekt der Erinnerungen) eine Handlung erst im Zusammenlesen entstehen lassen. Dann liest sie den Erzähler, der mehr sieht als beide Eheleute, und die geschlechtlich codierten Kommunikationsformen als Ursachen des Schweigens. Danach folgt sie der Bildlogik von Brand, Flut und Wurzelwerk, in der Padres Modell des Wiederaufbaus gegen Madres Modell des Nachwachsens steht, und liest die Poetik des Romans als Synekdoche und Spurensuche, die intertextuell (Beckett, Szymborska, Dornröschen) und intermedial (Dalí, Fotografie, Chat) abgesichert ist. Schließlich vergleicht sie Romananfang und Romanschluss: Aus der Asche im Flur wird der Reif auf dem Hang, aus dem gerahmten Foto der Toten werden zwei Bäume auf einem Autodach. Das Ergebnis lautet, dass der Roman Wachstum ohne Wiederherstellung erzählt und dabei die eigene Naturmetapher prüft, weil sie sich am Ende als Folge einer Tat der Söhne erweist.
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