Das Leben aus zweiter Hand: Übersetzen bei Dario Ferrari
Dario Ferraris Roman „L’idiota di famiglia“ (Sellerio, 2026) erzählt, wie der Übersetzer Igor Nieri im Frühjahr 2023 aus Rom in seine Heimatstadt Viareggio zurückkehrt, um gemeinsam mit seiner Schwester Ester den an Demenz erkrankten Vater, einen pensionierten Philosophielehrer und überzeugten Kommunisten, zu pflegen. Während die Beziehung zu seiner Partnerin Marta, einer erfolgreichen feministischen Autorin, zerbricht und ein öffentlicher Boykottaufruf gegen den von ihm übersetzten Schriftsteller Badwalds seine Berufsehre berührt, entziffert Igor die handschriftlichen Notizen des Vaters zu einer Novelle über die Räterepublik von Viareggio im Mai 1920, deren anarchistischer Held Idargo ihm als verschlüsselte Botschaft erscheint. Der Aufsatz liest diese Konstruktion als Roman der Stellvertretung und entwickelt seine Deutung in vier Schritten: Zunächst zeigt er, dass die Demenz als Poetik wirkt, weil sie dem Vater die Selbstzensur nimmt, die Literatur in seinem Gedächtnis aber unversehrt lässt; sodann erkennt er im Übersetzerberuf das Erzählprinzip des Ich-Erzählers, dessen Ideal der Selbstauslöschung am eigenen Erzählen scheitert und dadurch autopoetologisch fruchtbar wird; drittens bezieht er Geschlechterrollen, Pflegearbeit und Verlagssatire auf die Rahmenhandlung und die Binnenerzählung auf die Rahmenhandlung zurück, sodass Komik und historische Satire als zwei Spiegelungen derselben Familienkonstellation erscheinen; schließlich liest er den Vergleich von Romananfang und Romanschluss als Verschiebung vom Wort zum Ding, die Igors Hoffnung auf die Rolle des Protagonisten widerlegt und ihn auf die des Abschreibers verweist. Die These des Aufsatzes lautet, dass der Titel einen doppelten Sinn trägt, bei Dostojewski den schutzlos guten Menschen, bei Sartre das Kind, das in der Sprache Zuflucht sucht, und dass Ferrari beides auf ein Verfahren bezieht, in dem Treue gegenüber dem Anderen nur als Übertragung möglich ist, nie als Besitz.
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