Paolo Giordanos Tasmania als Roman der verschobenen Trauer
Paolo Giordanos „Tasmania“ (Einaudi, 2022) erzählt in drei Teilen, wie ein Schriftsteller und Gelegenheitsjournalist zwischen der Pariser Klimakonferenz im November 2015 und einer Reise nach Hiroshima und Nagasaki im August 2022 seine kinderlose Ehe, mehrere Männerfreundschaften und ein nie vollendetes Buch über die Atombombe zusammenzuhalten sucht, während Terroranschläge, Klimadaten und der öffentliche Absturz des Klimaforschers Novelli den Takt der Jahre vorgeben. Der Aufsatz liest den Roman als Studie über Verschiebung und entwickelt diese These in vier Schritten. Zuerst bestimmt er Gattung, Erzählhaltung und Figurenkonstellation: eine autofiktionale, retrospektive Ich-Erzählung, die ihr Gedächtnis als unsicheren Zeugen führt und ihr Personal als Versuchsanordnung nutzt, in der jeder Freund eine andere Antwort auf die Krise verkörpert. Danach untersucht er Kommunikationsformen und Geschlechterverhältnisse und zeigt, dass Novellis Credo, Daten könnten nicht lügen, an der Frage der Frauen in der Wissenschaft zerbricht. Der dritte Schritt gilt Raum, Zeit, Bildfeldern und Referenzen: Inseln, Hotels, Wolken, Strahlung und invasive Arten bilden ein Netz, in dem das Schutzversprechen des Titels durch die Kontingenz der Rettung ersetzt wird. Der vierte Schritt liest Poetik und Selbstreflexion des Buchs und vergleicht Anfang und Schluss. Das Ergebnis: Der Roman tauscht Prognose gegen Zeugenschaft, und Rettung heißt bei Giordano die Fähigkeit, Katastrophen zu betrauern, statt einen sicheren Ort zu finden.
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