Die unzuverlässige Stimme der Kolonialherrschaft: Mathieu Belezi

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Innenporträt eines fiktiven französischen Kolonialherrn

Mathieu Belezis Moi, le glorieux (2024, zit. als MG) ist ein Roman der rabiaten Selbstentlarvung: Er lässt die Kolonialherrschaft in der Stimme ihres paradigmatischen Repräsentanten sprechen und überführt diese Stimme durch ein Verfahren der narrativen Übersteigerung ihrer eigenen Logik. Die Kernthese, die dieser Aufsatz entfaltet, lautet: Belezi bedient sich eines ostentativ unzuverlässigen Ich-Erzählers, der im Medium des rhetorischen Triumphes und der pornografisch-imperialen Übertreibung die konstitutiven Mechanismen kolonialer Herrschaft freilegt – Gewalt, Ausbeutung, rassistische Entmenschlichung, patriarchale Verfügung über Körper und Land –, ohne diese Mechanismen jemals explizit zu verurteilen. Die satirische Sprengkraft des Textes entfaltet sich durch die radikale Konsequenz, mit der Belezi seiner Erzählerfigur die Redehoheit überlässt und den Leser mit der unkommentierten Ungeheuerlichkeit dieser Rede konfrontiert. Dabei ergeben sich mehrere Leitfragen, denen dieser Aufsatz nachgehen wird: Welche Erzählstruktur und welche Zeitlichkeit konstruiert der Text, um die Kolonialgeschichte als persönliche Erinnerungsflut zu gestalten? Wie wird die Figur Ouhrias als stummer Gegenpart und narratives Korrektiv eingesetzt? Welche semantischen Felder und welche Metaphorik tragen die Ideologie des Kolonisators? In welchem Verhältnis steht das exzessiv gelebte Körperliche – Sexualität, Mächtigkeit, Nahrung – zur Machtstruktur des Textes? Und schließlich: Was sagt der Roman über seine eigene literarische Verfasstheit, seine autopoetologische Dimension, aus?

cent ans que je dresse vos congénères, que je leur distribue les coups de pied et les coups de cravache qu’ils n’ont pas volés, cent ans que je coupe la main de ceux qui me pillent, que je règle leur compte d’une balle dans la poitrine à ceux qui menacent ma vie, j’ai l’habitude, et j’espère bien vivre cent années supplémentaires de cette manière.

Seit hundert Jahren zähme ich eure Artgenossen, teile ihnen die Tritte und Peitschenhiebe aus, die sie verdient haben; seit hundert Jahren hacke ich denen die Hand ab, die mich ausplündern, und mache denen mit einer Kugel in die Brust den Garaus, die mein Leben bedrohen – ich bin daran gewöhnt, und ich hoffe, noch weitere hundert Jahre auf diese Weise zu leben.

Dieser Auszug illustriert Vandels moralische Unzuverlässigkeit, da er extreme Gewaltakte wie Verstümmelungen und Morde nicht als Verbrechen, sondern als Ausdruck einer natürlichen Überlegenheit rechtfertigt. Laut dem Artikel legt Belezi durch diese narrative Übersteigerung die konstitutiven Mechanismen kolonialer Herrschaft – Gewalt und rassistische Entmenschlichung – offen, ohne sie explizit zu verurteilen. Vandel sieht sich selbst als „Dresseur“, was die kolonisierten Subjekte auf die Stufe von Tieren herabsetzt. Der strukturelle Spalt zwischen Vandels selbstgefälliger Schilderung und der Ungeheuerlichkeit seiner Taten wirkt als zentrale satirische Maschine des Romans. Er verkörpert hier den „kolonialen Habitus“ in seiner reinsten und brutalsten Form.

Mathieu Belezis Roman MG (erstmals 2011 als Teil des Sammelbandes „Les Vieux Fous“ bei Flammarion erschienen, für die vorliegende Ausgabe von Le Tripode 2024 vollständig überarbeitet) präsentiert auf gut dreihundert Seiten das delirierende Innenporträt eines fiktiven französischen Kolonialherrn in Algerien namens Albert Vandel, genannt „Bobby“. Im Augenblick der Gegenwart des Romans, dem Jahr 1962, sitzt der 145-jährige Patriarch – eine absurde, mythisch überdehnte Figur – in seiner 54-Zimmer-Villa der „Villa des Eucalyptus“ in Algier und weigert sich, das Land zu verlassen, das er als sein persönliches Eigentum betrachtet. Fünfzehn desertierende Legionäre patrouillieren im Garten, eine Maschinengewehranlage ist auf dem Dach installiert, und Bobby empfängt die Abgesandten der OAS, die ihn um Geld für ihre terroristischen Aktionen bitten, mit einer einzigen Antwort: „C’est trop tard!“ An seiner Seite befindet sich Ouhria, eine junge Araberin, die Bobby als Kind aufgenommen hat und die er zugleich als Geliebte, Zofe und schweigenden Zeugen seines Wahnsinns benutzt.

In unablässigen anachronistischen Einschüben driftet Bobbys Bewusstsein durch annähernd ein Jahrhundert kolonialer Geschichte Algeriens. Er erinnert sich an die Hochzeit mit seiner dritten Frau Gloria „Cheyenne“, einer Pariser Cabaret-Tänzerin, die er auf sein Landgut „La Chartreuse“ bringt und die sich sofort in die rauschhafte sinnliche Schwere des kolonialen Lebens fügt. Er beschwört die Zeiten des Zweiten Weltkrieges herauf, als er sechs Frauen und deren weitläufige Familien in der Villa unterhielt und üppige Bankette unter dem Portrait Marschall Pétains gab. Er schildert das algerische Zentenarjahr 1930, als Präsident Gaston Doumergue das Land besuchte und Bobby eine flammende, von Hybris und kolonialer Ideologie durchtränkte Festrede hielt. Und er taucht zurück in die frühsten Jahrzehnte seiner Herrschaft, in die Zeit vor und nach der Jahrhundertwende, als er sein Landgut aufbaute, Bauern und Arbeiter ausbeutete, Revolten mit Schüssen niederschlug und sich als unsterblicher, gottgleicher Souverän seiner algerischen Domäne wähnte.

Im letzten Drittel des Romans vollzieht sich eine radikale räumliche und zeitliche Verschiebung: Die Villa der Eucalyptus muss doch verlassen werden – ob freiwillig oder gezwungen bleibt in der Logik des Textes merkwürdig unentschieden –, und Bobby bricht mit Ouhria, zwei greisen Kolonisatoren (dem Reeder der „Algérienne de Navigation“ und dem Verwalter der „Nord-Africaine des Ciments Lafarge“), einem Kapitän und seinen Legionären zu einer absurd anmutenden Expedition Richtung Süden auf. Die Kolonne marschiert durch die algerische Wüste, trägt Bobby in einer Sänfte, kämpft gegen Hitze, Durst und Erschöpfung. Bobby fantasiert von einem triumphalen Einzug in ein südliches Ksar, dessen Bewohner er als „seine Kinder“ – als die Nachkommen der Kinder, die er dort einst gezeugt und nach sich „Albert“ und „Albertine“ benannt hat – erwartet. Der Roman endet mit einer apokalyptischen Peripetie: Die Bewohner des Ksar empfangen die Ankommenden nicht als Befreier, sondern als Teufel. Unter dem Ruf „Tuons le monstre!“ wird Bobby zerrissen, verstümmelt, zerschlagen. Seine letzten Worte sind der verzweifelte Appell an eine Erinnerung, die niemand teilen will, und die lakonische Schlusszeile des Erzählers lautet: „c’est une histoire si révoltante que personne ne veut plus en entendre parler.“

MG ist also in seiner narrativen Gesamtanlage ein Roman über das Ende der französischen Kolonialherrschaft in Algerien, der dieses Ende jedoch nicht aus der Perspektive der Unterdrückten, sondern aus der Binnenperspektive des paradigmatischen Unterdrückers darstellt. Belezi gibt dem kolonialen Habitus eine Stimme, eine Stimme, die sich selbst glorifiziert, sich in Obszönität und Gewalt ergeht, die alles, was sie berührt, kolonisiert – und die durch das Verfahren der satirischen Radikalisierung und des narrativen Deliriums zu ihrer eigenen Entlarvung wird. Die Stimme des Ruhmes ist zugleich die Stimme des Wahnsinns, und im Moment ihres triumphalen Schwelgens denunziert sie sich selbst.

Der unzuverlässige koloniale Erzähler

Der gesamte Roman ist in der ersten Person Singular verfasst, und zwar in einem einzigen, bis auf gelegentliche Dialogpassagen nahezu ununterbrochenen Monologfluss. Bobby spricht – genauer: Bobby sprudelt, drängt, überrumpelt. Die syntaktische Form ist dabei von besonderer Bedeutung: Belezi verwendet keine reguläre Interpunktion für Sätze; statt Punkte und Großbuchstaben am Satzanfang reihen sich die Äußerungen durch Zeilenbrüche aneinander, ein Verfahren, das dem Text einerseits die Qualität eines assoziativen Bewusstseinsstroms verleiht, andererseits aber die Grenzen zwischen Erinnerung, Gegenwart, Fantasie und Selbstgespräch systematisch aufweicht. Diese typographische Entscheidung macht die Unterscheidung zwischen dem Erinnerten und dem Halluzinierten, zwischen Historischem und Gewünschtem permanent unscharf. Bobby ist ein Erzähler, der die Geschichte nach seinem Bild formt, und der Roman lässt keinen Moment daran zweifeln, dass dieses Bild ein Zerrbild ist.

Die Unzuverlässigkeit des Erzählers entfaltet sich auf mehreren Ebenen. Erstens auf der epistemischen: Bobby weiß vieles über die Geschichte Algeriens, zitiert historische Figuren und Ereignisse – Bugeaud, Lamoricière, das Massaker von Sétif 1945, die OAS –, aber er ordnet dieses Wissen ausschließlich in die Perspektive der Kolonisatoren ein. Zweitens auf der moralischen: Bobby rechtfertigt Mord, Folter, sexuelle Ausbeutung und rassistische Demütigung nicht als Notwendigkeit, sondern als Ausdruck einer natürlichen Überlegenheit. Der Leser registriert die Verbrechen, Bobby registriert sie nicht als solche. Dieser strukturelle Spalt zwischen dem, was Bobby sagt, und dem, was der Text bedeutet, ist die zentrale satirische Maschine des Romans. Drittens auf der narrativen: Bobby erzählt Episoden, die er in Details ausschmückt, die für den Wahrheitsgehalt völlig irrelevant sind (die Maße seines Geschlechts, die Zahl der Frauen, die er besessen hat), während er andere Episoden fragmentarisch abbricht oder in Traumbilder überführt.

Entscheidend ist das Verhältnis zu Ouhria, die als einzige andere Figur im Gegenwartsrahmen permanent präsent ist. Ihre Repliken sind fast ausnahmslos identisch: „Foutez-moi la paix, monsieur Albert“ oder „je dors“. Ouhria schläft, schweigt, verweigert. Sie ist die einzige Instanz im Text, die Bobbys Monolog aktiv ablehnt – nicht durch Gegenargumentation, sondern durch das schlichte Nicht-Zuhören. In dieser Stummheit liegt eine gewaltige semantische Aufladung: Ouhria repräsentiert jene kolonialen Subjekte, die Bobby zum Besitz degradiert hat, und deren Schweigen im Roman als stumme Kritik an der Rede des Erzählers inszeniert wird. Ihr Körper ist gleichzeitig begehrt und instrumentalisiert, ihre Herkunft ist arabisch, ihre Kindheit hat Bobby „geformt“. Sie ist das lebendige Symptom des kolonialen Verhältnisses im Zentrum des Textes.

Allegorie des kolonialen Projekts in Algerien

MG verfügt über eine zweischichtige Erzählarchitektur: einen Gegenwartsrahmen (Algerien 1962, in den letzten Tagen oder Wochen vor der Unabhängigkeit) und eine vielfach verzweigte, chronologisch nicht geordnete Erinnerungsschicht, die sich über annähernd ein Jahrhundert erstreckt. Diese Schichten sind nicht klar voneinander getrennt, sondern ineinander verwoben – oft ohne explizite Markierung des Übergangs. Bobby erzählt über die OAS-Kämpfer, die seine Villa besuchen, und gleitet mitten im Satz in die Erinnerung an das Zentenarjahr 1930 oder an einen nächtlichen Angriff kabylischer Bauern aus der Jahrhundertwende. Diese Montage verfolgt eine dezidiert ideologiekritische Absicht: Sie zeigt, dass für Bobby keine historische Entwicklung stattgefunden hat. Die Zeit vergeht, aber Bobbys Weltbild bleibt konstant. Das Kolonialregime, das er aufgebaut hat, ist in seiner Erinnerung eine kohärente Einheit, ein einziger langer Tag der Herrschaft.

Innerhalb der Erinnerungsschicht lassen sich mehrere thematische Stränge unterscheiden, die jeweils einen bestimmten Aspekt der kolonialen Herrschaft in den Blick nehmen. Der erste behandelt den Aufbau des Landguts La Chartreuse, Bobbys ökonomische Grundlage: die Ausbeutung algerischer Arbeitskräfte, die Erschließung des Landes durch Gewalt. Der zweite Strang zeigt Bobby als sozialen und politischen Akteur des Kolonialsystems – seine Verbindungen zu Bankiers, Politikern, Militärs, seine Diskurshoheit in der kolonialen Gesellschaft. Ein dritter widmet sich seinen amourösen Verbindungen und Ehen, wobei die Liebesbeziehungen durchweg als Herrschaftsverhältnisse codiert sind: Bobby nimmt Frauen, er kauft sie, er „bildet“ sie aus. Schließlich gibt es einen apokalyptischen Schlussstrang, die Wüstenwanderung, die den Zusammenbruch des kolonialen Projekts als körperlichen Verfall und als räumliches Scheitern inszeniert.

Die Zeitstruktur des Romans ist dabei von fundamentaler Bedeutung für seine ideologiekritische Funktion. Bobby behauptet 145 Jahre alt zu sein – eine offenkundig mythische Zahl, die ihn als lebendige Allegorie des gesamten kolonialen Projekts in Algerien ausweist: Frankreich begann die Kolonisierung Algeriens 1830, und der Roman spielt 1962. Bobby ist also so alt wie die Kolonisierung selbst, er ist nicht ein Kolonisator, sondern die Kolonisierung in Person. Diese allegorische Lesbarkeit ist dabei nicht versteckt, sondern offen ausgestellt. Belezi arbeitet mit der absurden Überdehnung, um historische Prozesse zu personifizieren und ins Groteske zu führen. Das Resultat ist eine Art negativer Zeitroman: Nicht die Bildung eines Subjekts in der Zeit, sondern die fortlaufende Selbstbestätigung eines Subjekts, das sich jeder Entwicklung widersetzt.

Macht, Besitz und Stummheit

Die Figurenkonstellation des Romans ist ausgesprochen asymmetrisch, was seiner ideologiekritischen Anlage entspricht. Bobby steht im Zentrum als der einzige sprechende, erinnernde, deutende Akteur. Alle anderen Figuren erscheinen ausschließlich in seiner Perspektive, die sie unweigerlich verzerrt. Dies gilt für die Frauen, die er besessen hat: Évelyne, die erste Frau, Mutter seiner Kinder, erscheint als pflichtbewusste Begleiterin seines Aufstiegs; Gloria „Cheyenne“, die dritte Frau, als exzessiv sexuell aufgeladene Pariserin, die sich dem kolonialen Milieu hingibt wie einem Rauschmittel; die sechs gleichzeitigen Geliebten der Pétain-Zeit als bunte, egozentrische Typen. Diese Frauen haben keine innere Dimension; sie existieren als Spiegel von Bobbys Begehren und Machtbewusstsein.

Die algerischen Figuren sind noch radikaler reduziert. Omar, der „affranchierte“ sudanesische Diener, erscheint als loyale, nahezu instrumentalisierte Verlängerung von Bobbys Herrschaftswillen, der in paternalistischer Komik beschrieben wird – Bobby nennt seine Gedanken „tête de nègre“, seinen Körper „muscles de nègre“. Abdallah, ein weiterer arabischer Diener, ist etwas eigenwilliger, aber letztlich genauso subordiniert. Die algerischen Bauern und Kämpfer – die Beni-Thour, die anonymen Aufständischen – erscheinen ausschließlich als Bedrohung oder als Opfer von Bobbys Gewalt, ohne Stimme, ohne Inneres, ohne Geschichte. Diese systematische Stummheit der kolonisierten Figuren ist formal konsequent: Im Monolog eines Kolonisators haben sie keinen Platz als Subjekte.

Ouhria nimmt in dieser Konstellation eine Sonderrolle ein. Sie ist zwar arabischer Herkunft und ehemaliges Kolonialopfer, aber sie ist auch Bobbys intimste Begleiterin im Gegenwartsrahmen – die einzige Figur, mit der er ein kontinuierliches Gespräch führt, auch wenn dieses Gespräch de facto ein Monolog ist, dem sie das Zuhören verweigert. Ihre Weigerung zu hören – „Foutez-moi la paix“ – funktioniert als kleines, aber beständiges Korrektiv zu Bobbys Selbstinszenierung. Dass sie dabei nackt im Bett liegt, während Bomben die Stadt erschüttern, macht sie zu einer Figur des Ausgeliefertseins und der Resilienz zugleich: Sie überlebt den Monolog, indem sie ihn ignoriert. Im Romanschluss wird sie getötet – „avant d’avoir le ventre ouvert“ –, was ihr Tod als Teil der apokalyptischen Abrechnung markiert, aber auch als Besiegelung der kolonialen Logik: Auch die, die sich ihm entzogen haben, werden von Bobbys Geschichte mitgerissen.

Villa, Landgut, Wüste

MG ist ein Roman, der seine Räume mit großer semantischer Präzision organisiert. Es gibt drei Haupträume, die je eine Phase des kolonialen Projekts repräsentieren: die Villa des Eucalyptus in Algier, das Landgut La Chartreuse in der Mitidja, und – als negativer Abschlussraum – die Wüste und das südliche Ksar. Diese drei Räume entsprechen drei Aggregatzuständen der kolonialen Herrschaft: Repräsentation und Machtdisplay (Villa), produktive Ausbeutung (Landgut), Auflösung und Untergang (Wüste).

Die Villa des Eucalyptus ist der Ausgangsraum des Romans und zugleich der Raum der kolonialen Überhebung in ihrer reinsten Form. Fünfzig Zimmer, Parkett aus exotischen Hölzern, Granitsäulen aus Ägypten, ein Hammam aus Carrara-Marmor: Das Haus ist gebaut, um zu repräsentieren. Es ist zugleich Bollwerk und Bühne – militärisch gesichert durch Legionäre und Maschinengewehr, zugleich Ort der Bankette, der erotischen Begegnungen, der politischen Verhandlungen. Wenn Bobby in der Gegenwart 1962 behauptet, er werde die Villa niemals aufgeben, dann ist das wörtlich und symbolisch gemeint: Er kann sich nicht vorstellen, dass das koloniale Projekt enden könnte, weil die Villa für ihn das koloniale Projekt ist. Das Haus als Corpus des Kolonialismus.

La Chartreuse, das Landgut in der fruchtbaren Mitidja-Ebene, ist der Raum der ökonomischen Produktion – Weinbau, Olivenhain, Getreide. Es ist der Raum, wo Bobby seine Herrschaft durch Arbeit, durch Gewalt und durch körperliche Präsenz behauptet. Die Erschießung von Aufständischen auf dem Gelände, die tägliche Herabsetzung der Arbeiter, der Bau der Dorfkirche als Manifestation religiöser Kolonisierung: La Chartreuse ist das Laboratorium des kolonialen Alltags. Auch die erotische Topographie spielt hier eine Rolle: Die Brautnacht mit Gloria findet in La Chartreuse statt, umgeben von den Porträts kolonialer Generäle, die Bobby zu Zeugen und imaginären Anstachern seiner sexuellen Überwältigung macht.

Die Wüste ist der Raum der Auflösung. Bobby verlässt die geordnete Welt der Villa und des Landguts und tritt in eine Landschaft ein, die sich seiner Kontrolle vollständig entzieht. Er wird auf einer Sänfte getragen – sein Körper trägt ihn nicht mehr –, er driftet zwischen Wachheit und Fieber, zwischen Gegenwart und Erinnerung. Die fünfzigtausend Palmen, die er auf dem Weg zum Ksar erblickt, sind zunächst eine Vision der Fülle und der Heimkehr. Der Ksar, wo er seine „Kinder“ Albert und Albertine zu finden glaubt, ist sein letztes Phantasma von Zugehörigkeit und Dankbarkeit. Der Raum, den er als „sein Reich“ imaginiert, empfängt ihn als Totfeind. Die Wüste ist damit der Ort, wo die koloniale Fantasie auf die Realität trifft – und zerstört wird.

Bilder kolonialer Herrschaft

Das semantische Feld der Tiere verdient besondere Aufmerksamkeit. Algerische Figuren werden regelmäßig mit Tieren assoziiert oder direkt als solche bezeichnet: die Aufständischen „détalent comme des lièvres“, Bobbys Schüsse treffen wie die Jagd auf Wild, arabische Arbeiter werden wie Herdentiere kommandiert. Umgekehrt schmückt Bobby seine eigene Tierheit als Stärke: Er ist „lion“, „taureau“, „éléphant“. Die Hierarchisierung von Mensch und Tier ist dabei nicht zufällig, sondern folgt der Logik des rassistischen Diskurses: Die Kolonisierten werden animalisiert, der Kolonisator benutzt die animalische Metapher als Ausdruck von viriler Stärke. Diese doppelte Verwendung der Tier-Semantik entlarvt die Doppellogik des Kolonialismus.

Schließlich gibt es das semantische Feld des „trop tard“, das wie ein Leitmotiv durch den Text hallt. „C’est trop tard!“ ist Bobbys Antwort auf alle Bitten der OAS-Kämpfer, auf alle Strategien der Restauration. Es ist das einzige politische Lucidium, über das Bobby verfügt: die Einsicht, dass das Ende des Kolonialismus nicht mehr abzuwenden ist. Aber diese Einsicht führt bei ihm zu keiner Revision, keiner Schuldeinsicht, keiner Änderung. Das „trop tard“ ist die bequemste Form des Nihilismus: alles ist verloren, also ist nichts zu unternehmen, also ist auch nichts zu bereuen. In der Logik des „trop tard“ wird die Geschichte zur Naturgewalt – und der Kolonisator zum Opfer der Geschichte, statt zu ihrem Täter.

Rhetorik der Macht

Der Roman besteht zu einem großen Teil aus Rede: Bobbys Selbstgespräch, seine Erinnerungen an Dialoge, seine direkten Adressen an Ouhria und an den imaginären Zuhörer, seine Festrede vor dem Präsidenten 1930, seine Gespräche mit den OAS-Männern. Diese verschiedenen Kommunikationsformen unterliegen einer gemeinsamen Rhetorik der Macht: Wer spricht, herrscht; wer schweigt, gehorcht. Bobbys Monolog ist in diesem Sinne die sprachliche Form seiner Herrschaft. Er redet und redet, er gibt Befehle, er erzählt Geschichten über sich selbst – und alle anderen hören entweder zu oder schweigen. Die einzige Ausnahme ist Ouhria, die nicht zuhört, und damit Bobbys Kommunikationsmodell subvertiert.

Besonders aufschlussreich ist die Szene der Hundertjahrs-Rede vor Präsident Doumergue. Bobby reproduziert die Rede in extenso, und der Text macht deutlich, dass er sie seinerzeit buchstäblich im Fieber der kolonialen Selbstdarstellung verfasst hat – nach einer schlaflosen Nacht vor Portraits kolonialer Generäle, elektrisch aufgeladen durch Identifikation mit Bugeaud und Lamoricière. Die Rede enthält alle Topoi der kolonialen Apologie: das Leid und die Mühe der Kolonisatoren, die Dankbarkeit, die die Kolonisierten schulden, das Versprechen einer zivilisatorischen Mission. Diese Topoi werden nicht ironisch gebrochen – Bobby glaubt an sie –, aber ihre unmittelbare Einbettung in den Kontext von Mord, Ausbeutung und sexueller Gewalt, die der Text in den vorherigen Kapiteln ausführlich dargestellt hat, lässt sie im stärksten Gegenlicht erscheinen. Die Diskrepanz zwischen dem Diskurs und der Praxis ist das rhetorische Herz des Romans.

Car, si l’Algérie a cent ans, nous en avons bien cent nous aussi, monsieur le Président, nous tous que vous voyez aujourd’hui à vos côtés au beau milieu de ces jardins de la Mitidja qui, comme vous devez le savoir dans les bureaux de vos palais parisiens, n’ont pas toujours été des jardins, mais des terres affreuses, noires de vase et de boue, infestées de moustiques à malaria et de barbares égorgeurs, des terres infernales livrées aux malheurs et aux solitudes, et que le pauvre cœur des hommes dans sa grande bonté chrétienne a voulu sortir des ténèbres.

Denn wenn Algerien hundert Jahre alt ist, dann sind wir es auch, Herr Präsident, wir alle, die Sie heute an Ihrer Seite inmitten dieser Gärten der Mitidja sehen, die, wie Sie in den Büros Ihrer Pariser Paläste sicherlich wissen, nicht immer Gärten waren, sondern schreckliche, von Schlamm und Morast geschwärzte Landschaften, von Malariamücken und blutrünstigen Barbaren heimgesucht, höllische Gebiete, dem Unglück und der Einsamkeit ausgeliefert, und die das arme Herz der Menschen in seiner großen christlichen Güte aus der Finsternis befreien wollte.

Diese Passage aus Vandels Festrede im Jahr 1930 enthält die klassischen Topoi der kolonialen Apologie: das Leid der Kolonisatoren und die angebliche zivilisatorische Mission. Bobbys Rhetorik verwandelt die gewaltsame Landnahme in einen Akt „christlicher Güte“ und ignoriert dabei völlig die vorausgegangene Ausbeutung und Ermordung der Einheimischen. Belezi nutzt hier historisches Dokumentarmaterial, um die Diskrepanz zwischen offiziellem Diskurs und blutiger Praxis aufzuzeigen. Vandel schreibt sich buchstäblich als Autor und Schöpfer der algerischen Geschichte ein.

Die Dialogstruktur zwischen Bobby und den OAS-Kämpfern folgt dagegen einer anderen Logik, als repetitiver Kurzschluss. Die Kämpfer berichten von ihren Terrorakten – „On a dégommé quatre faux malades à l’hôpital“, „On a rempli une voiture de ferrailles et de boulons et on l’a fait péter au milieu des bicots“ –, und Bobby antwortet stereotyp: „Mais c’est trop tard!“ Dieses dialogische Muster vermittelt die absolute Kommunikationslosigkeit zwischen zwei Formen des kolonialen Wahns: der OAS-Gewalt und Bobbys zynischem Realismus. Beide sind gleichermaßen in der kolonialen Logik gefangen, keiner kann dem anderen zuhören.

Der Kolonisator als Autor

MG ist ein Roman mit einer auffällig expliziten literarischen Selbstbewusstheit. Belezi wählt eine Form, die mit der Tradition des literarischen Monologs – mit Texten wie Louis-Ferdinand Célines „Voyage au bout de la nuit“ oder Samuel Becketts Monologprosa – in Beziehung tritt, ohne diese Beziehung zu verstecken. Die radikale Monologisierung, die Auflösung der Satzgrenzen, die Assoziation als Strukturprinzip: All das sind erkennbare literarische Entscheidungen, die den Text explizit als Literatur markieren. Belezi schreibt über Kolonialismus, aber er schreibt auch über das Schreiben und über die Frage, was eine Stimme ist und was sie anrichtet.

Die autopoetologische Dimension des Romans tritt besonders in der Szene hervor, in der Bobby die Festrede verfasst. Er schreibt die Rede „à la hussarde“, in fieberhafter Nacht, galvanisiert durch die Bilder an seinen Wänden. Schreiben erscheint hier als Akt der Selbstvergewisserung, als Verlängerung des Herrschaftsanspruchs durch Sprache. Bobby ist nicht nur Kolonisator, er ist auch Autor – Autor seines eigenen Lebens, Autor der Geschichte, die er erzählt. Dass dieser Autor unzuverlässig, verblendet, verbreche-risch ist, macht den Text zugleich zur Meditation über die Grenzen von Autobiographie und über die Frage, wer das Recht hat, Geschichte zu erzählen.

Belezi selbst gibt in der Autorennotiz am Romanende einen wichtigen Hinweis auf seine Verfahrensweise: Er erklärt, die Reden des Zentenarjahres aus dem zweibändigen „Centenaire de l’Algérie“ von Gustave Mercier entnommen und in den Roman eingearbeitet zu haben. Diese transparente Quellenangabe ist ein poetologisches Statement: Der Roman arbeitet mit historischem Dokumentarmaterial, aber er transformiert es durch die Einbettung in den fiktionalen Monolog. Die Grenze zwischen Dokument und Fiktion ist dabei absichtsvoll instabil – die zitierten Reden sind real, aber ihr Kontext ist erfunden. Dieser dokumentarisch-fiktionale Hybridcharakter verleiht dem Roman eine zusätzliche kritische Schärfe: Es sind echte Stimmen des Kolonialismus, die Bobby spricht, auch wenn Bobby selbst eine Erfindung ist.

Intertextuelle Referenzen

MG ist reich an intertextuellen Bezügen, die teils explizit markiert, teils implizit sind. Das prominenteste Motto stammt von Cesare Pavese (aus den „Dialogen mit Leucò“): „Combien de maîtres faut-il tuer dans les rues et sur les places, combien faut-il incendier de leurs maisons avant que le monde redevienne juste et que nous puissions avoir notre mot à dire?“ Dieses Motto stellt von Beginn an die Perspektive der Unterdrückten als eigentlichen ethischen Horizont des Textes auf – auch wenn der Monolog selbst die Perspektive des Herrschenden einnimmt. Die Spannung zwischen Motto und Text ist programmatisch: Was der Roman sagt, ist das Gegenteil dessen, was er meint.

Die Verbindung zu Céline ist schwer zu übersehen: Die rohe, hyperbolische Sprache, das rassistische Vokabular, der gleichzeitige Ekel und Genuss am eigenen Schreiben, die Energie des Monologs – all das erinnert an „Voyage au bout de la nuit“ und „Mort à crédit“. Aber während bei Céline das Ich sich selbst als Opfer einer feindlichen Welt erlebt, ist Bobbys Ich das Machtzentrum, der Täter, der glaubt, Opfer zu sein. Diese Umkehrung ist entscheidend: Belezi verwendet die Célineske Energie, um sie gegen ihre eigene moralische Blindheit zu richten.

Implizit steht der Roman auch in einem Dialog mit Albert Camus, dessen Algerien-Romane („L’Étranger“, „La Peste“) das Land aus einer anderen europäisch-kolonialen Perspektive beschreiben. Camus‘ Meursault, der ohne Affekt einen Araber tötet, ist in gewisser Weise ein entfernterer Vorläufer von Bobbys Haltung – die Gleichgültigkeit gegenüber dem algerischen Menschenleben, die Selbstverständlichkeit der Gewalt. Belezi radikalisiert diesen Gestus ins Groteske und macht das sichtbar, was bei Camus als blinder Fleck der Perspektive funktioniert.

Weitere implizite Referenzen umfassen die Tradition des kolonialen Abenteuerromans (Jules Verne, Pierre Loti), die Belezi parodistisch überlagert: Bobby stilisiert sich als Abenteurer und Pionier, aber die Genres, in denen er sich bewegt, sind die des pikaresken Romans und der Groteske. Und schließlich gibt es eine Verbindung zur algerischen Nationalliteratur und zur „littérature-monde“, in der Autoren wie Kateb Yacine oder Assia Djebar die Kolonialgeschichte aus der Perspektive der Kolonisierten beschrieben haben: Belezi schreibt aus der anderen Seite, aber mit dem Bewusstsein dieser anderen Literatur im Rücken.

Romananfang und Romanschluss: sprachlicher Zusammenbruch des kolonialen Projekts

Je peux vous le dire, ils ne m’auront pas / ils peuvent pointer leurs pétoires sur ma villa, me menacer des pires horreurs / ils ne m’auront pas / quinze légionnaires déserteurs patrouillent dans le jardin, le doigt sur la détente de leur MAT chauffée à blanc par deux ans de guérilla, des grenades pendues à la ceinture, un poignard commando fixé au mollet, tous prêts à perdre leurs tripes plutôt que de laisser entrer ces foutus ratons.

Ich kann euch sagen, sie werden mich nicht kriegen / sie können ihre Knarren auf meine Villa richten, mir mit den schlimmsten Schrecken drohen / sie werden mich nicht kriegen / fünfzehn desertierte Legionäre patrouillieren im Garten, den Finger am Abzug ihrer MAT, die durch zwei Jahre Guerillakrieg glühend heiß ist, Granaten am Gürtel, einen Kommandodolch an der Wade, alle bereit, ihr Leben zu lassen, anstatt diese verdammten Ratten reinzulassen.

Dieser Einstieg markiert den Roman als einen Akt der rabiaten Selbstbehauptung des Protagonisten, die den unerschütterlichen, fast gottgleichen Souveränitätsanspruch des Erzählers gegenüber dem drohenden Ende der Kolonialherrschaft 1962 etabliert. Die Villa wird hier sofort als militärisches Bollwerk und Festung inszeniert, was Vandels Unwillen unterstreicht, das Land, das er als sein Eigentum betrachtet, aufzugeben. Die aggressive Sprache und die dehumanisierende Bezeichnung der Algerier offenbaren bereits hier den rassistischen Kern seines Weltbildes. Diese Passage setzt den Ton für den gesamten Monolog: eine Stimme, die sich im Angesicht des Untergangs selbst glorifiziert.

Der Romananfang und der Romanschluss stehen in einem scharfen, strukturell konsequenten Kontrastverhältnis, das die gesamte Bewegung des Textes im Kern enthält. Der erste Satz lautet: „Je peux vous le dire, ils ne m’auront pas.“ Dieser Satz ist eine Trotzdeklaration, ein Akt der Selbstbehauptung. Bobby kündigt seinen Widerstand gegen das Ende der Kolonialherrschaft an, und er tut das mit einer Selbstsicherheit, die keine Zweifel kennt. „Ils ne m’auront pas“ – sie werden mich nicht kriegen. Das Subjekt ist souverän, unerschütterlich, gottgleich in seiner Unnachgiebigkeit. Der erste Paragraph entfaltet sofort den militärischen Verteidigungsapparat (Legionäre, Maschinengewehr, Bodyguards) und die Villa als Bollwerk – Rüstung, Festung, Imperium.

Der letzte Satz des Romans – ein auktorialer Kommentar des Erzählers, der einzige Moment, in dem eine Stimme auf Metaebene spricht – lautet: „c’est une histoire si révoltante que personne ne veut plus en entendre parler.“ Dieser Satz vollzieht eine doppelte Bewegung. Er bestätigt das Ende Bobbys, indem er seine Geschichte in die Vergangenheitsform überführt: „personne ne veut plus en entendre parler“ – niemand will mehr davon hören. Bobbys Stimme, die 300 Seiten lang ununterbrochen strömte, ist dabei zu verstummen. Gleichzeitig ist dieser Satz eine Art Ironie zweiten Grades: Denn der Roman selbst ist ja das Gegenteil von „ne plus en parler“ – er lässt Bobby in voller Länge sprechen, er gibt der Geschichte Raum, er erzählt sie. Das „révoltante“ bezeichnet sowohl den Aufstand (révolte) als auch die Empörung: Es ist eine Geschichte, die empört, und die sich empört.

Zwischen diesen beiden Polen – dem trotzigen „ils ne m’auront pas“ und dem lakonischen „une histoire si révoltante“ – liegt der gesamte narrative Spannungsbogen des Romans. Am Anfang glaubt Bobby, unbesiegbar zu sein; am Ende ist er zerrissen, verstümmelt, verschwunden. Am Anfang beherrscht er den Raum (die Villa, die Festung); am Ende wird er von einem feindlichen Raum verschluckt (das Ksar, das sich gegen ihn wendet). Am Anfang spricht er zu einer schweigenden Welt; am Ende spricht eine Welt, die ihn nicht hören will. Die Bewegung ist die eines Zusammenbruchs, der zugleich eine Gerechtigkeit ist – auch wenn der Text diese Gerechtigkeit nicht triumphierend feiert, sondern sie in der tonalen Nüchternheit des letzten Satzes registriert.

Besonders auffällig ist die veränderte Typographie und Syntax am Romanende: In den letzten Passagen der Wüstenwanderung und des Einzugs ins Ksar erscheinen plötzlich Auslassungspunkte zwischen den Sätzen, Bobbys Rede wird fragmentarischer, stockender, zerfallender. Dies ist eine konsequente formale Parallele zum inhaltlichen Zerfall: Die Syntax zerfällt mit dem Kolonisator. Das Sprachen-Ich, das am Anfang so überwältigend mächtig war, verliert seine kohärente Form.

le souffle me manque… gorge ouverte, reins éclatés, entrailles mangées… braquemart sectionné au ras des couilles… je suis en train de disparaître… / — Souvenez-vous, mes Albert et mes Albertine / de me dissocier… de me désintégrer / — Souvenez-vous / se souvenir de quoi ? roucoulent les tourterelles / — Mais du travail admirable que j’ai accompli cent trente années durant pour le bien-être de l’Algérie ! / Se souvenir de quoi ? fulmine le peuple hostile / c’est une histoire si révoltante que personne ne veut plus en entendre parler.

Mir bleibt die Luft weg… Kehle aufgerissen, Nieren zerfetzt, Eingeweide zerfressen… Schwanz knapp über den Eiern abgetrennt… Ich bin dabei zu verschwinden… / — Erinnert euch, meine Alberts und meine Albertinen / daran, wie ich mich auflöse… wie ich zerfalle / — Erinnert euch / woran? gurrt die Turteltaube / — Aber an die bewundernswerte Arbeit, die ich hundertdreißig Jahre lang für das Wohl Algeriens geleistet habe! / Sich an was erinnern? tobt das feindselige Volk / es ist eine so empörende Geschichte, dass niemand noch etwas davon hören will.

Das Ende des Romans inszeniert den Zusammenbruch des kolonialen Projekts als physische Zerstörung des Erzählers. Die Sprache spiegelt diesen Zerfall wider: Die Syntax signalisiert den Verlust der kohärenten Form des imperialen Ichs. Vandels verzweifelter Appell an die Erinnerung wird von der Realität und dem „feindlichen Volk“ zurückgewiesen. Vandels Stimme verstummt schließlich in der von ihm selbst erzeugten Gewalt.

Kolonialer Wahn im Spiegel der Sprache

MG ist ein Roman, der eine literarisch hochriskante Entscheidung trifft und sie konsequent bis zur letzten Seite durchhält: Er gibt dem Kolonisator das Wort und lässt ihn vollständig sprechen, ohne externe moralische Kommentierung, ohne Gegenüber, das widerspräche. Das Risiko besteht darin, dass diese Radikalität missverstanden werden kann, dass die überdrehte Energie des Textes als Faszination statt als Kritik wirkt. Belezi beherrscht dieses Risiko durch ein genau kalibriertes System von literarischen Verfahren: den strukturellen Spalt zwischen Erzählerrede und erzählter Realität, die symbolische Kraft von Ouhrias Schweigen, die allegorische Überdehnung von Bobbys Gestalt, die Wahl der Groteske als übergreifende Modalität. Das Ergebnis ist ein Text, der im Moment seiner größten Obszönität am klarsten über den Kolonialismus spricht.

Ouhria soupire, Ouhria dort / et moi qui ne dors plus j’envie ses vingt ans, alors que je m’enfonce de tout mon poids dans les profondeurs d’un âge trois fois ou quatre fois canonique / — Bobby, qu’est-ce que tu en penses ? Et si on leur envoyait sur la gueule la bombe atomique, on en serait débarrassé de l’Algérie et de ses bougnoules / — Mais bon dieu, je vous ai dit et répété que c’était trop tard !

Ouhria seufzt, Ouhria schläft / und ich, der ich nicht mehr schlafen kann, beneide sie um ihre zwanzig Jahre, während ich mich mit meinem ganzen Gewicht in die Tiefen eines Alters stürze, das drei- oder viermal so alt ist wie das übliche / — Bobby, was denkst du darüber? Und wenn wir ihnen die Atombombe um die Ohren hauen würden, wären wir Algerien und seine Araber los / — Aber verdammt noch mal, ich habe euch doch schon oft gesagt, dass es dafür zu spät ist!

Dieser Dialog verdeutlicht die Rolle Ouhrias als stummer Gegenpart und narratives Korrektiv zu Vandels Monolog. Während Vandel redet und die Geschichte nach seinem Zerrbild formt, verweigert sie ihm durch ihr Schlafen und Schweigen die Aufmerksamkeit. Ihr Schweigen repräsentiert die kolonialen Subjekte, die Bobby zum Besitz degradiert hat, und wirkt als stumme Kritik an seiner Rede. Gleichzeitig zeigt Vandels wiederholtes „C’est trop tard!“, dass er zwar das Ende des Kolonialismus als unvermeidlich erkennt, daraus aber keine moralische Konsequenz zieht. Diese Form des Nihilismus erlaubt es ihm, Täter zu bleiben, während er sich als Opfer der Geschichte stilisiert.

Die zentrale poetologische Leistung des Romans besteht darin, dass er den kolonialen Diskurs von innen heraus explodieren lässt. Bobby meint es ernst – und genau diese Ernsthaftigkeit ist das Skandalon. Er glaubt, was er sagt: an seine Überlegenheit, an seine zivilisatorische Mission, an sein Recht auf Land und Körper und Geschichte. Indem Belezi diese Überzeugungen vollständig ausstellt, ohne sie zu widerlegen, überantwortet er sie dem Urteil des Lesers. Der Roman vertraut darauf, dass die Empörung eine natürliche Reaktion auf das Gelesene ist; er produziert sie nicht durch didaktische Kommentierung, sondern durch das bloße Ausstellenmachen.

Die Form des Romans – der atemlose Monolog, die Zeitcollage, der grotesk überblähte Körper des Erzählers, die absolute Monologisierung aller anderen Stimmen – formen die Bedeutung. Die Sprache reproduziert die Herrschaftsstruktur des Kolonialismus: eine Stimme, die alle anderen Stimmen auslöscht, die behauptet, dass ihre Wahrheit die einzige Wahrheit sei. Dass diese Stimme im Romanschluss verstummt – in ihrer eigenen Aufhebung durch das von ihr erzeugte Gegenüber –, ist nicht nur narrativ befriedigend, sondern historisch symbolisch. „C’est une histoire si révoltante que personne ne veut plus en entendre parler“: Der Satz ist zweideutig. Er könnte bedeuten, dass die Geschichte des Kolonialismus verdrängt wird. Er könnte auch bedeuten, dass niemand sie mehr hören muss, weil sie sich erledigt hat. Belezi lässt diese Ambiguität stehen – und in dieser Ambiguität liegt die eigentliche Tiefe des Romans.

Mathieu Belezi hat mit MG einen literarischen Text geschaffen, der durch formale Radikalität historische und ethische Einsichten erzeugt, die kein Sachbuch und kein Kommentar in dieser Dichte leisten könnten. Er ist die Literatur des Kolonialen, die sich des Kolonialen nicht von außen, sondern von innen annimmt – und die in dieser Innerlichkeit ihre stärkste Denunziation findet. Bobby „le glorieux“ ist eine Chimäre der Geschichte, eine Stimme, die sich selbst entlarvt, indem sie sich selbst rühmt. Und der Roman hört ihr bis zum bitteren Ende zu – damit der Leser nicht mehr zu hören braucht, was er hier ein letztes Mal in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit vernommen hat.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Die unzuverlässige Stimme der Kolonialherrschaft: Mathieu Belezi." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on April 19, 2026 at 23:34. https://rentree.de/2026/03/18/die-unzuverlaessige-stimme-der-kolonialherrschaft-mathieu-belezi/.

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