Wahnsinn und Poesie: Renato Martinonis Dino Campana-Roman
Renato Martinonis Roman „Ricordi di suoni e di luci: storia di un poeta e della sua follia“ (Manni, 2025) erzählt das Leben des Dichters Dino Campana von der Flucht aus Turin im Januar 1915 bis zum Tod im Heim von Castel Pulci, und zwar nicht als Biografie, sondern als Roman im Ton eines ironisch sprechenden Wir, das die Ereignisse kommentiert, vorwegnimmt und mit den Stimmen von Dorfbewohnern, Ärzten, Geliebten und Literaten durchsetzt. Der Aufsatz zeigt, dass diese Form die These des Buches trägt: Campanas Wahnsinn erscheint weniger als medizinischer Befund denn als Folge eines Verlusts, nämlich der Überzeugung, noch Dichter sein zu können. Die Argumentation geht von der Rahmung aus, die das Grabszenario des Schlusses an den Anfang stellt, verfolgt die vierteilige Farbordnung und die Ortsformel der Kapitel, untersucht die Spannung zwischen Chor und Einzelstimme, deutet die Frauenfiguren als Schicksals- und Projektionsgestalten gegenüber der Chimäre und liest die Schlusssequenz als Satire auf die faschistische Vereinnahmung. Das Ergebnis lautet, dass der Roman Dichtung nicht erklärt, sondern ihr Verschwinden und ihr Nachleben erzählt und sich selbst als Gegenmodell zu den Legenden versteht, die er ausstellt.
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