Kai Nonnenmacher: Rezension von: Klaus Kellmann: Der Traum von der Großmacht. Frankreich: Deutschlands schwieriger Nachbar, Berlin: Metropol 2026, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 9 [15.09.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/09/41463.html
Klaus Kellmanns Der Traum von der Großmacht deutet die französische Geschichte von der Dreyfus-Affäre bis zur Gegenwart als Geschichte eines nicht bewältigten Abstiegs von der Groß- zur Mittelmacht. Im Zentrum steht die exception française: Frankreich halte an der Vorstellung einer besonderen kulturellen und politischen Stellung fest und verdränge dadurch den eigenen Bedeutungsverlust. Dieses Muster erkennt Kellmann laut Rezension in zentralen historischen Momenten – von Frankreichs Rolle vor dem Ersten Weltkrieg und der harten Versailles-Politik über Vichy und die nachträgliche Konstruktion der nation résistante bis zu de Gaulles Grandeur-Politik und vor allem Mitterrands Widerstand gegen die deutsche Wiedervereinigung. Besonders die deutsch-französischen Beziehungen seien dadurch von einer dauerhaften Asymmetrie geprägt: Frankreich beanspruche Führung, während Deutschland diesen Anspruch aus historischen Gründen lange akzeptiert habe.
Die Rezension würdigt Kellmanns umfangreiche Quellenarbeit, sieht aber auch Schwächen in der ungleichmäßigen analytischen Dichte und darin, dass die Erfolge der deutsch-französischen Zusammenarbeit gegenüber ihren Konflikten zu wenig Gewicht erhalten. Auch Macron verkörpere den Grundwiderspruch: Er erkenne Frankreichs strukturellen Machtverlust, halte aber zugleich am Anspruch auf europäische Führungsrolle fest. Kellmanns zentrale europapolitische Schlussfolgerung lautet daher, dass das deutsch-französische Tandem zwar unverzichtbar bleibt, seine strukturellen Spannungen aber nicht länger durch Versöhnungs- und Freundschaftsnarrative überdeckt werden können. Gerade angesichts der veränderten geopolitischen Lage müsse die Asymmetrie offen anerkannt werden, wenn die Partnerschaft und Europas Handlungsfähigkeit Bestand haben sollen.
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