Die Reparatur der Welt: Rohr, Rache und Würde bei Marco Videtta
Marco Videttas Roman „Cattiva condotta“ (Piemme, 2026) erzählt von Angelo Maria Iacono, einem Klempner aus Neapel, der nach einem Auftrag in der Villa des Mozzarella-Unternehmers und Camorra-Strohmanns Nicola Gionta um seinen Lohn geprellt wird und die Demütigung nicht als Normalfall hinnehmen will. Aus einer Rechnung über 2.300 Euro wird eine Kette aus Prügeln, Entführung, später Liebe und Todesfällen, während unter den Campi Flegrei die Erde bebt. Der Aufsatz liest den Roman als Ethik des Instandsetzens und als Poetik des Ortes. Er zeigt, wie eine Gattungsmischung aus Noir, Groteske und Sozialkritik, ein Bildfeld aus Rohr, Abfluss, Nahrung und Beben sowie eine vertikal und regional gebaute Raumordnung zwischen Hügelvilla, Tuffgrotte, Küste, Meer und Vulkan dieselbe Frage verhandeln: wem die Stadt gehört und was ein Mensch ihr schuldet. Die Landschaft erscheint dabei als Palimpsest aus griechischer Vorzeit, Industrie, Schwarzbau und Müll, das der Held lesen lernen muss wie einen defekten Leitungsplan. Die Figuren stehen in Gegenpaaren (Angelo und Enzo, Professor und Vater, Lucia und Margherita), an denen sich ein Männlichkeitsmodell des „Platzhaltens“ abarbeitet, während die Frauenfiguren Opfer, Richterinnen und Heilerinnen zugleich sind. Wechselnde Fokalisierung, Dialekt, Mediengeräusch und ein dichtes Netz von Bezügen zu Ermanno Rea, Raffaele La Capria, Kino und Popmusik machen den Text auch auf der Ebene der Rede zum Palimpsest. Seinen Kern erreicht der Aufsatz im doppelten Schluss, in dem der Roman sein eigenes Happy End als Traum zurücknimmt und durch einen härteren, aber versöhnlichen Ausgang ersetzt. Hier zeigt sich die Autopoetik: Erzählen ist Reparatur, die ihre Grenzen kennt.
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