Andrea Cerica: Pasolini e i poeti antichi: scuola, poesia, teatri. Mimesis, Mailand/Udine 2022 (Classici contro, 19).
Ein Neunzehnjähriger sitzt 1941 im Teatro del Corso in Bologna und sieht zum ersten Mal einen Ödipus auf der Bühne, und wenig später schreibt er selbst eine Tragödie, Edipo all’alba. Im Friaul unterrichtet er Dorfkinder in Latein, übersetzt Sappho ins Friulanische, lässt in einer Tragödie über die türkische Invasion des 15. Jahrhunderts Aischylos‘ Perser nachklingen und schreibt Verse, in denen Narziss und Adonis ineinander übergehen. 1960 bringt er im griechischen Theater von Syrakus eine Orestie auf die Bühne, deren Chor in einem afrikanisch gedachten Totemzauber auftritt. Im selben Jahr macht er aus den griechischsprachigen Totenklagen Salentos ein Klagelied, das die Schauspielerin Lilla Brignone im Film Stendalì spricht. Er übersetzt Plautus‘ Miles gloriosus ins Römische, bricht eine Antigone und den ersten Gesang der Aeneis nach wenigen hundert Versen ab, lässt in La rabbia Gagarin im Orbit kreisen und Marilyn als Aphrodite betrauern. Er filmt Sophokles in der marokkanischen Wüste und lässt Ödipus am Ende mit der Flöte durch die Gegenwart ziehen, er setzt Maria Callas als Medea in eine Welt aus Opferritus und Sonnenglut, und in Gedichten der frühen Sechzigerjahre schreibt er im Ton des römischen Satirikers Lucilius. Im Romanfragment Petrolio verwandelt sich Carlo in eine Frau, besteigt einen von drei namenlosen Göttern gezogenen Kamerawagen in der Via di Torpignattara und erlebt dort eine Vision der eleusinischen Mysterien, und in den Notizen daneben lacht ein Erzähler mit Lukians Augen über römische Empfänge und den Erfolg der Intellektuellen. Orson Welles liest dazwischen, in La ricotta, die Verse „Io sono una forza del Passato“ vor. Wie kommt ein solcher Autor, der sich als Außenseiter und „Korsar“ inszenierte, zu so vielen Gestalten, Stoffen und Versen aus der Antike, und was macht er mit ihnen? Andrea Cerica, promovierter Altertumswissenschaftler, geht in diesem Buch genau dieser Frage nach, die auf den ersten Blick paradox wirkt: Warum hat ein Autor, der sich als „corsaro“ gab und „moderner als jeder Moderne“ sein wollte, so lange mit einer Tradition gearbeitet, die als elitär, hierarchisch und, in Pasolinis Bologneser Schul- und Studienzeit, als faschistisch überformt galt?