Amerika als Durchgangsraum: Montréal bei Maurice G. Dantec

Maurice G. Dantecs Roman „Babylon Babies“ (Gallimard, 1999) erzählt, wie der Söldner Toorop im Sommer 2013 für die sibirische Mafia die schwangere Québécoise Marie Zorn, Trägerin genetisch manipulierter Klon-Zwillinge im Auftrag einer Sektenfinanzierin, aus Zentralasien nach Montréal bringt und am Ende auf einem Schiff Richtung Pazifik steht. Der Aufsatz liest diesen Weg als Bild Amerikas, das ohne die Vereinigten Staaten auskommt: Die Handlung umkreist sie als Gerücht, Käuferphantasie, Wirbelsturm und Fernsehbild, während das frankophone Québec zum Schwellen- und Laborraum wird, in dem sich die Ängste der späten neunziger Jahre (Bikerkrieg, Sekten, Klonschaf Dolly, Jahr-2000-Problem, Klimaextreme) verdichten, bevor die Bewegung nach Westen über den Kontinent hinausführt. Die Argumentation stützt sich auf drei Schritte. Sie rekonstruiert erstens die Entstehungsbedingungen des Textes in Montréal um 1998, liest zweitens die Raumbewegung gegen die europäische Amerika-Tradition von Kafka bis Baudrillard und zeigt drittens, dass der Roman seine Gattungen (Néo-Polar, Cyberpunk, Söldner- und Verschwörungsroman, Western, Apokalypse) wie importierte Waren ausstellt und gegeneinander arbeiten lässt, etwa in der wiederkehrenden Frontier-Figur oder im Rückgriff auf Haraway und Deleuze/Guattari. Das Amerika des Romans erscheint so als europäisch gesehenes, aus Genres und Theorien montiertes Gebilde, dessen Herkunft der Text mitreflektiert. Der Aufsatz grenzt dieses Ergebnis ein, indem er Exotisierung der indigenen Hacker, Registerwechsel und die Bindung der Fokalisierung an Toorop als Grenzen der Perspektive benennt.

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Im Zustand permanenter Jagd: Éric Vuillards Erstlingsroman

Mit „Le Chasseur“ (Éditions Michalon, 1999) legt Éric Vuillard seinen Erstlingsroman vor – einen schmalen, formal streng komponierten Text, der in 48 kurzen Kapiteln die Erfahrung des Gejagtseins als existenziellen Totalzustand entfaltet. In der Form eines radikal subjektiven Ich-Monologs variiert der Roman die Grundsituation einer „ein für alle Mal“ eröffneten Jagd, in der es keine Schonzeiten, keine Schutzräume und keine rechtlich gesicherten Grenzen mehr gibt. Der Erzähler, zwischen Tier und Mensch changierend, imaginiert sich als letztes Exemplar einer Art, als Objekt obsessiver Verfolgung und zugleich als einziges Ziel eines Jägers, dessen Drohung ebenso vernichtend wie sinnstiftend wirkt. Handlung im klassischen Sinn existiert kaum; stattdessen entfaltet sich eine Folge von Gedankenschüben, Hypothesen und Selbstdeutungen, die Jagd als Metapher für Angst, Anerkennungssehnsucht, Macht und Sterblichkeit lesbar machen. – Die Rezension arbeitet heraus, dass dieser Erstling bereits jene Obsessionen vorformuliert, die Vuillards spätere historische Récits – etwa „Conquistadors“, „Congo“ oder „L’ordre du jour“ – politisch konkretisieren: das Interesse an asymmetrischen Machtverhältnissen, an der Inszenierung von Gewalt und an der Komplizenschaft der Bedrohten. Während die späteren Texte reale historische Akteure und archivalisches Material in den Mittelpunkt stellen, erscheint „Le Chasseur“ als poetologisches Labor, in dem Verfolgung noch allegorisch verdichtet wird. Die Argumentation der Rezension folgt dabei einer klaren Bewegung: von der formalen Analyse (Fragmentierung, Monologstruktur, Ambivalenz zwischen Realität und Wahn) über die psychologische Deutung der Jäger-Beute-Bindung bis hin zur politischen und metaphysischen Lesart der Jagd als Ausnahmezustand. So wird der Roman nicht nur als existentialistische Parabel, sondern als Keimzelle eines Gesamtwerks verständlich, das später die „coulisses“ der Geschichte freilegt, hier jedoch die Bedrohung als Struktur des Bewusstseins selbst untersucht.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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