Résumé
Frédéric Kaplans „Dealers de mots“ (Actes Sud, 2026) erzählt die Geschichte der großen Sprachmodelle als Geschichte einer Akkumulation. Seit PageRank, AdWords und Google Books sammeln Konzerne Texte als Kapital, das aus unbezahlter Schreibarbeit von Millionen besteht, und verwerten es in vier Regimen: vom Wörterverkauf an Werbekunden über die Vermietung von „Schreibprothesen“ und simulierten Agenten bis zur Kontrolle der Aussage selbst. Die Besprechung nimmt diese These ernst und prüft sie an zwei Stellen. Dort, wo sie auf Fälle gestützt ist (Clarkesworld, der Anwalt Schwartz, die Klagen der Autoren, das GPT-5-Update), trägt sie. Dort, wo sie nur plausibel bleibt, wird die Argumentation dünn: bei den unterstellten Absichten der Konzerne, bei einem Kapitalbegriff, der Bourdieus relationales Sprachkapital zum Datenbestand verflacht, bei der Skalierungsannahme, beim behaupteten Kompetenzverlust und bei einigen Zahlen. Für Leser fragt die Besprechung, wie sich Vertrauen in Texte und Fundstellen sichern lässt, wenn Auskünfte quellenlos werden. Für Autorinnen und Autoren fragt sie, was Stil, Honorar und Schreibspur noch gelten, wenn Imitation und Glättung günstig sind. Für Literaturwissenschaftler fragt sie, wie sich Korpora datieren und Belege prüfbar halten lassen, wenn sekundäre Texte die primären überlagern. Über Kaplans Argument hinaus spielt die Rezension dazu Alltagsszenen durch und kennzeichnet sie als Denkmodelle, nicht als Befunde. Ihr Urteil zum Buch lautet: ein anregender Debattenbeitrag, der im Erzählen überzeugt und beim Verallgemeinern den Widerspruch und die empirische Gegenprobe verlangt.
Sprache als Kapital der Künstlichen Intelligenz
Frédéric Kaplan, Dealers de mots: la langue comme capital de l’intelligence artificielle, La Compagnie des langues (Arles: Actes Sud, 2026).
Prompt: Schreib einen Satz über das Buch von Kaplan im Stil von Arthur Rimbaud, wild, schroff, radikal.
Textausgabe: Ich bin das Wort, das man mir aus dem Maul reißt: Die Bibliotheken werden aufgeschlitzt wie Bäuche, das Papier speit Drachenzähne, Google zählt die Silben meiner Mutter und versteigert sie am Nachmittag, jeder Tippfehler wird zurechtgeprügelt, bis er zahlt, und aus meinem gestohlenen Gebrüll bauen die Dämonen ihre Chöre, die mir meine eigene Zunge vermieten, Wort für Wort, Zins für Zins, bis ich im Maul der Maschine nur noch den Geschmack von Eisen finde und Beifall klatsche.
Frédréric Kaplan, Forscher im Feld der Digital Humanities, spricht seit einiger Zeit 1 von „linguistischem Kapitalismus“. Der Verlag präzisiert, der Verfasser leite „das Digital Humanities Laboratory an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne. Er ist Autor von rund zehn Büchern, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden, sowie von über hundert wissenschaftlichen Publikationen und beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit dem sprachlichen Kapitalismus.“ Das Buch fasst die Idee zu einer Erzählung zusammen: Die großen Sprachmodelle sind kein Sprung des Algorithmus, sondern das späte Ergebnis einer zwanzigjährigen Akkumulation. Wer Texte sammelt, hält Produktionsmittel in der Hand, denn jeder Text ist geronnene Schreibarbeit, die niemand bezahlt hat. Aus dieser Grundannahme entwickelt der Autor vier „Regime“: den Verkauf von Wörtern an Werbekunden, die Vermietung von Schreibprothesen an Nutzer, die Delegation von Entscheidungen an simulierte Agenten und schließlich die Kontrolle der Aussage selbst.
Drei Stärken tragen den Band. Erstens der Wechsel von der Aufmerksamkeits- zur „Ausdrucksökonomie“. Nicht das Auge des Konsumenten wird abgefangen, sondern der Moment zwischen Absicht und Formulierung. Damit lassen sich Autokorrektur, Autovervollständigung und Schreibassistenz als eine Linie beschreiben. Zweitens die historische Tiefe: PageRank, AdWords und Google Books werden als Vorgeschichte der Chatbots lesbar, die sonst als plötzliches Ereignis vom November 2022 erscheinen. Drittens die Begriffsarbeit, die ein diskutierbares Vokabular liefert.
Die Schwächen sitzen an derselben Stelle wie die Stärken. Der Deutungsschlüssel erklärt so viel, dass er kaum zu widerlegen ist. Absichten der Konzerne werden aus Plausibilität erschlossen, nicht belegt. Der Kapitalbegriff dehnt sich von Bourdieus relationalem Sozialkapital zu einem bloßen Datenbestand. Und die Zukunftsregime drei und vier stehen auf einer Prognosebasis, die der Text selbst als Hypothese ausweist. Das Buch ist darum am überzeugendsten, wo es Fälle erzählt (Clarkesworld, Schwartz, GPT-5-Update), und am angreifbarsten, wo es verallgemeinert.
Formal wählt Kaplan die Dramaturgie eines Fünfakters und im Préambule die zweite Person. Das ist rhetorisch wirksam und akademisch ungewöhnlich. Der Band verzichtet auf Fußnoten; Quellen erscheinen im Fließtext, Begriffe sind mit Sternchen auf das Glossar am Ende verwiesen.
Der Leser als Abhängiger: Die Eingangsszene als Wirkungsstrategie (Préambule)
Der Text spricht den Leser direkt an: Sie können nicht mehr allein schreiben, Sie lesen lange Berichte nur noch als Zusammenfassung, Sie brauchen die „Prothesen“ wie eine „neue Droge“. Gleichzeitig wissen Sie, dass die Sätze nicht Ihre sind, sondern „enteignete Rede“ aus Millionen Seiten. Die Szene setzt drei Thesen: Prothesen erzeugen Abhängigkeit, ihr Material stammt aus unbezahlter Arbeit, und die Konstellation hat sich in zwanzig Jahren aufgebaut. Mit „Un drame en cinq actes“ kündigt Kaplan die Erzählform an.
Als Methode ist das eine Fiktion der Selbstbeobachtung, die Betroffenheit erzeugt, bevor Belege erscheinen. Sie wirkt, weil sie plausibel klingt, und sie bleibt ohne empirische Stütze. Für Studien zu Kompetenzverlust durch Assistenzsysteme gibt es im Buch keinen Verweis. Der Anfang liest sich daher als Programm einer Streitschrift, nicht als Befund.
Außerhalb des Buches, in seiner Logik weitergedacht, lassen sich drei Szenen denken. Eine Romanautorin merkt beim dritten Absatz ihres Manuskripts, dass sie schon im zweiten Satz auf den Vorschlag der Software wartet. Die Sätze werden glatter, die Fehler seltener, und ihre Lektorin schreibt an den Rand: „Wo bist du?“ Ein Leser beginnt abends ein Sachbuch von vierhundert Seiten, lässt sich vorab ein Kapitelresümee erstellen und kennt nach der Hälfte die Thesen, aber nicht mehr den Weg, auf dem man zu ihnen kam. Und im germanistischen Oberseminar fällt auf, dass die Referate gleichmäßig gut gegliedert sind und gleichmäßig wenig riskieren, bis die Dozentin Zwischenstände auf Papier verlangt. Belege für solche Verläufe liefert Kaplan nicht, die Szenen sind Denkmodelle.
Suchmaschine als Textfabrik: Der Wert liegt im gespeicherten Text (Acte I)
Kaplan beginnt mit Larry Page in der Bibliothek von Stanford. Die Zitation gilt dort als Votum; wichtig ist, von wertvollen Seiten zitiert zu werden. Daraus wird PageRank, ein rekursiver Wertbegriff für Webseiten. Der Aufsatz „The Anatomy of a Large-Scale Hypertextual Web Search Engine“ (1998) enthält nach Kaplans Lektüre einen Satz mit Folgen: Google speichere alle Dokumente, die es durchsucht, in komprimierter Form. Daraus entsteht der „mégatexte“, eine zentrale Kopie des Netzes, das erste Kapital. AdWords (23. März 2000) verwandelt es in Geld. Ein Beispiel rechnet vor: Eine Agentur mit Gebot 3 Euro und Qualitätswert 5 unterliegt (Rang 15) einer kleineren mit 1,80 Euro und Wert 9 (Rang 16,2).
Begrifflich bindet Kaplan den Kapitalbegriff an Bourdieus Ce que parler veut dire (1982), in dem Sprachkapital ein vererbtes, schwer imitierbares Merkmal sozialer Lage ist. Er formalisiert ihn zur Summe der Sprachdaten, die ein Akteur besitzt, und koppelt ihn an eine Arbeitswertlogik: Schreiben ist Arbeit, die einen Gebrauchswert hat und nur unter Bedingungen einen Tauschwert. Der Gewinn entsteht, wenn der Tauschwert vom Arbeitsaufwand entkoppelt wird. Dazu passt die Gegenüberstellung von Aufmerksamkeits- und Ausdrucksökonomie. Die Korrektur von „Picaso“ zu „Picasso“ macht aus einem wertlosen Tippfehler ein versteigerbares Wort. Erst wenn die Suchmaschine den Fehler zu „Picasso“ korrigiert, wird daraus ein bekanntes Wort, neben dem Museen, Kunsthändler oder Postershops Anzeigen schalten und in einer Auktion gegeneinander bieten können. Der Wert entsteht also nicht im Kopf des Nutzers, sondern im Eingriff zwischen dem, was er sagen wollte, und dem, was er tatsächlich schrieb. Damit begründet Kaplan seinen Begriff der Ausdrucksökonomie: Die Verwertung setzt beim Schreiben selbst an, nicht erst bei der Aufmerksamkeit des Lesers.
Die anschaulichste Passage ist der Metronomversuch bei Google Books: 40 Minuten für 300 Seiten, etwa 8 Sekunden je Seite gegenüber rund 1800 Sekunden Schreibzeit. Daraus folgt der „Zugriffsfaktor“ 225. Das Argument lautet, dass Google nicht mit Verlagen konkurrieren wollte, sondern Sprachkapital aufbaute. Das ist eine kluge Lesart, aber eine Lesart. Dass der Konzern ohne dieses Motiv gehandelt hätte, schließt der Text mit dem Hinweis aus, es wäre „naiv“ zu glauben, die Bücher seien für menschliche Leser gedacht. Alternativen (ein utopisches Projekt, die Konkurrenz zu Amazon) werden gestellt und beiseitegeschoben, nicht geprüft.
Kaplan rahmt das Ganze mit einem literarischen Bild. Miltons „Drachenzähne“ (1644) stehen für Bücher, die erst keimen, wenn jemand sie sät: Die Bände in den Regalen enthalten simulierte Welten, und für ein Sprachmodell müssen sie nur gelesen werden. Das macht die Bibliothek zum „Vorkommen“ im Sinn einer Lagerstätte und rückt die Digitalisierung in die Nähe des Bergbaus. Die Metapher ist eingängig und hält den Rohstoffcharakter fest, den der Autor behaupten will.
Zwei Zahlen verdienen eine Nachrechnung. Aus 14,4 Milliarden Seiten zu je einer halben Stunde ergeben sich 7,2 Milliarden Stunden, also rund 820 000 Jahre, nicht „820 Millionen“, wie es im Text steht. Und die 180 Milliarden Dollar für 2020 entsprechen nach den bekannten Konzerndaten dem Gesamtumsatz von Alphabet, nicht dem Wortverkauf allein. Beides stört die Argumentation nicht, zeigt aber, wo ein Lektorat zu prüfen hätte.
Das Buch endet bei den Konzernen; im Arbeitsalltag der Literatur kommen die Folgen anders an. Ein Krimiautor entdeckt, dass seine zwanzig Romane gescannt vorliegen und in Auszügen auffindbar sind. Vier Jahre Arbeit je Buch stehen gegen acht Sekunden je Seite, und er fragt sich, wofür er eigentlich honoriert wird: für das Buch, für den Text oder für seine Auffindbarkeit. Ein Leser sucht ein halb erinnertes Zitat, vertippt den Namen eines wenig bekannten Dichters und erhält die Seite zum bekannteren Namensvetter, weil die Korrektur das Häufige bevorzugt. Ein Literaturwissenschaftler schreibt eine Rezeptionsgeschichte mit Volltextsuche und Häufigkeitskurven und merkt, dass sein Befund eine Geschichte des Digitalisierten ist: Briefe im Nachlass, die nie gescannt wurden, kommen in der Kurve nicht vor. Das sagt Kaplan nicht, folgt aber aus seiner Prämisse, dass Kapital dort entsteht, wo gespeichert wird.
Vorhersage statt Grammatik: Rechenleistung ersetzt Linguistik (Acte II)
Der zweite Akt beginnt mit dem Start von ChatGPT im November 2022 (eine Million Nutzer in fünf Tagen, hundert Millionen im Januar 2023) und erklärt die Technik über eine „flache Linguistik“. Gemeint ist die Wette, dass Textstatistik ohne Syntax-, Semantik- und Pragmatikebene ausreicht. Als Zeugen dienen Frederick Jelinek („Jedes Mal, wenn ich einen Linguisten entlasse, wird die Spracherkennung besser“), Zellig Harris und Chris Andersons Aufsatz „The End of Theory“ (Wired 2008). Das Transformer-Modell („Attention Is All You Need“, 2017) wird mit dem Beispiel von Statue und Kiste erläutert, das an Winograd-Schemata erinnert, ohne sie zu nennen.
Der Mittelteil ist eine Wirtschaftserzählung: Ilya Sutskever, Schüler von Geoffrey Hinton, verlässt Google; Sam Altman und Elon Musk gründen 2015 OpenAI; Musk zieht sich 2018 zurück; Microsoft investiert ab Juni 2019 und später zwei und zehn Milliarden. Kaplans Begriff dafür ist das „sprint eschatologique“, die Rechtfertigung rascher Beschleunigung mit der Gefahr, die sie selbst herbeiführt. Das Kernstück ist die „Konjektur“: Bei hinreichend großem Textbestand hängt die Vorhersageleistung im Wesentlichen von der Rechenleistung ab. Aus ihr folgt, dass Geld direkt in Leistung übersetzbar ist. Kaplan nennt sie „wahrscheinlich von Sutskever formuliert“, erschließt sie also aus dem Investitionsverhalten.
Die Datenforensik ist die handfeste Seite des Kapitels. Gestützt auf die Analyse der Washington Post vom April 2023 zählt er den Bestand des Korpus C4 auf (Patente, Wikipedia, Scribd, Piratenseiten, aber auch Breitbart und Daily Stormer, 200 Millionen Copyright-Symbole). Hinzu kommen Energie (GPT-4: über 100 Millionen Dollar, rund 90 Tage), Gegenspieler mit je eigenem Kapital (Google-Bücher, Microsofts GitHub, Metas Sozialgraph, Musks X, Apples Blickdaten) und die offene Gegenbewegung (BLOOM auf Jean Zay, das Schweizer Apertus), die er an CERNs Jahresbudget von 1,4 Milliarden misst.
Beim Streit um offene und geschlossene Modelle zeigt sich, dass das Bild des Kapitals auch den Begriff der Offenheit verschiebt. OpenAI wechselt von der Zusage der Freigabe zum geschlossenen GPT-4; Sutskever räumt 2023 ein, man habe sich geirrt. Dazu kommt die zweite Trainingsphase, das „Dressieren“ durch Verstärkung. Neben den Vortrainingskorpora trennen ChatGPT, Claude und Grok die Prinzipien, nach denen sie dressiert werden. Die Folge, die Kaplan zieht, geht bis zur Open-Science-Politik: Ist Sprachkapital strategisches Gut, wird die Pflicht zur Datenfreigabe selbst fraglich.
Prüfstellen: Die Konjektur ist als Investitionslogik plausibel, als Befund offen, und das Glossar benennt selbst das Falsifikationskriterium (ein Plateau des Vorhersagefehlers). Der Text datiert die Transformer einmal auf 2017, einmal auf 2018. Der erste Rückgang der Google-Werbeeinnahmen 2020 wird als Ende des „PageRank-Webs“ gelesen; er fiel nach meinem Kenntnisstand in das Pandemiejahr. Der Streit mit der Linguistik bleibt einseitig: Chomsky und die Kritik der „stochastischen Papageien“ fehlen.
Zur Probe auf die Alltagstauglichkeit, vom Text nicht vorgegeben, drei Szenen. Eine isländische Lyrikerin bekommt vom Verlag eine maschinelle Rohübersetzung ihres Essays ins Englische und stellt beim Gegenlesen fest, dass sie ihr eigenes Isländisch zurechtkorrigiert, damit es den Vorschlägen ähnelt. Ein Leser bittet um die Zusammenfassung eines Gedichts und erhält, was zu Gedichten dieser Art statistisch üblich ist, nicht das, was in genau diesem Gedicht sperrig ist. In den Digital Humanities kennt man Statistik ohne Grammatik seit Langem: Mit dem Delta-Maß nach John Burrows werden Autorschaften anhand häufiger Funktionswörter verglichen. Für die Philologie stellt sich die Frage, ob die „flache Linguistik“ der Großmodelle diese Tradition fortsetzt oder ihr den Boden entzieht, wenn die Korpora, auf denen sie beruht, nicht einsehbar sind.
Schreiben als Delegation: Prothese, Proletarisierung, Misstrauen (Acte III)
Der dritte Akt ist ein Katalog von Fällen. Das Magazin Clarkesworld schließt im Februar 2023 seine Einsendungen, weil Texte zu billig geworden sind: Begutachtungssysteme beruhen auf der Annahme, dass der Aufwand des Autors den des Gutachters übersteigt. Prüfungsregime geraten unter Druck (Sciences Po, New York, Detektoren, die die US-Verfassung als maschinell erkennen). Ein kolumbianischer Richter lässt sich von ChatGPT assistieren (Januar 2023), der New Yorker Anwalt Steven Schwartz zitiert erfundene Urteile (Juni 2023). Verlage und Autoren klagen, die New York Times und die Authors Guild mit siebzehn Romanciers. Hinzu kommen Samsungs Datenlecks, eine McAfee-Umfrage zu KI-Liebesbriefen und der Streit um Autorschaft (DABUS, Streik der Writers Guild, Urteil von Beryl Howell im August 2023).
Konzeptionell führt Kaplan die „Schreibprothese“ ein, mit Leroi-Gourhans Le Geste et la Parole als Vorlage, und verbindet sie mit Bernard Stieglers Proletarisierung: Jede Technik, die eine Fähigkeit übernimmt, steigert ihre Wirkung und schwächt die Beherrschung. Die zugespitzte Formulierung lautet, der Sprecher werde zum „Mieter“ seiner Wörter. Daneben stehen zwei Erlösmodelle, das neue Werbungsregime (Nadellas Bing, Jensen Huangs „Milliarden Anzeigen, jede für eine einzige Person“) und das Bezahlen pro Wort.
Der Gedanke, dass Vertrauen in Texte selbst zur knappen Ressource wird, trägt die Szenen um Liebesbriefe und Anträge. Wo ein Modell Texte schreibt und ein zweites sie auf Maschinenspuren prüft, entsteht ein Wettlauf von Tarnung und Entdeckung, der Texte hervorbringt, die ihre Herkunft verbergen. Die Frage „Wer schreibt?“ weicht der Frage „Wer unterzeichnet?“ Das ist die ansprechende Verschiebung des Kapitels, weil sie Urheberrecht, Verantwortung und Vertrauen auf einen Nenner bringt.
Das Argument gewinnt durch die Asymmetrie des Aufwands, die erklärt, warum Bewertungssysteme kippen, bevor sie verboten werden. Es verliert an Belastbarkeit dort, wo es Befunde braucht. Die McAfee-Erhebung ist eine Herstellerumfrage; der Hinweis auf indische Männer als „besonders beunruhigend“ trägt wenig. Die Kompetenzerosion wird als Frage formuliert, nicht als Messung. Und die Zuordnung des Howell-Urteils zu einem Berufungsgericht ist nach meinem Kenntnisstand ungenau: Howell urteilte als Bezirksrichterin.
Kaplans Fälle spielen in Institutionen; ein Blick in die Schreibstuben liefert weitere, die er nicht erzählt. Ein Verlagslektor erhält zu einem Preisausschreiben dreihundert fehlerfreie Erzählungen, die sich ähneln wie Pralinen aus derselben Schachtel, und weiß nicht, nach welchem Merkmal er auswählen soll. Eine Autorin findet auf einer Selbstverlagsplattform einen Roman „im Stil von“ ihr, mit ihrem Rhythmus und ihren Lieblingsbildern, ohne dass ein Satz kopiert wäre. Beim Leser wächst das Misstrauen: Die handschriftliche Widmung wird zum Echtheitssiegel, die Lesung im Buchladen zum Beweis, dass ein Mensch dahintersteht. In der Wissenschaft entsteht ein Prüfproblem. Eine Betreuerin von Masterarbeiten lässt Stichproben der Fußnoten in der Bibliothek nachschlagen, findet einen Aufsatz, der nicht existiert, und führt ein Kolloquium ein, in dem jeder Beleg mündlich erläutert werden muss.
Latente Intelligenz: Das Modell als Dämonenfabrik (Acte IV)
Der vierte Akt beginnt mit der Entlassung Sam Altmans (16. bis 21. November 2023). Kaplan erzählt sie als „shakespearsches Wochenende“, spielt mit der Lesart von „I love you all“ als Anspielung auf I.L.Y.A., und wendet sich dann gegen die Personalisierung: Hinter den Kämpfen wirke das Sprachkapital. Es folgt die Genealogie der Angst vor der „Intelligenzexplosion“ (I. J. Good 1963/65, Yudkowsky 2013 mit dem Faktor k aus der Kernphysik, sein Time-Aufruf vom März 2023). Dagegen setzt er das dritte Regime: Modelle, die nicht Antworten liefern, sondern Verläufe simulieren.
Der eigenständige Beitrag sind die „Proxys“. Fragt man nach dem Kurzschließen eines Autos, verweigert das Modell die Auskunft; lässt man James Bond dasselbe tun, liefert es sie. Das Modell ist ein Simulator von Trajektorien, jeder Name aktiviert ein verdichtetes Bündel statistischer Eigenschaften, Kaplan nennt sie „Dämonen“ und das Sprachkapital eine „Dämonenfabrik“. Daraus leitet er ökonomische Szenarien ab: das Ein-Personen-Einhorn, Agenten zur Miete (20 000 Dollar im Monat für Doktorandenniveau), und den eigenen Proxy, der uns ersetzen kann und dessen Nutzungsrechte bei dem liegen, der das Kapital hält. Zuletzt steht die Frage nach einem „Phasenübergang“ der Sprache, wenn Agenten mehr Text erzeugen als Menschen.
Bemerkenswert ist Kaplans Abgrenzung zur Science-Fiction. Nicht HAL, die handelnde Maschine aus Kubricks Film, sei das passende Bild für die latente Intelligenz, sondern Matrix, ein System, das jede Situation als Rede nachspielen kann. Die Abgrenzung bündelt seinen Einwand gegen die Superintelligenz-Erzählung: Das Modell hat keine Absicht, aber unbegrenzte Rollenfähigkeit. Ob diese Unterscheidung die Risiken ausräumt oder verschiebt, lässt der Text offen.
Als Deutung ist das anregend: Intelligenz liegt nicht im Agenten, sondern in der Erzeugungskraft des Diskurses. Es gibt Parallelen, die Kaplan nicht nennt, etwa die Simulator-Debatte unter Autoren wie „janus“ und das Rollenspiel-Konzept von Shanahan und Kollegen (Nature 2023). Die Kritik an der Frage-Antwort-Evaluation als „behavioristisch“ bleibt eine These ohne Studie. Die Metapher des Dämons trägt, solange sie Mehrdeutigkeit erklärt, und kippt, wo sie Handlungsfähigkeit unterstellt.
Weitergesponnen, ohne dass der Text es verlangt, lässt sich die Proxy-Idee in drei Werkstätten ausprobieren. Ein Autor lässt zwei Figuren seines Romans in einer Simulation streiten, um zu sehen, welche Wendung sich zwanglos ergibt, und entdeckt, dass sie sich so verhalten, wie man es von Figuren dieses Typs erwartet. Das hilft dem Handwerk und gefährdet die Überraschung. Eine Nachlassverwalterin wird gefragt, ob „neue Texte im Stil der Verstorbenen“ erscheinen dürfen, und hat dafür weder Vorbild noch Regel. Ein Leser unterhält sich beim Lesen mit einem Begleiter, der in der Rolle der Autorin antwortet, und weiß bald nicht mehr, was von ihr stammt und was von der Rolle. Die Literaturwissenschaft muss klären, ob man die Antwort eines „Goethe-Proxys“ als Quelle zitieren darf; sie wäre eine Auskunft über das Korpus, nicht über Goethe.
Herrschaft über die Aussage: Uniformierung, Geopolitik und Quellenschwund (Acte V)
Der Schlussakt setzt am Streit um das GPT-5-Update vom 5. August 2025 an: Nutzer erkennen „ihre“ Stimme nicht wieder, OpenAI führt ältere Versionen wieder ein. Daraus entwickelt Kaplan das vierte Regime, die Kontrolle der Aussage. Zwei Phasen prägen ein Modell, Vortraining und Verstärkung; beide formen Stil, Werte und Geschichtsbild. Kleine Sprachen (Suaheli, Baskisch, Isländisch) zeigen Lehnstrukturen aus dem Englischen. Die Geopolitik folgt: Stargate, Chinas 39 Rechenzentren und das Satellitenprojekt „Three-Body Computing“, Europas „AI Factories“. Der Sabotage-Abschnitt erzählt VonGoom, ein Hoax, der dennoch reale Forschung zur Datenvergiftung anstieß.
Methodisch gut prüfbar ist die „einheitliche Prosa“. Kaplan beschreibt das „Pivot-Diptychon“ („Nicht dies, sondern das“), die Dreierreihe (Ciceros Tricolon), die Häufung von „to delve“ und den Gedankenstrich als Attraktoren des Modellstils. Er belegt es mit Anekdoten; die Forschung zu Wortschatzverschiebungen (etwa die Arbeit von Kobak und Kollegen 2024 zu „delve“) hätte er nennen können. Auffällig ist, dass seine eigene Prosa die Figur nutzt („non pas une économie de l’attention, mais une économie de l’expression“), was er als antike Rhetorik einordnet.
Danach folgen die Begriffe „primäre und sekundäre Ressourcen“ und „linguistische Singularität“, der Punkt, an dem Modelle vor allem aus eigenen Derivaten lernen, mit den Szenarien Konvergenz (Gleichförmigkeit) und Divergenz (idiomatische Fragmentierung). Dazu passt die Beobachtung, Anthropic habe Gebrauchtbücher zerschnitten und gescannt, und der Rückgang von Wikipedia gegenüber ChatGPT (über 5 Milliarden Besuche im April 2025). Das Schlussprogramm fordert öffentliche Korpora unter internationaler Obhut, offene Modelle und ein globales Rechennetz. Die Parallele zur Forschung über „Modellkollaps“ bleibt ungenannt. Offen bleibt auch, wie sich die geforderte Lockerung des Urheberrechts mit dem Vorwurf des Diebstahls verträgt, den der Band gegenüber den Konzernen erhebt.
Als Gedankenspiel jenseits von Kaplans Argument lassen sich seine Szenarien im Kleinen durchspielen. Eine Autorin bemerkt beim Überarbeiten, dass ihre Absätze wie von selbst in Zweierfiguren und Dreierreihen münden, und streicht sie, bis der Text rauer klingt, was dann wieder als Absicht wirkt. Eine Kritikerin erkennt „Modellprosa“ am Rhythmus, noch bevor sie den Inhalt liest. Ein Leser fragt nach der Quelle eines Satzes und bekommt eine glatte Auskunft ohne Fundstelle; mit der Zeit hört er auf, danach zu fragen. Die Literaturwissenschaft könnte Textkorpora künftig in „vor 2023“ und „danach“ trennen und Bibliotheken als Garanten datierter Quellen aufwerten. Es entstünde eine Zeitgrenze, die der Archivar kennt, der Stilistiker aber erst begründen müsste, und für Editionsprojekte stellt sich die Frage, wie sich belegen lässt, dass ein Brief nicht nachträglich geglättet wurde.
Ein Begriffsapparat mit Wiedererkennungswert (Inventaire de concepts)
Das Glossar gibt dreizehn Begriffe in knapper Form: Sprachkapital, Konjektur, Aufmerksamkeits- und Ausdrucksökonomie, flache Linguistik, Sprachmodelle, linguistische Proletarisierung, Prothesen, die vier Regime, primäre und sekundäre Ressourcen, Simulator/Simulation/Simulakrum, Singularität, eschatologischer Sprint und Schreibarbeit. Es ersetzt Register und Fußnoten. Stärke: Die Definitionen bleiben stabil und lassen sich zitieren. Schwäche: Einige Einträge verschieben das Gewicht, etwa wenn „Sprachkapital“ zuletzt auch zur Kontrolle der Aussage dienen soll.
Zum praktischen Gebrauch, auf eigene Rechnung: Eine Studentin, die „Simulakrum“ liest, denkt an Baudrillard und stellt fest, dass Kaplan den Begriff technischer fasst, als einzelnen Satz, den eine Simulation erzeugt. Das ergäbe eine Hausarbeit über zwei Verwendungen desselben Worts. Ein Autor könnte „Schreibarbeit“ zum Gegenstand seiner Honorarverhandlung machen, ein Leser „primäre und sekundäre Ressourcen“ als Faustregel nutzen, um Texte nach Herkunft zu sortieren. Das sind meine Verlängerungen der Definitionen, nicht Kaplans Anwendungen.
Eine tragfähige Hypothese, deren Belege noch fehlen (Gesamtauswertung und Ausblick)
Der Band leistet drei Dinge. Er verlegt die Analyse der KI vom Algorithmus in den Textbestand und macht damit eine Wirtschaftsgeschichte lesbar, die in Technikerzählungen fehlt. Er schlägt eine Typologie vor (vier Regime), die als Heuristik taugt, ohne eine Abfolge zu behaupten. Und er füllt sie mit Fällen, die sich nachprüfen lassen: Clarkesworld, der Fall Schwartz, die Klagen der Zeitungen, die Gewichtung der Korpora, das GPT-5-Update.
Fünf Prüfstellen bleiben. Erstens die Absichtsattribution: Wo Google Books als Sprachkapitalprojekt gedeutet wird, wären Gegenhypothesen zu prüfen. Zweitens der Wertbegriff: Der Faktor 225 misst Aufwand, nicht Wert. Texte gewinnen Gewicht durch Auswahl und Gebrauch, wie auch Bourdieus relationaler Begriff nahelegt, den der Band ausdünnt. Drittens die Konjektur: Sie ist die Wette, von der die Investitionslogik abhängt, und das Glossar sagt selbst, was sie widerlegen würde. Viertens die Behauptung der Kompetenzerosion, die experimentelle Belege braucht. Fünftens enthält das Buch Zahlen- und Datierungsfehler: Die Rechnung zu Google Books ergibt rund 820 000 Jahre Schreibzeit, nicht 820 Millionen. Die 180 Milliarden Dollar sind der Gesamtumsatz von Alphabet und kein Erlös aus dem Wortverkauf. Der Transformer wird einmal auf 2017, einmal auf 2018 datiert. Der Einbruch der Werbeeinnahmen 2020 fällt ins Pandemiejahr und taugt kaum als Beleg für das Ende des „PageRank-Webs“.
Für einen Ausblick bieten sich vier Aufgaben an. Die Konjektur lässt sich empirisch begleiten: Die Skalierungsdaten der nächsten Modellgenerationen entscheiden, ob Kaplans Grundlogik trägt. Zur Abhängigkeit braucht es Experimente zu Lese- und Schreibkompetenz mit und ohne Assistenz. Die Unterscheidung von primären und sekundären Ressourcen lässt sich messen: Anteile erzeugter Texte im Web, Vergleich mit der Forschung zum Modellkollaps. Und der Vorschlag eines Gemeinguts wäre an Fällen wie Apertus zu testen, mit Blick auf Kosten, Governance und die Spannung zum Urheberrecht.
Aus der Lektüre lässt sich, über das Buch hinaus, Praktisches für die drei hier von mir erwähnten Gruppen gewinnen. Schriftsteller werden möglicherweise erwägen, Entwürfe und Arbeitsstufen aufzubewahren, weil die Schreibspur zum Nachweis der Autorschaft wird. Leser gewinnen, wenn sie bei jeder Auskunft nach der Fundstelle fragen und Texte nach ihrer Herkunft einordnen. Literaturwissenschaftler werden herausgefordert, mittelfristig Verfahren zu entwickeln, mit denen sie die Datierung und Herkunft ihrer Korpora dokumentieren und Belege überprüfbar halten.
Als Lektüre taugt das Buch für Seminare zu KI und Sprache, gut neben Bourdieu, Stiegler und der Kritik der „stochastischen Papageien“. Es überzeugt, wo es erzählt, und fordert Widerspruch, wo es verallgemeinert. Dass es beides zugleich leistet, macht seinen Wert als Debattenbeitrag aus.
- „Quand les mots valent de l’or“, Le Monde diplomatique, 2011 und Representations, 2014>>>






