Résumé
„L’art français de la guerre“ (Gallimard, 2011) erzählt im Kern eine einzige Geschichte in zwei Zeitebenen: die eines Landes, das seine Kriege nicht beendet, sondern nur verlagert hat. Victorien Salagnon durchläuft als junger Mann drei Kriege – den Widerstand gegen die deutsche Besatzung, den Indochinakrieg, den Algerienkrieg – und lernt in jedem dieselbe Lektion neu: dass Gewalt eine erlernbare, verfeinerbare Technik ist, ein „Handwerk“, das ebenso systematisch weitergegeben wird wie die Kalligrafie, die er parallel dazu übt. Der Aufsatz verfolgt diese These nicht an der großen Schlachtenerzählung, sondern gerade an ihrer Leerstelle: Die berühmteste Episode des Indochinakriegs, Điện Biên Phủ, kommt im Text kein einziges Mal vor; stattdessen zeigt der Roman das Kleinteilige – Hinterhalte, Verhöre, Verwaltungsakte, Erschießungen von Gefangenen am Straßenrand. In dieser Auslassung liegt die Pointe des Titels: Nicht der Sieg, sondern die stille, bürokratisch durchdachte Ausübung von Zwang wird zur eigentlichen „französischen Kunst des Krieges“. Um diese Kriegsgeschichte legt Jenni die Gegenwartsgeschichte eines namenlosen Erzählers, der sich selbst als gescheitert erlebt und bei Salagnon nicht nur Malen, sondern auch Erzählen lernt – eine Rahmenhandlung, die der Aufsatz nicht als bloßes Vehikel, sondern als eigenständige Argumentationsebene liest: In banalen Alltagsszenen, einer an Konsum statt an Nähe zerbrechenden Ehe, einer Polizeikontrolle auf einer Brücke, einem betrunkenen Alten vor dem Fernseher, tauchen dieselben sprachlichen und gedanklichen Muster wieder auf, die in den Kriegskapiteln entwickelt wurden: die Rede vom „ils“, die Sehnsucht nach der klärenden Ohrfeige, das Gefühl der Belagerung. Die Interpretation stützt sich dabei weniger auf die Ähnlichkeit der Ereignisse als auf die Wiederkehr dieser sprachlichen Muster und liest sie als Beleg dafür, dass Frankreich die Sprache seiner kolonialen Kriege nie abgelegt, sondern ins Private und in die Vorstadtrhetorik verschoben hat. Dass der Erzähler am Ende dennoch eine Liebesgeschichte findet – parallel zu Salagnon und Eurydice, die sich nach achtzehn Kriegsjahren endlich wiederfinden –, wird weniger als versöhnliches Ende denn als knapp behauptete, bewusst fragile Gegenwelt gewertet: Tusche statt Blut, ein Zimmer statt eines Krisengebiets, während draußen die nächste Unruhe aufflammt.
Das einzige Land: Sprache und Kolonialgeschichte bei Alexis Jenni
Jenni, Alexis. L’Art français de la guerre. Paris: Gallimard, 2011.
Jenni, Alexis. Die französische Kunst des Krieges. Aus dem Französischen von Uli Wittmann. München: Luchterhand, 2012.
Ein Golfkrieg, der im Fernsehen wie ein Feuerwerk aussieht und fast keine westlichen Toten fordert; ein Algerienkrieg, dessen Vokabular fünfzig Jahre später in einem Vorstadtwohnzimmer wieder auftaucht, als spräche jemand von den Nachrichten des Vortags: Alexis Jennis 2011 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneter Roman L’art français de la guerre stellt die Frage, ob ein Land seine Kriege je wirklich beendet oder ob es sie nur verlagert, verdrängt und in neuer Sprache wiederholt. Die zentrale These des Romans liegt bereits im Titel: Krieg wird nicht als Ausnahmezustand oder Zusammenbruch der Ordnung dargestellt, sondern als „art“, als Kunstfertigkeit und Technik, die man – wörtlich über Generationen hinweg, vom Onkel über Salagnon bis zu Mariani und dessen jungem Begleiter – erlernt, verfeinert und weitergibt wie ein Handwerk. Dass Salagnon dieselbe Disziplin, dieselbe Konzentration, die er beim Töten braucht, auch beim Tuschpinsel entwickelt, ist dabei keine ironische Volte, sondern konsequente Ausformulierung dieser These: Beide Tätigkeiten verlangen einen ruhigen, geübten, entschlossenen Körper. Der Roman entzieht dem Krieg damit seine Aura des Chaotischen und Irrationalen. Der vorliegende Aufsatz fragt durchgehend, welche Rolle Sprache selbst spielt: als Mittel der Zeugenschaft, als vergiftetes Erbe und als das, was der Erzähler am Ende „das einzige Land“ nennt.
Der Roman besteht aus zwei alternierenden Reihen von Kapiteln. Die mit „Commentaires“ überschriebenen Kapitel (I bis VII) spielen in der Gegenwart, ungefähr zwischen dem Golfkrieg 1991 und einer nächtlichen Unruhe in einer französischen Großstadt, und werden von einem namenlosen Ich-Erzähler getragen: einem jungen Mann, der seine Beamtenlaufbahn und seine Ehe mit Océane aufgegeben hat, sozial abgestiegen ist und schließlich beim alten Maler Victorien Salagnon Unterricht im Tuschpinsel nimmt. Aus diesen Besuchen entsteht die zweite Kapitelreihe, die mit „Roman“ überschriebenen Kapitel (I bis VI), die – vom Erzähler aus Salagnons mündlichen Berichten und einem unzureichenden Erinnerungsheft rekonstruiert – dessen Leben von 1943 bis 1962 erzählen: die Jugend unter deutscher Besatzung in Lyon, den bewaffneten Widerstand, den Indochinakrieg und den Algerienkrieg. Bereits diese Doppelstruktur wirft eine erste Leitfrage auf: Wie verhält sich das Erzählen der Gegenwart zum Erzählen der Vergangenheit, und wer eigentlich spricht in den „Roman“-Kapiteln?
In der Gegenwartshandlung begegnet der Erzähler nicht nur Salagnon, sondern auch dessen Kriegskameraden Mariani, einem ehemaligen Fallschirmjäger, der die Vorstädte offen als neue Kolonie beschreibt, sowie einer nur als „mon cœur“ angesprochenen Frau, mit der er am Ende eine Liebesbeziehung führt. In der Vergangenheitshandlung verliebt sich Salagnon während der Befreiung Frankreichs 1944 in die Krankenschwester Eurydice Kaloyannis, verliert sie über den Indochinakrieg hinweg aus den Augen und findet sie erst 1962, beim chaotischen Ende der französischen Herrschaft in Algerien, wieder. Daraus ergibt sich eine zweite Leitfrage: Welche Funktion hat diese doppelte, über Jahrzehnte gespiegelte Liebesgeschichte gegenüber der Kriegsgeschichte, und lässt sich in ihr ein Gegenmodell zur Gewalt erkennen oder nur eine weitere ihrer Erscheinungsformen?
Durchzogen wird der Roman von langen essayistischen Reflexionen des Erzählers über Sprache, „Rasse“ und die Unmöglichkeit, in Frankreich offen über die eigene Kolonialgeschichte zu sprechen. Wiederkehrend ist dabei das Bild der Sprache als Blutkreislauf, der durch bestimmte, historisch „vergiftete“ Wörter verstopft und zum Stocken gebracht wird. Diese essayistische Ebene stellt die dritte Leitfrage des Aufsatzes: Wie verbindet der Roman sein Nachdenken über Sprache mit seinem Nachdenken über Gewalt, und welche Konsequenzen hat das für seine eigene Poetik, für ein Erzählen, das sich selbst immer wieder als unzulänglich und dennoch als notwendig bezeichnet?
Schließlich rahmt der Roman diese drei Fragenkomplexe räumlich und zeitlich: Fast alle Gegenwartsszenen spielen in und um Lyon, an der Saône, während die Vergangenheitsszenen zwischen Lyon, Indochina und Algerien pendeln; fast alle Gegenwartskapitel sind assoziativ und nicht linear organisiert, während die Vergangenheitskapitel weitgehend chronologisch verlaufen. Die vierte Leitfrage betrifft entsprechend die Raum- und Zeitstruktur selbst: Wie erzeugt der Roman durch seine Anordnung von Kapiteln, Orten und Zeiten den Eindruck einer Wiederkehr, ohne dabei auf eine simple Analogie zwischen „damals“ und „heute“ zu verfallen?
Kunst des Krieges
Die zentrale These des Romans liegt bereits im Titel: Krieg wird nicht als Ausnahmezustand oder Zusammenbruch der Ordnung dargestellt, sondern als „art“, als Technik, die man erlernt, verfeinert und weitergibt wie ein Handwerk – die Weitergabe erfolgt hier wörtlich über Generationen (Onkel, Salagnon, Mariani, dessen junger Begleiter). Dass Salagnon dieselbe Disziplin, dieselbe Konzentration, die er beim Töten braucht, auch beim Tuschpinsel entwickelt, ist keine ironische Volte, sondern die konsequenteste Ausformulierung dieser These: Beide Tätigkeiten verlangen einen ruhigen, geübten, entschlossenen Körper. Der Roman entzieht dem Krieg damit seine Aura des Chaotischen und Irrationalen und macht ihn lesbar als kulturelle, in Institutionen (Schule, Chantiers de Jeunesse, Armee) eingeübte Praxis – was ihn zugleich weniger entschuldbar macht, weil er eben nicht „Ausnahme“, sondern gepflegte Fähigkeit ist.
Der Roman liefert anschauliche Szenen für die explizite Deutung der Kriege als ars – als erlernbare, lehrbare, verfeinerbare Technik:
Kalligrafie als Ventil der Gewalt (Roman I)
Als Salagnon im Unterricht seine Wut an einem Mitschüler abreagiert hat, beruhigt ihn anschließend das kontrollierte Schreiben mit der Feder: „Die klassische Kalligrafie verschafft die Ruhe, die Gewalttätige und Aufgewühlte brauchen.“ 1 Die Passage zeigt zum ersten Mal, dass dieselbe körperliche Disziplin, die im Krieg gebraucht wird, sich im Pinselstrich abarbeiten lässt – Gewaltbereitschaft und Formbeherrschung erscheinen als zwei Ausdrucksformen derselben Fähigkeit.
Die chinesische Sentenz (Roman I)
Unmittelbar im Anschluss formuliert der Erzähler die Titelthese direkt aus: „Man erkennt den Kriegsmann an seiner Kalligrafie, sagen die Chinesen; sagt man.“ 2 Krieger und Kalligraf teilen laut diesem Satz Haltung und Entschlusskraft unabhängig vom Maßstab der Handlung; das „dit-on“ hält die Behauptung zugleich in der Schwebe eines Sprichworts.
Warten als Kriegskunst (Roman II)
In den Chantiers de Jeunesse, der halbmilitärischen Vichy-Jugendorganisation, üben die jungen Männer vor allem Geduld: „Die Kunst des Krieges besteht vor allem darin, reglos zu warten.“ 3 Der Satz entzieht dem Kriegsbild jede Vorstellung von spontanem Heldenmut und ersetzt sie durch eine Technik der Selbstbeherrschung, die eingeübt werden muss wie jede andere.
Waffenlehre als Taktikunterricht (Roman II/III)
Ein Offizier erklärt den jungen Widerstandskämpfern das Leichte Maschinengewehr nicht als bloßes Werkzeug, sondern als Ausdruck einer ganzen Gefechtsphilosophie: „Diese Waffe ist die des Krieges, den wir führen werden.“ 4 Die anschließende, sehr genaue Beschreibung von Feuerstoß, Stellungswechsel und Rückzugstiming behandelt Guerillataktik als präzises Handwerk, nicht als improvisierte Notwehr.
Das Genickstichmesser (Roman III)
Ein britischer Ausbilder unterweist die Maquisards methodisch im lautlosen Töten: Er „zeigte ihnen das Genickstichmesser, von dem sie eine ganze Kiste erhalten hatten“ 5. Die folgende, fast anatomisch genaue Schritt-für-Schritt-Anleitung macht Töten zu einer erlernbaren Handbewegung – strukturell parallel zur ebenso genauen Beschreibung der Pinseltechnik in den Malszenen.
Der Tuschmeister in Indochina (Roman V)
Ein alter vietnamesischer Gelehrter unterrichtet Salagnon zwischen zwei Feldzügen im Pinselstrich: „Jede Spur muss stimmen, junger Mann.“ 6 Die Lehre vom unwiderruflichen, aber durch Folgestriche korrigierbaren Strich wird explizit zum Lebensmodell erklärt und spiegelt damit unmittelbar die soldatische Ethik der nicht rückgängig zu machenden, aber durch Haltung „richtigzustellenden“ Handlung.
Aufstandsbekämpfung als Informationstechnik (Commentaires III, zur „Schlacht von Algier“)
Der Erzähler vergleicht die systematische Kartei- und Nummerierungslogik der französischen Armee in Algier mit den zeitgleichen Anfängen der Computertechnik: „Der französische Genius verstand es, eine orientalische Stadt zu kontrollieren …“ 7 Krieg erscheint hier nicht mehr als Kampfhandlung, sondern als verwaltungstechnisches System aus Karteikarten, Koordinaten und Meldeketten – „Technik“ im wörtlichsten, bürokratischen Sinn.
Das mathematische Zeichen des Massakers (Commentaires I)
Salagnon lehrt den Erzähler ein wiederkehrendes Verhältnis kolonialer Vergeltungsgewalt, das der Text explizit als Formel benennt: „dix pour un“ – „zehn zu eins“. Dass Gewalt hier in eine Verhältniszahl gefasst wird, führt die Titelthese auf die Spitze: Selbst das Massaker gehorcht einer kalkulierbaren, wiederholbaren Regel und wird dadurch – im Vokabular des Romans – zur Technik statt zum Kontrollverlust.
Insgesamt zeigt die Liste eine Bewegung: von der individuellen, fast meditativen Körpertechnik (Kalligrafie, Warten, Messerstich) über die kollektive taktische Lehre (Waffenunterricht) bis zur anonymen, verwaltungsförmigen Systemtechnik (Kartei, Verhältniszahl) – der Roman führt „Krieg als Kunst“ also nicht auf einer, sondern auf mehreren Ebenen zugleich vor.
Der Erzähler als uneigentlicher Zeuge
Gattungstheoretisch vereint L’art français de la guerre Elemente des historischen Kriegsromans, des Bildungsromans (in der Rahmenhandlung, in der der Erzähler bei Salagnon nicht nur Malen, sondern auch eine ethische Haltung zum Erzählen lernt), des Essayromans nach dem Vorbild etwa der französischen Moralistik, sowie – durch die eingelegten Buddha-Anhänger-, Kalligrafie- und Talismanmotive – Züge einer initiatischen Erzählung. Entscheidend ist jedoch die Rahmenkonstruktion: Der Roman gibt sich explizit als sekundäre, von einem fiktiven Erzähler verfasste Rekonstruktion einer fremden Lebensgeschichte aus, nicht als deren unmittelbare Darstellung. Diese Konstruktion wird in einer Schlüsselszene am Ende des ersten Kapitels offengelegt: Der Erzähler liest Salagnons eigenes Erinnerungsheft, findet es literarisch unzulänglich – bloße, in Kapitel unterteilte Kriegserinnerungen ohne innere Spannung – und übernimmt daraufhin selbst die Aufgabe des Erzählens.
Diese Aufgabe wird ausdrücklich benannt: Ich bin nun einmal der Erzähler, ich muss wohl erzählen 8. Die Kürze und Direktheit dieses Satzes markiert einen poetologischen Wendepunkt: Von hier an sind die „Roman“-Kapitel formal Erzeugnisse des Ich-Erzählers, nicht direkte Reproduktionen von Salagnons Worten, auch wenn sie in einer distanzierten Er-Erzählung präsentiert werden, die dem klassischen historischen Roman ähnelt. Erzähltheoretisch entsteht dadurch ein Doppel: eine homodiegetische, deutlich subjektive Erzählinstanz für die Gegenwart und eine scheinbar heterodiegetische, auktoriale Instanz für die Vergangenheit, die aber, wie die Szene mit dem Heft zeigt, in Wahrheit nur eine Fiktion zweiten Grades ist – die Ausgestaltung dessen, was der Erzähler aus Salagnons knappen Andeutungen, aus eigener Lektüre (etwa über die „Schlacht von Algier“) und aus eigener Imagination zusammensetzt. Der Roman lässt damit bewusst offen, wo Zeugenschaft endet und Erfindung beginnt – eine Unschärfe, die gerade angesichts der historischen Ereignisse (Folter, Massaker), von denen erzählt wird, eine ethische Dimension gewinnt: Der Erzähler beansprucht nicht die Autorität des Augenzeugen, sondern die geringere, aber ebenfalls verantwortungsvolle Position dessen, der eine fremde Erfahrung in Sprache übersetzt.
Auf der Ebene der Kommunikationsformen entfaltet der Roman ein auffällig breites Spektrum: das dialogische Interview zwischen Erzähler und Salagnon, das gelegentlich unvermittelt in den Fließtext der „Commentaires“ eingeschoben wird; die essayistische, oft ins Grundsätzliche ausgreifende direkte Rede des Erzählers, die sich bisweilen an ein implizites „on“ oder „nous“ (also an eine französische Diskursgemeinschaft) richtet; die lyrisch-apostrophische Anrede der Geliebten als „mon cœur“, die den Text streckenweise vom Roman zur Liebeserklärung verschiebt; schließlich, innerhalb der „Roman“-Kapitel, die knappe, jargonhafte Kommunikation des Militärs, in der Decknamen wie 9 oder 10 eine Sprache markieren, die – wie der Erzähler gleich im ersten Kapitel feststellt – „nicht die gemeinsame Sprache“ ist. Bezeichnend ist zudem eine nichtsprachliche Kommunikationsform: Salagnon schickt Eurydice während des Indochinakriegs zunehmend zarte Zeichnungen statt Briefe – Kommunikation durch Bild anstelle von Wort, die im Kontext des Sprachthemas des Romans als Ausweichbewegung gelesen werden kann, als Versuch, etwas mitzuteilen, das die – wie es im letzten Kapitel heißt – von „toten Wörtern“ 11 belastete Sprache nicht mehr leisten kann.
Figurenpaare und die Ordnung der Geschlechter
Die Figurenkonstellation des Romans ist von Spiegelungen geprägt. Der namenlose Gegenwartserzähler und Victorien Salagnon bilden das zentrale Paar aus Schüler und Lehrer, wobei die Rollen nicht eindeutig verteilt bleiben: Salagnon lehrt den Pinselstrich, der Erzähler liefert im Gegenzug die erzählerische Form, die Salagnons eigenes Heft nicht zu leisten vermag. Um dieses Paar gruppieren sich zwei weitere: Mariani, Salagnons Kriegskamerad aus Indochina und Algerien, der im Gegensatz zu Salagnons müder, ironischer Zurückhaltung offen die These vertritt, die französischen Vorstädte seien die neue Kolonie – 12 –, und ein junger, unbenannter Begleiter Marianis, der als eine Art Enkelgeneration der kolonialen Gewaltkultur erscheint. Auf der Frauenseite stehen sich Eurydice Kaloyannis, die Salagnon durch drei Kriege hindurch begleitet, ohne körperlich anwesend zu sein, und Océane, die gescheiterte Ehefrau des Erzählers, gegenüber; hinzu tritt die im Präsens agierende, aber kaum psychologisch ausgeleuchtete Geliebte „mon cœur“.
Diese Konstellation lässt sich gattungs- und geschlechtergeschichtlich präzise befragen. Die männlichen Figuren erhalten fast ausnahmslos Handlung, Sprache und Entwicklung; Salagnons Werdegang von der Schulbank zum Kriegshandwerker zum Maler bildet die Achse des gesamten Buches. Die weiblichen Figuren dagegen sind primär durch ihre Funktion für die Männer bestimmt: Eurydice heilt als Krankenschwester buchstäblich Salagnons Kriegswunden, „mon cœur“ wird zum Objekt seines – und, spiegelbildlich, des Erzählers – malerischen beziehungsweise schriftstellerischen Blicks. Die abschließende Beschreibung der Geliebten reiht in einer Art Blason-Tradition Körperteile aneinander – ihr grau-weißes Haar wird wiederholt mit dem Bild des Schwanenflaums belegt 13 –, während ihre eigene Stimme im Text kaum vorkommt; sie bleibt über weite Strecken buchstäblich ein Adressat, kein Subjekt der Rede. Auch Océane wird vom Erzähler vor allem als Verkörperung eines konsumorientierten, letztlich austauschbaren Lebensentwurfs gezeichnet, dessen Scheitern eher an ihr als an ihm festgemacht wird.
Der Roman reflektiert diese Ordnung jedoch, statt sie unkommentiert vorauszusetzen, an einer zentralen Stelle: Der Erzähler beschreibt bürgerliche Paarbeziehungen ausdrücklich mit einer kriegerischen Metaphorik, „Wir sind immer noch skythische Reiter“ 14, wonach Beruf, Haus und Ehefrau als Beute eines sozialen Eroberungskrieges erscheinen. Diese explizite Übertragung der Kriegsmetaphorik auf das Geschlechterverhältnis legt offen, was in Marianis Spott gegenüber Salagnons Malunterricht als „Damenhandarbeit“ 15 ebenfalls anklingt: Männlichkeit wird im Roman über Härte, Disziplin und – im Kriegskontext – Gewaltfähigkeit definiert, während die Tuschmalerei, obwohl von Männern ausgeübt, im Wertesystem der militärischen Kameradschaft als feminin markiert und damit abgewertet wird. Gerade in dieser Spannung – Salagnon übt eine „weibliche“ Kunst aus, ohne dass ihm dadurch seine soldatische Anerkennung abgesprochen würde – liegt eine der interessanteren geschlechtergeschichtlichen Volten des Romans: Er stellt die binäre Codierung von Härte und Zärtlichkeit als männlich beziehungsweise weiblich aus, ohne sie grundsätzlich zu unterlaufen; Eurydice und „mon cœur“ bleiben trotz ihrer strukturellen Bedeutung für die Handlung in ihrer Innenperspektive unterbelichtet.
Der Fluss zwischen zwei Kriegen
Mariani formuliert die These explizit: Die französischen Vorstädte seien die neue Kolonie, die zentrale Gesellschaft selbst inzwischen „kolonisiert“. Der Roman lässt diese These nicht unwidersprochen stehen – Salagnons distanzierte Ironie und die erkennbare Verblendung Marianis relativieren sie –, macht sie aber zum strukturellen Bauprinzip: Verwaltungslogiken der Überwachung (Fichierung ganzer Stadtviertel in Algier), Rhetoriken der Belagerung und das Muster „junger Mann wird von bewaffneten Ordnungskräften zu Boden gedrückt“ kehren zwischen den Kriegs- und den Gegenwartskapiteln fast identisch wieder. Der Roman zeigt damit weniger, dass die Vorstadt tatsächlich eine Kolonie sei, als dass die kolonialen Denk- und Kontrollmuster in der französischen Gesellschaft nicht verschwunden, sondern nur umgezogen sind.
Die Raumstruktur des Romans organisiert sich um eine durchgehende Opposition von „ici“ und „là-bas“ – ein Gegensatzpaar, das der Titel des vierten Gegenwartskapitels sogar wörtlich als Überschrift trägt. „Ici“ ist zunächst Lyon: die Altstadt mit ihrer Saône, über der der Erzähler in einer Dachkammer haust, und die fiktive Vorstadt Voracieux-les-Bredins, in der Salagnon lebt – ein sprechender Name, der zwischen realen, sozial abgehängten Lyoner Trabantenstädten und einer satirischen Erfindung changiert. „Là-bas“ ist zunächst Indochina, dann Algerien; doch der Roman lässt diese geographische Trennung im Verlauf der Lektüre zusammenbrechen, am deutlichsten in Marianis Rede, die die Vorstadt explizit zum neuen „là-bas“ erklärt. Die Saône selbst fungiert dabei als durchgehendes Raumzeichen: Sie trennt und verbindet zugleich, sie ist der Ort, an dem Chassagneaux in Roman I erschossen wird, an dem der Erzähler nächtens zur Apotheke geht, und an dem am Ende die Reflexe des brennenden Aufruhrs auf der Wasseroberfläche tanzen, ohne in die Tiefe zu dringen – ein Fluss, der im letzten Kapitel explizit mit Blut verglichen wird.
Zeitlich verläuft die Vergangenheitshandlung, von wenigen Rückblenden abgesehen, chronologisch: 1943 (Besatzung), 1944 (Befreiung, erste Liebe zu Eurydice), die Nachkriegsjahre in Paris, dann Indochina (etwa 1948 bis in die frühen 1950er Jahre) und schließlich Algerien bis zur Unabhängigkeit 1962. Bezeichnenderweise spart der Roman die bekannteste Episode des Indochinakriegs, die Schlacht von Điện Biên Phủ, vollständig aus; kein einziges Mal fällt der Name. Diese Auslassung ist selbst eine strukturelle Aussage: Statt der offiziellen, im kollektiven Gedächtnis kanonisierten Schlacht zeigt der Roman das Kleinteilige und Anonyme – Hinterhalte, Erschießungen von Gefangenen an Straßensperren, den Mord an einem Malmeister –, wodurch er sich der heroischen oder auch nur ereignisgeschichtlich strukturierten Kriegserzählung verweigert.
Die Gegenwartshandlung dagegen ist assoziativ und achronologisch organisiert; der Erzähler springt zwischen Erinnerungsfragmenten, Alltagsszenen und langen essayistischen Digressionen, ohne dass sich ein durchgehendes Datum rekonstruieren ließe – lediglich die Eckpunkte, der Golfkrieg 1991 am Anfang und eine nächtliche Unruhe mit brennenden Autos am Ende, geben eine grobe zeitliche Spannweite von anderthalb bis zwei Jahrzehnten vor. Formal ergibt sich daraus ein charakteristisches Ungleichgewicht: sieben „Commentaires“-Kapitel stehen sechs „Roman“-Kapiteln gegenüber. Das letzte Kapitel des Buches hat also kein entsprechendes Gegenstück in der Vergangenheitserzählung mehr; die Gegenwart „überschießt“ formal über die Vergangenheit hinaus, was sich lesen lässt als Zeichen dafür, dass der Erzähler am Ende tatsächlich die Erzählautorität übernommen hat, die er sich zu Beginn erst erarbeiten musste – die Kriegsgeschichte ist erzählt, doch die Gegenwart, mit ihrer eigenen, ungelösten Gewalt, geht weiter.
Beiden Zeitebenen ist eine Liebesgeschichte eingeschrieben, die sich explizit als Gegenbild zum Krieg entwirft: Eurydice und Salagnon finden nach achtzehn Kriegsjahren zueinander, der Erzähler und seine ungenannte Geliebte lieben sich, während draußen ein Aufstand brennt. Die Tuschmalerei fungiert dabei als Medium, das beide Register – Gewalt und Zärtlichkeit – verbindet, ohne sie zu versöhnen: Derselbe geübte, kontrollierte Pinselstrich, der Landschaften und Kriegsszenen festhält, zeichnet am Ende auch den Körper der Geliebten. Der Roman behauptet damit keine triumphale Erlösung durch die Liebe, sondern beschreibt sie als knappen, bewusst begrenzten Schutzraum – „nur auf der Oberfläche der Tusche“, wie es im letzten Kapitel wörtlich heißt, gleitet der rote Feuerschein des Aufruhrs ab, ohne einzudringen.
Tinte gegen Blut und die Poetik des Pinselstrichs
Das zentrale semantische Feld des Romans wird von der Doppelung zweier dunkler, fließender Substanzen gebildet: Blut und Tusche. Beide sind schwarz oder dunkelrot, beide fließen, beide können gerinnen, beide hinterlassen Spuren, die sich nicht rückgängig machen lassen. Bereits in Roman I wird diese Doppelung poetologisch grundgelegt, wenn es über die von den Chinesen zugeschriebene Verbindung von Kriegertum und Schrift heißt: Man erkennt den Kriegsmann an seiner Kalligrafie, sagen die Chinesen; sagt man 16. Diese knappe, fast sprichwörtliche Formulierung – durch das nachgestellte „dit-on“ zugleich behauptet und in der Schwebe gehalten – liefert den poetologischen Kern des ganzen Buches: Disziplin, Konzentration und die Bereitschaft zur endgültigen, nicht revidierbaren Geste verbinden den Soldaten und den Kalligrafen. Der Roman entwickelt daraus sein zentrales Bild vom „einzigen, endgültigen Pinselstrich“ – Salagnon lernt später in Indochina bei einem alten Meister, auf saugfähigem Papier zu malen, auf dem jeder Strich unwiderruflich ist, und diese Technik wird explizit zum Modell für ein Leben, das seine Fehler nicht auslöschen, sondern nur durch das, was danach kommt, wieder ins Lot bringen kann.
Um dieses Zentralbild gruppieren sich weitere semantische Felder: der Bereich der Feuchtigkeit und des Nebels, das vor allem die Lyoner Winterszenen prägt und dort für eine diffuse, unaufgeklärte Wahrheit steht; Hitze und Schlamm, Bilder, die die Dschungelszenen in Indochina bestimmen; und, durchgehend, die Bildlichkeit des Blutkreislaufs als Metapher für die französische Sprache und Gesellschaft selbst. Der Erzähler beschreibt wiederholt Wörter, die durch den historischen Missbrauch „geronnen“ seien und die Sprache wie Blutgerinnsel verstopften; am eindrücklichsten geschieht dies im letzten Kapitel, wenn vom Scheitern der Verständigung zwischen Menschen die Rede ist, die zwar dieselbe Sprache teilen, aber über tote Wörter stolpern 17. Diese Metaphorik trägt die im engeren Sinn autopoetologische Dimension des Textes: Der Erzähler begreift sein eigenes Schreiben ausdrücklich als Versuch, die Sprache, „das einzige Land“ 18, vor dem endgültigen Verstummen zu bewahren – eine Formulierung, die Sprache und Heimat, Nation und Kommunikationsmittel in eins setzt und damit den politischen Anspruch des Buches unmittelbar mit seiner literarischen Selbstreflexion verknüpft.
Die Poetik des Romans lässt sich von hier aus als eine Poetik der Nachträglichkeit und der Unabschließbarkeit beschreiben: Wie der Tuschestrich, der nicht gelöscht, sondern nur durch weitere Striche „richtiggestellt“ werden kann, verfährt auch der Erzähler mit seinem Stoff – er korrigiert, ergänzt, kommentiert sich selbst innerhalb der „Commentaires“, ohne je eine abschließende, autoritative Version der Geschichte zu behaupten. Das erklärt auch die vergleichsweise sperrige, oft mäandernde Syntax vieler essayistischer Passagen, die formal genau jenes Zögern und Fortschreiten nachbildet, das der Roman inhaltlich der Malerei zuschreibt.
Homer, Fernsehkrieg und das kolonisierte Frankreich
Der Erzähler beschreibt wiederholt „tote Wörter“, Begriffe, die durch den Gebrauch während der Kolonialkriege mit Blut „geronnen“ und dadurch im Alltagsgespräch gefährlich geworden seien; das Nicht-Aussprechen-Können des Wortes „Rasse“ bei gleichzeitigem ständigen Gebrauch des vagen „ils“ ist das prägnanteste Beispiel. Erzählen wird in diesem Licht zu einer therapeutischen, aber auch riskanten Handlung: Der Erzähler will die Sprache „wiederherstellen“, indem er genau die Wörter und Zusammenhänge benennt, die im öffentlichen Diskurs vermieden werden. Das Schlusskapitel, das explizit vom Schreiben als Rettung der Sprache spricht, bestätigt diese Lesart und macht den Roman selbst zu einem Akt sprachlicher Wiederaneignung.
Der Roman ist intertextuell dicht grundiert. Bereits die drei Motti – von Pascal Quignard über die Definition des Helden, von der Résistance-Kämpferin und Journalistin Brigitte Friang, von Denis Diderot über die eigene, unverwechselbare Stellung im Weltlauf – setzen thematische Leitlinien: Heldentum als Grenzgang, die konkrete Erfahrung des Krieges gegen ihre Verharmlosung, die Behauptung des Einzelnen gegenüber jeder abstrakten Ordnung. Innerhalb der Handlung wird zudem Homer explizit als Deutungsmuster eingeführt: Salagnons Onkel, selbst Berufssoldat in mehreren Kolonialkriegen, liest während des Indochinakriegs die homerischen Epen und erklärt, Homer spreche mehr von ihnen als die gefilmten Nachrichten 19. Diese intertextuelle Setzung erlaubt dem Roman, den Kolonialkrieg zugleich in eine sehr alte epische Tradition zu stellen und diese Tradition zu unterlaufen – denn anders als Homer erzählt Jennis Roman gerade keine geschlossene, heldische Handlung, sondern ein Nebeneinander von Einzelszenen ohne zentrale Schlacht.
Intermedial ist der Roman ebenso reich ausgestattet. Das Buch beginnt programmatisch mit einer Reflexion über den Fernsehkrieg: Die Operation gegen den Irak trägt mit „Desert Storm“ einen aus einem Filmstudio stammenden Namen 20, während die zeitgleiche, weit kleinere französische Operation „Daguet“ heißt – der Kontrast zwischen amerikanischer Medienmacht und französischer Bescheidenheit wird so schon im Vokabular sichtbar. Der Erzähler beschreibt den Golfkrieg konsequent als Bilderfluss, dem man von einem Bett aus zusieht, ohne physisch betroffen zu sein – ein Krieg, der, wie es im Roman heißt, in einem „Licht von Bildschirmen“ stattfindet. Dieser medienkritischen Eröffnung steht am anderen Ende des Buches die unmittelbare, nicht bildschirmvermittelte Erfahrung eines nächtlichen Aufruhrs gegenüber, was die intermediale Reflexion des Romans zu einer strukturbildenden Kraft macht: Zwischen distanziertem Fernsehbild und direkter körperlicher Nähe zur Gewalt entfaltet sich die gesamte Gegenwartshandlung.
In Roman I schreibt der strenge Lateinlehrer Fobourdon „Commentarii de Bello Gallico“ an die Tafel, während draußen die deutsche Besatzung herrscht – die Schüler üben Caesars eigene Kriegsberichterstattung als Grammatikdisziplin, und ausgerechnet in dieser erzwungenen Stille entdeckt Salagnon, dass ihn das kontrollierte Führen der Feder beruhigt, woraus der Erzähler die Sentenz ableitet, man erkenne „l’homme de guerre à sa calligraphie“ – Sprache und Schrift werden hier zum Ventil und zugleich zum Trainingsgerät für Gewalt. Im Golfkriegskapitel Commentaires I liegt der Erzähler vor dem Fernseher und bemerkt, das Militär spreche „sa langue, qui n’est pas la langue commune“, sichtbar am Kontrast zwischen dem aus einem Filmstudio importierten Namen „Desert Storm“ und dem bescheidenen französischen Pendant „Daguet“ – zwei Wörter für denselben Krieg, die zwei völlig verschiedene Öffentlichkeiten ansprechen; wenig später erzählt Salagnon ihm von Paul Teitgen, der während der „Schlacht von Algier“ die Verschwundenen einzeln registrierte, ihnen also, während um sie herum gefoltert und gemordet wurde, wenigstens noch einen Namen ließ, sowie von der Formel „dix pour un“, die das koloniale Vergeltungsmaß in eine knappe, fast buchhalterische Zahl presst. In Commentaires III geht der Erzähler fiebrig nachts durch Lyon zur Apotheke, sieht einen jungen Mann von der Polizei zu Boden gedrückt, hört sich selbst unwillkürlich „entre eux“ denken und folgert daraus, „la race n’existe pas, mais elle est une identité effective“ – ein Begriff, den niemand ausspricht und den doch jeder versteht, während er die Algier-Verwaltung mit Lochkarten und Adressnummerierung beschreibt, mit der ganze Stadtviertel wie Datensätze behandelt wurden, und resümiert, „la langue nous comprend“, bevor er das Kapitel mit dem Bild schließt, „la France est précisément cette façon de mourir“ – am Sprachverlust ersticken. Und im Schlusskapitel, während draußen Autos brennen, erklärt der Erzähler sein ganzes Projekt schließlich damit, dass die Franzosen über tote, mit Blut verkrustete Wörter stolpern 21 – und dass er deshalb schreibe, um die Sprache als „le seul pays“ vor dem endgültigen Verstummen zu bewahren.
Thematisch mündet all dies in die von Mariani am deutlichsten formulierte, vom Roman jedoch nicht unwidersprochen übernommene These der Wiederkehr des Kolonialen: Wir sind kolonisiert. Man muss das Wort aussprechen 22. Kontextualisiert wird diese Rede durch eine Begegnung im Wohnzimmer Salagnons, bei der Mariani und sein junger Begleiter dem Erzähler und dem alten Maler gegenübersitzen; Mariani erklärt, die Logik der Überwachung, die einst in Algier ganze Stadtviertel katalogisierte, kehre nun in den französischen Vorstädten wieder, nur mit vertauschten Vorzeichen. In der Interpretation des Romans ist diese Analogie weder schlicht bestätigt noch schlicht zurückgewiesen: Salagnons distanzierte, oft ironische Reaktion und die erkennbare ideologische Verhärtung Marianis relativieren die These, ohne sie zu entkräften, während der Erzähler selbst, etwa in seiner Reflexion über eine banale Polizeikontrolle auf einer Brücke, immer wieder auf dieselben sprachlichen Muster – das unbestimmte 23, das Verhältnis von „zehn zu eins“ 24 als Chiffre für koloniale Vergeltungsgewalt, die wiederkehrende Formel „hier wie dort“ 25 – stößt. Der Roman bearbeitet damit sein zentrales Thema, die Persistenz kolonialer Denkmuster im postkolonialen Frankreich, nicht als Behauptung, sondern als Symptomatik: Die Wiederholung liegt weniger in den Ereignissen selbst als in der Sprache, mit der über sie gesprochen – oder eben nicht gesprochen – wird.
Zur Rezeption in Frankreich und Deutschland
Die Rezeption verläuft in zwei zeitlich und tonal unterschiedenen Wellen. Die französische Kritik der Rentrée littéraire 2011 – Marianne, L’Express, Le Figaro, Valeurs Actuelles – feiert das Buch überwiegend als Ereignis, das der von Marin de Viry so genannten „névrose mémorielle française“ 26 entkomme, jenem Reflex, in der Vergangenheit nur nach der eigenen nationalen Schuld oder Unschuld zu suchen. Die deutsche Kritik, die erst mit der Übersetzung Ende 2012 einsetzt (Spiegel, ZEIT, Welt, Welt am Sonntag, Tagesspiegel, Frankfurter Rundschau), liest distanzierter und stellt formale Fragen in den Vordergrund. Auffällig ist jedoch, wie einhellig praktisch alle Besprechungen dieselbe Grundstruktur benennen, die auch der Aufsatz beschreibt: den „Pakt“ zwischen dem Ich-Erzähler und Salagnon (Malunterricht gegen Lebensgeschichte), die Alternanz von „Commentaires“ und „Roman“, und die These, dass sich die Kolonialkriege in den heutigen Banlieues fortsetzen. Jérôme Dupuis bringt diese These in L’Express am pointiertesten auf den Punkt, wenn er das Buch als „anti-zemmourien“ 27 beschreibt – ein Etikett, das dem im Aufsatz entwickelten Argument entspricht, wonach der Roman koloniale Denkmuster nicht als Analogie behauptet, sondern als sprachliche Wiederkehr diagnostiziert.
Gerade an dieser These zeigt sich jedoch eine politische Spaltung der Rezeption, die der Aufsatz in seiner Lesart von Marianis „Wir sind kolonisiert“-Rede als bewusst „in der Schwebe“ gehaltene Ambiguität beschreibt. Während Marianne die Auflösung dieser Ambiguität zugunsten einer selbstkritischen, „sauvetage“-artigen Deutung liest 28, verschiebt Valeurs Actuelles die Lesart in die Gegenrichtung: Dominique Venner lobt, der Roman gebe „loyalement“ jenen das Wort, die die „préjugés antiracistes“ des Erzählers nicht teilten, und kritisiert die Algier-Kapitel mit der Folter-Thematik als „en toc“, also als künstlich aufgesetzt 29. Diese entgegengesetzte Rezeption bestätigt indirekt einen zentralen Befund des Aufsatzes – dass der Text seine Deutung nicht eindeutig festlegt –, zeigt aber zugleich, dass diese Offenheit in der realen Leserschaft nicht als Schwebezustand, sondern als tatsächlich entgegengesetzte politische Aneignung wirksam wird: Wo der Aufsatz Ambiguität als Verfahren beschreibt, wird sie in der Rezeptionsgeschichte zur strittigen Parteinahme.
Bestätigt und erweitert wird dagegen die im Aufsatz zentrale These vom Krieg als Technik und von der Tuschmalerei als Gegenentwurf. Marin de Viry hält fest, der Held rette seine Seele gerade dadurch, dass er zeichne, „il sauve son âme et la met hors de portée des préjugés“ 30, und benennt dabei eine im Aufsatz nicht ausgeführte Differenzierung des Romans: Nicht die Folter allein sei die tiefere Verfehlung, sondern die Verachtung der Kolonisierten – „le mépris des indigènes nous a fait perdre notre âme“ 31. Diese Unterscheidung lässt sich unmittelbar an das Sprachkapitel des Aufsatzes anschließen, insofern „mépris“ selbst eine sprachlich-klassifikatorische Haltung ist, die eng mit der Analyse der „Rasse“ als „identité effective“ korrespondiert. Elke Schmitter (Spiegel) fügt dem eine zeitliche Dimension hinzu, die im Aufsatz unterbelichtet bleibt: Sie zitiert Salagnons Satz, die Malerei habe ihm geholfen, „nicht zurückzublicken“ 32, und deutet die Kalligrafie damit nicht nur als Disziplintechnik parallel zum Töten, sondern als Technik gegen die Erinnerung selbst – eine Ergänzung, die den poetologischen Abschnitt des Aufsatzes plausibel vertiefen würde.
Umstrittener ist in der deutschen Kritik eben jenes Verfahren, das der Aufsatz als bewusste, selbstreflexive Poetik liest: die Verschränkung von homodiegetischer Ich-Perspektive und auktorialer Er-Erzählung. Karl-Heinz Ott (Welt am Sonntag) wertet genau diesen Wechsel als Konstruktionsschwäche, wenn Jenni „zwischen Ich-Perspektive und allwissendem Erzähler gerade so, wie es ihm passt, hin und her springt“ 33; Tilman Krause (Welt) sieht ebenfalls eine „Schwäche der Konstruktion“ darin, dass der Erzähler Salagnons Perspektive „vollkommen“ übernehme, ohne kritische Distanz zu wahren 34. Diese Kritik trifft jene Szene, die der Aufsatz als poetologischen Wendepunkt liest – den Satz „il faut bien que je narre“ – und macht sichtbar, dass sich dieselbe formale Beobachtung doppelt lesen lässt: als bewusst offengelegte Fiktion zweiten Grades oder als unreflektierte Inkonsequenz der Erzählkonstruktion. Hinzu kommt ein stilistischer Vorbehalt, den der eher struktur- und motivorientierte Aufsatz ausspart: Ott moniert Klischees, geronnene Metaphern und eine moralisierende Grundtendenz, die im Schlussdialog über Folter in eine regelrechte „Moralpredigt“ münde 35 – eine Einschätzung, die im Übrigen an derselben Stelle festgemacht wird, wörtlich zitiert bei Schulz-Ojala und bei Ott, sinngemäß auch bei Aufenanger: Salagnons Satz „Wir haben uns an der Menschheit versündigt“ 36.
Schließlich verweist die Rezeption auf einen Aspekt, den der Aufsatz textintern behandelt: die Auslassung von Điện Biên Phủ als bewusste Verweigerung der heroischen Schlachtenerzählung. Gero von Randow (ZEIT) macht daraus eine Beobachtung zur Rezeptionsgeschichte selbst, wenn er trotz des Bucherfolgs feststellt, „vom Indochinakrieg spricht nach wie vor niemand“ 37 – ein Befund, der die im Aufsatz beschriebene selektive Erinnerungsstruktur nicht auf der Ebene des Textes, sondern auf der Ebene seiner öffentlichen Aufnahme wiederholt. Der wiederholt gezogene Vergleich mit Jonathan Littells „Wohlgesinnten“ 38 rundet dieses Bild ab: Beide Romane werden als Versuch gelesen, ein Kriegsepos aus der Nähe zur Täterseite zu schreiben, wobei mehrere Kritiker vermuten, dass Jennis geringere Resonanz in Frankreich selbst – im Vergleich zu Littell – gerade daher rührt, dass, wie es im Tagesspiegel heißt, das französische Publikum „die Täterperspektive lieber meidet“ 39. Damit bestätigt die Rezeptionsgeschichte im Kleinen jenes Verdrängungsmuster, das der Roman im Großen zu seinem Thema macht.
Die Kunst des Krieges als Kunst des Erzählens
Der Vergleich von Romananfang und Romanschluss macht die Gesamtarchitektur des Buches noch einmal sichtbar. Zu Beginn liegt der Erzähler mit einer namenlosen, nur als „mon amie“ bezeichneten Frau im Bett und beobachtet den Golfkrieg über den Bildschirm am Fußende des Bettes; die Beziehung ist beiläufig, körperlich, ohne erkennbare Tiefe, und der Krieg erreicht die beiden ausschließlich als domestiziertes, entferntes Bild. Am Ende des Buches liegt eine andere Konstellation vor: Der Erzähler wird von Mariani und dessen jungem Begleiter mit einem Schlauchboot über die von brennenden Reflexen rot gefärbte Saône zu seiner Geliebten, „mon cœur“, gebracht; hier ist die Gewalt – Sirenen, Feuer, Aufruhr – nicht mehr bildschirmvermittelt, sondern unmittelbar hörbar und sichtbar, während er zugleich, mit Tusche, den Körper der Frau malt, die ihn erwartet hat: Ich kam zu dir, mein Herz, du hast auf mich gewartet 40.
Zwischen diesen beiden Szenen liegt eine bemerkenswerte formale Parallele, die der Vergleich freilegt: In beiden Fällen gleitet das Bild der Gewalt über eine Oberfläche, ohne einzudringen – über den Fernsehbildschirm zu Beginn, über die Oberfläche der Tuschepfütze am Ende, in der sich die roten Feuerreflexe des Aufruhrs spiegeln, „ohne dass etwas hindurchdringen könnte“. Der Roman ersetzt damit den Bildschirm des Anfangs durch die Tusche des Schlusses als zweites, nun aber selbst hergestelltes Medium der Distanzierung. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Aktivität des Erzählers: War er zu Beginn passiver Konsument eines fremden Bildes, ist er am Ende aktiv malender und erzählender Produzent eines eigenen. Auch die Partnerin wechselt bezeichnenderweise vom Unbestimmten („mon amie“) zum Bestimmten, tief Vertrauten („mon cœur“), was auf eine – trotz aller strukturellen Zirkularität des Romans – erkennbare biographische Entwicklung des Erzählers hindeutet: von der teilnahmslosen Beobachtung zur bewussten, wenn auch fragilen Gestaltung.
Im Schlusskapitel, das nicht mehr von einem entsprechenden Roman-Kapitel gerahmt wird, verdichten sich beide Erzählstränge: In Lyon brennt eine nächtliche Unruhe (Autos in Flammen, Sirenen), während der Erzähler mit Mariani und einem jungen Begleiter auf einem Schlauchboot die Saône entlangfährt; Mariani äußert dabei erstmals offen seine Erschöpfung von der eigenen Gewaltbereitschaft. Der Erzähler wird an Land gesetzt und geht zu seiner Geliebten („mon cœur“), einer Frau seines eigenen Alters mit grau-weißem Haar, die er mit Tusche malt, während draußen der Aufruhr weiterzieht, ohne die Liebesszene zu berühren. In einem abschließenden essayistischen Absatz reflektiert der Erzähler über sein eigenes Erzählprojekt: Er schreibe, weil ihm das Malen nicht gegeben sei, und weil die französische Sprache von „toten Wörtern“ – Begriffen, die durch die Kolonialgeschichte mit Blut aufgeladen und dadurch unaussprechlich geworden seien – bedroht sei; das Erzählen soll diese Sprache, „das einzige Land“, vor dem endgültigen Verstummen bewahren.
Dass der Roman die bekannteste Schlacht des Indochinakriegs vollständig ausspart und stattdessen kleine, oft schäbige Gewaltszenen (Erschießung von Lastträgern, Ermordung eines Malmeisters, Straßensperren-Massaker) in den Mittelpunkt rückt, ist selbst eine Deutungsaussage: Der Roman verweigert sich der Logik des militärhistorischen Heldenepos und ersetzt sie durch eine Anhäufung konkreter, oft anonymer Gewaltmomente. Die Rahmung durch einen Erzähler, der ausdrücklich kein Historiker, sondern ein gescheiterter, nach eigenen Worten unfähiger „Erzähler wider Willen“ ist, verstärkt diese Verweigerung: Geschichte wird hier nicht von oben, aus der Distanz des Gesamtüberblicks erzählt, sondern von unten, aus Anekdote, Zufallsbegegnung und Erinnerungsfetzen zusammengesetzt – eine Form, die dem Buch zufolge der Wirklichkeit des Krieges näherkommt als jede offizielle Chronik.
L’art français de la guerre erweist sich bei genauerer Betrachtung als ein Roman, der seine eigene Form zum Argument macht. Die Doppelstruktur aus „Commentaires“ und „Roman“ behauptet nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell, dass sich Gegenwart und Vergangenheit gegenseitig kommentieren, ohne ineinander aufzugehen; die Erzählperspektive, die sich selbst als unzuverlässige, nachträgliche Konstruktion ausweist, verweigert dem Text die Autorität des reinen Augenzeugenberichts und beansprucht stattdessen die geringere, aber redlichere Autorität des Übersetzers fremder Erfahrung. Die Metaphorik von Blut und Tusche verbindet auf engstem Raum das, was der Roman politisch verhandelt – die Fortdauer kolonialer Gewaltmuster – mit dem, was er poetologisch verhandelt: die Frage, ob und wie sich Gewalt in Sprache und Bild fassen lässt, ohne sie entweder zu verharmlosen oder unkritisch zu ästhetisieren. Der Vergleich von Anfang und Schluss zeigt schließlich, dass der Roman trotz seiner kreisförmigen Anlage keine reine Wiederholung behauptet: Zwischen dem passiven Fernsehzuschauer des ersten Kapitels und dem aktiv malenden, erzählenden Ich des letzten liegt eine Bewegung, die zwar die Gewalt der Welt nicht beendet, ihr aber – im begrenzten Rahmen einer Beziehung, eines Bildes, eines Satzes – etwas entgegensetzt. Genau darin liegt die doppelte Pointe des Titels: Die „französische Kunst des Krieges“ ist zugleich Gegenstand der Anklage und, im Modus der Kalligrafie und des Erzählens selbst, ihr einziges verfügbares Korrektiv.
- „La calligraphie classique procure le calme dont ont besoin les violents et les agités.“>>>
- „On voit l’homme de guerre à sa calligraphie, disent les Chinois ; dit-on.“>>>
- „L’art de la guerre est surtout d’attendre sans bouger.“>>>
- „Cette arme est celle de la guerre que nous allons mener.“>>>
- Il „leur présenta le couteau à énuquer dont ils avaient reçu toute une caisse“>>>
- „Chaque trace doit être juste, jeune homme.“>>>
- „Le génie français sut prendre le contrôle d’une ville orientale…“>>>
- „Mais je suis le narrateur : il faut bien que je narre.“>>>
- „Daguet“>>>
- „Desert Storm“>>>
- „des mots morts“>>>
- „Nous sommes colonisés“>>>
- „duvet de cygne“>>>
- „nous sommes encore des cavaliers scythes“>>>
- „Toujours dans tes ouvrages de dames, Salagnon !“>>>
- „On voit l’homme de guerre à sa calligraphie, disent les Chinois ; dit-on.“>>>
- „des mots morts“>>>
- „le seul pays“>>>
- „Homère parle de nous, bien plus que les actualités filmées.“>>>
- „un nom d’opération pris dans Star Wars„>>>
- „trébuchent sur des mots morts“>>>
- „Nous sommes colonisés. Il faut dire le mot.“>>>
- „Entre eux“>>>
- „dix pour un“>>>
- „Ici, comme là-bas“>>>
- Marin de Viry, „Aux armes, etc.“, Marianne, 20. August 2011, S. 62.>>>
- Jérôme Dupuis, „Jenni s’en va-t-en guerres“, L’Express, 31. August 2011, S. 94.>>>
- de Viry, „Aux armes, etc.“, S. 62.>>>
- Dominique Venner, „La guerre ambiguë d’Alexis Jenni“, Valeurs Actuelles, 22. September 2011, S. 74.>>>
- de Viry, „Aux armes, etc.“, S. 62.>>>
- de Viry, „Aux armes, etc.“, S. 62.>>>
- Elke Schmitter, „Der Feind, das höchste Gut“, Der Spiegel, 26. November 2012, S. 170.>>>
- Karl-Heinz Ott, „Kein bisschen Frieden; Von der Schwierigkeit, einen Roman über den Krieg zu schreiben: Der Franzose Alexis Jenni hat es versucht und dafür den Prix Goncourt bekommen. Doch am Ende will auch er nur eine Moralpredigt halten“, Welt am Sonntag, 18. November 2012, S. 54.>>>
- Tilman Krause, „Keine asketischen Ideale; Alexis Jennis in Frankreich gerühmter Roman ‚Die französische Kunst des Krieges‘ erinnert an die Kolonialkriege unseres Nachbarn“, Die Welt, 22. Dezember 2012, S. 6.>>>
- Ott, „Kein bisschen Frieden“, S. 54.>>>
- Jan Schulz-Ojala, „Der zwanzigjährige Krieg; Alexis Jenni rührt an französische Tabus – von der Résistance über Indochina und Algerien bis heute“, Der Tagesspiegel, 4. November 2012, S. 28. Jörg Aufenanger, „Foltern und Morden gehört dazu; Alexis Jennis preisgekrönter Debütroman über ‚Die französische Kunst des Krieges'“, Frankfurter Rundschau, 29. Dezember 2012, S. 32. Ott, „Kein bisschen Frieden“, S. 54.>>>
- Gero von Randow, „Das militärische Unbewusste; Mit seinem Roman ‚Die französische Kunst des Krieges‘ provoziert der Franzose Alexis Jenni“, Die Zeit, 29. November 2012, S. 18.>>>
- Schulz-Ojala, „Der zwanzigjährige Krieg“, S. 28. Ott, „Kein bisschen Frieden“, S. 54.>>>
- Schulz-Ojala, „Der zwanzigjährige Krieg“, S. 28.>>>
- „Je te rejoignis, mon cœur, tu m’attendais.“>>>





