Der Krieg als Handwerk, die Sprache als Wunde: Alexis Jenni

„L’art français de la guerre“ (Gallimard, 2011) erzählt im Kern eine einzige Geschichte in zwei Zeitebenen: die eines Landes, das seine Kriege nicht beendet, sondern nur verlagert hat. Victorien Salagnon durchläuft als junger Mann drei Kriege – den Widerstand gegen die deutsche Besatzung, den Indochinakrieg, den Algerienkrieg – und lernt in jedem dieselbe Lektion neu: dass Gewalt eine erlernbare, verfeinerbare Technik ist, ein „Handwerk“, das ebenso systematisch weitergegeben wird wie die Kalligrafie, die er parallel dazu übt. Der Aufsatz verfolgt diese These nicht an der großen Schlachtenerzählung, sondern gerade an ihrer Leerstelle: Die berühmteste Episode des Indochinakriegs, Điện Biên Phủ, kommt im Text kein einziges Mal vor; stattdessen zeigt der Roman das Kleinteilige – Hinterhalte, Verhöre, Verwaltungsakte, Erschießungen von Gefangenen am Straßenrand. In dieser Auslassung liegt die Pointe des Titels: Nicht der Sieg, sondern die stille, bürokratisch durchdachte Ausübung von Zwang wird zur eigentlichen „französischen Kunst des Krieges“. Um diese Kriegsgeschichte legt Jenni die Gegenwartsgeschichte eines namenlosen Erzählers, der sich selbst als gescheitert erlebt und bei Salagnon nicht nur Malen, sondern auch Erzählen lernt – eine Rahmenhandlung, die der Aufsatz nicht als bloßes Vehikel, sondern als eigenständige Argumentationsebene liest: In banalen Alltagsszenen, einer an Konsum statt an Nähe zerbrechenden Ehe, einer Polizeikontrolle auf einer Brücke, einem betrunkenen Alten vor dem Fernseher, tauchen dieselben sprachlichen und gedanklichen Muster wieder auf, die in den Kriegskapiteln entwickelt wurden: die Rede vom „ils“, die Sehnsucht nach der klärenden Ohrfeige, das Gefühl der Belagerung. Die Interpretation stützt sich dabei weniger auf die Ähnlichkeit der Ereignisse als auf die Wiederkehr dieser sprachlichen Muster und liest sie als Beleg dafür, dass Frankreich die Sprache seiner kolonialen Kriege nie abgelegt, sondern ins Private und in die Vorstadtrhetorik verschoben hat. Dass der Erzähler am Ende dennoch eine Liebesgeschichte findet – parallel zu Salagnon und Eurydice, die sich nach achtzehn Kriegsjahren endlich wiederfinden –, wird weniger als versöhnliches Ende denn als knapp behauptete, bewusst fragile Gegenwelt gewertet: Tusche statt Blut, ein Zimmer statt eines Krisengebiets, während draußen die nächste Unruhe aufflammt.

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