Die Republik als Pappmaché: Sprache, Politik und Elite bei Cécile Guilbert

Eine Nacht zwischen Fernsehstudio und Familienbett

Ein Zufallstreffen auf dem Treppenabsatz einer Pariser Talkshow, ein Cocktail im Hôtel Meurice, ein falscher Bombenalarm an der Place des Pyramides, ein Abendessen unter alten Freunden, die sich über Islamismus und den „Großen Austausch“ die Köpfe heißreden – Cécile Guilberts 2017 bei Grasset erschienener Roman Les Républicains verhandelt Politik nicht als Programm, sondern als Habitus, als Sprache, als Begehren. Die These dieses Aufsatzes lautet, dass der Roman politisch ist, ohne ein Parteibuch zu vertreten: Er stellt eine Klasse aus – Absolventinnen und Absolventen von Sciences-Po, Berater, Bankiers, Journalistinnen, Schriftstellerinnen –, die über Macht so redet, wie andere über Wetter reden, beiläufig, kompetent, folgenlos. Zugleich unterläuft der Text jede bequeme Satire, indem er seine Erzählerin selbst in dieses Milieu verstrickt zeigt und am Ende offenlegt, dass der ganze Abend nichts anderes gewesen sein könnte als der Stoff, aus dem eben dieser Roman gemacht ist. Politisch ist Les Républicains also nicht, weil er eine Position vertritt, sondern weil er zeigt, wie aus Sprache, Erinnerung und Begehren jene „éléments de langage“ entstehen, mit denen sich Politik und Literatur gleichermaßen behelfen.

Der Roman beginnt um siebzehn Uhr vor der Wohnung des Talkshow-Moderators Thierry Ardisson, wo die namenlos bleibende Ich-Erzählerin, von ihrem alten Spitznamen „la fille en noir“ gerufen, nach dreißig Jahren auf ihren früheren Studienkollegen Guillaume Fronsac trifft. Fronsac, hoher Beamter und Finanzberater mit einer Karriere im Umfeld von Édouard Balladur, Nicolas Sarkozy und der Hochfinanz, lädt sie auf einen Drink ein; die beiden ziehen durch mehrere Bars der Rive droite, vom Régina zum Hôtel Meurice, während sie ihre gemeinsame Vergangenheit an der Sciences-Po und ihre höchst unterschiedlichen Wege seither austauschen. Bereits diese erste Erzählebene wirft die Leitfrage auf, wie Intimität und Macht ineinandergreifen: Ist die Wiederbegegnung ein privates Ereignis oder eine Fortsetzung jener Ökonomie von Netzwerk und Einfluss, der beide einst entstammten?

Parallel dazu, meist in Rückblenden aus der U-Bahn-Fahrt oder in eingeschobenen Passagen erzählt, entfaltet sich ein zweiter Handlungsstrang: das Abendessen, das der Ehemann der Erzählerin, Nathan, in ihrer gemeinsamen Wohnung im Faubourg Saint-Antoine mit langjährigen Freunden ausrichtet. Dort geraten Serge und Melchior, ein Linker, der sich als „néoréac“ versteht, und ein zum Neokonservativen gewandelter Soziologe, in einen Schlagabtausch über Islamismus, den „Grand Remplacement“ und die Frage, ob Kritik an Einwanderung automatisch rechtsextrem sei. Diese Szene, die Namen wie Renaud Camus, Alain Finkielkraut, Michel Onfray und Éric Zemmour aufruft, bildet das diskursive Gegenstück zur ersten Ebene: Wo Fronsac und die Erzählerin die Mechanik der Macht aus der Innenperspektive analysieren, führen Nathans Gäste den ideologischen Grabenkampf der Straße und der sozialen Medien vor. Die Leitfrage, die sich hier stellt, betrifft die Möglichkeit oder Unmöglichkeit von Verständigung in einer politisch polarisierten Öffentlichkeit.

Ein dritter, verbindender Strang ist die Gerüchtewelle um einen vermeintlichen Terroranschlag an der Place des Pyramides, unweit der Statue der Jeanne d’Arc. Radiomeldungen, Twitter-Gerüchte und die Erinnerung an die tatsächlichen Anschläge vom 13. November 2015 verdichten sich zu einer Angstkulisse, die beide Schauplätze – die Bar-Tour der Erzählerin und das Abendessen bei Nathan – gleichermaßen durchzieht, sich am nächsten Morgen aber als Fehlalarm herausstellt. Damit rückt der Roman die Frage in den Vordergrund, wie eine saturierte, ironische Elite mit der realen Möglichkeit von Gewalt umgeht, die ihre eigenen Gespräche über Politik jäh in den Ernstfall zu kippen droht, ohne dass es am Ende tatsächlich dazu kommt.

Im letzten Kapitel, betitelt „Minuit“ und „Minuit bis“, wechselt der Roman unvermittelt die Perspektive: Statt der Ich-Erzählerin folgt nun ein auktorialer Blick Guillaume Fronsac nach Hause, zu seiner Frau Hortense und seinen Sorgen um die eigenen halbwüchsigen Söhne in einer Welt von Darknet, Dschihadismus und digitaler Verwahrlosung. Die vierte Leitfrage, die sich aus dieser Volte ergibt, betrifft die Erzählperspektive selbst: Wessen Geschichte ist das eigentlich, und was bedeutet es, dass der Roman genau in dem Moment die Erzählinstanz wechselt, in dem die Ich-Erzählerin selbst einschläft? Die Schlusspointe – der Gedanke der Erzählerin, aus dieser Nacht vielleicht „mieux encore“ einen Roman zu machen – bindet diese vier Ebenen noch einmal zusammen und wird im letzten Teil dieses Aufsatzes eigens gewürdigt.

Die Ironie des Titels: Parteiskandal und Gründungsrepublik

Der Titel „Les Républicains“ spielt bewusst mit der Doppeldeutigkeit zwischen dem Namen der 2015 gegründeten Partei um Sarkozy und Fillon und der grundlegenderen Bedeutung „Bürger der Republik“ – der Roman lässt offen, welche der beiden Lesarten gemeint ist, weil seine Figuren beide Register gleichzeitig bespielen. Zugleich holt der Titel jene Schicht der Pariser Stadtgeschichte ins Spiel, die die Erzählerin und Fronsac buchstäblich abschreiten: die Gründungsrepublikaner von 1789 bis 1794, deren Ideale an denselben Orten (Concorde, Tuilerien, Faubourg Saint-Antoine) verhandelt wurden, an denen jetzt Cocktails getrunken und Karrieren gemacht werden. So wird der Titel zur Ironie: Er benennt eine Kontinuität republikanischer Rhetorik, die der Roman gerade als hohl, „carton-pâte“, entlarvt – ein Etikett, das heute so ziemlich jeden und niemanden mehr politisch verpflichtet.

Der Niedergang der Partei Les Républicains lässt sich bereits am Fillon-Skandal 2017 festmachen: Der ursprüngliche Favorit François Fillon geriet Ende Januar 2017 durch den „Penelopegate“ ins Straucheln, als bekannt wurde, dass er seine Frau Penelope und seine Kinder über Jahre für weitgehend fiktive parlamentarische Assistenzstellen bezahlt hatte – und stürzte damit von der Favoritenrolle zu einer historischen Niederlage mit nur 20,1 Prozent bereits im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl 2017. Diese „élection imperdable“ öffnete Emmanuel Macron den Weg ins Präsidentenamt und beschädigte das Ansehen der Partei nachhaltig, ohne dass sie sich seither wirklich erholte: Bei der Präsidentschaftswahl 2022 folgte mit Valérie Pécresse und 4,78 Prozent eine noch schwerere Niederlage bereits im ersten Wahlgang, und bei den Parlamentswahlen fiel die Partei hinter den Rassemblement National zurück. Die endgültige Zerrüttung kam 2024, als Parteichef Éric Ciotti eigenmächtig ein Bündnis mit dem RN einging, ausgeschlossen wurde und die Partei bei der Europawahl mit 7,2 Prozent erneut historisch schwach abschnitt, bis sie sich organisatorisch in die Regierungsnähe als „Droite républicaine“ umformierte und im Mai 2025 mit Bruno Retailleau einen neuen Vorsitzenden wählte.

Die Französische Revolution ist im Roman nicht Gegenstand einer eigenen Handlung, sondern wird über drei Verfahren in die Gegenwartserzählung eingeschrieben: als Stadtraum, als Bildspende für Gewaltfantasien und als Ironie des Titels selbst.

Der Stadtraum wird als Palimpsest gezeigt: Der nächtliche Spaziergang von Fronsac und der Erzählerin folgt fast wörtlich der Topografie der Revolution: Sie durchqueren den ehemaligen Standort der Salle du Manège, in der Konstituante, Gesetzgebende Versammlung und Konvent tagten und 1792 die Republik ausriefen sowie den Prozess gegen Ludwig XVI. führten; sie passieren die Ruinen der Tuilerien und das letzte Wohnhaus Talleyrands, über dessen Doppelrolle als Revolutionär, Bischof und Verräter mehrerer Regime Fronsac ein regelrechtes Bravourstück hält; sie erreichen die Vendôme-Säule mit ihrer zweimal gestürzten, zweimal wiedererrichteten Napoleon-Statue und schließlich die Place de la Concorde, auf der Ludwig XVI. geköpft wurde und die der Roman explizit als bis heute „unbewohnbaren“, schuldbeladenen Ort beschreibt. Am anderen Ende der Achse liegt der Faubourg Saint-Antoine, historischer Ausgangspunkt revolutionärer Erhebungen, wo die Erzählerin wohnt – unweit des Friedhofs von Picpus mit den Massengräbern der während der Terreur Guillotinierten. Die Gegenwartsfiguren bewegen sich damit buchstäblich auf dem Pflaster der Revolutionsgeschichte, ohne dass ihnen das eigene Handeln (Karriereplanerei, Flirt, Cocktails) diese Last besonders bewusst wäre – der Kontrast zwischen historischer Wucht des Ortes und Beiläufigkeit des Gesprächs erzeugt die eigentliche Pointe dieser Passagen.

Aus dieser räumlichen Ebene entwickelt der Roman eine wiederkehrende Blut- und Enthauptungsmetaphorik: Guillotine, Enthauptung und Terreur tauchen als Vergleichsgröße für Gegenwärtiges auf, am deutlichsten in der Fantasie der Erzählerin, wie ein Terroranschlag die Statue der Jeanne d’Arc zerlegen würde – Kopf, Arm und Rüstung „geköpft“, verstreut wie einst Körperteile unter der Guillotine. Die reale Terrorangst des Abends wird damit unwillkürlich in die Bildsprache der Terreur von 1793/94 übersetzt; die Revolution liefert das ästhetische Vokabular, mit dem der Roman zeitgenössische Gewalt fassbar macht, nicht als politische Erklärung, sondern als wiederkehrendes kollektives Trauma, das sich in immer neuen Formen (Königsmord, Bürgerkrieg, Attentat) wiederholt.

Schließlich rahmt die Revolutionsgeschichte wie angedeutet den Romantitel selbst: „Les Républicains“ schillert zwischen der Parteibezeichnung der Gegenwart und den ursprünglichen Republikanern von 1789–1794, deren Idealen – Gleichheit, Tugend, Bruch mit dem Ancien Régime – die heutigen Figuren sich rhetorisch verpflichtet fühlen, ohne dass ihr Lebensstil (Luxusbars, Netzwerke, Sciences-Po-Seilschaften) noch etwas mit ihnen zu tun hätte. Die Revolution fungiert damit als Maßstab, an dem der Roman die Hohlheit gegenwärtiger republikanischer Rhetorik misst: Der historische Ort bleibt bedeutungsschwer, während das, was sich heute dort abspielt, bewusst als Pappkulisse entlarvt wird.

Zeitachse und Stadtraum als Erzählform der Macht

Les Républicains gehört zur Gattung des Gesellschaftsromans oder, genauer, des Salon- und Milieuromans mit deutlichen Zügen eines Schlüsselromans: Reale Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens – Ardisson, Jean-François Copé, David Pujadas, Anne Roumanoff, der Bankier und Politiker, der im Text „Chardon“ heißt, der Schriftsteller François-Marie Banier – treten unter ihrem eigenen beziehungsweise einem transparent verschlüsselten Namen auf und werden neben die frei erfundenen Hauptfiguren gestellt. Diese Mischung aus Dokumentarischem und Fiktivem ist gattungskonstitutiv: Sie erlaubt es dem Roman, sich als Chronik einer bestimmten historischen Stunde – Frankreich im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen von 2017, im Schatten der Anschläge von 2015 – auszugeben, ohne die Verbindlichkeit eines Sachbuchs zu übernehmen. Zugleich trägt der Text unübersehbar Züge des Konversationsromans französischer Tradition, dessen Handlung sich fast ausschließlich in Dialogen und Wanderungen durch die Stadt vollzieht, sowie – über das Motto Sarkozys und die Verweise auf Retz und Saint-Simon – des Moralisten-Essays, der Macht als psychologisches und rhetorisches Phänomen seziert.

Die Zeitstruktur ist demonstrativ klassisch und zugleich unterlaufen: Sieben Kapitelüberschriften – „Dix-sept heures“, „Dix-sept heures trente“, „Vingt heures“, „Vingt heures trente“, „Vingt-trois heures“, „Minuit“, „Minuit bis“ – suggerieren eine strenge, fast dramaturgische Einheit der Zeit, wie sie die klassische Tragödie fordert. Tatsächlich aber springt die Uhr: Zwischen 17.30 und 20 Uhr, zwischen 20.30 und 23 Uhr klaffen Lücken von jeweils zweieinhalb Stunden, die der Roman nicht linear erzählt, sondern in Rückblenden, Assoziationen und Bericht auffüllt. Die vermeintliche Präzision der Uhrzeiten – ein Vokabular, das an Protokolle, an Fahrpläne, an die Sprache von Sicherheitsbehörden erinnert – kontrastiert so mit einer im Grunde assoziativen, von Erinnerung und Alkohol getriebenen Erzählzeit. Diese Spannung von behaupteter Kontrolle und tatsächlicher Diffusion ist selbst schon eine politische Aussage: Sie bildet im Kleinen jene Diskrepanz zwischen der behaupteten „Beherrschung der Lage“ der Sicherheitsbehörden während des Anschlagsalarms und dem tatsächlichen Nichtwissen aller Beteiligten ab.

Der Roman ist über weite Strecken auch ein Text der Straße, konkret der Achse Rivoli–Concorde–Bastille. Diese Wahl ist keineswegs neutral: Es ist wie oben gezeigt die Route der Revolution bis zum Faubourg Saint-Antoine, dem historischen Ausgangspunkt revolutionärer Aufstände, wo die Erzählerin mit Nathan in einem selbstironisch „cabane“ genannten Loft wohnt. Der Stadtraum wird damit zu dem, was man eine vertikale Chronotopie nennen könnte: Jeder Schritt der Figuren durch das horizontale Paris des Jahres 2016 legt zugleich eine Schicht politischer Erinnerung frei, von 1789 über 1815, 1871, 1934 bis zu den Attentaten der Gegenwart. Die Gegenwartshandlung bewegt sich buchstäblich auf dem Pflaster der Geschichte, und die Bar, in der Fronsac und die Erzählerin sitzen, entpuppt sich als Fassade: Als die Erzählerin nach einem Buch in einem Regal des Meurice greifen will, stößt sie auf lederne Buchattrappen. Diese kleine, fast beiläufige Szene – ein Wandregal mit falschen Buchrücken in einer Luxusbar – wird zum Sinnbild für die gesamte politisch-mediale Kulisse, die der Roman durchmisst. „Wie die Politik und die Epoche, aus Pappmaché!“ 1 ruft Fronsac aus, während er, selbst leicht betrunken, sein Telefon zückt. Die Formel verbindet Bühnenbild, politisches Zeitalter und private Begegnung in einem Bild: Was hier verhandelt wird, ist Dekor, Kulisse, eine sorgfältig arrangierte Oberfläche, hinter der – wie hinter der ledernen Regalwand – kein Buch, kein Text, keine Substanz mehr zu finden ist. Der Kommentar der Erzählerin, sie habe „tout pour la frime, l’apparence“ gedacht, bevor Fronsac seinerseits die Zeitdiagnose formuliert, macht deutlich, dass beide Figuren sich der Kulissenhaftigkeit ihrer Welt durchaus bewusst sind, ohne dass dieses Bewusstsein sie handlungsfähiger machen würde.

Stimmen ohne festen Ort: Figuren, Rede und Fokalisierung

Die Figurenkonstellation ist bewusst asymmetrisch angelegt. Guillaume Fronsac ist mit vollem Namen, Ausbildungsweg (ENA, Sciences-Po), beruflicher Laufbahn (Kabinett Balladur, Fusionen und Übernahmen, Finanzberatung) genau verortet; die Erzählerin dagegen bleibt namenlos und wird durchgehend nur mit dem Spitznamen aus Studienzeiten benannt, „la fille en noir“. Diese Asymmetrie der Benennung ist selbst schon ein Genderkommentar: Der Mann tritt als Individuum mit Biografie und Funktion auf, die Frau bleibt ein literarischer Typus, definiert durch Kleidung und Blick von außen, obwohl gerade sie die Erzählinstanz und, wie sich am Ende zeigt, potenziell die Autorin des ganzen Textes ist. Um Fronsac und die Erzählerin herum gruppieren sich zwei komplementäre Kreise: auf der einen Seite die mediale und politische Prominenz beim Empfang Ardissons, auf der anderen Seite Nathans Freundeskreis – Serge und seine Frau Inès, der Junggeselle Melchior, das frisch verheiratete Paar Bernard und Mourad –, das die ideologische Bandbreite der französischen Linken und Rechten im Kleinformat abbildet: postkolonial-antirassistisch, neokonservativ-islamkritisch, links-souveränistisch, laizistisch-liberal.

Kommunikationsformen sind im Roman auffällig vielfältig und stets medial vermittelt oder halb-öffentlich: das improvisierte „off“ eines Fernsehmoderators, die SMS, die am Ende unbemerkt auf dem Telefon der Erzählerin aufleuchtet, der Radio-Nachrichten-Flash mit seiner bürokratischen Sprache von „périmètre de sécurité“ und „brigade de déminage“, das Gerücht auf Twitter, das die Dinnergesellschaft in Echtzeit umtreibt, sowie – als Kontrastfolie – die hochstilisierte mündliche Rede Fronsacs und der Erzählerin selbst, gesättigt mit Zitaten von Machiavelli, Talleyrand, Foucault und Saint-Simon. Bezeichnend ist, dass der Roman die tote Sprache der Macht selbst reflektiert: Die Erzählerin erinnert sich an ihre eigene Zeit als Ghostwriterin für einen Minister, in der sie gelernt habe, wie aus stilistischem Ehrgeiz am Ende nur noch „une langue blanche“ übrigbleibt. Diese Passage bildet den Kern der sprachkritischen Reflexion des Romans über politische Rhetorik. Der Text beschreibt, wie sich der anfängliche Stolz der jungen Redenschreiberin, mit literarischen Anspielungen und kunstvollen Übergängen zu glänzen, im Lauf der Zeit in eine genormte, jeden Widerstand glättende Diktion verwandelt.

Moins de bois que de coton, l’idiome en règle devait toujours être mielleux à souhait, sans crêtes ni arrêtes, euphémisé à mort et truffé de mission, rassemblement, idée de la France et autres valeurs de la République qui le rendaient parfaitement défunt. Quant à vouloir épater tes patrons avec des citations de Bossuet ou Balzac, tu avais rapidement cessé car tous réclamaient du Saint-John Perse et du René Char, increvables ampoulés dont la classe dirigeante n’avait toujours pas compris que les citer comme preuve de culture trahissait son absence de goût.  Impose ta chance, serre ton bonheur, va vers ton risque… Mais oui, bien sûr, combien de fois ministres et roitelets des collectivités locales nous avaient fait le coup de cette scie du bûcheron heideggerien de l’Isle-sur-la-Sorgue ? Même Jean-Marie Meissier l’avait déclamé… À te regarder ils s’habitueront… Tu parles ! Mais qui se souvient de J2M ? Tu avais donc lâché tout ça et ne regrettais rien.

Weniger Holz als Baumwolle – die Sprache musste stets nach Belieben honigsüß sein, ohne Ecken und Kanten, bis zum Äußersten beschönigt und gespickt mit Mission, Zusammenhalt, der Idee von Frankreich und anderen Werten der Republik, was sie vollkommen leblos machte. Was den Versuch anging, deine Chefs mit Zitaten von Bossuet oder Balzac zu beeindrucken, so hattest du damit schnell aufgehört, denn alle verlangten nach Saint-John Perse und René Char, diesen unverwüstlichen Schwülstigen, bei denen die herrschende Klasse immer noch nicht begriffen hatte, dass das Zitieren ihrer Werke als Beweis für Kultur ihren Mangel an Geschmack verriet.  Erzwinge dein Glück, halte dein Glück fest, geh dein Risiko ein… Aber ja, natürlich, wie oft hatten uns Minister und kleine Fürstchen der Kommunalverwaltungen schon diese abgedroschene Phrase des Heidegger’schen Holzfällers aus L’Isle-sur-la-Sorgue um die Ohren gehauen? Sogar Jean-Marie Meissier hatte sie schon deklamiert… Wenn sie dich so ansehen, werden sie sich daran gewöhnen… Von wegen! Aber wer erinnert sich schon an J2M? Du hattest das alles also hinter dir gelassen und bereutest nichts.

Die Sprache der Macht wird hier als etwas beschrieben, das jede Kontur, jeden Widerstand, jede Färbung verloren hat. So zeigt sich hier, dass der Roman politische Kritik nicht in erster Linie an Programmen, sondern an der Sprache selbst festmacht: Die „éléments de langage“, von denen im Buch mehrfach die Rede ist, sind das eigentliche Symptom eines politischen Systems, das seine Substanz an die Form der Kommunikation verloren hat – ein Befund, der sich unmittelbar mit der oben genannten Pappmaché-Metapher der Bar verbindet.

Sprache ist im Roman durchgehend das Material, an dem sich Macht zeigt – nicht ihre Handlungen. Am dichtesten wird das in der Erinnerung der Erzählerin an ihre Zeit als Ghostwriterin: Anfangs schmückt sie Reden mit den erwähnten Zitaten, ehe sie lernt, dass am Ende jeder stilistischen Anstrengung nur eine „langue blanche“ übrigbleibt, ein Idiom, das sie selbst als „moins de bois que de coton“ beschreibt, Wörter, die im Mund der Mächtigen tot sind, noch bevor sie ausgesprochen werden. Später, beim Streitgespräch über die Revolution der Straße, kippt dieselbe Kritik ins Gegenwärtige: Wenn Fronsac von einem „échanger“ spricht, das intransitiv geworden ist, oder davon, „en capacité“ zu sein, um ein „ressenti“ im „vivre ensemble“ zu formulieren, entfährt der Erzählerin der Vergleich mit einer Viehtransportkarre, einer „bétaillère“. Dasselbe Bild kehrt wieder, als sie im Meurice nach einem Buch aus dem Regal greifen will und ihre Finger auf lederne Attrappen stoßen, Politik als Kulisse ohne Text dahinter. Diese leere Ziersprache hat ihr genaues Gegenstück in der Sprache der Behörden, die während des Terroralarms aus dem Radio dringt: trockene Formeln wie „périmètre de sécurité“, „brigade de déminage“, die Versicherung, „la situation est sous contrôle“, während gleichzeitig auf Twitter nur diffuse Gerüchtefetzen kursieren – „un riverain aurait aperçu deux individus suspects“ – und die Freunde am Küchentisch binnen Minuten den „point Godwin“ erreichen, wo jedes Argument in „reductio ad Hitlerum“ umschlägt. Gegen all das setzt der Roman einzig Fronsacs und die eigene Redseligkeit der Erzählerin, ihr Spiel mit Talleyrand- und Machiavelli-Zitaten – eine Sprache, die brillanter klingt, aber, wie der Text am Ende selbst eingesteht, strukturell ebenso folgenlos bleibt wie die Phrasen, die sie verspottet.

Formal ist die Erzählperspektive weit komplexer, als der Ich-Erzähler-Einstieg vermuten lässt. Zwar dominiert zunächst die homodiegetische Ich-Erzählung der „fille en noir“, doch der Roman wechselt wiederholt und unmarkiert in eine Anrede der Erzählerin an sich selbst in der zweiten Person („tu“), etwa wenn sie sich an ihre eigene Zeit als Redenschreiberin erinnert und sich selbst in einer Art innerem Zwiegespräch beobachtet. An anderer Stelle rutscht die Perspektive unbemerkt in ein Ich Fronsacs, etwa wenn dieser über seine finanzielle Situation und seine frühere Affäre mit einer gewissen Juliette nachdenkt – ein Ich, das grammatisch nicht mehr eindeutig der „fille en noir“ zuzuordnen ist. Im letzten Kapitel schließlich wechselt der Roman ganz zu einer heterodiegetischen dritten Person, die Fronsacs Heimkehr zu seiner Frau Hortense, sein sexuelles Wiederanknüpfen an die eigene Ehe und seine Angst um seine Söhne schildert – Wissen, das der Ich-Erzählerin zu diesem Zeitpunkt gar nicht zur Verfügung stehen kann, da sie zeitgleich einschläft. Diese perspektivische Uneindeutigkeit ist kein Erzählfehler: Ein Roman, der Macht als etwas beschreibt, das sich hinter Masken, Kulissen und Rollenwechseln verbirgt, bildet diese Maskerade auf der Ebene der Fokalisierung selbst ab. Wer hier spricht, ist so wenig eindeutig fixierbar wie die Frage, wer in einer Regierung tatsächlich entscheidet.

Politische Theorie und Elitensoziologie

Der Roman liefert das Material für eine Diagnose, die man als Konvergenztheorie bezeichnen könnte. Fronsacs eigene Karriere – vom RPR-nahen Kabinett Balladur über die Finanzwelt bis zur distanzierten Beobachtung Hollandes – und die Dinnerparty-Debatte, in der ein Linker plötzlich klingt wie Zemmour und ein anderer wie Mélenchon, zeigen eine politische Klasse, für die die Links-Rechts-Achse faktisch aufgehoben ist zugunsten eines gemeinsamen Habitus aus Netzwerk, Sprache und Selbsterhaltung. Das ist nahe an Vorstellungen einer zirkulierenden, sich selbst reproduzierenden „noblesse d’État“, die unabhängig vom Wahlausgang an der Macht bleibt – eine Pointe, die auch die reale „UMPS“-Rhetorik der französischen Ränder aufgreift, ohne sie sich zu eigen zu machen.

Gegen eine geschlossene Theorie sprechen jedoch Form und Haltung des Textes selbst. Die Streitgespräche bei Nathan werden nicht aufgelöst, sondern bleiben als reines Ballwechsel-Muster stehen; die Erzählerin selbst hat, wie sie zugibt, keine eigene Position jenseits eines ästhetisch-moralistischen Ideals aus „nuance“, Esprit und Selbstkritik. Ein Roman, der explizit mit wechselnden, einander widersprechenden Fokalisierungen arbeitet und am Ende offenlässt, ob das Erzählte „Realität“ oder bereits Fiktion der Erzählerin ist, verweigert sich einer Theorie mit Geltungsanspruch – er stellt Positionen aus, statt sie zu synthetisieren, ganz im Sinn des Moralisten, der beschreibt, aber nicht programmiert.

Am ehesten lässt sich deshalb eine Spektakel-Theorie der Politik herausdestillieren, die zur Essayistik der Autorin passt (Guilbert hat selbst ein Buch über Guy Debord verfasst): Politik erscheint im Roman als Serienformat unter anderen – gleichrangig neben House of Cards oder Game of Thrones zitiert –, das dem Publikum Ohnmacht erträglich macht, indem es sie ästhetisiert. Der Terroralarm des Abends fungiert dabei als kurzes Einbrechen des Realen in dieses Spektakel, das die Ohnmacht aller Beteiligten schlagartig sichtbar macht, bevor er sich als Fehlalarm auflöst und alles zur Erzählung zurückkehrt. Eine „Theorie“ im strengen Sinn liefert das nicht, wohl aber eine These: dass zeitgenössische Politik in Frankreich wesentlich als Erzählung funktioniert – und dass der Roman selbst, der genau das vorführt, seiner eigenen Diagnose nicht entkommt.

Elitensoziologisch entwirft der Roman ein Bild dessen, was Bourdieu die „noblesse d’État“ genannt hat – eine Formulierung, die der Text fast wörtlich selbst verwendet, wenn von der „grande bourgeoisie d’État“ die Rede ist, die sich über Titel, Diplome und Netzwerke reproduziert, statt über Herkunft im alten Sinn. Zentral ist dabei die Reproduktionsmaschine Sciences-Po/ENA: Fronsac und die Erzählerin kennen sich aus derselben Promotion, und ihr Wiedersehen dreißig Jahre später zeigt, wie sich aus diesem einen Jahrgang ganz unterschiedliche, aber strukturell verwandte Karrieren entwickelt haben – Kabinettsberater, Bankier, Schriftstellerin, während die tatsächliche demokratische Legitimation (sich zur Wahl stellen, wie Fronsac es explizit nie getan hat) im Milieu selbst eher als naiv oder überflüssig gilt.

Der Roman zeigt zweitens die Fluidität zwischen Politik, Verwaltung und Finanzwelt als Kennzeichen dieser Elite. Fronsacs Weg – vom Kabinett Balladur über M&A-Beratung bis zur distanzierten Beobachtung Hollandes – exemplifiziert das „pantouflage“, den Wechsel zwischen öffentlichem Amt und privatem Kapital, den der Text an anderer Stelle explizit als Symptom einer selbstbedienenden Kaste kritisiert, die sich zugleich als unentbehrlich für die Nation inszeniert. Der Bankier Chardon, der einst Hollandes Ohr suchte und nun auf „ein neues Pferd“ setzt, führt dieselbe Zirkulation vor: Nähe zur Macht ist käuflich, wechselhaft und überlebt jeden Regierungswechsel.

Drittens macht der Roman die Kleinräumigkeit dieser Welt sichtbar – ihr „entre-soi“: Immer wieder trifft man dieselben Personen an denselben Orten wieder (die frühere Affäre Juliette, plötzlich am Nachbartisch im Meurice; der greise Skandalautor Banier, der durch dieselbe Hotelhalle geistert), was weniger Zufall als Struktur ist: Diese Elite verkehrt in geschlossenen Zirkeln aus Luxusbars, Fernsehstudios und immer denselben Sommerfesten, weshalb die Erzählerin eigens bemerkt, sie kenne „zu viele Leute“ und werde „von zu vielen Leuten gekannt“. Auch die Sprache selbst – die „éléments de langage“, die glattgeschliffene Rede der Redenschreiberin – erweist sich als Distinktionsmerkmal dieser Klasse: Man erkennt sich an gemeinsamen Zitaten (Saint-Simon, Machiavelli, Talleyrand), nicht an politischer Überzeugung.

Viertens schließlich zeigt der Roman, wie diese Elite sich selbst reflexiv und zynisch beschreibt, ohne daraus praktische Konsequenzen zu ziehen: Fronsacs eigenes Eingeständnis, er habe „vom System profitiert“, ohne etwas strafrechtlich Verfolgbares getan zu haben, steht exemplarisch für eine Klasse, die ihre Privilegien genau kennt, benennen kann und dennoch unangetastet weiterlebt – der Bruch zwischen scharfer Selbstanalyse und faktischer Trägheit ist selbst der pointierteste elitensoziologische Befund des Buchs. Die Dinner-Party bei Nathan liefert dazu das Gegenbild einer bürgerlich-intellektuellen Mittelschicht, die zwar politisch heftiger streitet, aber strukturell ebenso homogen bleibt (Sorbonne-Milieu, ähnliche Wohnviertel, ähnlicher kultureller Kapitalbesitz) – der Roman zeigt damit zwei Spielarten derselben Klassenlage, nicht deren Gegensatz.

Schatten, Feuer, Masken

Das semantische Feld des Romans ist auffällig von Licht- und Schattenmetaphorik, von Theater- und Maskenbildern sowie von Feuer- und Blutsymbolik durchzogen. Bereits das Eingangsmotto Varys‘ aus Game of Thrones – Macht als „Schatten an der Wand“ – etabliert ein Bildfeld, das der Roman konsequent weiterführt: Fronsac wird als „courant d’ombre“ eingeführt, als Mann, der stets die Kulisse dem Rampenlicht vorzieht; die Bar im Meurice erweist sich als Kulisse aus Pappmaché; die Konversation der Freunde am Küchentisch wird mit Tischtennis- und Fechtmetaphern beschrieben. Daneben tritt ein Blutfeld, das die Guillotine, die Terreur, den möglichen Terroranschlag und die Beziehung zwischen Erzählerin und Fronsac verbindet: Wiederholt ist von Enthauptung die Rede, historisch (Ludwig XVI., die Massengräber von Picpus) wie imaginär, wenn die Erzählerin sich detailliert die Zerstörung der Jeanne-d’Arc-Statue durch einen fiktiven Anschlag ausmalt.

Diese Fantasie entsteht, nachdem die Erzählerin beim Abendessen von einem Bombenalarm in der Nähe ihres eigentlichen Aufenthaltsorts erfährt und sich, statt in Panik zu geraten, in eine geradezu filmische Vorstellung der möglichen Zerstörung hineinsteigert.

La fille en noir se repassa cette séquence où la terreur avait sa splendeur, version contemporaine de l’ancienne beauté des ruines abondamment glosée lors de la destruction des tours de New York, vues et revues par certains comme un opéra de violence grandiose. Puis elle s’arrêta sur l’image pour contempler la chaussée jonchée de débris métalliques tordus, ainsi que le socle de granit rose évidé où ne demeuraient plus, fichés dans le prolongement des sabots, que deux jarrets à demi déchiquetés. Sur le balcon du premier étage du Régina, gisait un reste fumant du bras armé de Jeanne, tandis que sur le trottoir opposé, un morceau de sa jambière reposait comme une sculpture abstraite. Haché menu comme du bois d’allumettes, son étendard avait disparu. Tout comme sa tête protégée d’un heaume qui avait peut-être été décapitée avant de se dissoudre dans la brutalité de l’impact. Une odeur âcre de poudre flottait sur cette désolation noircie mais le plus frappant, s’imaginait-elle, aurait été le silence, le lourd silence de mort qui pesait sur cette scène au goût de cendres et de déjà vu.

Das Mädchen in Schwarz ließ diese Sequenz noch einmal Revue passieren, in der der Schrecken seine Pracht entfaltete – eine zeitgenössische Version der alten Schönheit der Ruinen, die anlässlich des Einsturzes der Türme von New York ausführlich kommentiert und von manchen als eine Oper grandioser Gewalt immer wieder betrachtet wurde. Dann hielt sie das Bild an, um die mit verbogenen Metalltrümmern übersäte Fahrbahn zu betrachten, ebenso wie den ausgehöhlten Sockel aus rosa Granit, in dem, in der Verlängerung der Hufe feststeckend, nur noch zwei halb zerfetzte Haxen übrig waren. Auf dem Balkon im ersten Stock des „Régina“ lag ein noch rauchender Rest von Jeannes bewaffnetem Arm, während auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig ein Stück ihres Beinschutzes wie eine abstrakte Skulptur ruhte. Fein zerkleinert wie Streichholzholz war ihr Banner verschwunden. Genauso wie ihr von einem Helm geschützter Kopf, der vielleicht enthauptet worden war, bevor er sich in der Brutalität des Aufpralls auflöste. Ein beißender Geruch nach Schießpulver schwebte über dieser geschwärzten Verwüstung, doch am auffälligsten, so stellte sie sich vor, wäre die Stille gewesen, die schwere Stille des Todes, die auf dieser Szene lastete, die nach Asche und Déjà-vu schmeckte.

Dieser Passus zeigt, wie eng ästhetisches Vergnügen und politischer Ernst im Roman ineinandergreifen: Die Erzählerin genießt, mit einer Mischung aus Schuldbewusstsein und Faszination, das Bild der Katastrophe als Kunstwerk, bevor sie sich – konsequent – wieder Fronsac und der Frage zuwendet, ob er wohl schon eine SMS geschickt habe. Politik erscheint hier nicht als Handlungsfeld, sondern als Bilderreservoir, aus dem sich private Erregung speist; die reale Bedrohung wird zur Chiffre eines erotischen Nervenkitzels.

Geschlechterverhältnisse werden im Roman nicht explizit thematisiert, aber in der Konstellation selbst verhandelt: Die Erzählerin bewegt sich als verheiratete Frau in einer im Kern homosozialen Welt der Macht, die von Ardisson über Fronsac bis zu den Rednerpulten der Ministerien reicht; ihre eigene frühere Tätigkeit als Ghostwriterin hinter männlichen Amtsträgern spiegelt diese Struktur, in der weibliche Sprachkompetenz stets für eine männliche Stimme eingesetzt wird, ohne selbst öffentlich zu werden. Der Flirt mit Fronsac – ein Kuss, eine Visitenkarte, ein SMS, das am Ende ungelesen bleibt – wird von der Erzählerin selbst als „Spiel“ reflektiert, dem sie sich, anders als es ein Ehebruchsroman nahelegen würde, bewusst und kontrolliert hingibt, während ihr Ehemann Nathan zeitgleich in häuslicher Sicherheit mit Freunden streitet. Auf der Gegenseite steht Fronsacs Frau Hortense, deren Perspektive der Roman im letzten Kapitel kurz öffnet: Auch sie liest, auch sie hat ein eigenes Buch in der Hand – ausgerechnet ein Erinnerungsband aus dem Umfeld von Yves Saint Laurent –, wird aber, anders als die Ich-Erzählerin, nie zur Erzählinstanz, sondern bleibt Objekt von Fronsacs Begehren und Beruhigungsbedürfnis. Der Roman stellt damit zwei Formen weiblicher Position im politisch-medialen Milieu nebeneinander, ohne sie explizit zu bewerten: die literarisch selbstbewusste, aber namenlose Erzählerin und die häuslich verankerte, aber ebenfalls nur über den Mann vermittelte Ehefrau.

Der Roman im Roman

Die Poetik von Les Républicains ist essayistisch grundiert. Cécile Guilbert, die vor diesem Roman vor allem als Essayistin hervorgetreten ist – mit einer Studie über Saint-Simon, einem Buch über Andy Warhol, Vorworten zu Sacher-Masoch, Nabokov und Bret Easton Ellis –, überträgt die Verfahren des Moralisten-Essays, das Sezieren von Charakteren und Zeitläuften durch Aphorismus und historischen Vergleich, in die erzählende Prosa. Der Text ist auffällig zitat- und anspielungsdicht: Retz, Saint-Simon, Machiavelli, Talleyrand, Foucault, Victor Hugo, Dante, Chateaubriand werden ebenso aufgerufen wie zeitgenössische Fernsehserien – House of Cards, Borgen, The West Wing, Game of Thrones –, die der Roman selbst als das heutige Äquivalent politischer Moralistik reflektiert: Fiktion, so eine Passage des Textes, diene dem Publikum dazu, sich mit dem eigenen Ohnmachtsgefühl gegenüber der Politik zu versöhnen, indem sie ihm hinter die Kulissen blicken lasse, wo doch letztlich der reale Zynismus der Wirklichkeit jede Serienfiktion übertreffe.

Diese Reflexion mündet in eine deutlich autopoetologische Volte am Romanende. Nachdem sich die Erzählerin schlafen gelegt hat, während unten die politische Debatte weiterläuft, und nachdem der Roman kurz zu Fronsacs häuslicher Versöhnung mit Hortense hinübergeblendet hat, kehrt der Text am nächsten Morgen noch einmal zur Erzählerin zurück: Der Alarm habe sich als Falschmeldung erwiesen, und diese Erkenntnis werde der „fille en noir“ womöglich eine Idee eingeben.

Pendant ce temps, le texto de Guillaume Fronsac s’était effectivement affiché sur l’écran du téléphone de la fille en noir qui le découvrirait le lendemain. Ne l’ayant pas entendu, Nathan n’avait pas eu l’esprit troublé ni la tentation de le lire avant de se coucher.

Tout était bien.

Demain serait un autre jour.

Un jour qui annoncerait que l’alerte attentat de la veille n’était qu’un canular et donnerait sûrement des idées à la fille en noir.

Celle, bien sûr, de se lancer dans une romance.

Ou peut-être, mieux encore, dans un roman ?

In der Zwischenzeit war die SMS von Guillaume Fronsac tatsächlich auf dem Display des Handys der Frau in Schwarz erschienen, die sie am nächsten Tag entdecken würde. Da Nathan sie nicht gehört hatte, war er weder beunruhigt worden noch in Versuchung geraten, sie vor dem Schlafengehen zu lesen.

Alles war in Ordnung.

Morgen würde ein neuer Tag sein.

Ein Tag, an dem sich herausstellen würde, dass die Anschlagswarnung vom Vortag nur ein Scherz war, und der dem Mädchen in Schwarz sicherlich Ideen geben würde.

Die Idee natürlich, sich auf eine Romanze einzulassen.

Oder vielleicht, noch besser, auf einen Roman?

Dieser Schluss markiert eine doppelte mise en abyme: Zum einen legt der Roman offen, dass das eben Gelesene möglicherweise nichts anderes ist als das Produkt genau jener Nacht, von der erzählt wurde – die Erzählerin wird zur Autorin ihrer eigenen Geschichte, und die Grenze zwischen der fiktiven „fille en noir“ und der realen Essayistin Cécile Guilbert, die selbst über einen Mémoiren-Autor des 17. Jahrhunderts geschrieben hat, verschwimmt. Zum anderen relativiert die Alternative „romance“ oder „roman“ noch einmal die politische Anspannung des gesamten Abends: Am Ende bleibt nicht die Politik, sondern die Literatur, nicht der Ernstfall, sondern seine ästhetische Verarbeitung.

Bemerkenswert ist zudem, dass die Erzählerin im Text selbst als Verfasserin eines Buchs über Kardinal de Retz auftritt – eine Verschiebung gegenüber Guilberts realem Werk über Saint-Simon, die als bewusste autofiktionale Distanzierung zu lesen ist: nah genug an der Autorin, um Wiedererkennung zu erzeugen, verschoben genug, um die Erzählerin als eigenständige Figur zu behaupten. Diese Verfahrensweise reiht Les Républicains in eine Tradition ein, die von den Moralisten des Grand Siècle über Saint-Simons Memoiren bis zu den zeitgenössischen Society-Romanen reicht, in denen Beobachtung und Beobachtete kaum mehr zu trennen sind.

Die Politik als literarisches Als-ob. Zur Möglichkeit einer Utopie

Vergleicht man Anfang und Ende des Romans, zeigt sich eine sorgsam komponierte Ringstruktur. Der Text beginnt mit der Anrufung eines Namens aus der Vergangenheit – „Non, je n’y crois pas, la fille en noir !“ 2 – einer Stimme, die die Erzählerin durch Wiedererkennung in ihre eigene Geschichte zurückzieht, noch bevor sie selbst zu Wort kommt: Sie wird zunächst benannt, ehe sie erzählt. Der Schluss kehrt dieses Verhältnis um: Am Ende ist es die Erzählerin selbst, die sich – im Gedanken an einen möglichen Roman – die Autorschaft über ihre eigene Geschichte zuspricht. Zwischen diesen beiden Punkten liegt eine Bewegung von der Fremdbestimmung durch einen alten Spitznamen zur potenziellen Selbstermächtigung als Schreibende.

Auch räumlich rahmt der Roman sich selbst: Die Anfangsszene spielt auf einem Treppenabsatz, einem Schwellenort zwischen öffentlichem Medienbetrieb und privater Begegnung, unweit des Élysée-Palasts; die Schlussszene spielt im ehelichen Bett im Faubourg Saint-Antoine, dem historischen Ausgangspunkt revolutionärer Erhebungen, nun aber Ort ehelicher Zärtlichkeit und Gesprächs über „die Franzosen“ und ihre Sehnsucht, „geführt“ zu werden – ein Chateaubriand-Zitat, das Nathan augenzwinkernd anführt. Wo der Anfang die Erzählerin aus der glatten Kulisse eines Fernsehstudios in die Vergangenheit zurückreißt, endet der Roman in einer Alltagsszene, die das Politische ironisch grundiert, ohne es aufzulösen: Auch im Bett wird noch über Frankreich und seine Führbarkeit gesprochen, doch der Ton hat sich von der nervösen Erregung des Fernsehstudios zur müden Zärtlichkeit eines langjährigen Paares verschoben. Was am Anfang Wiedererkennen und Erregung war, ist am Ende Erschöpfung und ein zärtliches, halb ironisches Ritual des Weiterglaubens: „Alors il faut recommencer à y croire.“ („Dann muss man eben wieder daran glauben anfangen.“) Diese Volte – vom Zynismus der Machtanalyse zur bescheidenen ehelichen Beschwörung eines Glaubens „an die Franzosen oder an die Träume, an beides“ – bildet im Kleinen die Bewegung des ganzen Romans ab: von der Dekonstruktion politischer Illusionen zu ihrer, wenn auch ironisch gebrochenen, Wiedereinsetzung im Privaten.

Der Roman entwirft keine genuine Gegenwelt zu seinem Elitenmilieu, sondern bleibt fast durchgehend in dessen eigenen Räumen und Referenzen gefangen. Es gibt weder eine proletarische noch eine provinzielle Gegenfigur, wie sie etwa Milieuromane über Deklassierung entwerfen würden – niemand aus der Handlung tritt tatsächlich von außerhalb dieser Bildungs- und Machtklasse in den Roman ein. Das ist selbst ein Befund: Die Abwesenheit einer Alternative ist Teil der Diagnose, nicht ihr Gegenteil.

Trotzdem lassen sich vier schwächere Formen des Andersseins benennen, die man vorsichtig als partielle Heterotopien oder Gegenstimmen lesen kann, ohne sie zu Utopien zu überhöhen.

Der „Parti surréaliste belge“

Das deutlichste, wenn auch bewusst ironische Ausbrechen aus dem politischen Koordinatensystem liefert die Erzählerin selbst, als sie auf die Frage nach ihrer Wahlabsicht mit dieser absurdistischen Antwort ausweicht und ihre Erklärung nicht in Worten, sondern in einem Kartenspiel von Postkarten gibt. Diese Geste zitiert eine reale historische belgische Surrealistengruppe und funktioniert als Verweigerung des gesamten Rechts-links-Spektrums zugunsten einer poetisch-anarchischen Position, die genau darum kein Programm hat. Es ist die einzige Stelle im Text, an der Politik nicht durch bessere Politik, sondern durch Kunst suspendiert wird – eine Miniatur-Utopie, deren Kraft aber gerade darin liegt, folgenlos, privat und spielerisch zu bleiben.

Mourad als Stimme neben den Lagern

In der Debatte bei Nathan sind die Sprecher fast durchweg ideologisch fest verortet (Melchior neokonservativ, Bernard mélenchonistisch, Serge und Nathan changierend); Mourad, algerischstämmig, areligiös, seit Jahren genervt davon, bei jedem Anschlag zur Rechtfertigung genötigt zu werden, nimmt eine Position ein, die sich diesen Lagern gerade entzieht, weil sie aus gelebter Betroffenheit statt aus Theorie spricht. Er bleibt aber eine Nebenfigur ohne eigenen erzählerischen Raum – seine Gegenstimme wird registriert, nicht entfaltet.

Die „cabane“ als brüchige Heterotopie

Das Loft im Faubourg Saint-Antoine wird ausdrücklich als „thébaïde“, als Einsiedelei, gegenüber dem Trubel der Stadt beschrieben – ein Rückzugsort im Foucaultschen Sinn, halb Innen-, halb Außenraum. Doch der Roman unterläuft diese Idylle sofort selbst: Ausgerechnet dort tobt die härteste politische Debatte des Buchs, und der Ort wird am Ende nicht zum Gegenmodell, sondern zur Bühne derselben Diskurse, die er eigentlich fernhalten sollte. Die Heterotopie hält der politischen Durchdringung nicht stand.

Der Rückzug ins Private und in die Literatur

Am ehesten bietet der Schluss so etwas wie eine – bewusst kleine, unpathetische – Alternative an: das eheliche Bett, die müde Zärtlichkeit zwischen Nathan und der Erzählerin, und die abschließende Wendung zum möglichen Roman selbst. Das ist keine politische Utopie, sondern eine ästhetische Fluchtlinie: Wo die Analyse der Macht in Zynismus mündet, bietet der Text als einzig verbleibenden Ausweg das Schreiben an – nicht als Lösung, sondern als Verarbeitungsform, die dem Milieu zwar entstammt (die Erzählerin ist selbst Teil desselben kulturellen Kapitals), sich aber zumindest von dessen Handlungslogik distanziert.

Insgesamt zeigt sich damit: Les Républicains verzichtet auf ein positives Gegenbild und bleibt konsequent bei seiner satirischen Innenperspektive – die wenigen Fluchtpunkte, die der Text anbietet (Surrealismus, eine einzelne dissonante Stimme, ein häuslicher Rückzugsort, das Schreiben selbst), sind alle brüchig, ironisiert oder strukturell selbst wieder ins Milieu eingebunden. Gerade dieses Fehlen einer glaubwürdigen Alternative lässt sich als eigentliche Pointe der elitensoziologischen Kritik des Romans lesen: Er zeigt ein System, das sich zwar selbst durchschaut, aber keinen Ort kennt, von dem aus es sich wirklich verlassen ließe.

*

Les Républicains erweist sich bei genauerer Lektüre als politischer Roman gerade dort, wo er auf explizite politische Botschaft verzichtet. Der Text zeigt eine Klasse, die über Macht in einer Sprache spricht, die selbst schon Symptom der von ihr diagnostizierten Krise ist: eine Sprache aus Anspielungen, „éléments de langage“, Fernsehserienvergleichen und historischen Zitaten, die brillant klingt und folgenlos bleibt. Die changierende Erzählperspektive – zwischen Ich, distanziertem Du und auktorialem Er – verweigert dem Leser einen festen Beobachtungsposten, so wie die Politik selbst im Roman keinen festen Ort mehr hat, sondern zwischen Fernsehstudios, Hotelbars, Küchentischen und Schlafzimmern zirkuliert. Die Raum- und Zeitstruktur, die eine klassische Einheit behauptet und zugleich in Sprüngen und historischen Rückblenden unterläuft, spiegelt diese Diskrepanz zwischen ordnungspolitischem Anspruch und faktischer Kontingenz, die auch die falsche Terrorwarnung des Abends exemplarisch vorführt: Sicherheit und Kontrolle werden behauptet, während in Wahrheit niemand etwas weiß. Am Ende steht nicht ein politisches Urteil, sondern eine literarische Volte: der Verdacht, dass der ganze Abend, die ganze Analyse der Macht, nur der Rohstoff für genau das Buch gewesen sein könnte, das die Leserin oder der Leser gerade zu Ende gelesen hat. Damit erweist sich Guilberts Roman als politisch nicht trotz, sondern wegen seiner Selbstbezüglichkeit: Er führt vor, dass Politik im Frankreich der 2010er-Jahre wesentlich auch als Erzählung, als Rolle, als „Roman“, existiert – und dass Literatur, die das erkennt, der politischen Analyse womöglich näher ist als jedes Parteiprogramm.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Die Republik als Pappmaché: Sprache, Politik und Elite bei Cécile Guilbert." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on August 2, 2026 at 08:47. https://rentree.de/2026/08/02/die-republik-als-pappmache-sprache-politik-und-elite-bei-cecile-guilbert/.
Anmerkungen
  1. „Comme la politique et l’époque, du carton-pâte !“>>>
  2. „Nein, das gibt’s doch nicht, die Frau in Schwarz!“>>>

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