Männlichkeit als Konstruktionsprojekt: Victor Malzac

Selbstermächtigung und Selbstzerstörung

Der namenlose Ich-Erzähler von Victor Malzacs 2023 bei Gallimard erschienenem Debütroman Créatine baut sich einen Körper, um eine Sprache zu ersetzen, die ihm fehlt. Was er als Selbstermächtigung erzählt – die Verwandlung vom übergewichtigen, ängstlichen Jugendlichen zum injizierenden Bodybuilder –, liest sich zwischen den Zeilen als eskalierende Selbstzerstörung: sexuelle Unfähigkeit, homoerotische Panik, väterliche Gewalt, die er als Initiation verkennt, und ein Schlussbild, in dem genau jener Körper, der ihn zum Mann machen sollte, buchstäblich birst. Die These dieses Aufsatzes lautet, dass der Roman Männlichkeit als Konsumprodukt und Übertragungsphänomen vorführt: Der Erzähler übernimmt sein gesamtes Vokabular von Kraft, Ehre und Begehren aus Werbeslogans, Actionfilmen und der Gewaltsprache seines Vaters, ohne dass ihm je ein eigenes Wort für Zärtlichkeit zur Verfügung stünde. Die Untersuchung fragt entsprechend, wie der Roman aus dieser Übernahme eine Poetik des grotesken Monologs macht, welche Figuren – Vater, Trainer Pedro, die boxende Frau – als Prüfstationen dieses Männlichkeitsentwurfs fungieren, welche Rolle Werbesprache und Kinozitate als intermediale Referenzen spielen, und was es bedeutet, dass der Text am Punkt des größten Triumphs abbricht, im Moment der körperlichen Explosion.

Der Roman beginnt mit einer direkten Anrede an ein unbestimmtes Gegenüber, dem der Erzähler ein Foto seiner früheren, muskulösen Gestalt zeigt und versichert, er werde es nicht schlagen – ein Satz, der sofort eine gewalttätige Vorgeschichte andeutet, ohne sie zu benennen. Der erste Teil führt in die Kindheit zurück: ein übergewichtiger, sozial isolierter Junge in der französischen Provinz, eine ängstliche Mutter, die ihn mit einer Mitschülerin verkuppeln will, ein Vater, Französischlehrer, der ihn mit Zola und Sartre zu bilden versucht und zugleich mit Beleidigungen überzieht. Aus dieser Leere heraus entdeckt der Junge Bildschirme, Fantasien und schließlich, mit sechzehn, im Kino einen Schwarzenegger-Film, der ihm ein Lebensziel liefert: Muskeln. Die Leitfrage, die sich hier stellt, betrifft den Ursprung: Woher nimmt ein Junge, dem niemand ein Vorbild für Männlichkeit gibt, sein Vokabular dafür – und was passiert, wenn dieses Vokabular vollständig aus Kino und Werbung importiert ist?

Der zweite Teil radikalisiert diese Übernahme. Der Erzähler trainiert täglich vor dem Fernseher, gerät darüber in offenen Konflikt mit dem Vater, der ihn mit dem Gürtel schlägt – ein Ritual, das beide bald als gemeinsames „Boxtraining“ umdeuten. Die Eskalation gipfelt in einer öffentlichen Prügelszene vor der Schule, bei der der inzwischen körperlich überlegene Sohn den Vater vor Umstehenden zu Boden schlägt, während niemand eingreift, sondern alle filmen. Diese Szene ist der Wendepunkt des Romans: Sie markiert, in der Lesart des Erzählers, seinen Eintritt ins Mannesalter; in der Lesart des Textes zeigt sie, wie eine Gesellschaft von Zuschauern männliche Gewalt als Schauspiel konsumiert, statt sie zu unterbrechen.

Der dritte und vierte Teil zeigen den nun volljährigen Erzähler, der von zu Hause auszieht, in prekären Verhältnissen lebt und im Fitnessstudio Pedro kennenlernt, einen erfahrenen Bodybuilder, der ihn in die Welt der Anabolika einführt. Die Beziehung zu Pedro ist die intimste des Romans – gemeinsames Training, gemeinsames Spritzen, körperliche Nähe ohne Distanz –, bis Pedro sich als schwul offenbart und der Erzähler mit einer Mischung aus Panik und Verleugnung reagiert, die seine gesamte Ideologie der weiblich validierten Männlichkeit bloßlegt. Parallel dazu scheitert eine Verabredung mit einer Boxerin, die ihn am Ende buchstäblich k.o. schlägt. Die Leitfrage lautet hier: Was geschieht mit einem Männlichkeitsentwurf, der auf Fremdbestätigung durch Frauen angewiesen ist, sobald diese Bestätigung ausbleibt oder sich, wie bei der Boxerin, in ihr eigenes Werkzeug – Gewalt – zurückverwandelt?

Der fünfte, kurze Teil führt zum Showdown: einem Bodybuilding-Wettkampf, bei dem beide Oberschenkel des Erzählers unter der eigenen Muskelmasse buchstäblich reißen. Der Roman endet nicht mit einer Genesung, sondern mit einer Ohnmacht – der Erzähler kippt um, während sein eigenes Muskelfleisch in einem Beutel gesammelt wird. Die Schlussfrage verbindet alle vorigen: Ist ein Körper, der ausschließlich als Beweis für Männlichkeit gebaut wurde, überhaupt in der Lage, etwas anderes zu leisten als seinen eigenen Zusammenbruch?

Das groteske Bekenntnis als Gattungsrahmen

CR lässt sich als grotesker Bekenntnisroman beschreiben, der zwei Traditionen kreuzt: das französische confession-Erzählen, das seit Camus‘ La Chute die direkte Anrede eines stummen Gegenübers als Verfahren kennt, und die rabelaisianische Übertreibungsrhetorik mit ihren endlosen Aufzählungen und ihrem Körperexzess. Der Verlagstext beschreibt den Roman treffend als „monologue cavalcadant“ – einen galoppierenden Monolog –, und tatsächlich besteht der Text fast durchgehend aus Sätzen, die sich selbst unterbrechen, korrigieren und wieder aufnehmen, aus Wiederholungen, Übertreibungen und plötzlichen Kehrtwenden, die den Erzähler als unzuverlässig entlarven, ohne dass er selbst dies bemerkt.

Diese Stilmittel sind zugleich autopoetologisch lesbar. Der Klappentext charakterisiert Malzac, einen studierten Lyriker, als jemanden, der seine Sätze „muskulieren“ könne wie kein anderer – eine Formulierung, die die Sprache des Romans direkt an dessen Thema koppelt: Der hypertrophe, sich selbst aufblähende Satzbau vollzieht auf der Ebene der Syntax dieselbe Logik, die der Erzähler an seinem Körper betreibt. Wo der Erzähler Muskel auf Muskel häuft, häuft der Text Nebensatz auf Nebensatz, Aufzählung auf Aufzählung – etwa in der Parodie eines Duschgel-Werbetextes, dessen absurde Inhaltsstoffliste von Koffein bis Kerosin reicht und der zeigt, wie Männlichkeitswerbung Sprache in reine Steigerungsrhetorik verwandelt.

Intertextuell speist sich der Roman fast ausschließlich aus Actionkino und Populärkultur: Schwarzeneggers „Conan der Barbar“ mit seiner berühmten Rad-Szene liefert dem Erzähler sein Gründungsbild, ergänzt durch Stallones „Rocky“-Reihe, „Rambo“ und „Fight Club“, während der Vater vergeblich Zola, Sartre und den Film „Fahrstuhl zum Schafott“ mit der Musik von Miles Davis dagegensetzt. Dieser Kulturkonflikt zwischen väterlicher Hochkultur und der importierten Bildsprache des Sohns – ergänzt durch Anspielungen auf Manga-Popkultur wie „One Punch Man“ und die Monetarisierungslogik von YouTube – zeichnet eine Generationsgrenze, an der Männlichkeit nicht mehr über Bildung, sondern über Bildschirme weitergegeben wird.

Männlichkeit als Übertragung

Die Figurenkonstellation ordnet den Erzähler zwischen zwei männlichen und zwei weiblichen Instanzen an, die je unterschiedliche Aspekte seines Männlichkeitsentwurfs prüfen. Der Vater, ein desillusionierter Lehrer, verkörpert eine gescheiterte, ressentimentgeladene bürgerliche Männlichkeit, die sich in Fernsehnachrichten, Zigaretten und ausländerfeindlichen Tiraden erschöpft; seine Zuneigung zum Sohn äußert sich ausschließlich in Spott, Beleidigungen und schließlich Schlägen, die beide als Trainingsritual umdeuten.

Nachdem der Vater den Sohn vor dem Gymnasium in Anwesenheit eines Lehrers geohrfeigt hat, kommt es zur entscheidenden öffentlichen Prügelszene, die der Erzähler als seinen Übergang ins Erwachsenenalter feiert.

Je me souviens qu’il y avait des gens autour, des gens qui regardaient et ils ne bougeaient pas, ils filmaient la chose, la mue du serpent, on peut dire qu’ils étaient lâches. Des gens nous entouraient, des femmes, des élèves et des professeurs et le directeur, mais aussi des gens de la rue, des chiens, des vieux et des vieilles, des voitures, tout le monde s’était arrêté autour de nous pendant que je mettais des coups à mon père. Personne, absolument personne n’avait bougé, c’était impossible, personne n’était venu le secourir alors qu’il en avait besoin, mais je venais de leur montrer que j’étais le meilleur. Et les gens savaient tout, les gens se reconnaissaient en moi, ça y est, on venait de voir l’homme accoucher dans la rue, dans le sang et les cordons ombilicaux, le messie c’était moi, j’étais l’homme. Et mon père par terre, oui, devant la caméra de tout le monde, on s’en souviendrait à vie de lui, mon père à l’ombre par terre et le sang partout dans la rue.

Ich erinnere mich, dass Leute um uns herum standen, Leute, die zusahen und sich nicht bewegten, sie filmten die Sache, die Häutung der Schlange, man kann sagen, sie waren feige. Leute umringten uns, Frauen, Schüler und Lehrer und der Schulleiter, aber auch Leute von der Straße, Hunde, alte Männer und Frauen, Autos, alle waren stehen geblieben, während ich auf meinen Vater einschlug. Niemand, absolut niemand hatte sich bewegt, das war unmöglich, niemand war ihm zu Hilfe gekommen, obwohl er sie gebraucht hätte, aber ich hatte ihnen gerade gezeigt, dass ich der Beste war. Und die Leute wussten alles, die Leute erkannten sich in mir wieder, jetzt war es so weit, man hatte gerade gesehen, wie der Mann auf der Straße geboren wurde, im Blut und mit den Nabelschnüren, der Messias, das war ich, ich war der Mann. Und mein Vater lag am Boden, ja, vor der Kamera aller, man würde sich sein Leben lang an ihn erinnern, mein Vater im Schatten am Boden und das Blut überall auf der Straße.

Die religiöse Metaphorik – „accoucher“, „messie“, die „cordons ombilicaux“ – verkehrt Geburt in Gewalt: Der Erzähler wird nicht geboren, er schlägt sich selbst ins Dasein, indem er den Vater zu Boden schickt. Entscheidend ist die Passivität der Zeugen, die filmen statt zu helfen; der Roman macht sie mitverantwortlich für die Verwechslung von Gewalt und Reife, die der Erzähler als Initiation feiert. Die Kamera-Motivik kehrt am Romanende wieder, wenn der zusammengebrochene Erzähler erneut gefilmt wird – dasselbe öffentliche Zuschauen, das seinen vermeintlichen Aufstieg beglaubigte, begleitet auch seinen buchstäblichen Sturz.

Pedro, der Bodybuilding-Mentor, ersetzt den Vater als Autorität, doch anders als Chef in Adams Poids léger markiert er die Grenze zwischen Fürsorge und Begehren nicht sprachlich, sondern lässt sie unausgesprochen, bis eine Initiationsszene sie beiläufig offenlegt.

In seinem Badezimmer führt Pedro den Erzähler zum ersten Mal in die intramuskuläre Steroid-Injektion ein, die im Roman als quasireligiöser Übergangsritus inszeniert wird.

Alors il me tend le flacon et une seringue neuve dans son sachet et me dit c’est à toi, à ton tour maintenant, tu es douché tu as des poils, ça y est, le baptême, c’est maintenant le début de l’âge d’or pour toi, tu es un vrai homme presque, allez, on y va, tu verras ça va te plaire. Et il y avait un nom bizarre sur le flacon, au début je n’ai pas compris et donc je lui demande, mais je lui dis attends c’est, c’est quoi, il me répond c’est la clé de la réussite, c’est ça, les stéroïdes c’est la clé de mon objectif, avec ça tu peux baiser qui tu veux, avec ça tu triples tes performances. Il m’a tout expliqué Pedro, il m’a dit d’où ça venait et à quoi ça servait, j’ai compris qu’il en avait dans la tête, je veux dire, j’ai compris qu’il savait des choses et qu’il avait même les termes scientifiques pour en parler. On avait notre routine comme ça, sport, tacos, manger, dormir, piqûre, exagérer les doses puis se rouler en boule, sport encore, se piquer, dormir. Pedro a été la science, la montagne et la fin de la honte pour moi, il a été l’épée et le bouclier, il a protégé mon cœur fragile en le rembourrant à sa juste valeur noble, je suis devenu un guerrier grâce à lui.

Also reicht er mir das Fläschchen und eine neue Spritze in ihrer Tüte und sagt zu mir, jetzt bist du dran, du bist geduscht, du hast Haare, das war’s, die Taufe, jetzt beginnt für dich das goldene Zeitalter, du bist fast ein richtiger Mann, los, wir machen es, du wirst sehen, es wird dir gefallen. Und auf dem Fläschchen stand ein seltsamer Name, zuerst habe ich es nicht verstanden und ich frage ihn, was ist das, er antwortet mir, das ist der Schlüssel zum Erfolg, genau das, Steroide sind der Schlüssel zu meinem Ziel, damit kannst du haben, wen du willst, damit verdreifachst du deine Leistung. Pedro hat mir alles erklärt, er hat mir gesagt, woher das kommt und wozu es dient, ich habe verstanden, dass er etwas im Kopf hatte, ich meine, dass er Dinge wusste und sogar die wissenschaftlichen Begriffe dafür kannte. Wir hatten unsere Routine so: Sport, Tacos, essen, schlafen, Spritze, die Dosen übertreiben und sich zusammenrollen, wieder Sport, sich spritzen, schlafen. Pedro war die Wissenschaft, der Berg und das Ende der Scham für mich, er war das Schwert und der Schild, er hat mein zerbrechliches Herz beschützt, indem er es auspolsterte, ich bin dank ihm zu einem Krieger geworden.

Das Vokabular der Taufe, des Schlüssels und des Schwerts überträgt religiöse und ritterliche Register auf eine pharmakologische Handlung und zeigt, wie der Erzähler jede Beziehung sofort in ein Initiationsnarrativ übersetzt. Die tägliche Nähe zu Pedro – gemeinsames Schlafen, „sich zusammenrollen“ – wird erst als Krise lesbar, als Pedro sich später als schwul offenbart und der Erzähler mit hektischer Verleugnung reagiert: Aussagen wie 1 – die Liebe zu Männern gibt mir keine Macht – zeigen, dass seine Ablehnung nicht moralisch, sondern strikt ökonomisch begründet ist. Nur Frauen, so seine Logik, verleihen durch ihre Anerkennung gesellschaftlichen Wert; männliche Nähe, so nah sie tatsächlich gelebt wird, darf in seiner Ideologie nicht benannt werden.

Die Frauenfiguren des Romans erscheinen zunächst nur als Bildschirmobjekte, gewinnen aber in der Figur einer Boxerin, mit der sich der Erzähler auf ein Date einlässt, unerwartetes Eigengewicht: Sie durchschaut seine Inszenierung, reagiert nicht mit Bewunderung, sondern mit Verachtung – und schließlich mit denselben Fäusten, die er als männliches Privileg beansprucht.

Nach einem gescheiterten ersten Rendezvous, bei dem der Erzähler eine Stunde lang weinend seine gesamte Lebensgeschichte auf die Frau einredet, verabreden sich beide zu einem Sparring im Fitnessstudio.

Il y en a une qui me plaisait pas mal, c’était une femme, on avait plein de choses à se dire, on avait des atomes crochus je dirais même. Deux jours après elle m’a vu et m’a dit tu sais tu m’as fait chier le soir dernier, tu sais que tu es un con, un gros connard même, elle a dit tu veux mon poing dans la gueule Mike Tyson. Donc on a fait un assaut ensemble voilà, il fallait qu’on se batte pour savoir qui de nous deux était un homme mais elle n’avait plus le même regard du tout, elle faisait des coups interdits, mais genre vraiment mal, c’était vraiment de la boxe là. Il y avait une haine dans la femme, elle voulait que je saigne de quelque part en tout cas et moi ça m’allait comme ça, au moins il n’y avait pas d’ambiguïté, elle a heurté ma timidité et mon oreille gauche aussi j’étais sourd après.

Es gab eine, die mir ziemlich gut gefiel, eine Frau, wir hatten uns viel zu sagen, wir hatten sogar, würde ich sagen, eine Verbindung. Zwei Tage später hat sie mich gesehen und gesagt, weißt du, du hast mich neulich Abend echt genervt, weißt du, dass du ein Idiot bist, ein richtiger Vollidiot sogar, sie sagte, willst du meine Faust ins Gesicht, Mike Tyson. Also haben wir zusammen einen Sparring gemacht, wir mussten kämpfen, um herauszufinden, wer von uns beiden ein Mann war, aber sie hatte einen ganz anderen Blick, sie setzte verbotene Schläge, aber richtig fest, das war wirklich Boxen. In der Frau war ein Hass, sie wollte, dass ich irgendwo blute, und mir war das recht so, wenigstens gab es keine Zweideutigkeit, sie traf meine Schüchternheit und auch mein linkes Ohr, ich war danach taub.

Die Formulierung „il fallait qu’on se batte pour savoir qui de nous deux était un homme“ – wir mussten kämpfen, um zu wissen, wer von uns beiden ein Mann war – unterläuft die biologistische Rhetorik, die der Erzähler sonst bemüht: Wenn eine Frau dieselbe Sprache der Fäuste spricht und darin überlegen ist, kann Männlichkeit kein Naturzustand sein, sondern nur ein übertragbarer Code. Bezeichnend ist auch, dass der Erzähler die Gewalt der Frau als Erleichterung empfindet – „au moins il n’y avait pas d’ambiguïté“ –, weil Eindeutigkeit über Schmerz ihm leichter fällt als das Aushalten von Zuneigung oder Kritik in Worten.

Kommunikation funktioniert im gesamten Roman fast ausschließlich über Klischee, Beleidigung oder Schlag: Der Vater zitiert Sprichwörter wie 2 – durch Schmieden wird man Schmied – anstelle von Gesprächen, und der Erzähler selbst wiederholt gegenüber jeder Figur denselben eskalierenden Monolog über seine Kindheit, ohne je auf eine Antwort zu warten.

Monolog ohne Gegenüber

Der Roman ist als durchgehende Ich-Erzählung in direkter Anrede eines unbestimmten „tu“ komponiert, dessen Identität nie geklärt wird – möglicherweise der Leser, möglicherweise eine Figur, die dem gealterten, versehrten Erzähler gegenübersitzt, wie die einleitenden Sätze über das gezeigte Foto nahelegen. Diese Anlage erinnert an die Bekenntnisform von Camus‘ La Chute, radikalisiert sie jedoch durch permanente Selbstkorrektur: Sätze wie „enfin non, tu vois je veux dire“ oder „bref, non, ça n’a pas d’importance“ markieren einen Erzähler, der sich fortwährend selbst widerspricht, ohne die Widersprüche zu bemerken – ein klassisches Verfahren unzuverlässigen Erzählens, hier eingesetzt, um Selbstmythologisierung von der darunterliegenden Verzweiflung abzuheben.

Die Handlungsstruktur folgt keiner allmählichen Reifung, sondern einer Serie von „Offenbarungen“ – die Entdeckung der Bildschirme, des Spiegels, Schwarzeneggers, der Steroide –, die jeweils als endgültige Wende present werden, aber strukturell identisch bleiben: Immer ersetzt eine neue äußere Instanz das fehlende innere Selbstverständnis. Diese episodische, auf Zäsuren statt auf Kontinuität gebaute Zeitstruktur parodiert das klassische Schema des Bildungsromans, indem sie dessen Reifungslogik durch bloße Eskalation ersetzt.

Die Raumstruktur bewegt sich von der flachen, landwirtschaftlich geprägten Provinz der Kindheit – symbolisiert durch die sonntäglichen Autofahrten zum Einkaufszentrum – über eine erste, bewusst als erniedrigend inszenierte Substandard-Wohnung bis zum Fitnessstudio und schließlich zur Wettkampfbühne. Jede Station ist enger und stärker auf den eigenen Körper fokussiert als die vorige; der Raum des Romans schrumpft mit fortschreitender Handlung auf die Fläche des eigenen Spiegelbilds.

Der Körper als Text

Zwei semantische Felder dominieren den Roman: das der biologischen Bestimmung („instinct“, „gènes“, „espèce“, „reproduction“) und das des Warenkonsums (Markennamen, Werbeslogans, Dosierungsangaben). Ihre ständige Vermischung – Testosteron als „clé“, Muskeln als Beweis genetischer Überlegenheit, Frauen als zu erobernder „objectif“ – zeigt, wie der Erzähler jede zwischenmenschliche Kategorie in eine ökonomische oder biologistische übersetzt, weil ihm die Sprache der Beziehung fehlt.

Der Körper selbst wird durchgehend als Baustelle und Maschine beschrieben, deren Endprodukt ein Beweisstück ist – am eindringlichsten in der Schlussszene, die zugleich Höhepunkt und Zusammenbruch dieser Metaphorik markiert.

Beim ersten Bodybuilding-Wettkampf seines Lebens, geschwächt durch überhöhte Steroiddosen und emotionale Erschöpfung nach den Ereignissen mit Pedro und der Boxerin, reißen dem Erzähler auf offener Bühne beide Oberschenkelmuskeln.

Deux secondes après j’étais par terre je venais d’exploser ma cuisse gauche et mon menton et mon nez, je saignais partout. Et j’étais là, par terre, tout le monde avait lâché un énorme oh non, pas maintenant, pas ça. Et quand je me suis relevé, car j’ai essayé de me relever malgré les gens qui m’entouraient, c’est ma cuisse droite qui a fait un énorme crac elle aussi. J’étais fini je le savais très bien, j’avais perdu voilà, c’était la fin. On m’a porté en urgence et les gens me filmaient avec leur téléphone, tout le monde me filmait je me souviens. On avait récolté les muscles pour me les remettre autour du fémur, et c’est là, à la vue du sang, de tous mes muscles partout, de mes bouts de viande mélangés dans un gros sac, c’est là que j’ai tourné de l’œil.

Zwei Sekunden später lag ich am Boden, ich hatte mir gerade den linken Oberschenkel, das Kinn und die Nase aufgerissen, ich blutete überall. Und ich lag da, am Boden, alle hatten ein lautes Oh nein losgelassen, nicht jetzt, nicht das. Und als ich versuchte aufzustehen, trotz der Leute, die mich umringten, machte auch mein rechter Oberschenkel einen lauten Knall. Ich war am Ende, das wusste ich ganz genau, ich hatte verloren, das war’s, das Ende. Man trug mich in die Notaufnahme, und die Leute filmten mich mit ihren Handys, alle filmten mich, daran erinnere ich mich. Man hatte die Muskeln eingesammelt, um sie mir um den Oberschenkelknochen zu legen, und da, beim Anblick des Blutes, all meiner Muskeln überall, meiner Fleischstücke, gemischt in einem großen Beutel, da bin ich ohnmächtig geworden.

Der Körper, der als Beweismittel für Männlichkeit konstruiert wurde, wird in derselben Bewegung zu rohem, undifferenziertem Fleisch – „bouts de viande mélangés dans un gros sac“ –, das keine symbolische Bedeutung mehr trägt. Bezeichnend ist, dass der Text selbst hier abbricht: Mit der Ohnmacht des Erzählers endet auch seine Erzählung, sodass der grammatische Bruch (kein Satz folgt mehr) den körperlichen Bruch performativ vollzieht. Das Motiv der filmenden Zuschauer kehrt aus der Vater-Szene zurück und schließt damit einen semantischen Bogen: dieselbe Öffentlichkeit, die den Aufstieg bezeugte, bezeugt auch den Fall.

Kreisstruktur zwischen Anfang und Schluss

Der Roman beginnt mit der Aufforderung an das unbestimmte Gegenüber, ein Foto zu betrachten – 3 –, das den Erzähler in seiner vollen, makellosen Kraft zeigt, begleitet von der beruhigenden Versicherung, er werde nicht mehr schlagen. Er endet mit einer Szene, in der ebendieser Körper buchstäblich in Einzelteile zerfällt und der Erzähler in Ohnmacht fällt. Zwischen diesen beiden Polen – dem intakten Bild und dem geöffneten Körper – liegt die gesamte Distanz, die der Roman vermisst: Am Anfang ist der Körper ein Beweisstück, das man zeigen kann; am Ende ist er ein Beweisstück, das man in einem Beutel einsammelt. Die Anrede an das „tu“ bleibt in beiden Szenen erhalten, doch ihre Funktion kippt: Zu Beginn soll sie Bewunderung erzeugen, am Ende – da der Text mit der Ohnmacht abbricht – bleibt sie unbeantwortet und ohne Fortsetzung stehen. Der Kreis schließt sich nicht in einer Rückkehr, sondern in einem Verstummen, das die gesamte vorangegangene Redeflut kontrastiert: Der Mann, der nicht aufhören konnte zu reden, hört auf, weil sein Körper ihn dazu zwingt.

Zwei Männerkörper im Vergleich: Poids léger und Créatine

Sowohl Antoine in Olivier Adams Poids léger als auch der namenlose Erzähler in CR verfügen über keine andere Sprache für Zugehörigkeit als den eigenen Körper – doch die beiden Romane verteilen diese Ausgangslage in entgegengesetzte Register. Antoines Körper ist ein Werkzeug, das an fremden Körpern arbeitet: Er trägt Särge, er schlägt und wird geschlagen, aber der Körper selbst bleibt, allen Kämpfen zum Trotz, funktionstüchtig – seine Krise ist eine der Sprachlosigkeit, nicht der Physiologie. Der Erzähler von CR hingegen richtet seinen Körper vollständig auf sich selbst: Er baut ihn, injiziert ihn, vermisst ihn, bis der Körper selbst zum alleinigen Adressaten seiner gesamten Energie wird – seine Krise ist eine der Physiologie, die aus der Sprachlosigkeit hervorgeht. Wo Antoine seinen Körper einsetzt, um mit der Welt in Kontakt zu bleiben, auch wenn dieser Kontakt nur Schlag oder Trauerarbeit kennt, isoliert der Erzähler von CR seinen Körper zunehmend von jeder Welt außer dem Spiegel und der Waage.

Beide Romane ordnen ihrem Erzähler eine männliche Mentorfigur zu, die als Ersatzvater fungiert und an der sich die Grenze zwischen Zärtlichkeit und Übergriff entscheidet – mit spiegelbildlichem Ausgang. Chef weist die Vaterrolle explizit zurück, damit das Training weitergehen kann, und Antoine verweigert ihm den Schlag; die Zärtlichkeit gewinnt, indem sie die Gewaltlogik unterbricht. Pedro hingegen lebt die körperliche Nähe zu seinem Schützling bereits aus, bevor sie benannt wird, und der Erzähler reagiert auf ihre Benennung – Pedros Coming-out – mit panischer Verleugnung; hier verhindert nicht die Gewalt die Zärtlichkeit, sondern die Homophobie die Anerkennung einer bereits gelebten Nähe. In beiden Fällen ist die homosoziale Bindung an einen älteren Mann intensiver und ehrlicher als jede heterosexuelle Beziehung der Erzähler, doch nur Poids léger erlaubt seiner Figur, diese Intensität stehen zu lassen, ohne sie sofort zu kategorisieren.

Der entscheidende Unterschied liegt in der Instanz, die die männliche Gewaltbewegung am Ende stoppt. Bei Antoine kommt die Unterbrechung von außen: die Polizei, eine gesellschaftliche Autorität, die seinen im Grunde intakten Körper zur Ruhe zwingt. Beim Erzähler von CR kommt die Unterbrechung von innen: Der eigene Körper, überlastet durch die Logik, die ihn erschaffen hat, zerreißt sich selbst. Poids léger externalisiert damit die Grenze der Männlichkeitsgewalt – die Gesellschaft muss eingreifen –, während CR sie internalisiert – das Individuum liefert seine eigene Bestrafung gleich mit. Beide Romane verweigern ihrem Protagonisten jedoch dieselbe Erlösung: keiner der beiden Körper wird am Ende geheilt, geliebt oder verstanden, sondern lediglich angehalten, der eine durch eine Hand von außen, der andere durch das eigene Gewebe.

Auch stilistisch übersetzen beide Romane ihre Männlichkeitskritik in Syntax. Adams parataktischer, karger Satzbau bildet Antoines Sprachlosigkeit ab; Malzacs hypertropher, sich selbst überbietender Satzbau bildet die Selbstaufblähung seines Erzählers ab. Untertreibung und Übertreibung erweisen sich so als zwei Techniken desselben Befunds: In beiden Fällen verrät die Form des Textes mehr über die Männlichkeitskrise der Figur, als die Figur selbst zu sagen imstande wäre.

Fazit

CR führt Männlichkeit als ein Projekt vor, das sich aus geliehenen Bildern zusammensetzt – Kino, Werbung, väterliche Gewalt – und das genau in dem Moment kollabiert, in dem es sein eigenes Ziel erreicht: den perfekten, unangreifbaren Körper. Der Roman zeigt, dass ein Selbst, das ausschließlich am eigenen Muskel gebaut wird, keine Reserve besitzt, sobald dieser Muskel selbst zum Problem wird – weder für Trauer, noch für Begehren, noch für die einfache Tatsache, gesehen zu werden, ohne sich beweisen zu müssen. Im Vergleich mit Antoine aus Poids léger wird deutlich, dass beide Romane denselben Ausgangsbefund teilen – ein Mann, der nur über den Körper sprechen kann –, ihn aber in entgegengesetzte Konsequenzen führen: der eine in eine Gewalt, die von außen gestoppt werden muss, der andere in eine Selbstzerstörung, die von innen kommt. Zusammen ergeben die beiden Texte kein Gegensatzpaar, sondern zwei Verlaufsformen derselben Diagnose: Ein Mann, dessen einzige Sprache der Körper ist, bleibt so lange gefährdet, wie niemand ihm eine zweite beibringt.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Männlichkeit als Konstruktionsprojekt: Victor Malzac." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on Juli 24, 2026 at 11:59. https://rentree.de/2026/07/24/maennlichkeit-als-konstruktionsprojekt-victor-malzac/.
Anmerkungen
  1. „aimer les hommes ne me donne pas de pouvoir“>>>
  2. „c’est en forgeant qu’on devient forgeron“>>>
  3. „viens voir. Regarde“>>>

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