Der geraubte Jüngling: Ganymeds Demontage bei Philippe Savet

Ausgehend von der langen, von der Antike bis in die Moderne reichenden Tradition, den Ganymed-Mythos als verschlüsselte Figur männlich-männlichen Begehrens zu lesen, zeichnet Philippe Savets Roman „Mille millilitres de Ganymède“ (Seuil, 2026) die radikale Gegenbewegung zu dieser Überlieferung nach: Nicht mehr Entrückung und Erhöhung, sondern Verschwinden, Sucht und Selbstauflösung stehen im Zentrum einer formal polyphonen Erzählung über einen jungen Mann, der sich im Paris der Clubkultur in toxischer Abhängigkeit und imaginärer Liebesprojektion verliert und sein eigenes Begehren ausschließlich im Vokabular des Mythos artikulieren kann. Die Rezension situiert diesen Text im Spannungsfeld zwischen der mythopoetischen Produktivität des antiken Schweigens (wie sie die Forschung herausgearbeitet hat) und seiner subjektiven Aneignung als hermeneutisches Überlebensmodell (bei Dominique Fernandez), um zu zeigen, wie Savet beide Linien zugleich aufnimmt und zerstört: Indem der Roman die tradierten Chiffren – Raub, Adler, göttliche Erwählung – in eine Ästhetik des Abstiegs, der medialen Zersplitterung und der körperlichen wie sprachlichen Verwundung überführt, entzieht er dem Mythos seine kompensatorische Funktion und legt die Leerstelle frei, die er stets verdeckte. So erweist sich „Mille millilitres de Ganymède“ nicht nur als zeitgenössische Fortschreibung, sondern als schonungslose Demontage der „homosexuellen Erbschaft“ des Ganymed-Stoffs, deren kulturelle und literarische Voraussetzungen die Rezension zugleich historisch rekonstruiert und kritisch befragt.

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Der Autor des „grand remplacement“: Zu einer neuen Renaud Camus-Biographie

Wie wird aus der Tagebuchnotiz eines literarisch gescheiterten Schriftstellers ein Vokabular, das identitäre Attentäter, rechte Regierungschefs und Wahlkampfberater rund um den Globus teilen? Die Biografie „L’homme par qui la peste arriva“ (Flammarion, 2026) von Gaspard Dhellemmes und Olivier Faye rekonstruiert anhand von Verlagskorrespondenz, unveröffentlichten Manuskripten und jahrelangem persönlichem Zugang, wie sich bei Renaud Camus ein über Jahrzehnte kultiviertes Distinktionsbedürfnis, wiederholte literarische Kränkung und ein verlässliches Netz aus Förderern zu jener Formel verdichten, die heute als „Grand Remplacement“ von Christchurch bis Charlottesville, von Marine Le Pen bis zur AfD zirkuliert. Die Stärke des Buchs liegt im Nachweis, dass die rassistischen und antisemitischen Denkfiguren lange vor ihrer öffentlichen Kodifizierung in Camus‘ eigenen Notizen vorlagen und von seinem Umfeld gekannt, toleriert und institutionell gefördert wurden – eine Kontinuitätsgeschichte statt einer Bekehrungserzählung. Zugleich zeigt die Rezension, wo die Form an Grenzen stößt: Die Nähe zum Protagonisten und die Konzentration auf sein persönliches Netzwerk erklären, warum ausgerechnet er diesen Begriff geprägt hat, kaum aber, warum ihn Millionen für plausibel halten – und die deutsche Rezeption, längst Gegenstand geheimdienstlicher Beobachtung, bleibt im Buch nahezu unerwähnt. Was bleibt, ist ein Instrument zur Entzauberung: der Nachweis, dass eine Theorie, deren Gründungsanekdote bei jeder Erzählung wechselt, keinen Anspruch auf naturwüchsige Evidenz erheben kann.

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Die Angst vor Verschmelzung: Männlichkeit bei Arnaud Cathrine

Arnaud Cathrines Roman „Octave“ (Robert Laffont, 2022) erzählt in drei gegeneinander montierten Ich-Stimmen – Vince, Marilyn und Octave selbst – die Geschichte einer Jugendliebe zwischen zwei jungen Männern während der Corona-Pandemie, die ohne Erklärung endet, als Octave überstürzt zu seinem Vater nach Montpellier flieht, während im Hintergrund der Suizid eines von seinem Vater verstoßenen jungen Mannes die tödliche Kehrseite dieser Geschichte andeutet. Der Aufsatz liest den Roman als Verschiebung der Männlichkeitsfrage von der Oberfläche des Körpers – Muskel, Schlag, Eroberung – auf die Fähigkeit, Nähe auszuhalten, ohne sie sofort in Kontrolle oder Flucht zu übersetzen: Octaves Flucht wird nicht mit Scham über seine Homosexualität erklärt, sondern mit der panischen Angst, sich selbst in der Liebe zu verlieren. Damit benennt der Roman die eigentliche Gefahr für seine queeren Figuren nicht im eigenen Begehren, sondern in der männlichen Reaktion darauf, die von der eigenen Kontrollangst bis zur väterlichen Gewalt reicht. Dass die Schlussszene ausgerechnet ein Schimpfwort für Homosexualität in eine Liebeserklärung verwandelt, liefert dafür die pointierteste Formel: eine Sprache, die sonst zum Angriff dient, wird hier zum Ort, an dem sich zwei junge Männer endlich sagen können, was sie fühlen.

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Männlichkeit als Konstruktionsprojekt: Victor Malzac

Victor Malzacs Debütroman „Créatine“ (Gallimard, 2023) erzählt in einem atemlosen, sich selbst überbietenden Monolog die Geschichte eines namenlosen Jungen, der sich von einem übergewichtigen, isolierten Teenager in einen muskelbepackten Bodybuilder verwandelt – angetrieben von einem gewalttätigen Vater, einem Schwarzenegger-Film und schließlich von Steroiden, die ihm sein Mentor Pedro spritzt. Der Aufsatz liest diese Verwandlung als Konstruktionsprojekt: Der Erzähler übernimmt sein gesamtes Vokabular von Kraft und Begehren aus Werbung, Kino und der Gewaltsprache des Vaters, weil ihm für Zärtlichkeit keine eigene Sprache zur Verfügung steht, und die Prosa selbst – hypertroph, sich wiederholend, aus den Fugen geratend – vollzieht auf der Ebene des Satzbaus dieselbe Logik, die der Erzähler an seinem Körper betreibt. Dass der Roman ausgerechnet in dem Moment abbricht, in dem beide Oberschenkel des Erzählers unter der eigenen Muskelmasse reißen, macht aus der vermeintlichen Erfolgsgeschichte eine Diagnose: einen Männlichkeitsentwurf, der keine andere Sprache kennt als den eigenen Körper, trägt die Bestrafung für sein Scheitern bereits in sich selbst.

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Der Körper als einzige Sprache: Männlichkeit bei Olivier Adam

Olivier Adams Roman „Poids léger“ (Éditions de l’Olivier, 2002) folgt dem jungen Antoine, der tagsüber als Bestatter die Toten begräbt und abends unter der Anleitung seines Trainers Chef boxt – ein Doppelleben, in dem sich der kürzlich verstorbene Vater, die innig geliebte Schwester Claire und die schwangere Freundin Su zu einem Geflecht unverarbeiteter Bindungen verdichten, das schließlich in einer Messerstecherei eskaliert und Antoine in die Flucht in den Süden treibt. Der Aufsatz liest den Roman als Studie einer Männlichkeit, die für Trauer, Begehren und Zärtlichkeit über keine eigene Sprache verfügt und sie deshalb notgedrungen in die beiden Codes übersetzt, die Antoine tatsächlich beherrscht: das Gewicht eines Sarges und den Aufprall eines Schlages. Dass er sich weigert, ausgerechnet seinen Ersatzvater Chef zu schlagen, markiert dabei genau jene Stelle, an der sich diese Übersetzung verweigert und Zärtlichkeit als Störung der Gewaltlogik sichtbar wird. Wenn der Roman am Ende mit einem Lauf schließt, der den Lauf des Anfangs spiegelt, zeigt sich die knappste Formel seines Männlichkeitsbildes: ein Körper, der sich selbst nicht anhalten kann und irgendwann von außen gestoppt werden muss.

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Zerstörung des Volks: Philippe de Villiers erzählt den Untergang Frankreichs

Philippe de Villiers, der französische Publizist, Historienpark-Betreiber und Gründer der souveränistischen Partei Mouvement pour la France, hat mit „Populicide“ (Oktober 2025) sein jüngstes politisches Sachbuch vorgelegt – die Fortsetzung seines Vorgängerbandes „Mémoricide“ (2024), der bereits rund 230.000 Exemplare erreichte. „Populicide“ überträgt einen Begriff der Französischen Revolution – ursprünglich von Gracchus Babeuf zur Bezeichnung der staatlich angeordneten Massentötungen in der Vendée geprägt – auf einen gegenwärtigen demografischen und kulturellen Wandel und argumentiert, dass Frankreich durch eine Kombination aus Migration, Gender-Ideologie, Eliten-Verrat und transhumanistischer Technokratie sein Volk und seine Zivilisation verliert. Das Buch verbindet historiografische Fallstudien (Persien, Byzanz, Karthago, Rom, Peru, Toledo) mit autobiografischen Kampferzählungen, kulturpessimistischen Diagnosen und drei abschließenden Oden – eine Gattungshybridität, die das Werk zwischen politischem Manifest, historischem Essay und literarischer Beschwörung oszillieren lässt. Mit über 161.500 verkauften Exemplaren bis Ende Dezember 2025 ist „Populicide“ ein „literarisches Phänomen“ der französischen Rechten geworden, befördert durch Villiers‘ wöchentliche CNews-Sendung und den Bolloré-Verlag. Die vorliegende Rezension analysiert das Buch nicht als Polemik, sondern als methodisches und rhetorisches Projekt: Sie zeigt, wie Villiers historische Fallstudien durch Vereinfachung und Quellen-Manipulation zu Beweisen einer bereits feststehenden Verfallsthese fügt; wie er Gegenwarts-Probleme (Integration, Geschlechterdebatten, digitale Überwachung), die auch von anderen politischen Lagern geteilt werden, in eine geschlossene Verschwörungserzählung einwebt; und wie er affektive und ästhetische Techniken (Pathos, Zitatmontage, elegische Erzählweise) nutzt, um analytische Distanz durch emotionale Partizipation zu ersetzen. In einem vergleichenden Blick auf „Mémoricide“ werden dabei die Kontinuitäten deutlich: „Populicide“ ist weniger ein neuer Gedanke als die Verselbstständigung eines Begriffs, der im Vorgänger bereits angelegt war – eine Form der Wiederholung, die zwar stilistisch beeindruckend ist, aber wenig neue Einsicht bietet. Die Rezension fragt abschließend, was dieser Erfolg über die Empfänglichkeit von Teilen des französischen Publikums für Verfallserzählungen aussagt und wie sich eine sachliche, nicht-apokalyptische Auseinandersetzung mit echten Herausforderungen (Migration, schulische Vermittlung von Geschichte, technologische Transformation) von Villiers‘ Ansatz unterscheidet.

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Max Jacob von Modigliani, um 1916–1917.

Max Jacob zwischen Verklärung und Aktenbefund: Philippe Douroux und Olivier Rasimi

Max Jacob (1876–1944) war Dichter, Maler und einer der zentralen Figuren der Pariser Bohème am Montmartre, wo er in existenzieller Armut und geistiger Nähe zu Picasso das Prosagedicht revolutionierte und mit Werken wie Le Cornet à dés eine Poetik des Traums, des Zufalls und der mystischen Vision zwischen Judentum und katholischer Konversion entwickelte. Die Rezension stellt zwei Bücher aus dem Jahr 2026 gegenüber, die vom selben historischen Ausgangspunkt – der Verhaftung und dem Tod Max Jacobs im Sammellager Drancy – ausgehen, jedoch radikal divergierende Darstellungsweisen entfalten: Olivier Rasimis „Saint Max“ entwirft in einer achronologisch strukturierten, bewusstseinsnahen Erzählung eine hagiografisch grundierte Innenperspektive, die Jacobs Leben und Sterben als mystisch aufgeladenen Kreuzweg deutet, während Philippe Douroux’ „Max Jacob et le jeune SS“ als dokumentarische Doppelbiografie die Biografie des Dichters mit der eines späteren SS-Freiwilligen verschränkt und mittels archivalischer Recherche, Brieffunden und administrativer Spuren eine historisch-politische Anklage formuliert; die Rezension arbeitet diese Opposition systematisch heraus und argumentiert, dass beide Texte dieselbe Grundfrage – wie ein Tod zwischen religiöser Sinnstiftung und industriellem Massenmord erzählbar ist – mit entgegengesetzten Mitteln beantworten, wobei Rasimis ästhetische Verklärung die Gewalt tendenziell spiritualisiert, Douroux’ aktenbasierte Rekonstruktion hingegen Erfahrung in Evidenz überführt, sodass erst im kontrastiven Nebeneinander die jeweiligen blinden Flecken sichtbar werden: hier die Gefahr der Theologisierung historischer Gewalt, dort die Reduktion existenzieller Dimensionen auf dokumentarische Faktizität; die Stärke der Rezension liegt folglich in der präzisen narratologischen und erkenntniskritischen Vermittlung dieser Differenz, durch die literarische Form selbst als epistemisches Instrument begreifbar wird.

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Kosmogonie und Sommersonnenwende auf dem Supermarktparkplatz: Célestin de Meeûs

In Célestin de Meeûs, „Mythologie du .12″ (2024) treffen an einem einzigen Sommersonnenwendabend in der belgischen Provinz zwei Welten aufeinander, die sich sonst nie begegnen: Théo, gerade volljährig und mit den letzten Prüfungen fertig, vertreibt sich mit seinem Freund Max die Zeit auf dem Parkplatz einer Einkaufszone, zwischen Bier, Joints und der Erinnerung an eine gescheiterte Beziehung, während der Chefarzt Rombouts nach einem langen Arbeitstag in seine Villa am Waldrand zurückkehrt, wo Ehe und Vaterrolle bereits zerbrochen sind. Als Théo und Max am Abend in genau jenes kürzlich erworbene Waldstück ziehen, das an Rombouts‘ Grundstück grenzt, registriert dieser von seiner Terrasse aus Stimmen und Lichtschein, hält die beiden für Einbrecher und erschießt Théo mit seiner Flinte vom Kaliber .12 – ein Akt aus Furcht, den der Roman nicht als plötzlichen Ausbruch, sondern als Endpunkt eines längst angelegten Gefälles aus Besitzdenken, verletzter Männlichkeit und familiärer Weitergabe von Gewalt erzählt. Der Aufsatz liest diese Erzählung als Auseinandersetzung mit dem im Titel angekündigten Mythos: Kurz vor dem Schuss ruft sich Théo den antiken Sukzessionsmythos von Uranos und dem Sohn Kronos ins Gedächtnis, in dem der Sohn den übermächtigen Vater entmannt, um eine neue Ordnung freizusetzen – doch der Roman kehrt dieses Muster um, denn hier tötet eine Vaterfigur einen fremden jungen Mann, um den eigenen Status zu verteidigen, sodass aus befreiender Ablösung sterile Wiederholung wird. Eigentum, Männlichkeitsideal und koloniales Erbe verdichten sich dabei, wie der Text zeigt, zu einer selbstgemachten Mythologie im Sinne Roland Barthes‘, die eine Tötung als Notwehr erscheinen lässt, während Form und Syntax des Romans – die endlosen, kaum von Punkten unterbrochenen Sätze, die Parallelführung der Schauplätze, das wiederkehrende Bild des „Nirgendwo“ – diese Sinnverweigerung auf der Ebene der Sprache selbst vollziehen.

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Der Bauer als Seismograph der Katastrophe: France profonde bei Serge Joncour

„Nature humaine“ (2020) und „Chaleur humaine“ (2023) bilden ein zusammenhängendes Roman-Diptychon, in dessen Zentrum der Bauer Alexandre Fabrier und der Hof „Les Bertranges“ im Département Lot stehen. „Nature humaine“ erzählt in einer großen Rückblende den Zeitraum von der Dürre des Sommers 1976 bis zu den Orkanen von 1999 und verfolgt Alexandres Entwicklung vom Erben eines bäuerlichen Familienbetriebs über seine Politisierung im Umfeld der Anti-Atomkraft-Bewegung bis zur Sabotage eines Autobahnprojekts, während zugleich der Niedergang der traditionellen Landwirtschaft, die Auflösung familiärer Bindungen und seine Beziehung zur deutschen Naturschützerin Constanze entfaltet werden. „Chaleur humaine“ setzt zwanzig Jahre später unmittelbar vor dem ersten Corona-Lockdown ein und zeigt denselben Hof unter den Bedingungen von Klimawandel, Artensterben und Pandemie, während die Familie erneut zusammenfindet und Alexandre nach Wegen sucht, Landwirtschaft, Naturschutz und familiäre Versöhnung miteinander zu verbinden. Die Interpretation argumentiert, dass Serge Joncour beide Romane nicht als ökologischen Thesenroman, sondern als literarische „Poetik der Verspätung und des Nachhalls“ gestaltet: Historische Großereignisse wie Tschernobyl, Globalisierung, Stürme oder Pandemie werden konsequent mit den unscheinbaren Veränderungen der Landschaft, der Tierwelt und des bäuerlichen Alltags verschränkt, sodass sich die globale Klimakrise erst in lokalen, körperlich erfahrbaren Zeichen erkennen lässt. Aus dieser Verbindung von Familienroman, historischem Roman und „roman du terroir“ entwickelt Joncour eine Erzählweise, die den ländlichen Raum der „France profonde“ als empfindlichen Seismographen gesellschaftlicher und ökologischer Umbrüche sichtbar macht und den langen, oft kaum wahrnehmbaren Wandel der Natur zum eigentlichen Gegenstand des Erzählens erhebt.

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Der verzögerte Übertritt: Olivier Bleys

Der Roman „Nous, les vivants“ von Olivier Bleys (Albin Michel, 2018) erzählt die Geschichte des Hubschrauberpiloten Jonas Muñoz, der nach einem Schneesturm in einer Berghütte in den Anden eingeschlossen wird und gemeinsam mit dem geheimnisvollen Grenzhüter Jésus eine scheinbar reale Reise entlang der argentinisch-chilenischen Grenze unternimmt. Erst am Ende wird deutlich, dass Jonas bereits beim Hubschrauberabsturz gestorben ist und die gesamte Handlung seinen verzögerten Übergang vom Leben in den Tod darstellt. Die Interpretation argumentiert, dass Bleys diesen Übergang nicht durch einen überraschenden Schluss, sondern durch zahlreiche subtile Hinweise vorbereitet: Von da an entgleitet die Wirklichkeit in unauffälligen Zeichen: Die Uhr geht falsch, Stunden vergehen zwischen zwei Sätzen, der Alkohol in der Flasche wird nicht weniger, und Jésus, dessen Fußspuren im Schnee unmöglich leicht sind, spricht in Zukunftsformen über Jonas‘ Verbleib. Zeit und Raum verlieren ihre Ordnung, die Grenze wird zur Metapher für die Trennung von Leben und Tod, und das Verblassen von Erinnerungen und Fotografien symbolisiert das Loslassen der eigenen Existenz. Zur Begründung verweist die Interpretation auf Motive, Erzähltechnik, Figurenkonstellation und sprachliche Gestaltung. So konzentriert sie sich auf die allegorische Deutung des Romans. Bleys gestaltet literarisch mit seinem Roman weniger den Tod selbst als vielmehr den schwierigen Prozess des Abschieds und der Selbstaufgabe.

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Férocité, Klasse, Körper: Female Gaze bei Caroline Laurent, Benoîte Groult, Éric Holder und D. H. Lawrence

Der Artikel nimmt vier Liebesgeschichten in den Blick, in denen Frauen Männer aus deutlich niedrigeren sozialen Klassen bzw. Milieus begehren, und macht daran eine präzise Verschiebung sichtbar: Frauen schauen auf Männer. Im Zentrum stehen dabei die Romane von Caroline Laurent (2026), Benoîte Groult, D. H. Lawrence und Éric Holder, mit einem Seitenblick auf Annie Ernaux. Ihr Begehren ist jedoch nie abstrakt, sondern stets an den Körper gebunden: an Arme, Hände, Rücken, an Haut, Arbeit, Bewegung. Während Lawrence den Körper des Wildhüters noch als beinahe mythische Quelle von Vitalität und Erlösung stilisiert und Groult ihn in eine lange, letztlich unüberbrückbare Klassendifferenz einbettet, zeigt Holder ihn in seiner stillen Materialität – als gezeichneten, arbeitenden Körper, der kaum Worte für sich hat. Laurents Roman geht darüber hinaus: Hier wird der männliche Körper mit einer Genauigkeit betrachtet, die weder verklärt noch entschuldigt, sondern zugleich begehrt und analysiert. Gerade darin liegt die argumentative Pointe des Artikels: Der „weibliche Blick“ ist keine einfache Umkehr des traditionellen Blickregimes, sondern eine widersprüchliche Praxis, in der sich Begehren, soziale Prägung und Selbstreflexion überlagern. Die Liebe überschreitet zwar die Grenze zwischen den Klassen, hebt sie aber nicht auf; sie macht sie vielmehr am Körper selbst sichtbar. Am Ende verschiebt sich der Fokus noch einmal: Entscheidend ist nicht die Erfüllung der Beziehung, sondern das Schreiben darüber – als Akt, der das Erlebte festhält, zuspitzt und dem weiblichen Blick eine eigene, souveräne Form gibt.

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Wo die Jungs hinfahren: Alix Boirot

Die Studie der Anthropologin Alix Boirot zeigt, dass der sommerliche Partytourismus als verdichtetes soziales Labor fungiert, in dem Männlichkeit nicht einfach ausgelebt, sondern unter hohem Performanzdruck hergestellt wird: Ausgehend von einem medial geprägten „touristischen Imaginären“, das Frauen als verfügbare Objekte eines männlichen Blicks inszeniert, reisen die jungen Männer mit einem vorab internalisierten Skript an – sichtbar etwa in den frühen Abenden auf der Straße, wenn sie auf die Beschreibung eines Clubs fast reflexhaft mit der Frage reagieren, ob „da Mädchen“ seien, oder in den Schlafsälen, wo noch vor der ersten Nacht halb im Scherz, halb im Ernst ausgehandelt wird, wer im Fall einer „Eroberung“ das Zimmer räumt. In der Praxis erweist sich dieses Skript jedoch als widersprüchlich: Der scheinbar entgrenzte Hedonismus ist streng reguliert („kontrollierter Kontrollverlust“), und die Nächte folgen ritualisierten Abläufen – vom kollektiven Vorglühen mit billigem Alkohol über das dichte Gedränge vor den Clubs bis hin zur exzessiv choreografierten Ekstase auf der Tanzfläche, deren Spuren sich am Morgen in klebrigen Böden, leeren Flaschen und stolz präsentierten Erinnerungslücken materialisieren. Die eigentliche Bühne ist dabei weniger heterosexuell als homosozial organisiert: Wenn ein junger Mann seine Trinkfestigkeit demonstrativ überschreitet oder eine flüchtige Annäherung überzeichnet erzählt, richtet sich die entscheidende Anerkennung nicht an die anwesenden Frauen, sondern an die Blicke und Kommentare seiner Freunde. Im Anschluss an Konzepte wie „doing gender“ und „hegemoniale Männlichkeit“ wird sichtbar, dass Männlichkeit hier als prekäre, ständig zu erneuernde Leistung erscheint, deren Scheitern – etwa wenn die erwarteten sexuellen Begegnungen ausbleiben und sich stattdessen nur ein distanziertes Nebeneinander auf der Tanzfläche einstellt – in Selbstzweifel, aber auch in Schuldumkehr umschlagen kann, etwa wenn ein zurückgewiesenes Gespräch vor dem Club in spöttische oder aggressive Kommentare kippt. Zugleich legt die Untersuchung die strukturelle Einbettung dieser Performanzen offen – in ökonomisch gesteuerte Erlebnisindustrien, in denen Schlepperinnen draußen künstlich Fülle versprechen und Türsteher durch Preise selektieren –, sodass sich die sommerliche „Leichtigkeit“ als ritualisierte Praxis sozialer Differenzierung und Machtreproduktion erweist, die gerade in ihren scheinbar beiläufigen Szenen – dem Griff zur Kondompackung im Koffer, dem Anstoßen im Kreis der Freunde, dem kurzen, folgenlosen Flirt im Stroboskoplicht – ihre eigentliche soziale Dichte entfaltet.

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Putins Russland, Homophobie und Papierfranzosen bei Sergueï Shikalov

Der Aufsatz liest Sergueï Shikalovs „Espèces dangereuses“ (Seuil, 2024) als poetologisch hochreflexiven Text über Homophobie im postsowjetischen Russland, in dem eine ganze Generation schwuler Männer zwischen einem kurzen historischen „Frühling“ und einer erneuten autoritären Eiszeit sichtbar wird. Im Zentrum steht dabei weniger eine lineare Handlung als eine kollektive Erfahrungsform, die sich im unbestimmten „on“ artikuliert: eine litaneiartige, fragmentierte Rede, die individuelle Biographie zugunsten eines geteilten, von Gewalt, Scham und prekärem Begehren gezeichneten Daseins suspendiert. Gerade diese Verweigerung des Ichs wird zur ästhetischen Strategie, die das Verschwinden dokumentiert und zugleich konterkariert, indem sie aus Anonymisierung ein Verfahren der Zeugenschaft macht. Die Thematisierung von Homophobie erscheint dabei nicht nur als soziale Realität – in Gestalt von Übergriffen, institutioneller Gleichgültigkeit und politischer Repression –, sondern als diskursive Ordnung, die Körper klassifiziert, entwertet und aus dem Sagbaren verdrängt. Entscheidend ist, dass der Roman diese Erfahrung in der erlernten französischen Sprache formuliert, die als Medium des Exils einen paradoxen Raum eröffnet: Distanz und Artikulationsmöglichkeit fallen zusammen, sodass das Unsagbare überhaupt erst sagbar wird. Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die Frage der französischen Staatsbürgerschaft Kontur: Sie markiert zwar einen juristischen und existentiellen Bruch, bleibt jedoch – wie Shikalovs Essay „Français de papier“ (2025) zeigt – ambivalent, insofern Zugehörigkeit weiterhin unter Vorbehalt steht und sich die Logiken der Ausgrenzung in neuer Form fortschreiben.

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Zwei Blicke auf David Hockney: Catherine Cusset und Fabrice Gaignault

Beide Bücher umkreisen David Hockney und treffen ihn doch von entgegengesetzten Seiten: Catherine Cussets „Vie de David Hockney“ (Gallimard, 2018) erzählt als biografischer Roman das Leben des Malers von innen – von der Bradforder Kindheit, in der unter dem Pinsel des Vaters rostiges Metall leuchtend rot wird und „die Welt die Farbe wechselt“, bis zur späten Meisterschaft –, getragen von freier indirekter Rede, die den Erzähler hinter der Figur verschwinden lässt und Hockneys Begehren, Trotz und Lebensfreude zur eigentlichen Substanz macht; Fabrice Gaignaults „Patrick Procktor, le secret de David Hockney“ (Séguier, 2022) dagegen nähert sich ihm vom Rand, als essayistische Ermittlung über den vergessenen Freund, Rivalen und „Zwilling“ Patrick Procktor, der einst voraus war und schließlich mittellos und vergessen starb, während Hockney zum teuersten lebenden Maler der Welt aufstieg. Die vorliegende Interpretation führt die beiden Bücher kontrastiv gegeneinander – durch Erzählhaltung, Figurenkonstruktion, das Verhältnis von Erfolg und Scheitern, die Darstellung von Schöpfung und Homosexualität, die Ekphrasis und schließlich die Tatsache, dass beide dieselben Schlüsselwerke besprechen, „A Bigger Splash“ und „Portrait of an Artist“. An diesen identischen Bildern lässt sich verfolgen, wie zwei unvereinbare Wahrheiten entstehen: die des Lebens, von innen erlebt, und die des Nachruhms, von außen vermessen. Mit der Frage, warum von zwei eng verwandten Begabungen die eine in den Auktionshimmel aufsteigt und die andere im Anonymen versinkt – und was es über das Schreiben selbst aussagt, wenn eine Apologie der Freude und eine Elegie des Vergessens auf denselben Maler blicken –, ist der Einsatz des Vergleichs umrissen.

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Das Intime als politische Technik: Thesen zu Édouard Louis

Dieser Artikel liest Édouard Louis‘ Werk als ein geschlossenes poetologisches Projekt und fragt danach, wie seine Texte die Grenzen zwischen autobiografischem Erzählen, soziologischer Analyse und politischer Intervention überschreiten. Ausgehend von den Begriffen der „Konfrontationsliteratur“ und des „Intimismus“, die Louis in seinem jüngsten Gesprächsband „Que faire de la littérature ?“ (2025) entwickelt, werden zehn Deutungsansätze vorgestellt, die die formalen Verfahren, thematischen Konstanten und strategischen Verschiebungen seines Schreibens sichtbar machen. Im Zentrum steht die Frage, ob sich im Verlauf des Werks eine Reifung des Autors oder vielmehr eine Verfeinerung seiner literarischen Mittel beobachten lässt – und wie Louis mit seinen Texten nicht nur erzählen, sondern seine Leserinnen und Leser dazu zwingen will, das zu sehen, was sie allzu leicht verdrängen.

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Reaktionäre Männlichkeit als leere Provokation: Côme Martin-Karl

Côme Martin-Karls Roman „La réaction“ (2019) führt seine Leserinnen und Leser in die bizarre Welt französischer Reaktionäre, Online-Trolle, katholischer Integralisten und monarchistischer Splittergruppen, deren politischer Radikalismus zunehmend ins Komische kippt. Im Mittelpunkt steht Matthieu Richard, ein junger Mann ohne festen Halt, der sich weniger aus Überzeugung als aus Lust an Provokation und Außenseitertum in dieses Milieu treiben lässt. Der Aufsatz zeigt, wie der Roman mit satirischer Schärfe die Rituale, Sprachformen und Selbstbilder einer Szene offenlegt, die ständig von Größe, Tradition und Untergang spricht, dabei jedoch von inneren Widersprüchen und politischer Inhaltsleere geprägt ist. Im Zentrum der Argumentation steht die These, dass Martin-Karl nicht in erster Linie rechte Ideologien karikiert, sondern eine Form männlicher Selbstinszenierung, in der politische Positionen zu Requisiten einer Pose werden. Anhand der Erzählweise, der Figurenbeziehungen und der spannungsreichen Verbindung von politischer Radikalität und homosexuellem Begehren arbeitet die Interpretation heraus, wie der Roman die vermeintliche Härte seiner Protagonisten als Ausdruck eines tiefen Bedürfnisses nach Anerkennung und Besonderheit entlarvt. So erscheint „La réaction“ letztlich weniger als politischer Roman denn als brillante Satire auf Männlichkeit, Distinktionssucht und die Verwandlung von Politik in ein Spiel der Selbstdarstellung.

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Trilogie der Männlichkeit: Franck Mignot

Der Aufsatz liest Franck Mignots drei Romane „Mollesse“ (2023), „Les Viandards“ (2025) und „Faire avec“ (2026) als zusammenhängendes erzählerisches Projekt, das eine Genealogie erschöpfter Männlichkeit entwirft. Ausgehend von den programmatischen Titeln, die Erschlaffung, Raubtierhaftigkeit und resignatives Arrangement meinen, arbeitet die Analyse heraus, wie Mignot die Krise männlicher Rollenbilder nicht als spektakulären Zusammenbruch, sondern als langsamen Prozess der Entkräftung beschreibt. Im Zentrum steht die These, dass die drei Romane eine Bewegung vom eruptiven Gewaltakt zur erschöpften Dauerexistenz nachzeichnen: vom mordenden Samuel in „Mollesse“ über den kindlichen Beobachter in „Les Viandards“ bis zum müden, bleibenden Bertrand in „Faire avec“. Der Aufsatz verfolgt diese Entwicklung nicht werkchronologisch, sondern entlang wiederkehrender Strukturmomente – Sprachlosigkeit, Begehren, Vaterschaft, Geschlechterasymmetrie, Raumpoetik und Schreibpraxis – und zeigt, wie sich die Bücher gegenseitig hin auf eine narrative Studie zum Mannsein kommentieren und erhellen. Besonderes Gewicht erhält dabei die Analyse von Mignots Lakonik: Die nüchterne, parataktische Prosa erscheint nicht bloß als Stilmittel, sondern als ethische Haltung einer Welt, in der den Figuren jede stabile Werteordnung abhandengekommen ist. Der Aufsatz argumentiert, dass Mignots Romane den klassischen Bildungsroman systematisch verweigern und stattdessen eine „Chronik des Unveränderlichen“ entwerfen, in der Entwicklung durch Wiederholung ersetzt wird. Gerade darin liegt eine Radikalität der Trilogie: Nicht Katharsis oder Heilung, sondern das erschöpfte „Weiterleben mit dem, was übrig bleibt“ bilde den Horizont dieser Texte. Indem die Studie Mignots Werk zugleich als Milieuchronik, Poetik des Verstummens und Reflexion moderner Männlichkeit liest, macht sie sichtbar, wie eng Form, Sprache und Thema in dieser Trilogie miteinander verschränkt sind.

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Die Niederlage der Sieger: Laurent Gaudé

Laurent Gaudés bislang unübersetzter Roman „Écoutez nos défaites“ (2016) ist ein polyphon komponierter Text, der fünf Erzählstränge – vom zeitgenössischen Geheimdienstmilieu bis zu historischen Kriegsschauplätzen (u. a. Hannibal, Grant, Hailé Sélassié) – zu einem dichten Geflecht existenzieller Erfahrungen verbindet, in dessen Zentrum nicht der Sieg, sondern die Niederlage als universale Kategorie steht: militärisch, moralisch und psychisch. Anschauliche, eindringliche Szenen – etwa Grants kalkulierende Kälte nach dem Massaker, Hannibals Konfrontation mit dem Tod des Bruders oder die traumatische Wahrnehmung des Soldaten Sicoh – illustrieren eine Poetik der Stille im Kern der Gewalt, in der Figuren nicht handeln, um zu überwinden, sondern von ihren Erfahrungen belagert werden. Die Rezension liest den Roman als radikale Absage an die Idee des „sauberen Sieges“ und als Kritik gegenwärtiger Remilitarisierung, indem sie die historischen und gegenwärtigen Ebenen systematisch verschränkt. Methodisch arbeitet sie mit paradigmatischen Szenen, die exemplarisch eine Ethik der Niederlage entfalten, und steigert diese zu einer normativen These: Würde entsteht nicht im Triumph, sondern im Umgang mit Verlust. Die Montage der Zeiten und Perspektiven erzeugt keine lineare Entwicklung, sondern eine Bewegung des fortwährenden Übergangs, in der sich Innen- und Außenwelt unauflöslich durchdringen. Die modernen Figuren fungieren als existentielle Resonanzräume der historischen Kriegerfiguren: Assem und Sullivan verkörpern das „Schwanken“ moderner Gewaltakteure, deren Handeln sich im Nachhinein als sinnentleert erweist und die an der Frage nach dem Sinn ihrer Einsätze zerbrechen. Mariam hingegen bildet das entscheidende Gegengewicht, indem sie als Archäologin und Hüterin des kulturellen Gedächtnisses eine Praxis der Bewahrung und Weitergabe verkörpert, die sich jener Logik von Zerstörung und Niederlage entzieht. Während die Agenten im Verschwinden begriffen sind, insistiert Mariam auf der Möglichkeit von Kontinuität – nicht durch Sieg, sondern durch Erinnerung. Der Roman verweigert einen abschließenden Sinn – es gibt weder kathartische Auflösung noch heroische Überhöhung – und erreicht eine seltene Verbindung von erzählerischer Intensität und ethisch-politischer Reflexion.

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Verbergen und Zeigen: die Gewalt der Kunst bei Benjamin de Laforcade

Benjamin de Laforcades Roman „Rouge nu“ (Gallimard, 2022) situiert sich um ein paradoxes Zentrum: ein berühmtes Gemälde, das gerade durch seine Unsichtbarkeit Wirkungsmacht entfaltet, indem es – verborgen in einem architektonisch inszenierten Schutzraum – zugleich Mythos und Marktwert steigert, während es eine gewaltsame Geschichte birgt; im Fokus steht die Figur des Malers Andreas Mauser und das Modell Izabela, deren Körper im Akt der künstlerischen Produktion zum Schauplatz von Gewalt wird, die im Diskurs des Geniekults systematisch verschwiegen wird. Die Rezension arbeitet diesen Zusammenhang als dialektisches Verhältnis von Zeigen und Verbergen heraus und liest die ästhetische Technik des Übermalens und Freilegens als Metapher für die kulturelle Logik des Kunstbetriebs: Sichtbarkeit ist selektiv produziert, Unsichtbarkeit nicht bloß Abwesenheit, sondern aktive Verdrängung. Nadeije Laneyrie-Dagens kunsthistorische Studie „Cacher/montrer: une histoire des œuvres invisibles en Occident“ (Gallimard, 2024) zeichnet von der Prähistorie bis zur Gegenwart nach, dass Kunstwerke im Westen lange nicht auf permanente Sichtbarkeit angelegt waren, sondern ihre Wirkung gerade aus ritualisierten Praktiken des Verbergens und selektiven Zeigens bezogen, wodurch Sichtbarkeit als historisch regulierte Form von Macht, Begehren und sozialer Kontrolle erscheint. Der Aufsatz verschränkt die narrative Struktur des Romans mit solchen Überlegungen und zeigt so, dass das „unsichtbare“ Kunstwerk weniger ein Objekt als ein Dispositiv ist, das Machtverhältnisse stabilisiert.

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Körper als Schlachtfeld: Boris Bergmann

Boris Bergmanns „Les Corps insurgés“ (2020) entwirft in einer kunstvoll verschränkten Triptychonstruktur die Lebenslinien dreier Figuren – des Renaissancekünstlers Lorenzo, des Pariser 68ers Baptiste und des gegenwärtigen Migranten Tahar –, deren Erfahrungen jeweils entlang einzelner Körperteile organisiert sind und so eine Poetik des Körpers als historischem Speicher und politischem Austragungsort entfalten: Wangen, Speiseröhre, Leber oder Herz fungieren nicht nur als anatomische Marker, sondern als semantische Verdichtungen von Scham, Begehren, Gewalt und Widerstand, wodurch individuelle Biographien in größere Macht- und Diskurszusammenhänge eingebettet werden. Dabei greift die formale Anlage erkennbar auf die Tradition der „Blasons“ zurück, also jener frühneuzeitlichen Gattung, die einzelne Körperteile rhetorisch isoliert und poetisch überhöht, und transformiert sie in eine moderne, gebrochene Ästhetik, in der Fragmentierung nicht mehr der Feier, sondern der Problematisierung des Körpers dient. Die Argumentation des Romans – und dies ist zugleich seine ästhetische Pointe – vollzieht sich weniger diskursiv als strukturell, indem die Parallelmontage der drei Zeitebenen Analogien und Kontraste erzeugt: Während Lorenzo den Körper als Ort künstlerischer Transgression gegen kirchliche Autorität erprobt, zeigt sich bei Baptiste die schleichende Erstarrung eines einst politisierten Körpers, und Tahars Geschichte radikalisiert diese Linie zur existentiellen Zuspitzung im Zeichen von Migration, Prekarität und möglicher Selbstvernichtung. Gerade in der konsequenten Rückbindung sozialer und ideologischer Prozesse an körperliche Erfahrung liegt die argumentative Schärfe des Textes, der Gewalt nicht abstrakt verhandelt, sondern als Einschreibung in den Körper begreift und im finalen Umschlag – Tahars Entscheidung für das Leben im Moment der möglichen Detonation – eine fragile, aber insistente Gegenfigur zur Logik der Zerstörung entwirft.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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