Gesang im Chaos: Apokalypse, Nomadentum und Widerstand bei Mathieu Belezi
Mathieu Belezis „Cantique du chaos“ entwirft eine nachapokalyptische Welt, die aus einem biblisch überhöhten Sintflutereignis hervorgegangen ist und deren politische wie existenzielle Ordnung von Gewalt, Leere und Entwurzelung geprägt ist: Im Zentrum steht der alternde Desperado Théo Gracques, der nach einem gescheiterten Rückzug als Eremit mit Chloé und deren Kindern quer durch das zerstörte Europa und Amerika flieht, während sich seine Gegenwart unablässig mit den lyrisch verdichteten Erinnerungen an die verlorene Liebe Léonore und den Tod des gemeinsamen Kindes verschränkt; nach weiteren Verlusten und zunehmendem körperlichen Verfall endet seine Bewegung im Stillstand am Orinoco, wo er stirbt und sein letztes Gedicht einer jungen Frau überlässt, die es memorierend bewahrt. Der Aufsatz liest diesen Handlungsbogen als dreifach strukturierte Poetik – zwischen Road Novel, Epos und Lyrikzyklus –, in der das Unterwegssein zugleich räumliche Bewegung, Erinnerungsarbeit und Sterbeprozess ist, und arbeitet präzise heraus, wie Belezi durch die Verschränkung eines mythischen Eingangsgesangs, prosaischer Fluchtkapitel und poetischer Tagebucheinträge eine „Poetik des Endes“ etabliert: Schreiben erscheint hier nicht als Repräsentation von Welt, sondern als letzte autonome Handlung in einer Welt ohne Alternativen. Die gattungshybride Form wird hierbei als Antwort auf die dargestellte Katastrophe gedeutet – die barocke Sprachfülle gegen die Leere der verwüsteten Welt, die lyrische Zeitenthobenheit gegen die Linearität des Verfalls, die weiblichen Figuren als Trägerinnen von Handlung und Überlieferung gegen den erschöpften männlichen Erzähler. Indem sie diese formalen und thematischen Linien engführt, zeigt die Rezension den Roman nicht nur als dystopische Erzählung, sondern als Reflexion über die Bedingungen von Literatur selbst: Das „Cantique“ wird zur letzten, prekär fortbestehenden Form von Sinnstiftung im Angesicht totaler Desintegration.
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