Bildstörung: deutsch-französische Interferenzen bei Alain Robbe-Grillet und Claude Ollier

Der Aufsatz schlägt eine vielleicht überraschende Genealogie des Nouveau Roman vor, indem er dessen Entstehung nicht im Pariser Literaturbetrieb, sondern in der Extremsituation der Zwangsarbeit im nationalsozialistischen Deutschland verortet. Ausgehend von der Begegnung Alain Robbe-Grillets und Claude Olliers in einer Nürnberger Fabrik rekonstruiert die Lektüre von vier Büchern der Autoren, wie sich unter Bedingungen von Fremdheit, Kontrolle und Entsubjektivierung eine neue Form der Wahrnehmung herausbildet: eine radikale Hinwendung zu Oberflächen, Dingen und räumlichen Strukturen, die psychologische Tiefenmodelle konsequent zurückweist. In Einzelanalysen zeigt der Text, wie diese Erfahrung in spezifische Erzählverfahren übersetzt wird – in fragmentierte Zeitordnungen, instabile Perspektiven und eine Sprache, die weniger deutet als registriert. So entsteht das Bild einer Poetik, die aus historischer Erschütterung hervorgeht, ohne sich je in expliziter Erinnerungsliteratur zu erschöpfen. Die behandelten Romane machen das Verhältnis beider Kulturen nicht zum Thema, sondern schreiben es in ihre formalen Strukturen ein. Das Deutsche erscheint als Erfahrungsraum von Macht und Fremdheit, das Französische als literarische Transformationsinstanz – doch beide sind untrennbar ineinander verschränkt. Diese Texte sind daher deutsch-französische Romane nicht aufgrund ihres Inhalts, sondern weil sie einen Zwischenraum entwerfen, in dem nationale Zuschreibungen instabil werden und Bedeutung erst aus ihrer Überlagerung hervorgeht.

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Krieg als Erbe: Zur Systematik transgenerationeller Prägung bei Julia Weidmann

Die Rezension stellt Julia Weidmanns Studie „Kontinuum der Kriege: intergenerationelles Erzählen der Weltkriege in der französischen Gegenwartsliteratur“ (Winter, 2025) als grundlegende, komparatistisch angelegte Untersuchung eines zentralen Phänomens der französischen Gegenwartsliteratur vor: des intergenerationellen Erzählens der Weltkriege. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Nachgeborene – von der „Wunde“- bis zur „Erbe“-Generation – familiale Kriegserfahrungen in literarischer Form rekonstruieren, indem sie zwischen archivalischer Recherche und Imagination vermitteln. Weidmann entwickelt hierfür ein eigenständiges Modell eines „Kriegskontinuums“, das die tradierten numerischen Generationenkategorien durch eine metaphorische, am Trauma orientierte Skalierung ersetzt, und operationalisiert dieses Konzept in einer vierstufigen Analysemethode, die sie auf ein breit gefächertes Korpus von Autorinnen und Autoren (u.a. Claude Simon, Patrick Modiano, Ivan Jablonka, Anne Berest) anwendet. Die Rezension würdigt insbesondere die methodische Klarheit, die differenzierten close readings und den Nachweis wiederkehrender Erzählstrukturen über Generationen hinweg, hebt aber auch begrenzte Schwächen hervor, etwa eine gewisse Schematisierung im komparatistischen Seitenblick und die vergleichsweise randständige Behandlung ästhetischer Detaildimensionen. Insgesamt erscheint die Studie als ein substantieller Beitrag zur literaturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung, der ein tragfähiges Instrumentarium zur Analyse transgenerationeller Erinnerung bereitstellt und zugleich neue Perspektiven für die Erforschung zukünftiger Erzählformen eröffnet.

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Wenn man sagt, dass man nichts mehr sagen kann

Alain Robbe-Grillet bei Emmanuelle Lambert

Eine junge Frau kommt nach Paris und entdeckt ein intellektuelles Milieu, eine Männerkaste: den Papst des Nouveau Roman, Alain Robbe-Grillet, und seine Ehefrau Catherine, die eine radikale Freiheit von Sexualität und von Literatur vertreten. Lambert hatte schon das Nachwort zu Catherines Buch Alain geschrieben, 2009 eine Erzählung über ihre Zusammenarbeit mit Robbe-Grillet ein Jahr nach seinem Tod veröffentlicht, Mon grand écrivain. Raphaëlle Leyris interpretiert in Le Monde dieses neuerliche Buch nach 15 Jahren so, dass sich Lambert nicht mehr versteckt, es wird ein Bildungsroman in weiblicher Perspektive, etwa im Kapitel „Heldinnen“. Claire Devarrieux in Libération lobt die Schwebe zwischen Komik und Zuneigung, Empathie und Distanzierung. So wagt Lambert Widerspruch, als Robbe-Grillets letztes Buch Pädophilie und Inzest feiert: Fantasie ist keine Ausrede. Lambert konzediert im Nouvel Observateur aber auch: „Es gibt immer eine Kluft zwischen der Erinnerung an einen Schriftsteller und der Realität seiner Bücher.“ Die Autorin erzählt u.a. vom Bewusstsein des „Rock-Stars der Avantgarde“ für Besitz, Hierarchie und Macht, von den Strukturen der Mitarbeiter am Institut und den feinen akademischen Unterschieden, von den unangemessenen sexuellen Fragen Robbe-Grillets bei ihrer ersten Begegnung im normannischen Schloss, die 36 Kapitel enden mit einem ambivalenten Fest.

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