Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst. Automatische Übersetzungen:
Inhalt
Vorüberlegung zum richtigen Moment, „La Légende“ zu lesen
J’ai lu et relu les livres de ces revenants devenus illustres, Charlotte Delbo, Elie Wiesel, Jorge Semprun, Primo Levi, je n’ai pas trouvé un mot de haine, l’ombre d’une envie de vengeance, pas la moindre expression de colère. […] À ma manière, je suis un rescapé, mais moi je ne trouve pas assez de mots, je n’ai pas assez de force en moi pour dire ma colère, ma honte, ma haine et je sais que rien ne pourra étancher le désir de vengeance que je porte en moi.
Boualem Sansal, Le Village de l’Allemand ou le journal des frères Schiller
Ich habe die Bücher dieser berühmt gewordenen Überlebenden – Charlotte Delbo, Elie Wiesel, Jorge Semprun, Primo Levi – immer wieder gelesen, doch ich habe kein einziges Wort des Hasses gefunden, nicht den geringsten Anflug von Rachegelüsten, nicht den geringsten Ausdruck von Wut. […] Auf meine Weise bin ich ein Überlebender, aber mir fehlen die Worte, ich habe nicht genug Kraft in mir, um meine Wut, meine Scham, meinen Hass auszudrücken, und ich weiß, dass nichts das Verlangen nach Rache stillen kann, das ich in mir trage.
Der Bruder Schiller, Rachel („Rachid“ und „Helmut“ überkreuzend), stellt hier die Ruhe der wirklichen Überlebenden – die bloß bezeugen, ohne zu hassen – gegen seine eigene, verschlingende Wut. Der Roman wertet diese Asymmetrie eindeutig: Die Würde liegt beim nüchternen Zeugnis, nicht beim Rachebedürfnis, das Rachel am Ende zerstört. Zum Zeitpunkt des Erscheinens von Boualem Sansals neuem Buch La Légende gelesen, wird die Stelle zur vorsichtigen Frage an den Autor: Ein Buch, das sich wie La Légende selbst als „livre de combat“ begreift, das „benennt“ und „anklagt“ und mit Listen von Verrätern und Getreuen endet, wählt jenen Ton, vor dem Rachels Schicksal warnt. Sansal hat die Differenz zwischen dem Bezeugen und dem Abrechnen einst literarisch durchdrungen – die Stelle erinnert daran, dass er es wusste.
Dass an dieser Stelle vorerst keine Besprechung von La Légende erscheint, hat zunächst mit der Beschaffenheit des Buches zu tun. Der am 2. Juni 2026 bei Grasset erschienene Text ist ein autobiografischer Bericht über die 361 Tage, die Sansal zwischen November 2024 und November 2025 in algerischer Haft verbracht hat. Er versteht sich erklärtermaßen nicht als neutrales Buch, sondern als Kampfbuch, das benennt und anklagt. Ein Haftbericht dieser Art verlangt eine andere Form der Aufmerksamkeit als ein Roman: Er will zuerst als Aussage eines zu Unrecht Inhaftierten gehört werden – und dieser Achtung steht hier nichts entgegen. Eine literarische Lektüre, die ihn als Form zergliederte, käme zu früh und liefe Gefahr, die Dringlichkeit des Berichteten gegen seine Gestalt auszuspielen.
Die ersten Stimmen der Kritik bestätigen diesen Eindruck und schärfen ihn. Das Journal du Dimanche feiert das Buch als Ereignis und stellt Sansal in eine Linie mit Solschenizyn und Camus – als großen Schriftsteller, dessen Bestimmung es sei, dass die Freiheit Gewalt erleide. Schon diese Rezension liest das Werk also kaum als Literatur, sondern als Märtyrerzeugnis, und das ist bezeichnend: Das Buch erzwingt eine Parteinahme, ehe sich über seine Eigengestalt überhaupt urteilen lässt. Die Gegenseite ist ebenso früh präsent. Sansals langjähriger Lektor Jean-Marie Laclavetine warf ihm in Libération Undankbarkeit und den Anschluss an die „Bollosphäre“ vor – eine Anspielung auf den Hachette-Konzern im Umkreis des konservativen Milliardärs Vincent Bolloré, zu dem Grasset gehört. Sansals Verteidigung, er sei frei und folge keiner ideologischen Linie, wird dadurch belastet, dass er zugleich bei einem vom RN-nahen Bürgermeister von Perpignan unterstützten Festival auftrat und einräumte, der Rassemblement National habe Positionen von ihm übernommen.
Und hier liegt, offen gesagt, die eigentliche Irritation. Sansal beendet La Légende mit einer Liste von rund 170 Unterstützern und widmet einen Anhang denen, die sich seine Freunde nannten und ihn „erdolcht“ hätten ; er greift namentlich die Gallimard-Leitung an, der er vorwirft, ihn wie einen Obdachlosen „auf die Straße gesetzt“ zu haben. Dass er den Protest der Grasset-Autoren nach eigener Aussage „nicht recht versteht“ und sich „super wohl“ fühle bei einem Verlag, der ihm einen Vorschuss von einer Million Euro gezahlt habe, verschiebt den Ton vom Zeugnis zur Abrechnung. Man kann die Härte eines Mannes nachvollziehen, der ein Jahr willkürlicher Haft und eine Krebserkrankung hinter sich hat – und gerade darum von Deutschland aus aufmerksam mitverfolgt wurde, da seine Begnadigung auf eine Intervention von Präsident Steinmeier zurückging. Aber das Buch verstrickt sich offenkundig so dicht in Freund-Feind-Bilanzen und Verlagspolitik, dass kaum auszumachen ist, was darin dem Werk und was den Kämpfen um es gehört. Eine deutschsprachige Übersetzung liegt noch nicht vor, ausführliche Feuilleton-Rezensionen hierzulande stehen aus.
Diese Reihe ist auf Literatur als Form ausgerichtet – darauf, wie ein Text Erfahrung gestaltet, nicht darauf, wie eine öffentliche Figur sich positioniert. Deshalb empfiehlt sich m.E. statt des Kampfbuchs aus dem Augenblick zur Lektüre ein vormaliges Buch von Sansal, Le Village de l’Allemand ou le journal des frères Schiller (Gallimard, 2008), ein Werk, das Schuld, Erinnerung und die Vereinnahmung des Einzelnen durch Ideologien in eine Form gegossen hat, die sich von ihrem Anlass gelöst hat und gerade darum lesbar bleibt. Auf La Légende lässt sich ggf. zurückkommen, wenn der Lärm um das Buch dem Buch selbst Platz gemacht hat – und wenn eine Kritik möglich ist, die mehr sein darf als ein Votum in einer Gegenüberstellung zweier gegnerischer Gruppen.
Die eingangs zitierte Stelle aus Le Village de l’Allemand steht am Ende von Rachels Recherchereise, im Eintrag „Auschwitz, la fin du voyage“ (Februar 1996). Rachel ist monatelang den Spuren seines deutschen Vaters Hans Schiller nachgereist – durch Deutschland, Österreich, Polen, Ägypten – und beschließt seine Wallfahrt bewusst am Ort der größten Schuld. In Birkenau versucht er, in die Schritte des Vaters zu treten, und liest dazu die Berichte der Überlebenden. Hier setzt das Zitat an: Rachel vergleicht die Ruhe der wirklichen Zeugen mit seiner eigenen, ihn verzehrenden Wut. Unmittelbar darauf folgt sein verzweifelter Ausbruch gegen den toten Vater („Hans Schiller, sois maudit!“) und kurz danach die Begegnung mit der alten Überlebenden, der er stellvertretend Vergebung abbittet. Das Zitat markiert also den Kipppunkt: den Moment, an dem das Wissen in eine Schuld umschlägt, die Rachel nicht mehr tragen kann. Es ist die letzte Reisestation vor der Rückkehr nach Paris – und vor dem Suizid zwei Monate später. Die Wut, die Rachel hier eingesteht, ist bereits die Wut, an der er zugrunde geht.
Vier Bewegungen einer Geschichte
Wer Sansals Roman als bloße Verschachtelung dreier historischer Gewaltkomplexe – Shoah, algerischer Bürgerkrieg, Radikalisierung in der französischen Vorstadt – liest, übersieht das eigentlich Literarische daran: dass diese Komplexe nicht nacheinander erzählt, sondern ineinander gefaltet werden, sodass jeder den anderen durchscheinen lässt. Der vorliegende Aufsatz vertritt die These, dass Le Village de l’Allemand ein „roman croisé“ im eigentlichen Sinne ist, ein Text also, der das Dazwischen nicht nur thematisiert, sondern zu seinem konstitutiven Schreibverfahren macht: Die Verschränkung zweier Tagebuchstimmen, zweier Sprachregister und dreier nationaler Gedächtnisräume erzeugt Bedeutung gerade im Übergang, im Vergleich, in der riskanten Analogie. Zugleich changiert der Roman unauflösbar zwischen zwei Lektüreparadigmen – er ist Erinnerungstext im Sinne der europäischen Holocaust-Literatur und postkolonialer Text im Sinne der franko-maghrebinischen Migrationsliteratur –, und es ist eben diese Doppelzugehörigkeit, die seine Brisanz wie seine Problematik ausmacht. Daraus ergeben sich die Leitfragen: Wie organisiert die formale Verschränkung der beiden Tagebücher die Vergleichsoperation, die der Roman dem Leser zumutet? Mit welchen raum-, zeit- und metaphernpoetischen Mitteln wird die Analogie zwischen Lager und Cité hergestellt – und wo wird sie selbst fragwürdig? Inwiefern reflektiert der Roman in seiner autopoetologischen Dimension die Gefahr, die seine eigene fiktive Bearbeiterin im Vorwort als „gefährliche Parallelen“ benennt? Und schließlich: Welches Bild von Identität als einem Beweglichen, Übersetzbaren, Unabschließbaren entwirft ein Text, dessen Protagonisten Namen wie Rachel (aus Rachid und Helmut) und Malrich (aus Malek und Ulrich) tragen?
Boualem Sansals 2008 bei Gallimard erschienener Roman Le Village de l’Allemand ou Le Journal des frères Schiller setzt mit einem Tod ein, der rückwärts gelesen werden muss. Im Oktober 1996 berichtet der jüngere der beiden Brüder, Malrich Schiller, vom Suizid seines älteren Bruders Rachel, der sich ein halbes Jahr zuvor in der Garage seines Vorstadthauses in den Abgasen seines Wagens hat ersticken lassen – bekleidet mit einem gestreiften Pyjama und mit kahl rasiertem, schief geschorenem Kopf. Die beiden Brüder, Söhne einer algerischen Mutter und eines deutschen Vaters, sind im algerischen Dorf Aïn Deb geboren und nacheinander zu einem Onkel in eine französische „cité“ gekommen. Rachel, der gebildete Ingenieur in einem multinationalen Konzern, hinterlässt vier Hefte, ein Tagebuch, das der Polizeikommissar dem haltlosen, schulisch gescheiterten Malrich mit den Worten übergibt, es werde ihm „Blei in den Kopf“ geben.
Aus der Lektüre dieses Tagebuchs entfaltet sich die zweite Bewegung. Auslöser von Rachels innerer Katastrophe ist ein Massaker, das eine islamistische Gruppe (GIA) im April 1994 in Aïn Deb verübt: Die Eltern werden zusammen mit Dutzenden Dorfbewohnern getötet. Rachel reist nach Algerien, um an den Gräbern zu trauern, und stößt dabei auf eine Ungereimtheit – die Eltern erscheinen auf der Opferliste unter abweichenden Namen – sowie auf einen Koffer mit den Papieren des Vaters. Diese Dokumente, ein Wehrmachts-Soldbuch, SS-Abzeichen, Fotografien und Lagernamen, enthüllen, dass Hans Schiller ein Kriegsverbrecher war, der an der Vernichtung der europäischen Juden beteiligt war, nach 1945 über Ägypten nach Algerien floh, am Unabhängigkeitskrieg teilnahm, zum Islam konvertierte und schließlich als verehrter Dorf-Cheikh starb.
Die dritte Bewegung ist eine Reise durch die europäische Erinnerungslandschaft. Rachel sucht die Spuren des Vaters in Deutschland (Uelzen, Hamburg), in Österreich, Polen, der Türkei und Ägypten auf. Sein Tagebuch verzeichnet diese Recherche als fortschreitende Selbstzersetzung, die in Auschwitz kulminiert: Dort versucht er, in die Schritte des Vaters zu treten, begegnet einer alten Überlebenden und bittet sie stellvertretend um Vergebung. Von dieser Reise kehrt er nicht mehr zurück; sein Selbstmord ist die logische Endstation einer übernommenen Schuld.
Parallel dazu schreibt Malrich in der vierten Bewegung sein eigenes Tagebuch und liest die Gegenwart der „cité“ durch die Brille des Bruders. Er erkennt im islamistischen Extremismus, der seine Wohnsiedlung erfasst – verkörpert durch einen Imam und eine neue Truppe gewaltbereiter „Kapos“ –, die Wiederkehr eines Vernichtungssystems. Am Ende sind die Eltern tot, Rachel tot, der Onkel sterbend; Malrich bleibt allein zurück, ausgestattet mit dem doppelten Auftrag, zu überleben und zu erzählen.
Die Gattung des verschränkten Tagebuchs
Doppeltagebuch und die Asymmetrie zweier Stimmen
Der Untertitel des Romans benennt seine Gattung präzise: Le Journal des frères Schiller – das Tagebuch der Brüder Schiller. Es handelt sich nicht um ein Tagebuch, sondern um zwei, die der Text in alternierender Montage gegeneinanderführt. Rachels Hefte und Malrichs Aufzeichnungen wechseln sich ab, doch ihr Verhältnis ist kein symmetrisches. Malrich liest, kommentiert, paraphrasiert und rahmt Rachels Text; Rachels Tagebuch wiederum enthält selbst eingelagerte Dokumente, Zitate und Briefe. Es entsteht eine mehrfach gestufte Schachtelstruktur, in der die jüngere Stimme die ältere bergend umschließt – das gesamte Buch trägt am Ende Malrichs Signatur, denn das fiktive Vorwort, in dem eine Lehrerin den Text „in gutes Französisch“ umgeschrieben haben soll, ist von „MALRICH SCHILLER“ unterzeichnet.
Diese Asymmetrie ist die eigentliche Vergleichsmaschine des Romans. Rachel liefert das historische Wissen und die intellektuelle Durchdringung; Malrich liefert die Übersetzung dieses Wissens in die Erfahrungssprache der „cité“. Wenn Malrich gesteht, er habe Rachels Tagebuch kaum lesen können – „Sein Französisch ist nicht meines“ 1 –, so markiert dieser Satz nicht nur eine soziolektale, sondern eine erkenntnistheoretische Differenz: Zwei Weisen, dieselbe Welt zu fassen, werden produktiv aneinander gerieben. Erst aus dieser Reibung entsteht die These des Romans, die kein einzelner Erzähler allein formulieren könnte.
Tagebuch, Brief und Dokument: hybride Kommunikationsformen
Der Roman ist formal hybrid. In Rachels Heften finden sich nicht nur introspektive Einträge, sondern eingebettete Dokumente: das deutsche Soldbuch mit dem Eintrag „Hans Schiller, geboren am 5. Juni 1918 in Uelzen“, algerische Versetzungsdekrete, ein verschlüsselter Brief eines „Jean 92“, Zeitungsausschnitte. Malrichs Teil enthält seinerseits einen fingierten offenen Brief an einen Minister, der mit der Formel schließt: „Nehmen Sie, Herr Minister, hier den Ausdruck meiner staatsbürgerlichen Wut“ 2 – eine Parodie auf die Höflichkeitsformel der französischen Verwaltungssprache, in der das Wort rage die rituelle salutation sprengt. Diese Dokumentenmontage verleiht dem Text einen quasi-forensischen Charakter: Der Leser wird zum Mitermittler, der aus Indizien eine verschwiegene Biografie rekonstruiert. Das Tagebuch wird so zum Gefäß einer kriminalistischen Spurensuche, die zugleich Geschichtsarbeit ist.
Zwei Ich-Erzähler und das Problem der Beglaubigung
Beide Tagebücher sind homodiegetisch und autodiegetisch – jeder Bruder erzählt seine eigene Geschichte in der ersten Person. Doch die Beglaubigungsverhältnisse sind gestaffelt. Rachels Stimme erreicht uns nur durch Malrichs Vermittlung, der eingesteht, gekürzt und ausgewählt zu haben: „Ich habe zusammengefasst, ich habe das Beste genommen, der Rest ist echtes Moschee-Geschwätz“ 3. Diese offen eingestandene Redaktion untergräbt jede Illusion eines unmittelbaren Zugangs zum Toten. Der Roman macht damit ein zentrales Problem der Erinnerungskultur zum Formprinzip: Das Zeugnis des unmittelbar Betroffenen ist immer schon vermittelt, übersetzt, redigiert. Wenn Rachel in Auschwitz feststellt, der Reiseführer sei „in seinen Büchern, in seinen technischen Merkblättern“ 4 gefangen und verfehle das Wesentliche, so trifft diese Selbstkritik auch ihn – und damit den Roman selbst, der um die Uneinholbarkeit der Erfahrung weiß.
Raum, Zeit und Metaphorik der Überkreuzung: die Analogie und ihre Grenzen
Drei Räume, ein Dorf: die Isotopie des „village“
Die Raumstruktur des Romans ist um ein semantisches Zentrum organisiert, das der Titel bereits ankündigt: das Dorf. Aïn Deb, das algerische Dorf des Vaters, ist Geburtsort und Ort des Massakers. Uelzen, die deutsche Geburtsstadt des Vaters, erweist sich als ausgelöschtes Dorf – „Papa ist in einer Stadt geboren, die verschwunden ist“ 5. Die „cité“ in der Pariser Vorstadt wird wiederholt als „village“ bezeichnet, „ein Dorf abseits der Wege“ 6. Und Auschwitz schließlich erscheint in Rachels großer Beschreibung als monströse Stadt, die aus einem „armen, isolierten Dorf im Herzen des alten Polen“ 7 erwachsen ist. Vier Dörfer, vier Räume des Todes oder der Auslöschung, werden durch dieselbe Vokabel übereinandergelegt. Der Raum ist im Roman nicht Schauplatz, sondern Argument: Die Wiederholung des Wortes „village“ ist die räumliche Form der zentralen Analogie.
Diese Überlagerung erreicht ihren Höhepunkt in Rachels berechnender Gleichsetzung. Auschwitz habe in vier Jahren 1,3 Millionen Menschen „behandelt“, im Durchschnitt tausend Seelen pro Tag – „Das ergibt durchaus ein Dorf, das von der Karte verschwindet, Haus für Haus, Familie für Familie, zwischen Morgengrauen und Abenddämmerung“ 8. Hier verschränkt der Satz Aïn Deb und Auschwitz in einem einzigen Bild: Das verschwundene algerische Dorf wird zur Recheneinheit des industriellen Massenmords. Die Kühnheit – und das Risiko – dieser Operation liegt offen zutage.
Zwei Zeitachsen und die Geste des Aufschubs
Die Zeitstruktur überkreuzt sich ebenso. Rachels Tagebuch reicht von April 1994 bis zu seinem Todesdatum am 24. April 1996; Malrichs Aufzeichnungen setzen im Oktober 1996 ein und reichen bis ins Jahr 1997. Bezeichnend ist die Datumssymmetrie: Rachel stirbt am 24. April, dem zweiten Jahrestag des Massakers von Aïn Deb. Der private Suizid wird datumsgenau auf das kollektive Verbrechen ausgerichtet, die individuelle Zeit der historischen Zeit untergeordnet. Der Vater wiederum verkörpert eine dritte, mörderische Zeitlichkeit: Seine Lieblingsformel, die Rachel in Auschwitz wiederfindet, lautet „Befehl ist Befehl“ – im deutschen Original im Text belassen –, und seine pedantische Pünktlichkeit („präzise wie ein Metronom“) verknüpft die Taktung des Lagers mit der Taktung des Familienalltags in Aïn Deb. Die Zeit der Vernichtungsmaschine, „die erhabene und unveränderliche Maschine“ 9, wird zur Tiefenstruktur aller drei Gegenwarten.
Vom „pyjama rayé“ zum „Konzentrationslager cité“
Die Metaphorik des Romans zieht ihre Kraft aus der systematischen Übertragung des Lagervokabulars auf die „cité“. Malrich, der das Wissen erst von Rachel erworben hat, beschreibt seine Wohnsiedlung am Ende konsequent in den Begriffen von Auschwitz: Sie sei „schon ein Konzentrationslager“, man werde „erfasst, überwacht, ständig an die Lagerordnung erinnert“ 10, die Bewohner würden zu „Kapos“, es fehlten nur noch „die Gaskammern und die Öfen“. Der Roman zwingt diese Übertragung dem Leser nicht unkommentiert auf, sondern dramatisiert sie als Aneignung: Malrich denkt im Vokabular des toten Bruders, und der Text zeigt, wie ein Deutungsraster von einem Gedächtnisraum auf einen anderen wandert.
Das stärkste Bild dieser Verschränkung ist Rachels Tod selbst. Er stirbt nicht durch eine schnelle Methode, sondern „bei kleiner Flamme“ 11, vergast durch die Abgase seines Wagens, im gestreiften Pyjama und mit geschorenem Kopf. Sein Körper inszeniert die Übernahme der Opferrolle: Der Sohn des SS-Mannes verwandelt sich in einen Deportierten und vollstreckt am eigenen Leib die Vergasung, die der Vater verübte. Malrich kommentiert die theologische Paradoxie dieser Geste: Rachel habe „eine einzige und dieselbe Geste für das Opfer und den Henker“ 12 vollzogen. Genau an dieser Stelle wird die Analogie des Romans selbst fragwürdig – denn sie identifiziert den Schuldigen-Sohn mit dem Opfer und droht, die Differenz einzuebnen, die der Roman zugleich wahren will. In dieser produktiven Unentschiedenheit liegt die literarische Reife des Textes.
Geschlechteraspekte: eine Welt der Väter und Söhne
Auffällig ist die geschlechtliche Konfiguration des Romans. Die zentrale Achse ist patrilinear: Vater und Söhne, Schuld und Erbe, der Name Schiller. Die Frauenfiguren sind demgegenüber an die Ränder gestellt. Die Mutter Aïcha bleibt sprachlos – die Brüder verstanden sie kaum, „sie sprach Berberisch“ 13 –, sie ist die unzugängliche, vorsprachliche Herkunft. Ophélie, Rachels Frau, wird als oberflächlich, nervös und auf häusliche Ordnung fixiert gezeichnet, eine „Barbie“, die das Unheil aus ihrem Nest fernhalten will. Diese tendenziell reduktive Zeichnung der nahen Frauen kontrastiert mit der einzigen Frauenfigur, der im Roman volle Würde zukommt: der alten Überlebenden in Auschwitz, deren Schwester Nina in Birkenau ermordet wurde. Ihr gegenüber spricht Rachel die zentrale Bitte um Vergebung aus, und sie antwortet mit dem Satz, der das ganze Buch trägt: „Danke, mein Sohn, das berührt mich sehr, es ist das erste Mal, dass mich jemand um Vergebung bitte“ 14. In dieser Szene überschreitet eine Frau die Grenze zwischen Opfer- und Täterlinie und stiftet jene „Brüderlichkeit über dem Abgrund“ 15, die der Roman als utopisches Gegenbild zur Vernichtung setzt.
Poetik der Schuld und das Schreiben als Vermächtnis
Die Frage Primo Levis als poetisches Zentrum
Der Roman ist intertextuell tief in die europäische Zeugnisliteratur eingelassen, und sein Bezugstext ist explizit benannt: Primo Levis Se questo è un uomo. Rachel zitiert daraus die Kuhn-Episode, in der Levi sich weigert, ein Dankgebet zu sprechen, und festhält, dass nichts – kein Gebet, keine Vergebung, keine Sühne – das Geschehene je wiedergutmachen könne. Diese Formel kehrt im Roman leitmotivisch wieder: „keine sühnende Fürbitte, keine Vergebung, keine Buße der Schuldigen, nichts schließlich von dem, wozu der Mensch die Macht hat, wird je wieder etwas wiedergutmachen können“ 16. Rachels gesamte Existenz ist der Versuch, Levis Titelfrage umzukehren: Ist auch der Henker ein Mensch? Seine Antwort lautet, dass beide es seien – „so erniedrigt das Opfer auch sei, es ist ein Mensch, und so ehrlos der Henker, auch er ist ein Mensch“ 17. Mit dieser Lesart schreibt Sansal die Holocaust-Literatur fort und verschiebt sie zugleich: vom Zeugnis des Opfers zum unmöglichen Zeugnis des Täternachkommen.
Neben Levi ruft der Text Charlotte Delbo, Elie Wiesel und Jorge Semprún auf und verzeichnet die Namen der historischen Täter (Höß, Mengele, Eichmann) wie die der „Gerechten“ (Oskar Schindler, Albert Battel). Intermedial wirkt vor allem das Fernsehen: Das Massaker erreicht Rachel über die Eröffnung der Nachrichtensendung, und die zeitgeschichtliche Historia-Reportage über den Nürnberger Prozess liefert das Deutungsraster. Die mediale Vermittlung von Geschichte ist damit selbst ein Thema des Romans.
Das fingierte Vorwort und die „gefährlichen Parallelen“
Die autopoetologische Dimension ist im fingierten Vorwort konzentriert. Dort dankt der vorgebliche Verfasser Malrich einer Lehrerin, die sein Buch „in gutes Französisch“ umgeschrieben habe, und berichtet von ihrer Warnung: „Sie sagt, es gebe gefährliche Parallelen, die mir Ärger einbringen könnten“ 18. Mit diesem Satz reflektiert der Roman seine eigene Operation – die Parallelisierung von Shoah und islamistischem Terror – und ihre Risiken im Voraus. Malrichs trotzige Antwort, „Das ist mir egal, was ich zu sagen hatte, habe ich gesagt, Punkt, und ich unterzeichne“ 19, inszeniert die Schreibhaltung des Romans als bewusste Provokation. Der Text weiß um die Brisanz seiner Analogie und stellt sich ihr.
Die Poetik des Romans ist eine Poetik der Übersetzung im weiten Sinne. Rachel übersetzt das Schweigen des Vaters in Wissen; Malrich übersetzt Rachels gelehrtes Französisch in die Sprache der „cité“; und der ganze Roman übersetzt einen europäischen Gedächtnisinhalt in einen postkolonialen Erfahrungsraum. Das Schreiben selbst wird zum Vermächtnis: Rachels letzte Worte sind die Bitte, sein Tagebuch dem Bruder zu übergeben, und Malrichs Schreiben ist die Erfüllung dieses Auftrags. „Eines Tages wirst du mein Tagebuch lesen und du wirst verstehen“ 20 – diese an Malrich gerichtete Prophezeiung ist zugleich die Selbstbeschreibung des Buches.
Identität im Übergang: der übersetzbare Name
Die Figurenkonstellation kondensiert sich in den Namen. „Rachel“ ist die Verschmelzung von „Rachid“ und „Helmut“, „Malrich“ die von „Malek“ und „Ulrich“ – algerischer und deutscher Vorname, ineinandergeschoben zu einem dritten, der weder das eine noch das andere ist. Die Identität der Brüder ist im wörtlichen Sinne eine übersetzte, eine im Übergang entstandene, ein Kompositum aus zwei Sprachen und zwei Geschichten. Auch der Vater trägt mehrere Namen – Hans Schiller, der konvertierte „Hassan“, der Maquis-Deckname „Si Mourad“ –, und die Verschiebung seines Namens auf der Opferliste war es, die Rachels Spurensuche überhaupt auslöste. Identität erscheint im Roman durchweg als beweglich, gestaffelt, unabschließbar: Sie ist nicht Besitz, sondern Übersetzungsprozess, und gerade darin liegt ihre Gefährdung wie ihre Möglichkeit.
Conclusion
Le Village de l’Allemand ist ein „roman croisé“ nicht deshalb, weil er deutsche, französische und algerische Stoffe nebeneinanderstellt, sondern weil er das Überkreuzen zum Erkenntnisverfahren erhebt. Die Verschränkung der beiden Tagebücher, die Wiederholung des Wortes „village“ über vier Todesräume hinweg, die Datumssymmetrie von Massaker und Suizid, die Wanderung des Lagervokabulars von Auschwitz in die „cité“ – all dies sind Formen einer einzigen poetischen Geste: der riskanten Analogie, die Differenzen nicht auflöst, sondern produktiv unter Spannung hält. Der Roman lässt sich zugleich als Erinnerungstext lesen, der die europäische Zeugnisliteratur von Levi bis Semprún fortschreibt, und als postkolonialer Text, der die franko-maghrebinische Migrationserfahrung in dieses Gedächtnis einschreibt. Seine Größe liegt darin, dass er die beiden nicht versöhnt, sondern in der Figur des Täternachkommen, der sich in einen Deportierten verwandelt, ihre unmögliche Berührung gestaltet. Dass diese Berührung gefährlich ist, weiß der Text selbst – er hat die Warnung vor den „gefährlichen Parallelen“ in sein eigenes Vorwort eingeschrieben. Wo Rachel an der übernommenen Schuld zerbricht und mit der Geste der Vergebungsbitte über den Abgrund hinweg endet, übernimmt Malrich das Erbe des Schreibens und damit die Aufgabe, die Differenz erzählbar zu halten. Identität bleibt in diesem Roman ein Kompositum aus zwei Namen, das Gedächtnis ein Übergang zwischen zwei Geschichten, und die Literatur jener Ort, an dem das Dazwischen nicht stillgestellt, sondern als unabschließbare Bewegung sichtbar gemacht wird.
Diese zweite hier übernommene Passage aus dem Buch stammt aus dem letzten Eintrag überhaupt, datiert auf den 24. April 1996 – den Tag des Selbstmords, zugleich der zweite Jahrestag des Massakers von Aïn Deb. Es ist Rachels Abschiedstext, geschrieben Stunden vor seinem Tod („Il est 23 heures. C’est l’heure de mon rendez-vous.“). In diesem Eintrag zieht er Bilanz und ringt um ein gerechtes Urteil über den Vater: weder Entlastung noch bloße Verdammung. Das Zitat gehört zu dem Versuch, die Tat historisch zu verstehen – als Produkt von Zufall, Zeit und Standort –, ohne die Verantwortung aufzulösen. Bezeichnend ist, dass derselbe Eintrag die Gegenbewegung enthält: Direkt danach widerruft Rachel die Entlastung („Mais en même temps, tout le choix nous appartient“) und besteht darauf, dass der Vater sehr wohl gewählt habe. Das Zitat steht also nicht für Rachels Schlusswort, sondern für eine Denkfigur im Schwebezustand – das Sowohl-als-auch, das der ganze Roman kultiviert und das Rachels Suizid dann tragisch stillstellt.
On ne choisit rien dans la vie. Mon père n’a rien choisi, il s’est trouvé là, sur ce chemin qui menait à l’infamie. […] Comme le soleil évacue son trop-plein d’énergie en de fantastiques explosions sporadiques, de temps en temps l’histoire expulse la haine que l’humanité a accumulée en elle, et ce vent brûlant emporte tout ce qui se trouve sur sa route. Le hasard fera que l’on soit là ou là, abrité ou exposé, d’un côté ou de l’autre du manche.
Boualem Sansal, Le Village de l’Allemand ou le journal des frères Schiller
Im Leben kann man es sich nichts aussuchen. Mein Vater hat sich nichts ausgesucht, er ist einfach dort gelandet, auf diesem Weg, der in die Schande führte. […] So wie die Sonne ihren Energieüberschuss in fantastischen, sporadischen Explosionen abgibt, stößt die Geschichte von Zeit zu Zeit den Hass aus, den die Menschheit in sich angesammelt hat, und dieser glühende Wind reißt alles mit sich, was sich ihm in den Weg stellt. Der Zufall entscheidet, ob man hier oder dort ist, geschützt oder ungeschützt, auf der einen oder der anderen Seite des Griffs.
Rachel denkt hier das Erschütterndste, was der Roman zu denken wagt: dass die Trennlinie zwischen Henker und Opfer auch eine Sache des Zufalls, des Standorts, der Seite des Schafts sein könnte – und ringt zugleich damit, dass dieser Gedanke die Verantwortung nicht aufhebt, sondern schärft. Es ist eine Poetik des Zweifels, des Sowohl-als-auch. Bezogen auf La Légende markiert die Stelle eine Verschiebung. Der Roman denkt die beiden Orte an der Trennlinie der Geschichte als kontingent, ineinander verschoben, moralisch nie ganz sicher. Beide Stellen aus dem Roman sind durch das Datum 24. April verklammert: Massaker (1994), Todestag (1996). Beide gehören Rachel, der gebildeten, reflektierenden Stimme – nicht Malrich, dem Erben. Und beide zeigen den Roman in seiner charakteristischen Bewegung: Er denkt Schuld nie als feststehende Front, sondern als etwas Gestaffeltes, Übersetzbares, nie ganz Entscheidbares.
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Anmerkungen- „Son français n’est pas le mien“>>>
- „Veuillez agréer, Monsieur le Ministre, l’expression de ma rage citoyenne“>>>
- „J’ai résumé, j’ai pris le meilleur, le reste est un vrai bla-bla de mosquée“>>>
- „il était dans ses livres, dans ses fiches techniques“>>>
- „Papa est né dans une ville qui a disparu“>>>
- „un village hors des routes“>>>
- „un pauvre village isolé au cœur de la vieille Pologne“>>>
- „Ça fait bien un village qui disparaît de la carte, maison par maison, famille par famille, entre l’aube et le crépuscule“>>>
- „la superbe et inaltérable machine“>>>
- „on est fiché, surveillé, constamment rappelé au règlement du Lager“>>>
- „à petit feu“>>>
- „un seul et même geste pour la victime et le bourreau“>>>
- „elle parlait berbère“>>>
- „Merci, mon fils, ça me touche beaucoup, c’est la première fois que quelqu’un me dit pardon“>>>
- „un geste de fraternité. Par-dessus le gouffre“>>>
- „aucune prière propitiatoire, aucun pardon, aucune expiation des coupables, rien enfin de ce que l’homme a le pouvoir de faire ne pourra jamais plus réparer“>>>
- „quelle que soit sa déchéance, la victime est un homme, et quelle que soit son ignominie, le bourreau est aussi un homme“>>>
- „Elle dit qu’il y a des parallèles dangereux qui pourraient me valoir des ennuis“>>>
- „Je m’en fiche, ce que j’avais à dire, je l’ai dit, point, et je signe“>>>
- „Un jour, tu liras mon journal et tu comprendras“>>>






