Zwischen Gulag und Taiga: Andreï Makines ambivalenter Humanismus
Andreï Makines „Prisonnier du rêve écarlate“ entfaltet das Schicksal Lucien Baerts als emblematische Lebensgeschichte des europäischen 20. Jahrhunderts: vom kommunistischen Heilsversprechen über Gulag, Krieg und Identitätsverlust bis zur desillusionierenden Rückkehr in den Westen. Der Roman verbindet historische Katastrophen mit einer Poetik der Verlangsamung und der Natur, in der die sibirische Taiga als Gegenraum zur ideologischen und ökonomischen Gewalt erscheint. Luciens Metamorphose vom französischen Arbeiter zum „russischeren als die Russen“ Überlebenden macht Identität zu etwas Erlittenem, nicht Zugehörigem. Zwischen Zeugenschaft, Mythos und metaphysischer Reflexion entwickelt Makine eine humanistische Vision, die alle großen Ideologien – Stalinismus wie westlichen Konsumismus – als zerstörerisch entlarvt, ohne jedoch in einfache Gegensätze zu verfallen. Übrig bleibt eine fragile Würde des Individuums, bewahrt in Erinnerung, Natur und Stille. Die Rezension liest den Roman als ambivalentes Werk zwischen politischer Anklage und poetischer Verklärung. Sie hebt Makines Zwischenposition zwischen Frankreich und Russland als produktiven Spannungsraum hervor und zeigt, wie seine Kritik am „Homo festivus“ des Westens mit einer problematischen Ästhetisierung russischer Leidensfähigkeit einhergeht. Sie analysiert die unterschiedlichen epistemischen Modi von Zeugenschaft und Wissen (Körper versus Archiv) sowie die Einordnung Makines in die Tradition der europäischen Lager- und Erinnerungsliteratur. Zugleich insistiert die Besprechung auf den politischen Risiken dieser Poetik in der Gegenwart: Die Taiga als moralischer Gegenraum und der finale Gewaltakt bleiben literarisch wirksam, sind aber ethisch und politisch prekär, da sie für nationalistische oder autoritäre Deutungen anfällig sind. Gerade in dieser Spannung verortet die Rezension den zentralen Wert des Romans: als notwendiges, irritierendes Dokument eines ambivalenten Humanismus, der nicht tröstet, sondern beunruhigt.
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