Catherine Cusset und drei Lektüren von Prousts Recherche
Catherine Cusset legt mit „Ma vie avec Marcel Proust“ (Gallimard, 2025) keine Einführung in die „Recherche“ vor, sondern einen Essay, der Prousts Roman mit dem eigenen Leben vergleicht und nach drei Lektüren gegliedert ist: Mit fünfzehn liest sie ihn als Roman der Liebe, in dem die Analyse von Eifersucht, Warten und Schweigen ihrem Liebesleid eine Sprache gibt; mit zwanzig als Roman der Gesellschaft, dessen Komik sie entdeckt und in dem sie sich selbst, indiskret und gaffensüchtig, in der Figur des ungeschickten Bloch wiedererkennt; mit fünfzig als Roman des Schreibens, den sie nach dem Suizid eines Freundes liest, der Proust fast auswendig kannte, aber nie ein Werk schuf. Die Rezension zeichnet diese Dreiteilung nach und deutet sie: Die erste Lektüre wirke wie eine Übersetzung unbenennbarer Zustände, die zweite verbinde das Lachen mit einem Urteil, das Cusset auf sich selbst bezieht, die dritte kehre den Zugang der ersten um, denn Proust helfe nun, fremdes statt eigenes Leiden zu verstehen. Zugleich folge Cusset dem Weg des Erzählers, der von Liebe und Gesellschaft enttäuscht wird und erst in der Kunst Halt findet, gewinne Proust aber als Werkzeug statt als Ziel zurück. Das Buch endet mit der Entscheidung für die Kirche als Ort der Gemeinschaft, womit sich Cusset zu dem bekennt, was Proust beim Schreiben für sich ausschloss: die Freundschaft.
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