Die kalte Sprache der Akten. Wie Frankreich seine Homosexuellen verwaltete: David Alliot
In „Les secrets de Sodome: un siècle et demi d’homosexualité clandestine“ (Plon, 2025) rekonstruiert David Alliot auf der Grundlage der Archive der Pariser Polizeipräfektur den klandestinen Alltag homosexueller Männer zwischen 1830 und 1981. Sein Zugriff ist explizit nicht apologetisch, sondern analytisch: Aus der „administrativen Kälte“ von Registern, Observationsberichten und Razzia-Protokollen arbeitet er heraus, wie Staat und Gesellschaft eine formal seit 1791 nicht mehr strafbare, kulturell jedoch geächtete Minderheit überwachten, klassifizierten und moralisch pathologisierten. Treffpunkte wie hôtels garnis, Bälle im Magic City oder die Vespasiennes erscheinen dabei als soziale Mikroräume, in denen sich Begehren, Angst und Kontrolle kreuzten; zugleich werden individuelle Biografien – vom Aristokraten bis zum Stricher, vom Chansonnier bis zum Aktivisten – aus der Anonymität der Akten befreit. Das Ergebnis ist eine weitgespannte Sittengeschichte, die den Wandel der Repression von monarchischer Ächtung über die biopolitische Moral der Dritten Republik und die diskriminierende Gesetzgebung von 1942 und der Fortführung unter De Gaulle bis zur Zäsur von 1981 nachzeichnet. Alliot zeigt, dass die Abschaffung der Kriminalisierung für „Sodomie“ keineswegs gesellschaftliche Akzeptanz bedeutete, sondern einer Epoche subtiler Überwachung wich, in der Identitäten katalogisiert statt Taten verfolgt wurden. Erst mit dem politischen Umbruch unter François Mitterrand endete die systematische polizeiliche Erfassung; 1982 folgte die rechtliche Gleichstellung. Doch das Buch schließt mit einer ernüchternden Einsicht: Rechte sind historisch kontingent – jede Krise kann die alten Reflexe moralischer Ausgrenzung reaktivieren.
➙ Zum Artikel