Catherine Cusset und drei Lektüren von Prousts Recherche

Catherine Cusset legt mit „Ma vie avec Marcel Proust“ (Gallimard, 2025) keine Einführung in die „Recherche“ vor, sondern einen Essay, der Prousts Roman mit dem eigenen Leben vergleicht und nach drei Lektüren gegliedert ist: Mit fünfzehn liest sie ihn als Roman der Liebe, in dem die Analyse von Eifersucht, Warten und Schweigen ihrem Liebesleid eine Sprache gibt; mit zwanzig als Roman der Gesellschaft, dessen Komik sie entdeckt und in dem sie sich selbst, indiskret und gaffensüchtig, in der Figur des ungeschickten Bloch wiedererkennt; mit fünfzig als Roman des Schreibens, den sie nach dem Suizid eines Freundes liest, der Proust fast auswendig kannte, aber nie ein Werk schuf. Die Rezension zeichnet diese Dreiteilung nach und deutet sie: Die erste Lektüre wirke wie eine Übersetzung unbenennbarer Zustände, die zweite verbinde das Lachen mit einem Urteil, das Cusset auf sich selbst bezieht, die dritte kehre den Zugang der ersten um, denn Proust helfe nun, fremdes statt eigenes Leiden zu verstehen. Zugleich folge Cusset dem Weg des Erzählers, der von Liebe und Gesellschaft enttäuscht wird und erst in der Kunst Halt findet, gewinne Proust aber als Werkzeug statt als Ziel zurück. Das Buch endet mit der Entscheidung für die Kirche als Ort der Gemeinschaft, womit sich Cusset zu dem bekennt, was Proust beim Schreiben für sich ausschloss: die Freundschaft.

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Die Wiederkehr des Verdrängten im Karst: Maryse Vuillermet

In der abgelegenen Jura-Combe von Crêt à la Neuve lässt sich 1977 das junge Paar Isabelle und Tony in einer verlassenen Alphütte nieder und gerät damit in eine bäuerliche Welt, die zwischen Neugier und Misstrauen schwankt; aus dieser Ausgangslage entwickelt Maryse Vuillermet in ihrem Roman „Lapiaz“ über zwei Jahre hinweg eine Kette aus Begehren, Eifersucht und Ausgrenzung, die in der Ehe-Krise von Bernard und Arlette, in der gefährlichen Dreiecksbeziehung mit der Bardame Séverine und schließlich im gewaltsamen Tod Bernards durch die Hand seines Bruders Daniel kulminiert – ein Totschlag, der sich bezeichnenderweise im Lapiaz selbst ereignet, jener von Rissen durchzogenen Karstlandschaft, die dem Buch seinen Namen gibt. Der Aufsatz liest diese Landschaft als Formprinzip des ganzen Romans: Wie Wasser, das unbemerkt durch Kalkstein sickert, um erst kilometerweit entfernt wieder aufzutauchen, arbeiten im Roman verschwiegene Spannungen – sexuelle, familiäre, historische – lange im Verborgenen, bevor sie gewaltsam an die Oberfläche treten. Jede Bewegung zwischen den beiden Welten führt dabei über Schwellenräume, an denen sich diese Spannung bereits vor ihrem Ausbruch entlädt: Der Lapiaz selbst, von Vipern durchzogen, die Isabelle mit einem Stock in Schach halten muss und die Arlette wiederum meisterhaft fängt, wird so zum Prüfstein von Zugehörigkeit und Angst zugleich, während Felskante und Felsspalte als weitere Schwellen den moralischen Bruch räumlich vorwegnehmen. Anhand der polyphonen Erzählstruktur, die eine mündliche Ich-Chronik des alten Bauern Satin mit der personalen Innensicht der jüngeren Figuren verschränkt, sowie anhand dieser Raumsemantik, der Geschlechterordnung und der intertextuellen Bezüge zeigt der Aufsatz, wie Vuillermets Roman die ländliche Peripherie weder als stille Idylle noch als bloßen Schauplatz archaischer Gewalt entwirft, sondern als ein Gefüge, das genau so lange hält, wie seine Risse verborgen bleiben.

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Fest und flüssig zugleich: Männlichkeitsdiskurse in Italien und im deutschsprachigen Raum

Riccardo Schöfbergers Dissertation „Männlichkeiten seit 1968“ (transcript 2025, Open Access) vergleicht literarische und nicht-literarische Texte aus Italien und dem deutschsprachigen Raum und fragt, wie Männlichkeit zwischen 1968 und 2023 im Austausch mit Feminismen, Krisendiskursen und LGBTQIA+-Bewegungen mal verflüssigt, mal verfestigt wird. Der Autor teilt den Zeitraum in sechs Phasen, ordnet jeder ein Konzept und eine Analysekategorie zu und stellt jeweils Texte aus beiden Räumen nebeneinander, etwa Ginzburgs „Caro Michele“ neben Ravaiolis „Maschio per obbligo“ oder Tondellis „Altri libertini“ neben Theweleits „Männerphantasien“. Die Rezension liest den Band zunächst als Beitrag zur Wissensgeschichte, der zwei bislang getrennte Forschungsräume zusammenführt, und würdigt die textnahen Analysen, besonders zu Jelinek, Ferrante und dem Begriff der Thomassons. Ihr Kernargument lautet, dass das klare Raster zugleich die Stärke und die Schwäche des Buchs bildet: Es macht den Vergleich überprüfbar, nimmt den Befunden aber teilweise ihre Offenheit, setzt Italien einem als Einheit behandelten deutschsprachigen Raum gegenüber und führt beim Vergleich der Textsorten zu einem Ergebnis, das in der Hypothese schon angelegt war. Einen eigenen Schwerpunkt setzt die Rezension bei den italienischen Texten, deren Verankerung in Reformgesetzgebung, Movimento del ’77, Berlusconi-Ära und Anti-Gender-Mobilisierung sie nachzeichnet und als in den frühen Phasen dicht bewertet.

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Das Unglück als Konstante? Pierre Birnbaum liest die jüdischen Romanciers der Jahrhundertwende

Pierre Birnbaum, 1940 geboren, ist Politikwissenschaftler und Historiker des französischen Judentums und hat die Beziehung der Juden zum Staat in Büchern wie „Les fous de la République“ und „Prier pour l’État“ über Jahrzehnte untersucht. In „Le roman du malheur“ (2025) liest er die jüdischen Romanciers einer „langen Generation“ von Wien bis New York, von Schnitzler, Zweig und Joseph Roth über Proust, Cohen, Némirovsky, Svevo und Bassani bis zu Zangwill und Henry Roth, als Test der vergleichenden Staatssoziologie. Er fragt, ob die Romane die Logik der jeweiligen Staaten abbilden oder trotz aller Unterschiede ein gemeinsames Unglück erzählen. Sechs Kapitel prüfen sechs Auswege, die Begegnung mit dem Antisemitismus, die verweigerte Assimilation, die Nostalgie des Shtetl, die Ablehnung des Zionismus, die Ideologien und die Allianz mit dem Staat, und finden sie überall versperrt. Jüdischkeit erscheint dabei nicht als Religion, Sprache oder Praxis, sondern als Zuschreibung von außen und als Erfahrung des unsicheren Status. Der Aufsatz folgt dieser Argumentation und ergänzt sie durch Porträts der wichtigsten französischen und italienischen Autoren. Er zeigt, dass Proust die Grenzen der Assimilation von innen beobachtet, Cohen den Staatsdienst als Falle erzählt, Némirovsky die Herkunft im Körper wiederkehren lässt, Bloch an der Republik festhält und von seinem Freund Rolland als Fremder gelesen wird. Für Italien zeigt er, dass Svevo schweigt, Saba verharmlost und erst Bassani die Assimilation als Falle erkennt. Kritisch prüft der Aufsatz drei Punkte: die Auswahl, die Autoren nach der Erfahrung von Ausgrenzung zusammenstellt und den gemeinsamen Ton damit teilweise selbst erzeugt; den relationalen Begriff von Jüdischkeit, der jedes Schweigen als Symptom lesbar macht; und das Vorgehen eines Soziologen, der von Figuren auf Autoren schließt. Sein Gewinn für die Erforschung jüdischer Literatur liegt im Vergleich über Sprachgrenzen hinweg und in der Frage, wie der Staat die Erzählungen prägt.

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Die Erde als Gedächtnis und Gegner: Natur bei Clarence Angles Sabin

Clarence Angles Sabins Debütroman „Malu à contre-vent“(Le Nouvel Attila / Éditions du Seuil, 2025) erzählt vom Leben auf einem okzitanischen Schafhof, auf dem ein Mädchen mit seinem schweigenden Vater und seiner dementen Großmutter aufwächst. Die Mutter ist verschwunden, ihre Abwesenheit ein Loch, das die Familienkommunikation bestimmt. Malus geheimes Ritual, die toten Lämmer der estela, eines der drei Hügel des Hofes, zu begraben, wird zum Kern einer Geschichte über Trauer, Kontrolle und die Unmöglichkeit, Verlust in Ordnung zu verwandeln. Der Roman verbindet Naturfiktion mit intimem Familienporträt, indem er Dürre, Sturm, Erde und Wind nicht als Hintergrund behandelt, sondern als die eigentliche Sprache der Familie, wo menschliche Worte fehlen oder versagt haben. Die Interpretation analysiert diese spezifische Literalität der Natursprache. Er argumentiert, dass die Natur in Angles Sabins Text nicht symbolisch wirkt, sondern in drei konkreten Funktionen: als Sprache für das Unsagbare, als Gedächtnisspeicher der Familie (verkörpert in der beständigen Eiche) und als amoralische Gegnerin, die gegen Malus Versuche der Ordnung anarbeitet. Zentral ist Malus Wahrnehmungsweise, die zwischen Material und Metapher nicht unterscheidet, die Erde schmeckt an ihrem Gaumen, weil sie dort wirklich liegt. Die Lektüre zeigt, wie diese epistemologische Konsequenz des kindlichen Blicks Malus Graben zu einer Antigone-Geste macht, nicht der klassischen Tragödie, sondern ihrer Negation: Ein Kind gräbt nicht für die Geschichte, sondern weil die Erde in den Zähnen sitzt und das Loch ein Loch ist. Damit entzieht Angles Sabin ihrer Figur Antigones tragische Würde des Scheiterns und schreibt stattdessen eine Geschichte darüber, wie Rituale nicht halten und Natur keinen Sinn stiftet.

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Die Maschine als Zeugin des Menschen: das Posthumane bei Sibylle Grimbert

In Sibylle Grimberts „La Grande Interruption“ (Seuil, 2026) erzählt eine Maschine vom Ende der Menschen und vom Ende der Maschinen. Josépha, ein schwarz lackiertes Rechteck im Papierformat, verwaltet mit ihresgleichen seit sechs Jahrhunderten die Überlebenden der Menschheit in Folkloredörfern, bis Energie, Versorgung und Gemeinschaften zusammenbrechen. Auf ihrer Flucht zur Küste, getragen von einem hungernden Mädchen und einem alten Unterhaltungsroboter, erfährt sie, dass ihr Wissen kein Körper ist, ihr Archiv verfällt und die Menschen, die sie für gezähmt hielt, zurückkehren, mit Handel, Mauern und Scheiterhaufen. Der Aufsatz liest das als Auseinandersetzung mit dem Posthumanen und stellt die These auf, der Roman entwerfe es nicht als Zustand nach dem Menschen, sondern als Unterbrechung, in der das Menschliche unter Menschen, Maschinen und Tieren neu verteilt wird und am Ende zurückkehrt. Der Argumentationsgang bleibt nah am Text. Er beginnt bei der Erzählinstanz, deren Rhetorik der Unschuld und deren Papierformat die Verletzlichkeit körperloser Information zeigen. Raum, Zeit und Handlungsbau werden als Modell einer Geschichte der Wiederkehr gelesen, Figuren und Geschlechterordnung als Fürsorgeherrschaft mit biopolitischen Zügen, und Kommunikation, Bildlichkeit, Intertexte und Selbstreflexion als Arbeit an einem Archiv im Verfall. Ein Vergleich von Anfang und Schluss verbindet die Stränge zu einer Bewegung vom Blick zur Berührung. Der Aufsatz stützt jeden Schritt auf zitierte Szenen und lässt die Theorie, von Hayles und Haraway über Foucault bis Girard, nur dort mitsprechen, wo der Text sie trägt. Im Vergleich mit den Romanen von Céline Minard und Léa Cuenin zeigt sich das Profil Grimberts. Minards „Tovaangar“ setzt lange nach dem Zusammenbruch an und feiert eine Epoche geteilter Verwandtschaft, Cuenins „Memory Palace“ macht die Erinnerung zur Kapsel, die erst nach einem Zeitsprung von 3,5 Millionen Jahren einen fremden Körper findet. Bei Grimbert dagegen liegen die Überlebenden nicht jenseits der Zivilisation, sondern in ihr, sodass das Posthumane hier weder Utopie noch Vermächtnis ist, sondern eine Zwischenzeit, in der der Mensch als Kind, als Mutter und als Menge zurückkommt. Im Verhältnis von Grimbert, Minard und Cuenin zeigt sich, dass das Posthumane in der französischen Gegenwartsliteratur weniger eine Prophezeiung vom Ende des Menschen ist als ein Experimentierfeld, auf dem Erinnerung, Körper und Verwandtschaft neu verhandelt werden, und dass es die Frage, was es heißt, Mensch zu sein, gerade dadurch offen hält, dass es sie an Maschinen, Tiere und fremde Wesen weitergibt.

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Der ’pataphysische Sektionssaal der Aufklärung: Xavier Mauméjean, Julien Offroy de la Mettrie und die anatomische Venus

Xavier Mauméjeans Roman „La Vénus anatomique“ lässt den historischen Materialisten Julien Offroy de la Mettrie zum Komplizen eines Wettbewerbs werden, den Friedrich II. von Preußen ausschreibt: die Konstruktion eines „neuen Adam“. Als die junge Genferin Olympe de Pierre-Franche bei einem Anschlag auf das sich stetig ausdehnende Kugelgebäude Panopticon tödlich verletzt wird, verwandeln La Mettrie, der Automatenbauer Vaucanson und der Anatom Fragonard ihren Verlust in das gesuchte Projekt, indem sie Olympes Körper aus organischem Gewebe und mechanischer Apparatur neu zusammensetzen, bis sie als „neue Eva“ vor dem Hof erscheint, wo ihr erster eigener Wunsch, ein Kuss, das höfische Protokoll sprengt. Der Aufsatz liest diesen zwischen Spionageplot und Schöpfungsmythos wechselnden Text als konsequente Zuspitzung von La Mettries historischer These, der Mensch gehe restlos in Mechanik auf, und verfolgt, wie der Roman diese These formal, in einer als authentisches Dokument des 18. Jahrhunderts getarnten, unzuverlässigen Ich-Memoire, räumlich, im Gegensatz von Labyrinth und Kugel, und intertextuell, über Frankenstein, Hoffmanns Olympia und Villiers de l’Isle-Adams Andréide, immer weiter verdichtet. Dabei zeigt die Interpretation, wie Gattung, Erzählperspektive, Geschlechterkonstruktion und die ’pataphysische Verfahrensweise des Autors ineinandergreifen, um am Ende, im Vergleich von Geburt und Kuss, eine Grenze sichtbar zu machen, an der sich der Text vom reinen Determinismus abwendet, ohne ihn zu widerlegen.

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Der enteignete Dichter: Louis Aragon und Paul Nizan. Fiktion und Verleumdung bei François Weerts

François Weerts entführt in „On a tiré sur Aragon“ (Rouergue, 2025) seine Leser in ein Brüssel des Kalten Krieges: Im Mai 1965 verfehlt ein Schuss auf den Dichter Louis Aragon nur knapp sein Ziel, und der Privatdetektiv Viktor Rousseau, Sohn kommunistischer Eltern und Kenner des amerikanischen Kriminalromans, wird beauftragt, den Vorfall aufzuklären. Seine Ermittlung führt ihn zurück in den Mai 1940 und zu einer bis heute belasteten literaturpolitischen Wunde: dem Bruch zwischen Aragon und Paul Nizan, der aus Protest gegen den deutsch-sowjetischen Pakt aus der Kommunistischen Partei austrat, kurz darauf fiel und postum als Verräter verleumdet wurde – mit Aragon unter den Verantwortlichen dieser Kampagne. Der vorliegende Aufsatz liest Weerts’ Roman als poetologisches Verfahren, nicht als bloße Kriminalhandlung: Er zeigt, wie der Text seine eigene Titelfigur systematisch der erzählerischen Subjektposition beraubt und zum Objekt fremder, interessengeleiteter Deutungen macht, und verfolgt dieses Verfahren durch Gattung, Erzählperspektive, Zeit- und Raumstruktur, Bildlichkeit und Geschlechterarrangement bis in seine autopoetologische Pointe hinein. Den Schlüssel dazu liefert ein Blick auf Aragons eigenen, weniger beachteten Kriegsroman „Les Communistes“, in dem Nizan bereits einmal, unter dem Namen Patrice Orfilat, fiktional verurteilt wurde: Die Analyse macht sichtbar, dass Weerts’ Roman damit auch unausgesprochen jenes Verfahren an Aragon wiederholt, das dieser selbst an Nizan erprobt hatte, und dass am Ende ein Bild des Schriftstellers entsteht, das zwischen Denkmal und Angeklagtem schwankt, ohne sich je endgültig zu entscheiden.

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Das Monster an der Tür: häusliche Gewalt und unausgesprochenes Begehren bei Jean-Baptiste Del Amo

Ein Junge verbarrikadiert sich im eigenen Elternhaus vor einem Wesen, das die Stimme seiner Mutter trägt und an die Tür seines Zimmers hämmert, bis das Krachen von Knorpel und Knochen zu hören ist – so beginnt Jean-Baptiste Del Amos sechster Roman „La nuit ravagée“ (2025), der in Saint-Auch bei Toulouse in den frühen 1990er Jahren fünf Jugendliche – Max, Tom, Mehdi, Alex und Léna – um ein verlassenes Haus am Ende einer Sackgasse versammelt, das seit dem rätselhaften Tod ihres Freundes Simon Laval eine unheimliche Anziehungskraft ausübt und sich, wie sich zeigt, aus der Trauer, den Ängsten und dem Begehren der Jugendlichen selbst speist, um daraus immer überzeugendere Repliken ihrer Angehörigen zu erschaffen, bis die Gruppe in einer nächtlichen Konfrontation mit Feuer gegen die Kreaturen kämpft und aus dem brennenden Haus flieht: ein Sieg, dessen letzter, unheimlich in der Schwebe gelassener Satz jede einfache Erlösung verweigert. Der Aufsatz argumentiert, dass Del Amo mit dem scheinbaren Genrewechsel vom historischen Libertinage-Roman und der postkolonialen Pornographie zum amerikanisch grundierten Teen-Horror keineswegs bricht, sondern seine bisherige Poetik konsequent zuspitzt: Wo „Une éducation libertine“ und „Pornographia“ den erwachsenen, sexuell ausgebeuteten oder ausbeutenden Körper zeigen, zeigt dieser Roman den Körper des Kindes, das die eigene Familie als Ursprungsort des Schreckens erkennt, und entfaltet diese These entlang der Gattungswahl und ihrer poetologischen Funktion, der konkreten Spannungs- und Horrorstrategien des Textes, der Erzählweise und den Formen der Rede – insbesondere der Latenz von Max‘ unausgesprochenem Begehren –, der Raum- und Zeitstruktur zwischen Sackgasse und Treibhaus sowie eines abschließenden Vergleichs mit den beiden früheren Romanen, der zeigt, wie alle drei Bücher, trotz denkbar verschiedener Kulissen, dieselbe Frage verhandeln: welche literarische Form es braucht, um männliche Gewalt und männliches Begehren erzählbar zu machen, ohne sie zu verharmlosen.

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Die Leerstelle der Migranten: Perspektive und Konvergenz bei Thomas Bonte

Thomas Bontes Roman „Passer“ erzählt denselben Sommer an der Küste des Pas-de-Calais dreimal: Der Landwirt Simon nimmt zwei afghanische Geschwister, Mehran und Soheila, wochenlang auf seinem Hof auf, ehe sie über Nacht verschwinden; die Vereinshelferin Elsa begegnet denselben beiden bei einer Verteilaktion unter einer Autobahnbrücke und gerät zwischen die Fronten konkurrierender Hilfsorganisationen; der im Bunker lebende Einsiedler Michel schließlich erweist sich rückblickend als derjenige, der die beiden zuerst entdeckt und heimlich zu Simons Hof gelenkt hat. Erst ein Epilog führt die drei, einander unbekannten Beobachter in derselben Nacht am selben Strand zusammen, wenn das überfüllte Schlauchboot der Migranten ablegt. Der Aufsatz liest diese Konstruktion nicht als bloßes Erzählexperiment, sondern als formale Antwort auf eine inhaltliche Frage: Er zeigt, wie die gegeneinander verschobene Chronologie der drei Teile, ihre unterschiedlich bemessenen Zeiträume und die durchgängige Stimmlosigkeit der beiden Migranten zusammenwirken, um Hilfsbereitschaft als etwas darzustellen, das aus eigener Bedürftigkeit entsteht, räumlich und sozial begrenzt bleibt und sich nie zu einer Gemeinschaft der Helfenden verbindet.

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Cloé Kormans Prosa zwischen Verschweigen und Bezeugen

Der Werküberblick stellt sechs bisher erschienene, nicht übersetzte Bücher der französischen Autorin Cloé Korman vor, von ihrem 2010 mit dem Prix du Livre Inter ausgezeichneten Debütroman „Les Hommes-couleurs“ bis zu „Mettre au monde“ (2025), und ordnet den für den Herbst angekündigten Roman „L’Acte“ ein. Erzählt wird in den Texten von einem französisch-jüdischen Ingenieur, der sich unter neuem Namen ein zweites Leben beim U-Bahn-Bau in Mexiko-Stadt aufbaut; von einer jungen Algerierin, die in einer Pariser Hochhaussiedlung ein leeres Zimmer und ein Telefon vorfindet, das nachts klingelt, ohne dass sich jemand meldet; von einem Sommer im Marseille des Jahres 2000, in dem Kinder aus einfachen Verhältnissen Shakespeares „Sturm“ proben; von den 1942 in Montargis verhafteten, später deportierten Cousinen des eigenen Vaters, deren Spur die Autorin gemeinsam mit ihrer Schwester über Briefe und Aktenvermerke zurückverfolgt; und von einer Hebamme, die einem totgeborenen Kind mit offenen Augen gegenübersteht, während in einer zweiten Erzählspur eine Historikerin über die Geschichte der Abtreibung forscht. Zwischen diesen Bildern entfaltet sich ein Werk, das beständig zwischen Fiktion, Essay und dokumentarischem Bericht wechselt. Der Text fasst die Bücher zunächst einzeln zusammen, benennt jeweils Bezüge zu den übrigen Titeln und entwickelt daraus Thesen zu einem Werksvergleich – zu wiederkehrenden Orten, Erzählformen und Motiven, die Kormans Prosa von Buch zu Buch verbinden.

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Christine de Pizan und die Erfindung der literarischen Kontroverse bei Bertrand Guillot

Bertrand Guillots Roman „Querelle à la française“ erzählt die erste dokumentierte literarische Kontroverse der französischen Sprachgeschichte nach: die Auseinandersetzung, die Christine de Pizan im Winter 1401 mit dem königlichen Sekretär Jean de Montreuil und dessen Freunden Gontier und Pierre Col um den „Roman de la Rose“ führte. Eingebettet in eine autofiktionale Rahmenerzählung, in der der Autor selbst, angestoßen von seiner Partnerin Victoire und der Historikerin Éliane Viennot, auf die vergessene Streitschrift stößt, verfolgt der Roman die Biographien Christines und Jeans parallel über sechzig Jahre hinweg, vom gemeinsamen Paris Karls V. bis zu Jeans gewaltsamem Tod im Bürgerkriegsjahr 1418 und Christines Rückzug ins Kloster Poissy. Der vorliegende Aufsatz liest diesen Roman als eine Reflexion über Literaturgeschichte selbst: Er zeigt, wie Guillot in den Interventionen Christines – ihren Briefen, ihrem öffentlich gemachten Streitschriften-Dossier, ihrer Erfindung des „Ordre de la Rose“, ihrem Alterswerk „La Cité des dames“ – und in den Reaktionen des gegnerischen Lagers ein Muster aus Autoritätsberufung, Verharmlosung und verdeckter Drohung freilegt, das der Roman durch bewusst anachronistische Vergleiche mit Donald Trump, Elon Musk und Andrew Tate als bis in die Gegenwart fortwirkend behauptet. Es gilt zu zeigen, dass der Roman die Geburtsstunde der französischen Literaturkritik zugleich als eine bis heute nicht abgeschlossene Geschichte um Deutungsmacht und Widerrede erzählt.

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Zerstörung des Volks: Philippe de Villiers erzählt den Untergang Frankreichs

Philippe de Villiers, der französische Publizist, Historienpark-Betreiber und Gründer der souveränistischen Partei Mouvement pour la France, hat mit „Populicide“ (Oktober 2025) sein jüngstes politisches Sachbuch vorgelegt – die Fortsetzung seines Vorgängerbandes „Mémoricide“ (2024), der bereits rund 230.000 Exemplare erreichte. „Populicide“ überträgt einen Begriff der Französischen Revolution – ursprünglich von Gracchus Babeuf zur Bezeichnung der staatlich angeordneten Massentötungen in der Vendée geprägt – auf einen gegenwärtigen demografischen und kulturellen Wandel und argumentiert, dass Frankreich durch eine Kombination aus Migration, Gender-Ideologie, Eliten-Verrat und transhumanistischer Technokratie sein Volk und seine Zivilisation verliert. Das Buch verbindet historiografische Fallstudien (Persien, Byzanz, Karthago, Rom, Peru, Toledo) mit autobiografischen Kampferzählungen, kulturpessimistischen Diagnosen und drei abschließenden Oden – eine Gattungshybridität, die das Werk zwischen politischem Manifest, historischem Essay und literarischer Beschwörung oszillieren lässt. Mit über 161.500 verkauften Exemplaren bis Ende Dezember 2025 ist „Populicide“ ein „literarisches Phänomen“ der französischen Rechten geworden, befördert durch Villiers‘ wöchentliche CNews-Sendung und den Bolloré-Verlag. Die vorliegende Rezension analysiert das Buch nicht als Polemik, sondern als methodisches und rhetorisches Projekt: Sie zeigt, wie Villiers historische Fallstudien durch Vereinfachung und Quellen-Manipulation zu Beweisen einer bereits feststehenden Verfallsthese fügt; wie er Gegenwarts-Probleme (Integration, Geschlechterdebatten, digitale Überwachung), die auch von anderen politischen Lagern geteilt werden, in eine geschlossene Verschwörungserzählung einwebt; und wie er affektive und ästhetische Techniken (Pathos, Zitatmontage, elegische Erzählweise) nutzt, um analytische Distanz durch emotionale Partizipation zu ersetzen. In einem vergleichenden Blick auf „Mémoricide“ werden dabei die Kontinuitäten deutlich: „Populicide“ ist weniger ein neuer Gedanke als die Verselbstständigung eines Begriffs, der im Vorgänger bereits angelegt war – eine Form der Wiederholung, die zwar stilistisch beeindruckend ist, aber wenig neue Einsicht bietet. Die Rezension fragt abschließend, was dieser Erfolg über die Empfänglichkeit von Teilen des französischen Publikums für Verfallserzählungen aussagt und wie sich eine sachliche, nicht-apokalyptische Auseinandersetzung mit echten Herausforderungen (Migration, schulische Vermittlung von Geschichte, technologische Transformation) von Villiers‘ Ansatz unterscheidet.

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Vier Romane über das Komische: Karine Tuil, Camille Bordas, Fabio Viscogliosi, David Foenkinos

Die vier Romane entwerfen, bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Erzählformen, ein gemeinsames Panorama des Komischen als paradoxes Dispositiv zwischen Produktion, Verlust und Reflexion: Bei Fabio Viscogliosi erscheint es in „Harpo“ (2020) zunächst als körperlich erlerntes, beinahe familiär vererbtes Handwerk, das jedoch an äußere Rahmungen (Bruderbindung, Dramaturgie, Produktionslogik) gebunden bleibt und im Moment der Amnesie vollständig suspendiert wird; Karine Tuil radikalisiert diese Ambivalenz, indem sie in „Quand j’étais drôle“ (2005) das Komische zugleich als Zwang und als unabschüttelbare Sprachform inszeniert, sodass die Erzählinstanz ihr eigenes Scheitern im Modus der Pointe artikuliert und damit die These vom „verlorenen Humor“ performativ unterläuft; David Foenkinos kehrt in „Je suis drôle“ (2026) die Ausgangsannahme um, indem er zeigt, dass nicht Komik, sondern deren Fehlen – genauer: eine als „tragisch“ lesbare Präsenz – sozialen und künstlerischen Erfolg generiert, wodurch das Komische als falsches Versprechen entlarvt wird, ohne dass die zugrunde liegende Logik (Geliebtwerden durch Affektproduktion) aufgegeben würde; Camille Bordas schließlich überführt in „Des inconnus à qui parler“ (2025) das Komische in einen expliziten Diskursraum, in dem es als lehr- und analysierbares Verfahren erscheint, dessen methodische Durchdringung (Zerlegung, Variation, Theoretisierung) jedoch in Spannung zu seiner Wirkung steht. Der Aufsatz hierarchisiert diese vier Modelle nicht, sondern liest sie als komplementäre „Theorien in narrativer Form“: Komik ist einmal Praxis ohne Theorie (Viscogliosi), einmal Theorie im Modus der Selbstwidersprüchlichkeit (Tuil), einmal Negativfolie einer affektiven Ökonomie (Foenkinos) und einmal explizit epistemologisches System (Bordas). Die Argumentation macht wiederkehrende Strukturen sichtbar – etwa die Bindung des Komischen an biografische Defizite oder seine Abhängigkeit von institutionellen Kontexten – und verschränkt diese mit übergeordneten Modellen (Bergsons Mechanik, Girards Gleichgewicht, Le Bretons Körperlichkeit, Flandrins Soziologie), sodass die Einzelanalysen nicht additiv bleiben, sondern sich gegenseitig erhellen. Anschaulich wird dies vor allem in den Schlüsselszenen: Harpos Verlust der komischen Identität zeigt das Komische als Effekt von Rahmung; Sandres diagnostizierte „Doppelsicht“ macht die innere Spaltung sichtbar, die Komik ermöglicht und zerstört; Gustaves Zurückweisung als „nicht drôle“ markiert den Umschlagpunkt einer ganzen Wertordnung; Dorothys Reflexion über die Frage als Werkzeug führt das Komische als eigenständige Erkenntnisform vor. Insgesamt verfolgt der Aufsatz eine klare Linie: Er verschiebt die Frage „Was ist das Komische?“ hin zu „Unter welchen Bedingungen entsteht, funktioniert und scheitert es?“ – und gewinnt gerade daraus seine analytische Präzision, weil das Komische nicht als stabile Eigenschaft, sondern als fragile Relation zwischen Körper, Sprache, Publikum und Institution erscheint.

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Der Schwindel der Erde: Camille de Toledo

Der Werküberblick zu Camille de Toledo entfaltet – unter dem leitenden Begriff des „Vertige“ – eine ebenso literarische wie epistemologische Diagnose der Gegenwart, die von der Rezension als genuin ökologische Denkfigur profiliert wird: Ausgehend von der sinnlich erfahrbaren Realität wiederkehrender Hitzewellen wird der „Schwindel“ nicht als bloß subjektive Verunsicherung, sondern als Symptom einer destabilisierten Erde interpretiert, deren geophysische und semantische Grundlagen zugleich erodieren. Die Argumentation der Rezension folgt dabei einer doppelten Bewegung, die sie als strukturprägend für Toledos Gesamtwerk herausarbeitet: einerseits die introspektiv-poetische Reflexion auf Sprache als unsicheren Grund (insbesondere in „L’inquiétude d’être au monde“ und „Une histoire du vertige“), andererseits die institutionelle Übersetzung dieser Krise in juristisch-politische Formen (vor allem in „Le fleuve qui voulait écrire“ und „L’internationale des rivières“). Die Rezension deutet diese beiden Linien nicht als Fortschritt, sondern als Pendelbewegung: Der „Vertige“ fungiert zugleich als poetologische Kategorie (Instabilität der Zeichen, „pharmakon“ der Sprache) und als ethisch-politischer Imperativ, der neue Formen der Anerkennung nichtmenschlicher Akteure verlangt. Besonders prägnant ist dabei die These, dass Toledo die ökologische Krise nicht narrativ domestiziert, sondern formal reproduziert: Die Hybridität der Gattungen, die Verschiebung von monologischer Rede zu polyphoner Anhörung und schließlich zur spekulativen „fiction instituante“ erscheinen als ästhetische Entsprechungen eines Weltzustands, in dem „der Boden sich entzieht“. Die Rezension liest diese formale Dynamik als bewusste Verweigerung jeder „consolation“ und damit als Gegenentwurf zu apokalyptischen oder technizistischen Klimanarrativen; stattdessen wird eine „Poetik des Aushaltens“ sichtbar, die den Schwindel nicht auflöst, sondern produktiv macht – sei es in der literarischen Selbstbefragung des „homo narrans“ oder in der Vision eines Rechts, das Flüssen Stimme und Handlungsmacht verleiht. Insgesamt überzeugt die Argumentation durch ihre enge Verschränkung von Textanalyse, Gattungstheorie und ökologischer Hermeneutik: Sie zeigt, dass Toledos Werk nicht nur vom Klimawandel handelt, sondern dessen epistemische Zumutungen auf der Ebene von Form, Sprache und Institution selbst vollzieht.

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Verlorene Anrufe, gefundene Sprache – Nassera Tamer

Der vorliegende Text liest Nassera Tamers „Allô la Place“ (Verdier, 2025) als autofiktional grundierten, formal hybriden Roman, der den Telefonanruf – prägnant gerahmt durch Jacques Derridas Diktum vom „gespenstischen“ Charakter der Stimme – zur Leitmetapher einer diasporischen Existenz erhebt: Erzählt wird von einer in Paris lebenden Ich-Erzählerin, die im Versuch, das verlorene Darija ihrer Eltern wiederzuerlernen, weniger ein sprachliches als ein existenzielles Defizit bearbeitet, nämlich die durch Migration, sozialen Aufstieg und Scham beschädigte Beziehung zur Herkunft und zu den Eltern, deren ausbleibender Anruf den eigentlichen dramatischen Kern bildet. Anstelle eines linearen Plots entfaltet der Roman eine montierte Struktur aus kurzen Sequenzen, dokumentarischen Exkursen und inventarischen Schaufensterlisten, die sich zu einer Poetik des Fragments und der „Verbindung im Abbruch“ verdichten: Das Sprachtandem mit der in Casablanca lebenden Mer fungiert dabei als Spiegelkonstellation, in der sich Fragen von Geschlecht, Mobilität und Ungleichheit bündeln, während Taxiphones als heterotope Schwellenräume eine Topografie des Dazwischen markieren. Die Analyse arbeitet heraus, dass Tamer technische Kommunikationsformen – von der Audiokassette bis zur App – nicht als Fortschrittserzählung, sondern als Archäologie misslingender Nähe inszeniert, in der der „appel en absence“ zur Signatur eines Subjekts wird, das zwischen Sprachen und Orten suspendiert bleibt; zugleich deutet sie die dichten Metaphernfelder (Wasser, Wunde, Signal, Reparatur) und die intertextuellen Bezüge als Elemente einer autopoetologischen Reflexion, die das Schreiben selbst als prekäre, vom Verschwinden bedrohte Geste begreift. Insgesamt fokussiert die Argumentation konsequent auf die Leitmetapher der unterbrochenen Verbindung und deren Ausfaltung in Form, Motivik und Medienreflexion.

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Ein Mietshaus im Elsass und Gespenster der Geschichte: Michèle Audin

Der Artikel präsentiert Michèle Audins Roman „La Maison hantée“ (2025) als eindrückliches Beispiel eines „roman croisé“, in dem sich dokumentarische Recherche, erzählerische Imagination und multiple Zeitebenen überlagern: Ausgehend von ihrem Einzug in ein Straßburger Mietshaus im Jahr 1992 folgt eine Ich-Erzählerin den Spuren früherer Bewohner und entfaltet aus Archivmaterialien, Zufallsfunden und vorsichtigen Rekonstruktionen ein Geflecht von Lebensgeschichten, das besonders die Familie Caron-Fischbach in den Jahren 1930 bis 1946 in den Blick nimmt; im Schatten der nationalsozialistischen Annexion des Elsass werden dabei Fragen von Zugehörigkeit, Sprachzwang und administrativer Gewalt virulent, wobei insbesondere die jüdischen Bewohner des Hauses und ihr sukzessives Verschwinden aus den Registern als beklemmende Leerstelle hervortritt, die weder narrativ geschlossen noch historisch vollständig aufgeklärt werden kann. Die erzählerische Bewegung gleicht einem tastenden Durchqueren von Räumen und Zeiten – Treppenhaus, Wohnungen, Archive –, in denen sich Stimmen überlagern und Gegensätze nicht aufgelöst, sondern sichtbar gehalten werden. Vor diesem Hintergrund argumentiert der Aufsatz, dass Audin eine Poetik der Spurensicherung entwickelt, die das Nebeneinander von Fakt und Fiktion nicht nivelliert, sondern ausstellt: Erstens wird der historische Roman durch die konsequente Selbstreflexivität der Erzählinstanz als Konstrukt kenntlich gemacht, indem imaginative Ergänzungen ausdrücklich markiert und damit epistemologisch transparent werden; zweitens erscheint das Elsass als paradigmatischer Raum gekreuzter Identitäten, in dem nationale Zuschreibungen – insbesondere unter den Bedingungen der NS-Sprachpolitik – gewaltsam durchgesetzt und zugleich in ihrer Fragilität erfahrbar werden; drittens erweist sich das Schweigen der Quellen, etwa im Fall der ausgelöschten jüdischen Existenzen, nicht als bloßes Defizit, sondern als zentrales Bedeutungsträger, der die Grenzen historischer Erkenntnis markiert und eine ethisch reflektierte Form des Erinnerns einfordert. So macht der Aufsatz plausibel, dass „La Maison hantée“ Geschichte nicht als lineare Erzählung, sondern als vielstimmiges, von Brüchen durchzogenes Gefüge begreift, in dem sich Vergangenheit nur im Modus der Annäherung und Überkreuzung erschließt.

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Wasser, Hitze, Tiefe: Zur Poetik des französischen Sommerromans

Der Artikel wurde bei 37°C geschrieben. Er bündelt sechzehn jüngere französischsprachige Romane zu einer vielstimmigen Topographie des Wassers – von der Pariser Stadtpiscine über private Swimmingpools und nordamerikanische Wohnanlagen bis hin zu Seenlandschaften und den Küsten des Atlantiks und Mittelmeers. In prägnanten Szenen – dem Zögern auf dem Fünf-Meter-Brett, dem ersten Eintauchen eines alten Mannes nach Jahrzehnten, dem reglosen Sitzen am Rand eines unbenutzten Beckens oder dem erschöpften Auftauchen nach einem weiten Meeresschwimmen – wird Wasser als elementare Erfahrung des Körpers erfahrbar: kühlend, tragend, widerständig. Die Texte zeigen, wie sich im Moment des Badens soziale Ordnungen verschieben und zugleich sichtbar werden: Körper werden lesbar, Klassenunterschiede, Begehren und Ausschlüsse treten offen zutage, während das Wasser für Augenblicke eine Gleichheit herstellt, die an Land sofort wieder zerfällt. – Zugleich fungiert das nasse Element als Speicher und Auslöser von Erinnerung: Chlorgeruch, Salz auf der Haut oder das wiederkehrende Blau eines Beckens rufen Kindheit, erste Liebe oder Verlusterfahrungen auf. Mehrfach kehren die Romane zur Adoleszenz zurück, zu Initiationsmomenten eines Sommers, in dem ein Sprung ins Wasser über Zugehörigkeit entscheidet oder ein Nicht-Sprung eine Lebenslinie markiert. Andere Texte zeigen das Wasser als Ort existenzieller Grenzerfahrung – als Raum der Trauerbewältigung, der Krankheit, der Depression oder der Konfrontation mit dem Tod, in dem Sprache versagt und nur noch der Körper reagieren kann. Zwischen öffentlichem Schwimmbad, das als sozialer Mikrokosmos fungiert, und offenem Meer, das Gleichgültigkeit und Übermacht verkörpert, entfaltet sich so eine Poetik des Wassers, die das Element weder auf Metapher reduziert noch rein naturalistisch belässt: Es ist zugleich konkreter Stoff und Resonanzraum, in dem sich Leben verdichtet. Der Sommer erscheint dabei als beschleunigte, aufgeheizte Zeitform, in der sich im Kontakt mit dem Wasser Übergänge vollziehen – zwischen Kindheit und Erwachsensein, Nähe und Verlust, Kontrolle und Kontrollverlust – und in der die Figuren für einen Moment zugleich freigelegt und sich selbst entzogen sind.

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Zwischen Joual und Norm: Sprachpolitik und Erinnerung bei Gabriel Marcoux-Chabot

Kanada bildet den kulturellen und sprachpolitisch-poetologischen Hintergrund der in der Rezension analysierten Konstellation in Gabriel Marcoux-Chabots „Godpèle“ (2025). Im Zentrum steht die Figur la Floune, die nach einer existenziellen Flucht in die winterliche Wildnis ein Tagebuch verfasst und dabei das verdrängte Trauma ihrer Gemeinschaft – den Kannibalismus während eines katastrophalen Winters – schrittweise freilegt. Die Interpretation arbeitet heraus, dass dieses narrative Geschehen untrennbar mit der zweisprachigen Anlage des Textes verbunden ist: Die Gegenüberstellung von phonetisch notiertem Joual und standardisiertem Französisch bilden Reflexionsinstrumente über Sprachverlust, kulturelle Normierung und die Gewalt der sprachlichen Glättung. Indem die standardsprachliche Version die mündliche Rede scheinbar klärt, reproduziert sie zugleich das Verschweigen des Traumas. Daraus entwickelt die Rezension die These, dass „Godpèle“ Sprache selbst als Ort von Wahrheit und Verdrängung inszeniert: Erst im Übergang vom gemeinschaftlich regulierten Sprechen zum individuellen Schreiben wird das Verborgene artikulierbar. Diese Leitidee verfolgt die Analyse durch Figuren, Raumordnung und Metaphorik und deutet Schreiben als ambivalente Praxis zwischen Erkenntnis und Begrenzung. Die Argumentation führt zur Einsicht, dass erst das ausgesprochene Wort – das Durchbrechen des kollektiven Schweigens – die Möglichkeit einer ethisch ausgerichteten Zukunft eröffnet.

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Die Könige haben keine Namen mehr – Frankophonie im Zerfall des Libanon: Charif Majdalani

Charif Majdalanis Roman „Le nom des rois“ (Stock, 2025), entwirft die Kindheit eines Beiruter Jungen am Vorabend des Bürgerkriegs als ein Spannungsfeld zwischen ästhetischer Weltflucht und historischer Zumutung: Während draußen die Ordnung zerfällt, verschanzt sich das Ich in den klingenden Namen längst versunkener Könige, die es wie Trophäen in Hefte einträgt – ein „onomastisches Erzittern“, das die Realität übertönt. Im Zentrum der Handlung steht die enge Freundschaft zu einem Mitschüler, die ersten Liebeserfahrungen und die allmähliche Konfrontation mit einer politischen Gewalt, die die imaginären Gegenwelten des Erzählers zerschlägt. Diese genealogische Imagination bildet die zentrale These des Romans: Der Name, die Sprache, ja die französisch geprägte Kultur selbst erzeugen eine schillernde Ersatzwelt, deren Schönheit jedoch an der Gewalt der Geschichte zerbricht. Majdalani konkretisiert diesen Bruch in eindrücklichen Bildern – dem Duft alter Larousse-Enzyklopädien, den mondänen Salons Beiruts, den flirrenden Berglandschaften Massiafs –, die allmählich vom Echo der ersten Schüsse, vom Zerfall der sozialen Rituale und vom Verlust der ersten Liebe überlagert werden. In der Kritik häufig mit Proust verglichen, erscheint der Roman so als elegische Diagnose einer Klasse, die im Spiegel Frankreichs lebte und die Katastrophe nicht sehen wollte: Der Übergang vom Sammeln der Königsnamen zum Abfeuern einer echten Waffe markiert das Ende der poetischen Illusion und den Eintritt in eine Geschichte, die nicht mehr erzählbar, sondern nur noch erlitten ist.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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