Lärm und Stille: Anne Savelli

Anne Savellis Roman „Bruits“ (Inculte, 2026) verfolgt über den minutiös getakteten Zeitraum eines einzigen Tages die akustische Erschütterung einer anonymen Großstadt, ausgelöst durch eine frühmorgendliche Polizeirazzia, deren Lärm sich durch Wohnungen, Körper und Bewusstseine fortpflanzt und die Stadt weniger als visuellen denn als klanglichen Raum erfahrbar macht: Im Zentrum steht das kleine Mädchen F., für das Geräusche existenziell werden, während sich um sie herum eine polyphone Partitur aus Polizeigewalt, Alltagslärm, institutionellen Protokollen und privaten Schreien entfaltet, die individuelle Biografien nur bruchstückhaft sichtbar werden lässt. Die Rezension liest den Roman als akustische Ontologie, in der Lärm nicht bloße Kulisse, sondern soziales, politisches und poetologisches Material ist: Geräusche markieren Machtverhältnisse, unterlaufen Grenzen von Privatheit und ersetzen narrative Kausalität durch Überlagerung und Resonanz. Besonders prägnant ist die Analyse der Durchlässigkeit – von Körpern, Wänden, Syntax –, durch die Savelli die Stadt als Resonanzkörper sozialer Gewalt entwirft, sowie die Deutung der Stille als fragilen, utopischen Fluchtpunkt, der nur imaginativ und temporär erreichbar bleibt. Die Besprechung zeigt, wie der Text selbst zum Lärm wird und Lesen zum Hören zwingt; zugleich betont sie, dass „Bruits“ weniger von Ereignissen als von Zuständen erzählt und in der Verweigerung klassischer Narration eine leise, aber radikale politische Geste formuliert: den Entzug des Subjekts aus einer Welt permanenter Beschallung.

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