Verlorene Reiche, erinnernde Steine: genealogische Erinnerung und animistische Poetik bei Ananda Devi
Ananda Devis „Chronique d’un royaume perdu“ (Grasset, 2026) entwirft die genealogische Chronik eines fiktiven Dorfes im Süden von Mauritius, das aus einer doppelten Grenzüberschreitung hervorgeht: einer weißen Kolonistengattin und einem versklavten Mann, die mehrfach Kinder zeugen. Diese tabuisierte Vereinigung wird zum Gründungsmythos einer Gemeinschaft, die sich über Generationen hinweg selbst verheiratet, wächst, sich öffnet für indische Kontraktarbeiter, innere Gewalt erduldet und am Ende von touristischem Kapital bedroht wird. Die Erzählstruktur ist dabei bewusst hybrid: Eine Anthropologin eröffnet den Text mit ihrer 1980er-Jahre-Feldforschung, übergibt die erzählende Stimme jedoch an Paulo, jene Figur, die als Patriarch und Gedächtnisträger seine stumme Enkelin Virgine in die genealogische Wahrheit initiiert. Der Epilog „Lémurie“ verabschiedet sich schließlich in eine vorzeitliche, versunkene Steinzivilisation des Indischen Ozeans. Der vorliegende Aufsatz argumentiert, dass dieser Roman nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Gattungsmischung – Chronik, Familiensaga, mündliches Erzählen, magischer Realismus und erklärte Uchronie – zu einer Gegen-Geschichtsschreibung wird, die koloniale Hierarchien nicht durch Widerspruch, sondern durch Mythos und animistische Materialisierung unterlauft. Die zentrale These lautet: Der Tabubruch ist keine moralische Anomalie, sondern die strukturelle Grundlage einer Gemeinschaft, deren Erinnerung sich nicht in wissenschaftliche Archive lässt, sondern in Stein, Pflanzen und Körpern einschreibt. Durch eine integrierte Analyse von Erzählperspektive, Raumpoetik, Geschlechterordnung und semantischen Feldern zeigt der Aufsatz, wie Devi die koloniale Zeitlichkeit einer linearen Historiografie durch die zirkuläre Zeitlichkeit des Mythos ersetzt, ohne dabei in bloßes Geschichtsvergessen zu verfallen, im Gegenteil: Die Vergangenheit wird so präsent gemacht, dass sie die Gegenwart durchtränkt und die Zukunft offenhält.
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