Hippies in Marokko

La ville lui parut noire et hostile. Amine lui en expliqua la topographie qui répondait aux principes émis par le maréchal Lyautey au début du protectorat. Une séparation stricte entre la médina, dont les mœurs ancestrales devaient être préservées, et la ville européenne, dont les rues portaient des noms de villes françaises et qui se voulait un laboratoire de la modernité.

Leïla Slimani, La guerre, la guerre, la guerre 1

Die aus Marokko stammende Goncourt-Preisträgerin von 2016, Leïla Slimani, legt 2022 mit Regardez-nous danser den zweiten Band ihrer Trilogie „Le pays des autres“ vor, die nach Abschluss Marokkos Geschichte von 1945 bis 2015 behandeln wird. Der erste Band La guerre, la guerre, la guerre (2020, dt. „Das Land der Anderen“) hatte Marokkos Weg nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Unabhängigkeit von Frankreich 1956 im Blick.

Slimani wird im Nouvel Observateur gemeinsam mit dem jüngsten Goncourt-Preisträger Mohamed Mbougar Sarr als Repräsentantin einer neuen frankophonen Literatur befragt und betont die beiderseitigen Instrumentalisierungsversuche der Geschichte: „Ich habe meine Trilogie ‚Das Land der Anderen‘ begonnen, weil mir leider nicht so viel über die Geschichte meiner Familie vermittelt wurde, die eine Familie gemischten Blutes ist, mit einer französischen und einer marokkanischen Seite. In meiner Generation in Afrika wissen wir wenig darüber, was die Unabhängigkeit in den 1960er Jahren für unsere Eltern bedeutete. Man darf nicht glauben, dass die Instrumentalisierung der Geschichte oder Tabus nur auf der Seite derjenigen liegen, die kolonialisiert haben. In Marokko wollen die Menschen nicht über die Kolonialisierung sprechen. Denn es ist eine Demütigung, eine Schande. Es gibt Schweigen auf beiden Seiten des Mittelmeers. Ich wollte diese beiden Schweigen bekämpfen, und auch ich wollte niemanden verschonen.“ 2

Der 2020 erschienene erste Band erzählte, wie die Elsässerin Mathilde und der Marokkaner Amine sich 1944 kennenlernen, inspiriert wurde die Geschichte von den eigenen Großeltern von Slimani. Der zweite Band ihrer Trilogie betrachtet nun die späten 60er Jahre bis Mitte der 70er Jahre, in der Zerrissenheit zwischen kolonialem Erbe und einer autoritären Monarchie. Alexandra Schwartzbrod betont in ihrer Rezension die Atomisierung und Instabilität in dieser Epoche: „Ein gewaltiges, politisches und menschliches Epos, das viel über die Qualen dieser ehemaligen französischen Kolonien aussagt, die plötzlich fast auf sich selbst gestellt sind und in denen jeder versucht, seinen Platz in einer Gesellschaft zu finden, die zwischen Zerfall und Neubildung schwankt.“ 3 Wie als Kommentar zu ihrem zweiten Band sieht Slimani ihr engagiertes Schreiben darauf ausgerichtet, Stereotypen und Abstraktionen Menschen mit eigenem Gesicht gegenüberzustellen und eine andere Moderne zu erzählen, nicht minder globalisiert und komplex als die europäische. So ist die Trilogie ein dezidierter Versuch, gegen Exotismen anzuschreiben: „Es ist wie ein Angriff, den ganzen Tag über Muslime und Nordafrikaner reden zu hören. Ich weiß nicht, was das ist, Maghrebiner. Diese Trilogie zu schreiben bedeutet auch, den Menschen eine Individualität zurückzugeben, eine Geschichte, die an Orten verkörpert ist. Wir sind nicht nur muslimische Wesen, die seit jeher von der Geschichte und der Moderne ausgeschlossen sind. Auch bei uns hatte der Mai 1968 Einfluss, es gab Hippies, Menschen, die von Freiheit träumten, Träume, die verraten wurden. Wir wurden zu sehr in der Vorstellung erzogen, dass ein amerikanischer oder europäischer Roman universell ist, während ein marokkanischer Roman exotisch oder dokumentarisch wäre.“ 4

Seit 2018 ist Slimani von Präsident Macron in die Organisation der Frankofonie berufen, in Frankreich nennen die Medien sie „Madame Francophonie“, und Les Echos bezeichnete ihre Biographie – als Tochter eines hohen Beamten und als Absolventin der Sciences Po in Paris – ein Beispiel für den vorherrschenden Elitismus in diesem Bereich. 5 Wenn Slimani bekräftigt, Französisch könne Spanisch und Arabisch hinter sich lassen und vom vierten auf den zweiten Platz hinter Englisch aufrücken, argumentiert sie: „Für viele Menschen gilt die französische Sprache als eine Sprache des Boudoirs, der Gelehrten, aber nicht als eine pragmatische Sprache, die dazu dient, eine Arbeit zu finden.“ 6 Im Gespräch mit Eric Fottorino, das mit dem Titel Comment j’écris 2017 publiziert wurde, hat Slimani die Wahl der französischen Sprache statt des Arabischen für ihre Bücher mit der Geschichte ihrer Eltern begründet:

Mon père était donc très francophile, aimait beaucoup la littérature française, ma mère aussi. Ce sont des personnes qui ont ensuite eu des responsabilités dans les années soixante-dix, qui ont voulu un Maroc moderne, un Maroc ouvert, un Maroc féminin, où il y avait en tout cas l’égalité des sexes, un Maroc beaucoup plus laïc que ce qu’il est aujourd’hui – à l’époque, on ne prononçait pas le mot « laïc », mais c’était un Maroc où la religion était moins importante. Mes parents étaient très attachés aussi à la culture européenne, occidentale. […] Du coup, mon père et ma mère ont un peu oublié de nous transmettre une chose pourtant fondamentale, qui est notre langue, la langue arabe. Mes parents nous ont toujours parlé en français. Nous parlons bien sûr la darija, l’arabe dialectal parlé tous les jours dans la rue, mais ils ne nous ont jamais transmis l’arabe classique qu’on lit dans les journaux, qu’on entend aux informations. C’est un grand regret, et j’ai souvent reproché cette lacune à mes parents à l’époque des grandes crises d’adolescence.

Leïla Slimani, Comment j’écris

Mein Vater war also sehr frankophil, er liebte die französische Literatur sehr, meine Mutter auch. Das waren Personen, die dann in den 1970er Jahren Verantwortung trugen, die ein modernes Marokko wollten, ein offenes Marokko, ein weibliches Marokko, in dem es auf jeden Fall die Gleichberechtigung der Geschlechter gab, ein Marokko, das viel säkularer war als das, was es heute ist – damals sprach man das Wort „säkular“ nicht aus, aber es war ein Marokko, in dem die Religion weniger wichtig war. Meine Eltern waren auch sehr an der europäischen, westlichen Kultur interessiert. […] Infolgedessen haben mein Vater und meine Mutter ein wenig vergessen, uns eine grundlegende Sache zu vermitteln, nämlich unsere Sprache, die arabische Sprache. Meine Eltern haben immer Französisch mit uns gesprochen. Wir sprechen natürlich Darija, den arabischen Dialekt, der jeden Tag auf der Straße gesprochen wird, aber sie haben uns nie das klassische Arabisch vermittelt, das man in den Zeitungen liest und in den Nachrichten hört. Das bedauere ich sehr, und ich habe meinen Eltern in der Zeit der großen Pubertätskrisen oft diesen Mangel vorgeworfen.

Anekdotisch und hochsymbolisch führt Slimani einen Säulenheiligen der modernen Literaturwissenschaft ein:

L’autre soir un homme est entré, un Européen élégant aux cheveux blancs dont le visage un peu triste me disait quelque chose. Il était accompagné d’une femme âgée, minuscule, sans doute sa mère. Le lendemain, j’ai croisé la vieille dame dans l’escalier de mon immeuble. J’ai compris qu’elle habitait un étage au-dessus. J’ai vérifié la boîte aux lettres du hall d’entrée, et j’ai vu le nom du locataire : « Roland Barthes ». Tu te rends compte ? Tout le monde ici parle de lui. À la faculté, les professeurs sont fiers qu’une telle célébrité vienne donner des cours à Rabat. Les étudiants de leur côté s’en fichent, ils ne pensent à rien d’autre qu’aux grèves et aux assemblées générales. Tu vas me trouver ridicule, mais j’ai repris tous mes articles, je les ai relus et corrigés avec grand soin, et je les ai déposés dans sa boîte aux lettres. À l’heure où je t’écris, il est peut-être en train de me lire ! Désormais mon existence se résume à attendre.

Leïla Slimani, Regardez-nous danser

Neulich abends kam ein Mann herein, ein eleganter Europäer mit weißen Haaren, dessen etwas trauriges Gesicht mir bekannt vorkam. Er war in Begleitung einer älteren, winzigen Frau, wahrscheinlich seiner Mutter. Am nächsten Tag begegnete ich der alten Frau im Treppenhaus meines Wohnhauses. Mir war klar, dass sie ein Stockwerk höher wohnte. Ich überprüfte den Briefkasten in der Eingangshalle und sah den Namen des Mieters: „Roland Barthes“. Kannst du dir das vorstellen? Jeder hier spricht von ihm. An der Fakultät sind die Professoren stolz darauf, dass eine solche Berühmtheit nach Rabat kommt, um Vorlesungen zu halten. Den Studenten wiederum ist das egal, sie denken an nichts anderes als an Streiks und Generalversammlungen. Du wirst mich für lächerlich halten, aber ich habe alle meine Artikel genommen, sie noch einmal sorgfältig durchgelesen und korrigiert und sie in seinen Briefkasten geworfen. Jetzt, wo ich dir schreibe, liest er mich vielleicht gerade! Von nun an besteht meine Existenz nur noch aus Warten.

Zwischen 1969 und 1970 lehrt Roland Barthes ein Jahr in Rabat, ein ganzer Tagungsband untersuchte diese Zeit 7, und in Tanger, Rabat, Marrakesch genoss der schwule Literaturtheoretiker nicht nur kulturelle und freundschaftliche, sondern auch sexuelle Freuden, vergleichbar anderen Marokkoreisenden wie Montherlant, Gide, Genet oder Bowles. Man bewunderte Barthes in Marokko, und der Maghreb und die arabische Welt haben Spuren in seinem Werk hinterlassen, auch wenn er in einer Diskussion in Regardez-nous danser stellvertretend für die französische Hochkultur steht, die in Marokko weiter propagiert wurde.

Nach einer längeren Zeit der historischen Recherche (Dankesworte am Ende geben Zeugnis davon) schrieb Slimani dann doch ganz frei ihr Buch, und ein Index der Figuren soll nach dem Vorbild von Elena Ferrante beim Anschluss an den ersten Band helfen. Das Paar Mathilde und Amine ist gealtert und zu bescheidenem Wohlstand gekommen, innovativ in der Agrarwirtschaft Amine, Mathilde in einer eigenen kleinen Klinik. Während Amines Bruder Omar zum Geheimdienst gegangen ist und die Oppositionellen zum Schweigen bringt, ist das Paar etwas zu bürgerlich, etwas zu selbstgefällig geworden, bleibt doch verbunden mit einer untergegangenen Zeit:

Amine se mit à haïr la ville. Ses lumières jaunes, ses trottoirs sales, ses boutiques à l’odeur de renfermé et ses grands boulevards sur lesquels les garçons marchaient sans but, les mains dans les poches pour masquer une érection. La ville et la bouche de ses cafés qui mangeaient la vertu des jeunes filles et la force de travail des hommes. La ville où l’on perdait ses nuits à danser. Depuis quand les hommes avaient-ils ce besoin de danser ? Est-ce que ce n’était pas stupide, est-ce que ce n’était pas ridicule, pensait Amine, ce goût de la fête qui s’était emparé de tous ? En vérité, Amine ne savait rien des grandes villes et la dernière fois qu’il était allé à Casablanca, les Français dirigeaient encore le pays. Il ne comprenait pas non plus grand-chose à la politique et ne perdait pas son temps à lire les journaux.

Leïla Slimani, Regardez-nous danser

Amine begann, die Stadt zu hassen. Ihre gelben Lichter, ihre schmutzigen Bürgersteige, ihre muffig riechenden Läden und ihre großen Boulevards, auf denen die Jungen ziellos herumliefen, die Hände in den Taschen, um eine Erektion zu verbergen. Die Stadt und die Mäuler ihrer Cafés, die die Tugend junger Mädchen und die Arbeitskraft der Männer auffraßen. Die Stadt, in der man die Nächte mit Tanzen vergeudete. Seit wann hatten die Männer dieses Bedürfnis zu tanzen? War es nicht dumm, war es nicht lächerlich, dachte Amine, diese Lust am Feiern, die von allen Besitz ergriffen hatte? In Wahrheit wusste Amine nichts über Großstädte und als er das letzte Mal in Casablanca gewesen war, regierten noch die Franzosen das Land. Er verstand auch nicht viel von Politik und verschwendete seine Zeit nicht mit dem Lesen von Zeitungen.

Amine, von dem es noch im ersten Band hieß, er wolle aus seinem Hof ein „Modell an Modernität“ machen, ist nun einer der Alten. Das Tanzen, das Slimani metonymisch für den Wandel der Individuen und der Historizität ihrer Körper im Titel wählt, bedeutet für die Generation des ersten Buchs eine unverständlich hedonistische neue postkoloniale Zeit der Verwestlichung: Die Jungen gehen in Clubs, vor denen früher noch angeschlagen war, dass Marokkaner keinen Zutritt haben. Das Marokko der Moderne war zunächst koloniales Projekt des französischen Militärgouverneurs, bevor es nun eine eigene Moderne für sich sucht.

Là, sur les quatre-vingts kilomètres de côtes qui séparaient Casablanca de Rabat, le maréchal Lyautey avait nourri le rêve de bâtir une Californie française. Il pensait que c’était l’océan qui donnerait à ce pays sa force, sa fortune, et il s’étonnait que ses habitants aient si longtemps vécu en lui tournant le dos. De Rabat il fit sa capitale, renvoyant la prestigieuse cité de Fès au passé. Et à la place de la petite ville portuaire qu’était Casablanca, il ambitionna de construire la vitrine du Maroc moderne. Un Maroc où les habitants s’occuperaient à gagner de l’argent et à jouir des plaisirs de la vie. Un Maroc bien loin de celui des cités impériales, des médinas étouffantes, des riads aux murs sans fenêtres derrière lesquels des familles entières vivaient confites dans les traditions. Non, ici, au bord de l’océan, il érigerait une ville pour les conquérants, les pionniers, les hommes d’affaires, les femmes en goguette et les touristes en mal d’exotisme. Une ville d’ouvriers et de milliardaires avec de grandes avenues plantées de palmiers, des restaurants et des cinémas, des immeubles Art déco à la blancheur immaculée. Ici, les meilleurs architectes de métropole feraient sortir de terre des buildings en béton avec ascenseur, chauffage central et parking souterrain. Une ville comme un décor de cinéma, baignée de lumière jaune, où les passants joueraient le scénario qu’on aurait écrit pour eux. Fini les pachas pansus, les sultans paresseux, les femmes en haïk cloîtrées dans des palais humides. Fini les guerres tribales, les famines paysannes, toute cette pudeur et cette arriération qui avaient prospéré à l’abri des montagnes. La « côtière » tiendrait lieu de nouvelle frontière et tous les ambitieux rêveraient de leur conquête de l’Ouest.

Leïla Slimani, Regardez-nous danser

Hier, an der achtzig Kilometer langen Küste zwischen Casablanca und Rabat, hatte Marschall Lyautey den Traum, ein französisches Kalifornien zu errichten. Er glaubte, dass der Ozean diesem Land seine Kraft und seinen Reichtum verleihen würde, und er wunderte sich, dass seine Bewohner ihm so lange den Rücken zugewandt hatten. Rabat machte er zu seiner Hauptstadt und verwies die prestigeträchtige Stadt Fes in die Vergangenheit. Und an der Stelle der kleinen Hafenstadt Casablanca wollte er das Schaufenster des modernen Marokkos errichten. Ein Marokko, in dem die Menschen damit beschäftigt waren, Geld zu verdienen und die Freuden des Lebens zu genießen. Ein Marokko, das weit entfernt war von den Königsstädten, den erdrückenden Medinas und den Riads mit fensterlosen Wänden, hinter denen ganze Familien in ihren Traditionen lebten. Nein, hier am Ozean würde er eine Stadt für Eroberer, Pioniere, Geschäftsleute, Frauen und Touristen errichten, die sich nach Exotik sehnen. Eine Stadt für Arbeiter und Milliardäre mit breiten, palmenbepflanzten Avenues, Restaurants und Kinos und makellos weißen Art-déco-Gebäuden. Hier würden die besten Architekten der Metropole Betonhochhäuser mit Aufzug, Zentralheizung und Tiefgarage aus dem Boden stampfen. Eine Stadt wie eine Filmkulisse, in gelbes Licht getaucht, in der die Passanten das Drehbuch spielen würden, das man für sie geschrieben hätte. Keine aufgeblasenen Paschas mehr, keine faulen Sultane, keine Frauen in Haiks, die in feuchten Palästen eingesperrt waren. Keine Stammeskriege mehr, keine Hungersnöte der Bauern, keine Schamhaftigkeit und Rückständigkeit mehr, die im Schutz der Berge gediehen waren. Die „Küstenlinie“ würde als neue Grenze fungieren und alle Ehrgeizigen würden von ihrer Eroberung des Westens träumen.

Der Fokus der Generationensaga wechselt auf die Kinder Selim und Aïcha, die Frauenärztin wird und sich in Mehdi verliebt. Mehdi möchte Schriftsteller werden und ist als Figur laut Slimanie von ihrem eigenen Vater inspiriert. Auch er wird aus dem Tanzen heraus in der Transformation der marokkanischen Gesellschaft präzise situiert, die Medialisierung seiner Träume macht aus Mehdi einen hybriden, halb-verwestlichten Star, eine neue, komplexe Form der Männlichkeit bildet sich damit heraus:

Pour comprendre Mehdi, il fallait le voir danser. Il y avait dans ses gestes, dans ses mouvements, un étrange mélange de maîtrise et de désinvolture. Il paraissait s’abandonner au rythme de la musique, se laisser envahir et guider par elle telle une marionnette prenant vie sous les mains de son maître. Il fermait les yeux, ramenait les bras contre son torse, les poings fermés, et le monde entier lui était indifférent. Il rouvrait ensuite les yeux et jetait sur les autres danseurs un regard de défi. « Admirez ce que je sais faire », semblait-il dire. Il levait la jambe droite et se mettait à twister. Il n’était plus alors dans une boîte de nuit de la côte mais dans une de ces comédies musicales qu’il regardait, enfant, à travers le trou de la salle de bains. Il se prenait pour Gene Kelly ou Fred Astaire et rêvait que Cyd Charisse fendait la foule et lui donnait la main. Aïcha l’observa, fascinée. Le juke-box passa « The Great Pretender » et Mehdi dansa seul, claquant des doigts en rythme, les yeux baissés sur la pointe de ses chaussures en cuir. Il était mince et gracieux. Aïcha remarqua qu’il avait changé de lunettes et choisi un modèle à la mode, avec une grosse monture en écaille.

Leïla Slimani, Regardez-nous danser

Um Mehdi zu verstehen, musste man ihn tanzen sehen. In seinen Gesten und Bewegungen lag eine seltsame Mischung aus Beherrschung und Ungezwungenheit. Er schien sich dem Rhythmus der Musik hinzugeben, sich von ihr überwältigen und führen zu lassen, wie eine Marionette, die unter den Händen ihres Meisters zum Leben erwacht. Er schloss die Augen, zog die Arme an seine Brust, ballte die Fäuste und die ganze Welt war ihm gleichgültig. Dann öffnete er die Augen wieder und warf den anderen Tänzern einen herausfordernden Blick zu. „Bewundert mein Können“, schien er zu sagen. Er hob sein rechtes Bein und begann zu twisten. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich nicht mehr in einem Nachtclub an der Küste, sondern in einem der Musicals, die er sich als Kind durch das Loch im Badezimmer angesehen hatte. Er hielt sich für Gene Kelly oder Fred Astaire und träumte davon, wie Cyd Charisse durch die Menge ging und ihm die Hand reichte. Aïcha beobachtete ihn fasziniert. Die Jukebox spielte „The Great Pretender“ und Mehdi tanzte allein, schnippte rhythmisch mit den Fingern und blickte auf die Spitzen seiner Lederschuhe. Er war schlank und anmutig. Aïcha bemerkte, dass er seine Brille gewechselt und ein modisches Modell mit einem großen Schildpattgestell gewählt hatte.

Wie sehr die marxistischen und antikolonialistischen Streits um französischen Kulturkanon und marokkanische Identität gegen Ende der 60er Jahre die Debatte bestimmen, während man dann doch gemeinsam in Diskotheken zum Tanzen geht, das zeigt eine Szene, die fast prophetisch eine spätere konservative Revolution und Re-Islamisierung vorwegnimmt:

— Le pays est au bord de la révolution, le peuple vit dans la misère et M. Roland Barthes va nous faire l’honneur de nous enseigner Proust et Racine ! Mais qu’est-ce que les Marocains en ont à faire de Proust à la fin ? On porte vos vêtements, on écoute votre musique, on regarde vos films. Dans les cafés de Casablanca, les jeunes lisent Le Monde et jouent au tiercé sur des chevaux qui courent à Paris. Quand est-ce qu’on va comprendre que nous devons développer notre propre personnalité, connaître notre propre culture, reprendre notre destin en main ?

— Tu préfères quoi ? rétorqua Ahmed. Ne me dis pas que tu es comme ces gens de l’Istiqlal qui réclament l’école coranique, l’arabisation totale et le retour à des traditions qui ne sont rien d’autre que du folklore pour touristes ?

— Ne me fais pas dire ce que je n’ai pas dit. La vérité c’est que le pouvoir ne voit aucun intérêt à éduquer les masses. Tant que les coopérants français seront chargés d’enseigner dans nos facultés, les étudiants recevront un savoir colonial et bourgeois qui les amènera à défendre des intérêts de classe. Je ne dis pas ça pour toi, Henri. Toi, c’est différent. Mais reconnais que tes collègues coopérants viennent ici attirés par la gamelle à dirhams marocains.

— Je te trouve un peu injuste, rétorqua leur hôte. Nous sommes ici pour mettre nos connaissances à la disposition du Maroc et l’aider à former sa future élite, qui prendra les commandes du pays.

— L’élite, quelle blague ! Ce pays fabrique chaque année des millions d’analphabètes pour labourer les champs, nettoyer les trottoirs, tenir un fusil. L’élite, comme tu dis, a une responsabilité. Nous devons partir à l’assaut des usines, organiser des cours du soir, œuvrer à la conscientisation des masses ! »

Ronit se mit debout sur le comptoir. « Tu ne vois pas que tu gâches la fête avec tes grands discours ? Si on allait en boîte ? J’ai envie de danser ! »

Leïla Slimani, Regardez-nous danser

– Das Land steht am Rande einer Revolution, die Menschen leben in Armut und Herr Roland Barthes wird uns die Ehre erweisen, uns Proust und Racine zu lehren! Aber was scheren sich die Marokkaner am Ende um Proust? Wir tragen Ihre Kleidung, hören Ihre Musik und sehen Ihre Filme. In den Cafés von Casablanca lesen die Jugendlichen Le Monde und setzen auf Pferderennen in Paris. Wann werden wir begreifen, dass wir unsere eigene Persönlichkeit entwickeln, unsere eigene Kultur kennenlernen und unser Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen müssen?

– Was ist dir lieber?, entgegnete Ahmed. Sag mir nicht, dass du wie die Leute von der Istiqlal bist, die Koranschulen, die totale Arabisierung und die Rückkehr zu Traditionen fordern, die nichts anderes als Folklore für Touristen sind?

– Schieb mir nicht unter, was ich nicht gesagt habe. Die Wahrheit ist, dass die Machthaber kein Interesse daran haben, die Massen zu erziehen. Solange französische Entwicklungshelfer an unseren Fakultäten unterrichten, werden die Studenten koloniales und bürgerliches Wissen vermittelt bekommen, das sie dazu bringt, Klasseninteressen zu verteidigen. Das sage ich nicht für dich, Henri. Bei dir ist es anders. Aber du musst zugeben, dass deine Entwicklungshelfer-Kollegen hierher kommen, weil sie vom marokkanischen Dirham-Napf angezogen werden.

– Ich finde dich ein bisschen ungerecht, erwiderte ihr Gastgeber. Wir sind hier, um Marokko unser Wissen zur Verfügung zu stellen und ihm dabei zu helfen, seine zukünftige Elite auszubilden, die dann die Führung des Landes übernehmen wird.

– Elite, was für ein Witz! Dieses Land produziert jedes Jahr Millionen von Analphabeten, die die Felder pflügen, die Bürgersteige reinigen und ein Gewehr halten müssen. Die Elite, wie du sagst, hat eine Verantwortung. Wir müssen die Fabriken stürmen, Abendkurse organisieren, uns für die Bewusstseinsbildung der Massen einsetzen!“

Ronit stellte sich auf den Tresen. „Merkst du nicht, dass du mit deinen großen Reden die Party ruinierst? Wollen wir in einen Club gehen? Ich habe Lust zu tanzen!“

Und so bilden mitten in dieser Revolution swingende junge Männer mit Pomade im Haar und Mädchen im Bikini, die an Schönheitswettbewerben teilnehmen, das Dekor, Musikgruppen sind von den Stars der amerikanischen Musik inspiriert, man hört Elvis Presley, die Platters oder Gilbert Bécaud.

Selim, Sohn von Mathilde und Amine, der in den Augen seines Vaters zu weich geraten ist, schließt sich den europäischen Hippies in Marokko an, hier kippt auch für die Einheimischen nun die Logik des Kolonialismus, da die tanzenden europäischen Aussteiger ja genau die ersehnten Privilegien der ehemaligen Kolonialherren auf verwirrende Weise zurückweisen. Dass der Ausstieg aber ausgerechnet in die ehemalige Kolonie führt, mag eine komplex-neue Form des Exotismus sein, dem Leïla Slimani mit ihrer Trilogie entgehen möchte.

Oui, les habitants les voyaient comme d’étranges misérables, des pauvres venus d’ailleurs, des Européens qui ne possédaient rien. Les hippies étaient toujours de bonne humeur. Ils aimaient danser et chanter. Ils prenaient soin des bêtes et des enfants, à qui ils manifestaient une tendresse que les habitants de Diabet jugeaient à la fois touchante et naïve. « Ce sont eux-mêmes des enfants », se confiaient-ils quand ils étaient entre eux. Les plus vieux villageois se montraient parfois méfiants. Ils n’y comprenaient rien. Autrefois, les Blancs étaient venus. Ils leur avaient promis des trains, des routes et des écoles. Ils leur avaient dit que bientôt eux aussi auraient l’électricité et des avions et des hôpitaux tout neufs et immaculés, où on les soignerait pour rien. Mais il n’y eut ni route, ni école, ni train. Et voilà que les Blancs revenaient. Ils revenaient pour partager une vie de peu, une vie rude. Comme c’était étrange. Les enfants de Diabet fuyaient le village. Ils allaient s’établir à Marrakech ou même plus loin, à Agadir ou à Casablanca. Et les enfants des autres venaient ici et prétendaient qu’il n’y avait rien de plus beau, rien de plus vrai que cette vie sans rien, parmi les chèvres et les cafards.

Leïla Slimani, Regardez-nous danser

Ja, die Einheimischen sahen sie als seltsame Elende, als Arme von anderswo, als Europäer, die nichts besaßen. Die Hippies waren immer gut gelaunt. Sie tanzten und sangen gerne. Sie kümmerten sich um die Tiere und die Kinder, denen sie eine Zärtlichkeit entgegenbrachten, die die Bewohner von Diabet als rührend und naiv zugleich empfanden: „Sie sind selbst Kinder“, vertrauten sie sich an, wenn sie unter sich waren. Die älteren Dorfbewohner waren manchmal misstrauisch. Sie verstanden nichts davon. Früher waren die Weißen gekommen. Sie hatten ihnen Züge, Straßen und Schulen versprochen. Sie hatten ihnen gesagt, dass auch sie bald Strom und Flugzeuge und neue, makellose Krankenhäuser haben würden, in denen sie für wenig Geld behandelt würden. Aber es gab keine Straßen, keine Schulen und keine Züge. Und nun kamen die Weißen zurück. Sie kamen zurück, um ein Leben mit wenigen Menschen zu teilen, ein hartes Leben. Wie seltsam das war. Die Kinder von Diabet flohen aus dem Dorf. Sie zogen nach Marrakesch oder sogar noch weiter weg, nach Agadir oder Casablanca. Und die Kinder der anderen kamen hierher und behaupteten, es gäbe nichts Schöneres, nichts Wahrhaftigeres als dieses Leben ohne alles, zwischen Ziegen und Kakerlaken.

Anmerkungen
  1. „Die Stadt erschien ihr kalt und feindselig. Amine erläuterte Mathilde ihre Topografie, die den von Marschall Lyautey zu Beginn des Protektorats aufgestellten Grundsätzen entsprach: eine strikte Trennung zwischen der Medina, deren traditionelle Sitten und Gebräuche bewahrt werden sollten, und der europäischen Stadt, deren Straßen die Namen französischer Städte trugen und die sich als Labor der Moderne verstand.“>>>
  2. « J’ai commencé ma trilogie du « Pays des autres » parce qu’on ne m’a malheureusement pas transmis tant de choses sur l’histoire de ma famille, qui est une famille de sang mêlé, avec un côté français et un côté marocain. Dans ma génération en Afrique, nous savons peu de choses sur ce qu’ont été les Indépendances, dans les années 1960, pour nos parents. Il ne faut pas croire que l’instrumentalisation de l’Histoire ou les tabous ne sont que du côté de ceux qui ont colonisé. Au Maroc, les gens n’ont pas envie de parler de la colonisation. Parce que c’est une humiliation, une honte. Il y a du silence des deux côtés de la Méditerranée. Je voulais combattre ces deux silences et, moi aussi, n’épargner personne. » „Leïla Slimani et Mohamed Mbougar Sarr : la littérature française, c’est eux !“, Nouvel Observateur, 2. Februar 2022.>>>
  3. „Une formidable épopée, politique autant qu’humaine, qui en dit long sur les affres de ces ex-colonies françaises soudain livrées à elles-mêmes ou presque, chacun tentant de trouver sa place dans une société oscillant entre décomposition et recomposition.“ Alexandra Schwartzbrod, „Leïla Slimani, une ère de famille“, Libération, 5. Februar 2022.>>>
  4. „C’est une agression d’entendre toute la journée parler des musulmans, des Maghrébins. Moi, les Maghrébins, je ne sais pas ce que c’est. Ecrire cette trilogie, c’est aussi rendre aux gens une individualité, une histoire incarnée dans des lieux. Nous ne sommes pas que des êtres musulmans depuis toujours à l’écart de l’Histoire et de la modernité. Chez nous aussi, Mai-68 a eu de l’influence, il y a eu des hippies, des gens qui ont rêvé de liberté, des rêves trahis. On nous a trop élevés dans l’idée qu’un roman américain ou européen est universel, alors qu’un roman marocain serait exotique, ou documentaire.“ „Leïla Slimani et Mohamed Mbougar Sarr : la littérature française, c’est eux !“, Nouvel Observateur, 2. Februar 2022.>>>
  5. „Illustration de l’élitisme ambiant“, Gilles Djeyaramane, „Francophonie : Leïla Slimani, une représentante personnelle très attendue“, Les Echos, 22. November 2017.>>>
  6. „Pour beaucoup de gens, la langue française est considérée comme une langue de boudoir, de lettrés mais pas comme une langue pragmatique, qui sert à trouver du travail.“ AFP, „Leïla Slimani, „Mme Francophonie“ de Macron, veut „déringardiser“ le français“, 14. Januar 2018.>>>
  7. Roland Barthes au Maroc, hrsg. von Ridha Boulaâbi, Claude Coste und Mohamed Lehdahda, Meknès: Publications de l’Université Moulay Ismaïl, 2013.>>>