Versunkene Welten, offene Wunden: Geologie und Trauma bei Elisabeth Filhol

Élisabeth Filhols Roman „Doggerland“ (2019, dt. 2020) verbindet die Gegenwart eines Sturms über der Nordsee mit der tiefen Vergangenheit einer versunkenen Landschaft, die einst Großbritannien mit dem europäischen Kontinent verband. Im Zentrum stehen die Geologin Margaret und der Ingenieur Marc, die sich zwanzig Jahre nach ihrer Trennung wiederbegegnen – eingebettet in eine Erzählung, die persönliche Biografien mit geologischen, klimatischen und mythologischen Zeitskalen verschränkt. Während Margaret das prähistorische Doggerland wissenschaftlich rekonstruiert, arbeitet Marc an der industriellen Nutzung eben jener Erdschichten, die sie erforscht. Der Roman entfaltet sich zwischen Sturmwarnungen, fossilen Wäldern, tektonischen Visionen und dem Epilog einer steinzeitlichen Katastrophe und macht die Nordsee zu einem Raum, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unauflöslich ineinandergreifen. Die Rezension analysiert „Doggerland“ als poetisch-wissenschaftliche Reflexion über die Handlungsmacht der Natur und die Verletzlichkeit menschlicher Lebensentwürfe. Sie zeigt, wie Filhol geologische Prozesse – Isostasie, Gletscherdynamiken, tektonische Risse – nicht nur als Hintergrund, sondern als strukturierende Metaphern für psychische Traumata, Erinnerung und Wiederkehr einsetzt. Dabei arbeitet der Essay heraus, wie mythologische Semantisierungen (der Sturm als Göttin, das Eis als atmender Organismus) mit präziser naturwissenschaftlicher Sprache verschmelzen. Die Argumentation der Rezension folgt der These, dass „Doggerland“ die Illusion menschlicher Kontrolle im Anthropozän unterläuft: Natur erscheint nicht als Ressource oder Kulisse, sondern als eigenständige, zyklisch wirkende Macht, die individuelle wie kollektive Geschichte formt – und jederzeit aus der Tiefe zurückkehren kann.

➙ Zum Artikel

Sternenhimmel über Rom: Renaud Rodier

Vor dem Hintergrund eines politisch verfallenden Roms am Wahlabend Giorgia Melonis begibt sich in Renaud Rodiers drittem Buch „Si Rome meurt“ (Anne Carrière, 2025) der angehende Filmemacher Pietro auf eine obsessive Suche nach seinem verschollenen Vater, den er in der Gestalt eines prophetischen Obdachlosen an den Rändern der Gesellschaft wiederzuentdecken glaubt. Geleitet von der astrophysikalischen Theorie des holografischen Universums gestaltet Pietro sein zentrales Filmvorhaben als einen Prozess filmischen Schreibens, der in grobkörnigen Super-8-Aufnahmen versucht, die urbane Entropie Roms in ein kohärentes ästhetisches Konstrukt zu transformieren. Renaud Rodiers Roman entwickelt sich als ein intermediales Palimpsest, das die existentielle Frage nach dem, was gerettet werden kann, wenn Rom stirbt, in einer dichten Verwebung von traumatischer Erinnerung und filmischer Vision verhandelt. Indem der Roman die astrophysikalische Metaphorik zur Weltraumdichtung erhebt, transformiert er die soziale Entropie Roms in eine transzendente, astronomische Topografie, die den Diskurs um die „Ewige Stadt“ als unzerstörbaren Informationscode jenseits des zeitlichen Verfalls neu verortet.

➙ Zum Artikel
Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.