Die reparative Wende: warum Literatur heute mehr tun soll als erzählen
Die Rezension stellt Alexandre Gefens Essay „Réparer le monde: la littérature française face au XXIe siècle“ (2017, engl. 2024) als ebenso ambitionierte wie symptomatische Diagnose der Gegenwartsliteratur vor: An die Stelle der ästhetischen Autonomie des 20. Jahrhunderts tritt ein „reparatives“ Paradigma, in dem Literatur als therapeutische, soziale und ethische Praxis begriffen wird. Gefen kartografiert anhand eines bewusst offenen Korpus – von Annie Ernaux bis zu klinischen Fallberichten – eine Literatur, die Identität stiftet, Traumata bearbeitet, Empathie schult und kollektives Gedächtnis sichert; gestützt auf Denker wie Paul Ricœur oder die Care-Ethik beschreibt er das Erzählen als Technologie des Selbst und als Instrument symbolischer Wiedergutmachung. Die Rezension arbeitet diese Leitthese pointiert heraus, würdigt die analytische Breite und den theoretischen Eklektizismus, problematisiert jedoch zugleich die normative Engführung: Indem Gefen Literatur primär als „Heilmittel“ liest, droht ihre ästhetische Eigenlogik zugunsten eines ethischen Utilitarismus zu verschwinden. So erscheint das Buch selbst als exemplarischer Ausdruck jener Tendenz, die es beschreibt – eine engagierte, wirkungsorientierte Literaturtheorie, die zwischen Diagnose und Programmatik wechselt.
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