Zwischen Kunstinstallation und Nicht-Dystopie: Théo Cascianis radikale Gegenwartsdiagnose

Théo Casciani entwirft in seinen Romanen „Rétine“ (2019) und „Insula“ (2026, beide bei P.O.L.) zwei aufeinander bezogene Versuchsanordnungen zur digitalen Gegenwart. Während „Rétine“ den Zerfall einer Fernbeziehung in einer Welt aus Kunstinstallationen, Skype-Fenstern und global zirkulierenden Bildern seziert, verschärft „Insula“ diese Ästhetik der Distanz zu einer existenziellen Dystopie: Eine illegale VR-Pille, politische Radikalisierung und der tumorbedingte Tod des Vaters verschränken sich zu einer Erzählung über Unberührbarkeit, Trauer und algorithmische Kälte. Beide Romane kreisen um die Frage, wie Wahrnehmung, Körper und Intimität unter den Bedingungen permanenter Medialität transformiert werden. – Die Doppelinterpretation liest diese Texte als Entwicklung von einer ästhetischen „Poetik der Oberfläche“ hin zu einer moralisch aufgeladenen Nicht-Dystopie. Sie argumentiert entlang zentraler Kategorien – Blick, Raum, Zeit, Intertextualität, Männlichkeit – und zeigt, wie Casciani das Motiv des Auges zur poetologischen Matrix erhebt: von der Netzhaut als Speicher visueller Reize bis zur Insula als neuronaler Metapher für Isolation. Beide Romane kulminieren im „Schrei“ – einem Moment, in dem der Körper die Herrschaft der Bilder unterbricht und sich gegen die glatte Simulation der Welt behauptet.

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Versunkene Welten, offene Wunden: Geologie und Trauma bei Elisabeth Filhol

Élisabeth Filhols Roman „Doggerland“ (2019, dt. 2020) verbindet die Gegenwart eines Sturms über der Nordsee mit der tiefen Vergangenheit einer versunkenen Landschaft, die einst Großbritannien mit dem europäischen Kontinent verband. Im Zentrum stehen die Geologin Margaret und der Ingenieur Marc, die sich zwanzig Jahre nach ihrer Trennung wiederbegegnen – eingebettet in eine Erzählung, die persönliche Biografien mit geologischen, klimatischen und mythologischen Zeitskalen verschränkt. Während Margaret das prähistorische Doggerland wissenschaftlich rekonstruiert, arbeitet Marc an der industriellen Nutzung eben jener Erdschichten, die sie erforscht. Der Roman entfaltet sich zwischen Sturmwarnungen, fossilen Wäldern, tektonischen Visionen und dem Epilog einer steinzeitlichen Katastrophe und macht die Nordsee zu einem Raum, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unauflöslich ineinandergreifen. Die Rezension analysiert „Doggerland“ als poetisch-wissenschaftliche Reflexion über die Handlungsmacht der Natur und die Verletzlichkeit menschlicher Lebensentwürfe. Sie zeigt, wie Filhol geologische Prozesse – Isostasie, Gletscherdynamiken, tektonische Risse – nicht nur als Hintergrund, sondern als strukturierende Metaphern für psychische Traumata, Erinnerung und Wiederkehr einsetzt. Dabei arbeitet der Essay heraus, wie mythologische Semantisierungen (der Sturm als Göttin, das Eis als atmender Organismus) mit präziser naturwissenschaftlicher Sprache verschmelzen. Die Argumentation der Rezension folgt der These, dass „Doggerland“ die Illusion menschlicher Kontrolle im Anthropozän unterläuft: Natur erscheint nicht als Ressource oder Kulisse, sondern als eigenständige, zyklisch wirkende Macht, die individuelle wie kollektive Geschichte formt – und jederzeit aus der Tiefe zurückkehren kann.

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Ein Sieg der Lise Meitner gegen Otto Hahn: Cyril Gely

Cyril Gelys Roman „Le Prix“ (2019) inszeniert einen intensiven psychologischen Schlagabtausch zwischen Otto Hahn und Lise Meitner am Tag von Hahns Nobelpreisverleihung 1946. Auf engstem Raum, in einer Stockholmer Hotelsuite, entfaltet sich ein moralisches und intellektuelles Duell, das die ungleichen Machtverhältnisse, die Geschlechterdynamik in der Wissenschaft und die ethischen Verfehlungen des Nationalsozialismus verhandelt. Gelys dramatische Prosa verwandelt historische Tatsachen in ein huis clos, in dem Lise Meitner ihre unterdrückte wissenschaftliche Leistung einfordert und Hahn gezwungen wird, sich seiner moralischen Schuld zu stellen. Am Ende bleibt der Nobelpreis Hahns – doch die wahre Anerkennung gilt Meitner, deren stille Gerechtigkeit als unauslöschliches Echo die Geschichte neu schreibt.

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Versöhnung ist mitten im Streit: Christine de Mazières

Christine de Mazières’ „Trois jours à Berlin“ (Wespieser, 2019, ich fand etwas ungläubig keine deutsche Übersetzung) verwandelt den 9. November 1989 in ein poetisches Mosaik aus Stimmen, Erinnerungen und Blicken. Eine Französin, Anna, reist in die geteilte Stadt, um den Mann wiederzufinden, dem sie einst begegnete – Micha, Sohn eines ostdeutschen Funktionärs. Zwischen Stasi-Protokollen, inneren Monologen und der überirdischen Perspektive des Engels Cassiel entfaltet der Roman eine polyphone Erzählung der Geschichte als ‘Faltung’: Berlin wird zur vibrierenden Metapher Europas, zur „plaine immense“ voller Ruinen, Sprachen und Sehnsüchte. Der Fall der Mauer erscheint nicht als heroischer Moment, sondern als zarter Augenblick der Durchlässigkeit, in dem Schweigen, Missverständnis und Poesie die Macht der Ideologien unterwandern. „Trois jours à Berlin“ ist als poetische Reflexion eines französischen Blicks auf Deutschland zu interpretieren – als Werk, das die Teilung nicht nur politisch, sondern existentiell erfahrbar macht. De Mazières’ wechselnde Erzählformen, ihr Spiel zwischen lyrischer Innenschau und bürokratischer Kälte, lassen das Ereignis selbst zur Sprache werden: die Versöhnung als ästhetische Bewegung, nicht als historischer Abschluss. In der Spannung zwischen Anna und Micha, zwischen dem Engel Cassiel und den Menschen, findet sich das Bild eines Europas, das seine „part manquante“ sucht – eine verlorene Zärtlichkeit, die sich im Moment der Öffnung wiederfindet.

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Rimbaud-Fiktionen: Jean-Michel Lecocq

„Le squelette de Rimbaud“ von Jean-Michel Lecocq ist eine Kriminalgeschichte, die sich um die rätselhafte Entdeckung von Arthur Rimbauds Grab dreht und dabei in die Legenden und das Erbe des Dichters eintaucht. Der Roman spielt in Charleville-Mézières, der Heimatstadt Rimbauds, die in einer Phase kultureller Trägheit und wirtschaftlicher Sparsamkeit verharrt. Diese Lethargie wird jäh unterbrochen, als Georges Hermelin, der kulturverantwortliche stellvertretende Bürgermeister, eine gewagte und provokante Idee vorschlägt: die Erweiterung des Rimbaud-Museums um eine spezielle Ausstellung, deren Herzstück Rimbauds Schenkelknochen sein soll. Der Schock ist jedoch unermesslich, als bei der Öffnung des Sarges festgestellt wird, dass das darin befindliche Skelett beide Beine intakt besitzt und somit nicht Rimbaud gehören kann.

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Das Leben ändern: Claudine Galea

Claudine Galeas Roman „Les choses comme elles sont“ (Éd. Verticales, 2019) nimmt die Kindheit und Jugend einer namenlosen Protagonistin in Marseille und ihrer Umgebung in den 1960er und 70er Jahren zum Ausgangspunkt einer Erkundung der Kindheit, der familiären Dynamiken und der Auswirkungen historischer Ereignisse auf die individuelle Entwicklung. Im Kern ist es die Geschichte der „Petite“, die sich von einem neugierigen Kind zu einer rebellischen Jugendlichen und schließlich zu einer jungen Frau an der Schwelle aller Möglichkeiten entwickelt. Der Roman zeichnet eine existenzielle Familiengeschichte von großer Härte, geprägt von „schwarzen Löchern“, die unaussprechlich, aber unauslöschlich sind. Gleichzeitig atmet man die sprachliche Dichte der durchlebten Epochen in Marseille und die bitteren Nachwehen der Geschichte von einem Ufer zum anderen des Mittelmeers. Galeas Fresko verbindet eine lyrische Schreibweise mit der Distanz einer Untersuchung der dunklen Zonen der nationalen Erzählung Frankreichs.

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Poetiken der Kindheit: Mathieu Palain, Sale gosse (2019)

Mathieu Palains „Sale gosse“ (2019) erzählt vor allem zwei Geschichten: die von Marc und die von Wilfried, dem „sale gosse“ – jenem „Drecksgör“, das immer wieder durch die Maschen der Hilfe fällt. Marc, selbst gezeichnet von einer schwierigen Herkunft, versucht in seinem Beruf, eine Generation zu retten, die kaum an Rettung glaubt. Wilfried, der früh mit Gewalt, Drogen und Instabilität konfrontiert wird, sucht im Fußball eine Perspektive, die ihm immer wieder entgleitet. Palains „Sale gosse“ zeigt Kindheit in prekären sozialen Verhältnissen als Brennspiegel gesellschaftlicher Strukturen und individueller Schicksale, er gibt ein Porträt der Verwundbarkeit, der Suche nach Anerkennung und der Sprachlosigkeit am Rand der Gesellschaft. Der Roman erzählt nicht nur vom Scheitern individueller Biografien, sondern entwirft – subtil und ohne falsches Pathos – eine eigene Poetik der Kindheit.

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L’art ne valait rien sans doute mais rien ne valait l’art

Picasso ouvrait mes yeux et les yeux de ceux qui, par crainte d’affronter la jouissance de voir, cette concupiscentia oculorum tant redoutée d’Augustin, se débinaient et regardaient ailleurs, et des aveugles en grand nombre que les images laides qui envahissaient l’espace avaient dégoûtés ou endurcis (images laides d’autant plus proliférantes que les hommes avaient de moins en moins leur mot à dire, pris qu’ils étaient dans une folie d’informations en continu pour rien).

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Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst unter https://rentree.de, es existieren automatische Übersetzungen in englischer und französischer Sprache: Englisch, Französisch.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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