Burlesk und unheimlich: zwei Lesarten des Monströsen bei Arthur Dreyfus

Arthur Dreyfus’ „La troisième main“ (P.O.L., 2023) erzählt in der Form eines „journal en désordre“ die Lebensgeschichte des jungen Paul Marchand, die vom Ersten Weltkrieg und einer grotesken medizinischen Grenzüberschreitung geprägt wird. Die erste Hälfte des Romans skizziert eine Kindheit in Besançon, deren Kontinuität mit dem Tod des Vaters und der fortschreitenden Verwahrlosung der Mutter zerbricht. Als Paul schwer verwundet wird, erwacht er nicht im Krankenhaus, sondern im Keller des androgyn inszenierten Camille Gottschalk, der an Menschen und Tieren bizarre Transplantationen vornimmt. Aus Pauls Bauch wächst fortan eine „dritte Hand“ des Deutschen Hans – ein lebendiger, fremder Arm, der sein Überleben sichert und ihn zugleich zum Monstrum macht. Der Text verwebt Krieg, Körperhorror und Identitätssuche und lässt offen, ob sein Protagonist Opfer, Täter oder Komplize des eigenen Überlebens ist. – Der Artikel liest Dreyfus’ Roman doppelt: als unheimliche Parabel über Entfremdung und als grotesk-burleske Körperfantasie. In der einen Lesart ist Gottschalks Labor ein Ort des wissenschaftlichen Grauens, die dritte Hand ein unheimlicher Fremdkörper, der Autonomie und Identität untergräbt. In der anderen erscheint dasselbe Szenario als schillerndes, libertines Spektakel, in dem ein Candide-ähnlicher Erzähler durch ein anatomisches Kuriositätenkabinett taumelt, in dem Geschlechtergrenzen, Moral und Körperformen lustvoll überschritten werden. Zwischen Horror und Überschuss changierend, wird das Monströse zur Bühne des Überlebens – und die „dritte Hand“ zum Symbol für die Ambiguität zwischen Fremdheit und Zugehörigkeit, Abscheu und Lust.

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Schöne Lüge: Philippe Mezescaze

Philippe Mezescazes scheinbar autofiktionaler Roman „Mercurio“ (Mercure de France, 2025) ist eine Meditation über Erinnerung, Begehren, Freundschaft und die Unmöglichkeit, die Wahrheit eines Menschen festzuhalten, als mentir vrai, als bella menzogna. Erzählt wird die Geschichte einer langjährigen Dreierbeziehung zwischen dem Ich-Erzähler, seinem Lebenspartner Almano und dem titelgebenden Mercurio, einer ebenso charismatischen wie widersprüchlichen Figur. Der Roman beginnt mit Mercurios plötzlicher Wiederkehr nach Jahren der Abwesenheit, gefolgt von einer vagen Andeutung einer schweren Krankheit. Doch was als dokumentarischer Erzählbericht beginnt, entfaltet sich rasch zu einem vielschichtigen poetischen Text, der mit Fiktion und Erinnerung, Mythos und Lüge spielt.

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Gärten der Verwandlung: Marivaux und Emmanuelle Bayamack-Tam

Der Artikel verbindet Pierre de Marivaux’ „Le Triomphe de l’amour“ (1732) mit zwei zeitgenössischen Werken von Emmanuelle Bayamack-Tam, der Theateradaption „À l’abordage!“ (2021) und dem Roman „Arcadie“ (2018). Gemeinsamer Kern ist eine dramaturgische Grundkonstellation: Eine junge Figur dringt in eine abgeschottete Welt ein – sei es die philosophische Enklave Hermocrates, die sektenhafte Gemeinschaft Kinbotes oder die utopische Kommune Arcadys. In allen Fällen wird die Ordnung durch Liebe, Begehren und Verwandlung herausgefordert. Dabei variiert der Modus: Marivaux’ Komödie inszeniert eine strategische Maskerade zur Wiederherstellung der Ordnung; Bayamack-Tam transformiert dieses Modell in „À l’abordage!“ zur queeren Farce und in „Arcadie“ zur melancholischen Selbstsuche. Die Maske wird zur Identität, das theatrale Spiel zur existenziellen Transformation. Der Artikel zeigt, wie Bayamack-Tam Marivaux nicht nur aktualisiert, sondern auch radikal umcodiert: Statt einer binären Welt aus Vernunft und Gefühl entwirft sie fluide Identitäten, deren Begehren nicht normativ gezähmt, sondern politisch befreit ist. Während Marivaux die Liebe als Mittel der Restauration inszeniert, wird sie in „À l’abordage!“ zur lustvollen Destabilisierung und in „Arcadie“ zum Prüfstein utopischer Heilsversprechen. Farah ist dabei nicht mehr nur Subjekt der Verkleidung, sondern der Verwandlung selbst. Der Aufsatz liest Bayamack-Tams Werke als Hommage an Marivaux durch subversive Fortschreibung – ein queerer Humanismus, der Masken nicht fallen lässt, um Wahrheit freizulegen, sondern um Identität als offenes Werden zu behaupten.

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Hommage erweisen: Julien Perez

Julien Perez’ Roman „Hommages“ (P.O.L, 2025) ist ein auf den ersten Blick fragmentarisches, in Wahrheit aber äußerst konsistentes Werk, das aus einer Vielzahl von Stimmen besteht – Briefe, Reden, Erinnerungen, Innenschauen –, die sich allesamt auf die in den Bergen verschwundene (mutmaßlich verstorbene) Künstlerfigur Gobain Machín beziehen. Der Leser erfährt nichts direkt aus dessen Perspektive, sondern erhält Informationen ausschließlich über die Erinnerungen von Angehörigen, Freunden, Mitstreitern, Kritikerinnen und Familienmitgliedern. Die literarische Konstruktion bedient sich der rhetorischen Form des Nachrufs – daher der Titel Hommages –, um über das Leben, die Persönlichkeit und das Werk eines fiktiven Künstlers zu sprechen, der offenbar nicht zuletzt durch seine Ambivalenzen so stark nachwirkt. – Was wie ein kollektives Erinnerungsprojekt erscheint, ist zugleich ein poetologisch raffiniertes Vexierspiel über Wahrheit und Fiktion, Nähe und Distanz, über das Ich und den Anderen. Die Vielzahl der Stimmen verschmilzt zu einem Chor, der sich weniger durch faktische Konsistenz als vielmehr durch emotionale und metaphorische Verdichtungen auszeichnet. Die Erzählung entsteht dabei durch Differenz: Aus dem Nebeneinander von Widersprüchen, sich überlagernden Perspektiven, Leerstellen und Brüchen ergibt sich ein Bild von Gobain – und zugleich ein poetologisches Selbstporträt des Romans.

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Der Architekt und sein Führer, contre-fiction: Jean-Noël Orengo

In seinem Roman „Vous êtes l’amour malheureux du Führer“ setzt sich Jean-Noël Orengo fiktional mit der Figur Albert Speers auseinander. Dabei beleuchtet er dessen komplexe Beziehung zu Adolf Hitler, seine strategische Selbstdarstellung nach dem Krieg und die Macht von Erzählungen im Umgang mit historischer Wahrheit kritisch. Der Roman dekonstruiert Speers eigenes Narrativ – als Versuch, die eigene Verantwortung zu negieren – und offenbart die Mechanismen seiner Apologie. So setzte beispielsweise Speers Ministerium Millionen von Sklavenarbeitern ein, darunter viele Juden, und war für den Ausbau von Auschwitz zur größten Todesfabrik mitverantwortlich. Orengos Roman ist jedoch mehr als eine bloße historische Nacherzählung: Er ist eine Untersuchung der Konstruktion von Wahrheit und Fiktion in der Geschichtsschreibung – insbesondere im Kontext von Verbrechen und Erinnerung. Orengo entlarvt Speers „Erinnerungen“ als meisterhaft konstruierte Erzählung, die die Wahrheit manipuliert und Speer als „Star der deutschen Schuld“ etabliert, indem er sich als „verantwortlich, aber nicht schuldig“ darstellt. Diese „Autofiktion“ ist so wirkmächtig, dass sie selbst historische Fakten überstrahlen kann. Der Roman stellt die Geschichtsschreibung als einen Kampf von Erzählungen dar, in dem Speer durch seine narrative Geschicklichkeit oft die Oberhand behält, selbst gegenüber widerlegenden Dokumenten. Orengo zeigt, wie schwierig es ist, die „Wahrheit“ über eine so dunkle Periode zu finden, wenn die Hauptakteure ihre eigene Geschichte meisterhaft fiktionalisieren.

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Er ist es, der mich hält: Simon Chevrier

„Photo sur demande“ (Stock, 2025) von Simon Chevrier ist ein autofiktionaler Roman, der das Leben eines jungen Mannes über ein Jahr hinweg beleuchtet. Der Roman wurde mit dem Prix Goncourt du Premier Roman 2025 ausgezeichnet, war auch Finalist für andere Preise. Das Buch zeichnet die prekäre Lebenswelt eines jungen Mannes nach, der zwischen abgebrochenen Studien, Escort-Diensten und einer belastenden familiären Situation taumelt. Diese Existenz mündet in eine tiefe persönliche Krise, ausgelöst durch den fortschreitenden Krankheitsverlauf und Tod seines Vaters während der COVID-Pandemie, was eine intensive Sinnsuche und eine fast obsessive Auseinandersetzung mit der „gelöschten“ Geschichte eines Mannes auf einer Fotografie auslöst.

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Frankreichs Topologie der Gewalt. Narrative Modellierungen im extrême contemporain: Markus Alexander Lenz

Die vorliegende Studie Die verletzte Republik: erzählte Gewalt im Frankreich des 21. Jahrhunderts (Mimesis 101, Berlin: De Gruyter Brill, 2022) widmet sich einer hochaktuellen und gesellschaftlich drängenden Thematik: der Darstellung und Reflexion von Gewalt in der französischen Gegenwartsliteratur. Der Autor, Markus Alexander Lenz, bietet eine tiefgehende Analyse aktueller Erzähltexte, die größtenteils in der zweiten Dekade …

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Reise und Revolution: Che Guevara bei Désérable und Femen bei de Villeneuve

François-Henri Désérables „Chagrin d’un chant inachevé“ und Camille de Villeneuves „Lis Lénine !“ (beide Gallimard, 2025) verbindet auf den ersten Blick wenig: der eine ein Reisebericht auf den Spuren Che Guevaras in Südamerika, getragen von literarischem Witz und romantischem Abenteuergeist; der andere ein schonungsloses Kriegs- und Körperdrama aus der Gegenwart, ein apokalyptisches Panoptikum von Aktivismus, Kunst, Trauma und Krieg im Osten Europas. Beide Romane beschäftigen sich mit zentralen Themen wie Freiheit, politischen Utopien und dem Scheitern von Revolutionen, die sie jedoch in sehr unterschiedlichen Kontexten entfalten. In beiden Texten steht das Reisen im Zentrum, verstanden als existenzielle Grenzerfahrung: François-Henri Désérables Erzähler folgt den Spuren des jungen Ernesto Guevara, noch bevor dieser zur Revolutionsikone wurde, und erkundet dabei die ambivalente Beziehung zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlichen Zwängen. Camille de Villeneuve wiederum erzählt von einer Reise zurück in den Krieg, in der persönliche Freiheit zur Illusion gerät und die politische Ideologie, hier in Form von feministischer Militanz und sowjetischen Mythen, als zerstörerische Kraft erscheint.

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Kindheit und Selbsttransformation: Edouard Louis und Didier Eribon

Edouard Louis stellt in „Changer : méthode“ (Seuil, 2021) die Kindheit als fundamentales Ursprungsmilieu des Schmerzes, der Ausgrenzung und des unaufhaltsamen Drangs nach Flucht dar; die Erfahrungen von Armut, die Rauheit des sozialen Umfelds und insbesondere die ständige Demütigung und Schmähung aufgrund wahrgenommener Weiblichkeit und Homosexualität schaffen beim Erzähler eine tiefe Wunde und das Bewusstsein für ein vorbestimmtes, zu meidendes Schicksal. Dieser existenzielle Zwang zur Flucht wird zum Motor einer lebenslangen und radikalen Selbsttransformation, die nicht als natürliche Entwicklung, sondern als bewusste, disziplinierte und methodische „Arbeit“ am eigenen Körper und Sein begriffen wird, die oft durch Rollenspiel und Nachahmung erlernt wird. Die Kindheit liefert nicht nur die Motivation für den Wandel, sondern auch – durch frühe Überlebensstrategien – die ersten Ansätze dieser „Methode“, während spätere kindliche und jugendliche Begegnungen (z.B. mit Bibliothekaren und Elena) als Katalysatoren und Wegbereiter für den Bruch mit der Herkunftswelt dienen. Auch im Erwachsenenalter bleibt die Kindheit eine ständige, oft schmerzhafte Referenz, die die fortlaufende Notwendigkeit der Veränderung antreibt und das Ringen um Identität und Zugehörigkeit prägt.

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Trump, Musk, Putin: politische Farce bei Philippe Claudel

„Wanted“ (2025) von Philippe Claudel ist eine politische Satire, die zeitgenössische Personen und Machthaber wie Elon Musk, Donald Trump und Wladimir Putin in einer extrem überzeichneten Fabel inszeniert. Der Roman beginnt mit Musks absurd übersteigerter Ankündigung, ein Kopfgeld auf Putin auszusetzen, um das reale politische Spektakel der Gegenwart zu übertreffen und dadurch zu entlarven. Claudel nutzt dabei einen direkten, burlesken und komisch-tragischen Stil, der z.B. Elemente des Westerns aufgreift, um die Akteure als narzisstische „Clowns“ und „Fous“ darzustellen, die alle diplomatischen Usancen sprengen. Unter der Oberfläche von Klamauk und Parodie verbirgt sich eine scharfe Kritik am Einfluss des Geldes auf die Politik, der Erosion von Moral und Dialog in einer Ära der „wild diplomacy“ und der zunehmenden Verbreitung von Ignoranz und Dummheit. Aus einer spezifisch französischen Perspektive, die das Eindringen dieser Figuren in den Alltag empfindet, bietet der Roman eine dystopische Sicht auf eine Welt, in der Fiktion und Realität ununterscheidbar werden und die Macht des Kapitals über Leben und Tod entscheidet. Philippe Claudel, der als Präsident der Académie Goncourt eine wichtige Stimme im französischen Literaturbetrieb ist, setzt Humor als „Waffe“ ein, um dem „allgemeinen Durcheinander“ der Welt entgegenzutreten und den Leser zum Lachen statt zum Verzweifeln einzuladen. Ein Kernthema der Satire ist die Aufhebung der Grenze zwischen bizarrer Realität und plausibler Fiktion, die zeigt, wie Wahnsinn zur glaubwürdigen Realität werden kann. Unter der satirischen Oberfläche transportiert der Roman eine düstere und beunruhigende Botschaft über das kollektive Versagen, das solchen Figuren an die Macht verholfen hat, und die Gefahr einer Welt, die von „cinglés“ (Verrückten) beherrscht wird. Die knappe Form des Romans (ca. 140 Seiten), der begrenzte Personenkreis und die lineare Erzählweise unterstreichen die Direktheit des Angriffs auf die dargestellten Machtfiguren.

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Schnitt ins Fleisch: Claire Berest über den Prozess Gisèle Pelicot

Claire Berests „La Chair des autres“ (2025) geht aus ihrer Beobachtung des Prozesses gegen Dominique Pelicot im Herbst 2024 hervor, den sie zunächst als Reporterin begleitete. Der Ehemann hat über Jahre hinweg Männer in sein Haus eingeladen, um seine mit Medikamenten sedierte Ehefrau, Gisèle Pelicot, ohne deren Wissen sexuell zu missbrauchen. Die Autorin verbindet juristische Protokollierung mit literarischer und philosophischer Reflexion und stellt grundlegende Fragen nach dem Wesen des Bösen, nach der Möglichkeit von Zeugenschaft und nach den kulturellen Voraussetzungen sexueller Gewalt. Dabei bezieht sie sich auf Theoretikerinnen wie Camille Froidevaux-Metterie und Simone Weil, ebenso wie auf Hannah Arendts Konzept der „Banalität des Bösen“ und Roland Barthes‘ Analyse des fait divers. Ein zentraler Vergleich gilt der Leerstelle des Bildes bei KZ-Überlebenden, denen Berest das „wiederhergestellte Bild“ der Vergewaltigungsvideos gegenüberstellt – als Medium der Anerkennung und Sichtbarmachung. Der Text ist keine lineare Reportage, sondern eine vielschichtige Untersuchung darüber, wie Recht, Körper und Sprache in einem kulturellen Kontext verhandelt werden, in dem das Bewusstsein für den Anderen erschreckend lückenhaft erscheint.

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Transgression bei Guillaume Lebrun: Jeanne d’Arc und Héliogabale

Guillaume Lebruns Romane „Fantaisies guérillères“ (2022) und „Ravagés de splendeur“ (2025) erzählen Geschichte als Produkt von Fiktion, Macht und Inszenierung. Der Artikel analysiert, wie Lebrun Jeanne d’Arc zur feministischen Medienfigur umcodiert und den römischen Kaiser Héliogabale als transidente Mystikerin der Dekadenz stilisiert. Mittelalter und römische Antike dienen als ästhetischer und ideologischer Resonanzraum für Fragen von Identität und Fiktion: In „Fantaisies guérillères“ wird Jeanne von einer Frauenclique erfunden und strategisch in Szene gesetzt als Symbol weiblicher Gegenmacht. In „Ravagés de splendeur“ führt die Überschreitung in Anlehnung an Antonin Artauds „Héliogabale“ in einen brutalen Tod, dieser Tod markiert die Unvereinbarkeit von Héliogabales Existenz mit einer Ordnung, die das Andere auslöschen muss. Lebrun versteht Literatur als Affektmaschine und Störinstanz – seine Sprache will nicht abbilden, sondern destabilisieren und befreien, in diesen queeren, mythopoetischen Transgressionen.

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Poetiken der Kindheit: Jean-Baptiste Del Amo, Le Fils de l’homme (2021)

Jean-Baptiste Del Amos Roman „Le Fils de l’homme“ (Gallimard, 2021, deutsch von Karin Uttendörfer: „Der Menschensohn“, Matthes und Seitz, 2025) entwirft eine Kindheitserfahrung im Grenzbereich zwischen Trauma, Naturgewalt und archaischer Initiation. In einer Sprache von minimalistischer poetischer Verdichtung und biblischer Wucht wird geformt, deformiert und gebrochen: Die Kindheit erscheint hier nicht als Ort der Unschuld, sondern als Durchgangsstadium des Werdens, geprägt von Schweigen, Körperlichkeit und unauflöslicher Ambivalenz zwischen Nähe und Entfremdung. Im Zentrum des Romans steht das Verhältnis zwischen einem Vater und seinem Sohn – ein Verhältnis, das nicht durch Dialog oder gegenseitiges Verständnis geprägt ist, sondern durch körperliche Präsenz, Sprachlosigkeit und archaische Rituale. In einer Prosa von dichter Schönheit und unerbittlicher Genauigkeit erkundet Del Amo die Dynamik zwischen einem Mann, der aus der Geschichte gefallen zu sein scheint, und einem Kind, das in dieser Geschichte aufwächst, ohne sie begreifen oder benennen zu können.

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Poetiken der Kindheit: Marouane Bakhti, Comment sortir du monde (2023)

Marouane Bakhtis „Comment sortir du monde“ (2023) erzählt den Versuch eines jungen Mannes mit migrantischem Hintergrund, sich durch Erinnerung, Sprache und Spiritualität aus familiärer Gewalt, kultureller Entfremdung und innerer Zersplitterung zu befreien – nicht um die Welt zu verlassen, sondern um in ihr einen eigenen, verletzlichen und zugleich standhaften Ort des Daseins zu schaffen. Dies ist ein Selbstermächtigungstext, der in poetisch verdichteten Kapiteln die Kindheit, Jugend und frühe Selbstfindung eines queeren Ich-Erzählers mit französisch-arabischem Hintergrund schildert. Hierbei entwickelt er eine Poetik der Kindheit, in der Erinnerung nicht retrospektiv geordnet, sondern als sinnlich-fragiles Erleben rekonstruiert wird. Der Erzähler schreibt aus der Perspektive des verletzten, staunenden Kindes, dessen Wahrnehmung von Natur, Sprache und Körperlichkeit zugleich magisch und bedroht ist. Die fragmentarische Form, durchsetzt mit Bildern, Gerüchen, Geräuschen und poetischen Assoziationen, spiegelt die Zerrissenheit und Offenheit des kindlichen Bewusstseins. Kindheit erscheint dabei nicht als verlorene Unschuld, sondern als Ursprung von Differenz, von Scham, Begehren und Sprachlosigkeit – aber auch als Quelle einer Widerstandskraft, die sich dem Vergessen widersetzt. Der Roman macht spürbar, dass Schreiben hier nicht nur Erinnern ist, sondern ein behutsames Wiedererschaffen jener inneren Welt, die „aus der Welt“ gefallen war.

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Poetiken der Kindheit: Sébastien Dulude, Amiante (2024)

Sébastien Duludes Roman „Amiante“ (2024) erzählt die Kindheit von Steve Dubois in der kanadischen Bergbaustadt Thetford Mines – einem Ort, der vom Asbestabbau ökologisch und sozial verseucht ist. In einer Welt aus Gewalt, Krankheit und schwelender Resignation findet Steve im gleichaltrigen Charlélie Poulin eine existentielle Freundschaft: gemeinsam bauen sie Baumhäuser, streifen durch verwüstete Landschaften und teilen erste, zarte Erfahrungen körperlicher Nähe. Die episodische, fragmentarische Struktur von „Amiante“ spiegelt die poetische Arbeit der Erinnerung: Dulude zeigt die Kindheit als durchdrungen von Verletzlichkeit, Schönheit, Gefahr und Sinnlichkeit. Körperliche Erfahrungen – Hitze und Staub, Verletzungen, Berührungen – prägen das Erleben und formen eine frühe Wahrnehmungsintensität, die der Ursprung poetischer Sprache wird. Der Artikel untersucht, wie Dulude die Kindheit nicht nostalgisch verklärt, sondern sie als dynamischen Ursprungsraum des Erzählens darstellt – als eine Erfahrungsform, in der die ersten Impulse von Sprache, Imagination und Verlust ineinander greifen. „Amiante“ ist ein melancholisches, kraftvolles Buch über Kindheit im Angesicht einer toxischen Welt – und über die Möglichkeit, durch Sprache das Flüchtige zu bewahren.

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Paris, Stadt in Ruinen: Philippe Bordas

Philippe Bordas’ Roman „Les Parrhésiens“ (2025) ist eine Hommage an die alten „Parrhésiens“ – jene Pariser, die Rabelais zufolge die Gabe der freien Rede (parrhêsia) mit dem Mut verbanden, alles auszusprechen. Bordas’ Erzähler entdeckt diese ausgestorben geglaubte Spezies in einer verlassenen Turnhalle am Boulevard Montparnasse wieder. Die Begegnung mit diesen wortgewaltigen, körperlich deformierten, aber heroisch auftretenden Männern wird zur literarischen Urszene: Ein sozialer Abstieg, ein körperlicher Aufstieg, eine poetische Wiedergeburt. In der Konfrontation mit der Pariser Marginalität inszeniert Bordas eine Poetik der „parrhêsia“ – widerständig, archaisch, körperlich, ekstatisch. Von der ersten Seite an ist Paris kein Hintergrund, sondern ein Organismus: atmend, schwitzend, alternd. Der Erzähler lebt über dem Friedhof Montparnasse, in einem „belvédère à vertiges“, und blickt auf ein Paris, das sich seiner Auflösung entgegen neigt. Diese Stadt lebt – aber anders als das klischeehafte Paris der Romane, Filme und Reiseführer. Sie lebt als corps malade, als Körper, der von Gentrifizierung, Sprachverfall und sozialer Entwurzelung befallen ist. Dennoch trägt sie Spuren eines alten Lebens, das wieder aufflackert: in den Stimmen der „Parrhésiens“, in den Bewegungen der Körper, in der Gewalt der Rede.

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Yannick Haenel und Francis Bacon

Die Kunst Francis Bacons ist ein Schrei: Seine Bilder, geprägt von Fleischlichkeit, verzerrten Gesichtern und schattenhaften Existenzen, drücken das Menschliche in einer fragilen, aber auch gewaltträchtigen Form aus. Yannick Haenels literarische Annäherung an Bacons Werk in „Bleu Bacon“ ist ein kompromissloses Eintauchen in die Grundlagen dieser Bilder. Der Text selbst wird zu einer Art performativer Kunst, einer sprachlichen Spiegelung der Bacon’schen Deformationen, Verzerrungen und existenziellen Dringlichkeiten.

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Ich will alles geschrieben haben und alles zerstören: Pierre Michon

Der Artikel verfolgt exemplarische Interpretationslinien von Pierre Michons „J’écris l’Iliade“, das Homers „Ilias“ nicht nur nacherzählt, sondern mit wuchtiger, bildgewaltiger Sprache neu erschafft, indem es epische Gewalt, mythisches Begehren und Fragmente des antiken Epos in die Zerrissenheit der Moderne überführt. In 14 relativ autonomen Episoden verdichten sich poetische Halluzination und historische Reflexion zu einer fiebrigen Auseinandersetzung mit dem Erbe des blinden Homer, während Figuren wie Achilles, Helena oder Alexander nicht als starre Mythen, sondern als lebendige Obsessionen erscheinen. Michon verbindet anthropologische Perspektiven – etwa Descolas Analogismus oder Heideggers Idee des Tempels als Wahrheitsraum – mit einer archaisch-modernen Spannung, die Schönheit und Schrecken gleichermaßen beschwört und entgrenzt. Besonders provokant sind Szenen, in denen Erotik und Gewalt, Kunst und Zerstörung in eine fiebrige Spannung geraten, etwa bei Persephones Entführung, oder wenn die abschließende Bücherverbrennung den Mythos gleichzeitig tilgt und fortschreibt. Die besondere Leistung des Buchs liegt darin, die „Ilias“ nicht als literarisches Monument zu feiern, sondern als ein unablässiges Ringen mit Sprache und Geschichte zu zeigen – eine atemlose, schmerzhafte, hypnotische Beschwörung, die das Epos neu erfindet und zugleich radikal infrage stellt.

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Palästina, Wunde und Traum: Karim Kattan

Karim Kattans „L’Éden à l’aube“ erzählt eine Liebe in Palästina zwischen Isaac und Gabriel, die sich in einem von politischen, religiösen und gesellschaftlichen Konflikten durchzogenen Jerusalem entfaltet. Der Roman wechselt zwischen lyrischer Entrücktheit und politischer Realität, zwischen mythischer Überhöhung und der Brutalität des Alltags. Der Text entfaltet sich in einer traumhaften Erzählweise, während er zugleich die Spuren kolonialer Gewalt und territorialer Enge unübersehbar macht. Interessanterweise bleiben Utopie und Dystopie in „L’Éden à l’aube“ nicht klar getrennt. Vielmehr entsteht eine Hybridität, in der Hoffnung und Zerstörung ineinander übergehen. Isaac, der potenziell geopferte Sohn Abrahams, und Gabriel, der göttliche Bote, befinden sich in einer Welt, die am Rande des Paradieses steht.

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Simon Liberati, Dämonen in Rom

Simon Liberatis Roman „La hyène du Capitole“ aus dem Jahr 2024 (Band zwei einer Trilogie über die Auflösung der 60er Jahre) ist eine Synthese aus dekadentem Stil, literarischer Reflexion und soziokultureller Analyse. Der Roman spielt im Jahr 1970 und folgt Alexis Tcherepakine, einem jungen Mann in Rom, dessen Leben von einer Mischung aus Exzentrik, intellektueller Suche und sozialem Abstieg geprägt ist. Alexis, der sich in der dekadenten High Society der Stadt bewegt, arbeitet als Assistent eines Fotografen und gerät in die Anziehungskraft von Persönlichkeiten wie dem Schauspieler Helmut Berger und seiner eigenen Schwester Taïné. Während Alexis durch die Straßen Roms wandert, begegnet er der Schönheit und dem Verfall der Stadt gleichermaßen.

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rentrée littéraire
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