Der Artikel liest Alfred de Montesquious Roman „Le crépuscule des hommes“ (2025, Prix Renaudot Essai) als Gegenentwurf zu popularisierenden Darstellungen der Nürnberger Prozesse, wie sie etwa James Vanderbilts Film „Nuremberg“ (2025) bietet. Während der Film das Geschehen auf ein psychologisches Duell zwischen Hermann Göring und seinem amerikanischen Psychiater verengt und damit einem personalisierenden „Kino der großen Männer“ folgt, entfaltet Alfred de Montesquiou ein vielstimmiges Panorama. Sein Roman interessiert sich nicht für Urteile oder Täterpsychologie, sondern für die Peripherie des Tribunals: Journalisten, Fotografen, Übersetzer und Beobachter, die Nürnberg als Übergangsraum erfahren. Die Stadt erscheint als semantisch überladener Ort zwischen nationalsozialistischer Selbstinszenierung, juristischer Zäsur und moralischer Ungewissheit. Sprache, Übersetzung und mediale Vermittlung werden dabei als fragile Instrumente sichtbar, die an der Aufgabe, das Ungeheure erzählbar zu machen, notwendig scheitern. Argumentativ verortet die Rezension den Roman im Denkraum von Karl Jaspers und Hannah Arendt. Wie bei Jaspers verschiebt sich der Fokus weg von der rein juristischen Schuld hin zu einer moralischen Selbstprüfung der Beobachter, die sich ihrer eigenen Verstrickung bewusst werden. Arendts Skepsis gegenüber abschließenden Erklärungen spiegelt sich in der konsequenten Verweigerung eines narrativen oder moralischen Abschlusses. Der roman vrai erscheint dabei als epistemische Form, die dort ansetzt, wo Akten und Urteile an ihre Grenzen stoßen. Nürnberg wird nicht als Endpunkt der Geschichte erzählt, sondern als Schwebezustand: als „Menschendämmerung“, in der das Ende der Täter keine moralische Klarheit garantiert. Die Lektüre macht deutlich, dass de Montesquiou Nürnberg nicht abschließt, sondern offenhält – als Raum des Übergangs, in dem Recht, Erinnerung und Erzählen selbst auf dem Prüfstand stehen.
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