Rehabilitation der Mutter: Émilie Lanez über Hervé Bazins „Vipère au poing“

Émilie Lanez’ Enthüllungsbuch „Folcoche: le Secret de Vipère au poing“ zeigt, dass Hervé Bazins berühmter Roman „Vipère au poing“ weniger eine autobiografische Anklage gegen eine monströse Mutter als vielmehr eine kalkulierte literarische Rache eines kriminell belasteten Sohnes war, der damit seine Vergangenheit tilgen und sein Erbe erzwingen wollte: Während Bazin in seinem Bestseller die Mutter Paule als sadistische „Folcoche“ inszeniert, die ihre Kinder quält, rekonstruiert Lanez auf Basis von Polizeiakten, psychiatrischen Dossiers und Familienkorrespondenzen, dass Jean Hervé-Bazin ein mythomaner Betrüger war, dessen Roman als Erpressungsinstrument diente und dessen Darstellung der Mutter ein „Mord auf Papier“ war; zugleich zeigen Lanez’ weitere Werke „La Garçonnière de la République“, eine Recherche über die geheimen, kaum rechenschaftspflichtigen Machtpraktiken der politischen Elite rund um die präsidiale Residenz La Lanterne, und „Noël à Chambord“, eine Analyse von Emmanuel Macrons monarchisch anmutender Selbstdarstellung im Schloss Chambord, dass die Autorin systematisch die Lücke zwischen öffentlicher Inszenierung und verborgener Wahrheit offenlegt – so dass die Rezension argumentiert, Lanez zerstöre nicht nur den Mythos des heroischen Sohnes in „Vipère au poing“, sondern entlarve grundsätzlich die moralische Blindheit französischer Institutionen, die Täter schützen und Opfer zum Schweigen bringen.

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Zum Mut wie zur Feigheit: Jérôme Garcin über Literatur in der Zeit der Occupation

Jérôme Garcin legt in „Des mots et des actes: les belles-lettres sous l’Occupation“ (Gallimard, 2024) eine moralisch zugespitzte Analyse der französischen Literaturszene während der deutschen Besatzung vor und zeigt, wie Worte zu Werkzeugen der Unterwerfung oder des Widerstands werden konnten. In pointierten Porträts von Kollaborateuren wie Brasillach, Céline, Morand oder Chardonne sowie Widerstandsfiguren wie Prévost, Decour und Lusseyran demonstriert er, dass literarisches Genie moralische Schuld nicht relativiert, sondern verschärft. Leitend ist die von ihm entwickelte „échelle de Prévost“, ein Maßstab, der die Verbindung von ethischer Haltung und schriftstellerischer Praxis bewertet. Garcin zeigt, wie eine kulturelle Elite trotz Massenmord und Repression ein schillerndes Pariser Kulturleben pflegte und wie bis heute ein ästhetischer Kult um kollaborationistische Autoren besteht, während Widerstandsschriftsteller marginalisiert werden. Das Buch ist zugleich historische Abrechnung, moralischer Appell und intellektuelles Selbstporträt eines Lesers, der das „unschuldige Lesen“ aufgibt. Die Rezension hebt die doppelte Bewegung des Werks hervor: die historische Rekonstruktion des literarischen Feldes unter der Besatzung und Garcins selbstkritische Revision seiner eigenen Lektürehaltung. Sie betont, dass Garcin gegen die tradierte Trennung von Werk und Autor anschreibt und die Persistenz einer französischen „ästhetischen Amnesie“ sichtbar macht, die Kollaborateuren Bewunderung und Résistants nur pflichtschuldigen Respekt entgegenbringt. Die Besprechung arbeitet heraus, wie Garcin literarische Porträts mit strukturellen Argumenten (CNE, Generationenkonflikte, soziale Milieus) verbindet und damit eine moralische Re-Kanonisierung anstößt, die Verantwortung als unverzichtbare literaturkritische Kategorie rehabilitiert. Insgesamt liest die Rezension das Buch als dringlichen Beitrag gegen die Verharmlosung des kulturellen Verrats – und als Manifest gegen den fortwirkenden mythischen Glanz, der sich um die „Genies“ des Hasses spannt.

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Terrorismusfiktionen

Themenheft „Récits et fictions du terrorisme“, Revue des sciences humaines 359 (2025).

Narrative Verarbeitung der Terroranschläge von 2015

Das vorliegende Themenheft der Revue des sciences humaines versammelt Beiträge, die aus einem Kolloquium vom 15. bis 17. November 2023 in Paris hervorgegangen sind. Die zentrale Fragestellung ist, wie die französische Gesellschaft die Terroranschläge von 2015 durch Erzählungen – seien es Zeugnisse oder fiktive Werke – verarbeitet. Das Heft bietet eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit den narrativen, ethischen und psychologischen Herausforderungen, die der Terrorismus für die Literatur und die Gesellschaft darstellt.

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Jenseits der Zivilisation: Fabrice Humbert

Fabrice Humberts Roman „De l’autre côté de la vie“ (2025) entfaltet eine apokalyptische Fluchtgeschichte, in der der Ich-Erzähler – ein Pariser Anwalt – mit seinen Kindern einer in Bürgerkrieg versinkenden Hauptstadt entkommt. Die Reise in Richtung einer halbmythischen „République du Jura“ wird zur moralischen Abwärtsbewegung: Was als Schutzversuch beginnt, verwandelt sich in eine phänomenologische Studie der Verrohung. Sprache selbst wird als Trägerin des Giftes sichtbar – „die Worte bereiteten den Boden“ –, während Gewalt aus Angst und Anpassung erwächst. Der Roman verbindet dystopische Gesellschaftsanalyse mit einer existenziell aufgeladenen Poetik: Kindheit erscheint als letzter Rest des Humanen, Natur als trügerischer Trost, Utopie als fragiles Wunschbild, das im Feuer vergeht. Die Parabel zeigt nicht primär äußere Katastrophen, sondern die Erosion des Menschlichen durch den Zerfall gemeinsamer Werte und des sozialen „Flüssigen“ früherer Höflichkeit. – Die Besprechung interpretiert diesen Roman als Fortschreibung von Humberts Gesamtwerk und stellt ihn in einen systematischen, thematisch wie poetologisch kohärenten Kontext. Sie argumentiert doppelt: einerseits wird der Roman als literarische Verdichtung aller bisher entwickelten Motive gelesen – Zerfall sozialer Bindungen, mediale Vergiftung der Realität, die Illusion von Utopien –, andererseits als radikalisierte Selbstkorrektur des Autors, die frühere moralische Hoffnungen skeptisch bricht. Die Kritik macht sichtbar, wie der Erzähler als Jurist seine eigene Sprache einer „Reinigung“ unterzieht und das Werk als Gegenrede zur Gewalt formuliert, obwohl es zugleich die Grenzen solcher Rede demonstriert. Die Rezension macht deutlich, dass Humbert sein zentrales Thema – die Selbstgefährdung des zivilisierten Menschen – in diesem Roman zu einer kompromisslosen literarischen Konsequenz führt.

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Frauenmord als Denkstruktur: Ivan Jablonka

Ivan Jablonka, La culture du féminicide: histoire d’une structure de pensée (Traverse, 2025).

Systemisches Phänomen: sexuelle Gewalt, Verstümmelung und Tötung

Ivan Jablonkas La culture du féminicide: histoire d’une structure de pensée (2025) präsentiert eine literaturwissenschaftliche und soziohistorische Analyse, die die kulturelle Zentralität des sexualisierten Frauenmordes in der westlichen Zivilisation freilegt. Jablonka, bekannt für seine Werke über Gewalt und soziale Strukturen, stellt die gynozidale Kultur oder Feminizid-Kultur („culture du féminicide“) 1 als eine universelle Denkstruktur dar, die die Gesellschaft durchdringt und das Vergnügen am weiblichen Terror vorbereitet. Die grundlegende Problemstellung ist das Ambivalente der gesellschaftlichen Obsession: Wir sind kulturell nach sexualisierten Morden „süchtig“, während wir diese Taten als abscheulich verurteilen. Jablonka definiert den Feminizid als „meurtre d’une femme en tant que femme“ (Mord an einer Frau als Frau), ein vorsätzliches und systemisches Verbrechen, das in sozialen Ungleichheiten wurzelt. Er segmentiert diesen Akt theoretisch in drei „items gynocidaires“: (1) sexualisierte Gewalt (Vergewaltigung, Prostitution), (2) Verstümmelung (Folter, Zerstückelung) und (3) die eigentliche Tötung. Die zentrale These ist, dass diese gynozidale Kultur durch die „idéologie gynocidaire“ – die Rechtfertigung dieser Darstellung – den Feminizid von der Mythologie bis zur Gegenwart als „logique qui traverse la société tout entière“ legitimiert und normalisiert.

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Anmerkungen
  1. „Der Begriff ‚Femizid‘ wurde in den 1990er Jahren von Feministinnen in den USA geprägt, um die Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts zu bezeichnen. Feministinnen in Mexiko entwickelten den Begriff weiter und fügten die Silbe „ni” an Feminizid an, um auszudrücken, dass es sich nicht um die Ermordung von Frauen als individualisierte Fälle, sondern um ein Massenverbrechen handelt.“ https://contre-les-feminicides.ch/femizid-oder-feminizid/, 21. Dezember 2023.>>>

Die andere Seite, ohne Ressentiment: Paul Gasnier

Paul Gasniers „La collision“ (2025, Auswahllisten für den Prix Goncourt und den Prix Roman Fnac) verwandelt eine private Tragödie – den Tod der eigenen Mutter bei einem Straßenrennen in Lyon – in eine literarische Untersuchung, die Autofiktion, Reportage und Essay verbindet. Der Unfall erscheint nicht als isoliertes Unglück, sondern als emblematische Kollision zweier Frankreich: hier die weltoffene, intellektuelle, privilegierte Mutter, dort der jugendliche Täter Saïd, geprägt von Armut, Gruppendruck und der Gewaltkultur der „Pentes“. Gasnier spürt akribisch Gerichtsakten, Zeugenaussagen und Biografien nach und zeigt, wie tief sich gesellschaftliche Bruchlinien in den Stadtraum eingeschrieben haben. Das Buch rückt so die Kollision zweier Lebensentwürfe ins Zentrum – und damit die Frage, wie eine Gesellschaft ihre eigenen Spaltungen hervorbringt. Der Aufsatz hebt hervor, dass Gasnier sich weigert, seine Wut in Ressentiment zu übersetzen oder den Fall populistisch vereinnahmen zu lassen. Statt Schuldzuweisung setzt er auf Verstehen der Hintergründe, lässt Stimmen aus Saïds Umfeld zu Wort kommen und reflektiert zugleich über Medien, Justiz und die Versuchungen politischer Instrumentalisierung. Intertextuelle Bezüge – von Valéry über Despentes bis zu den Yoga-Schriften der Mutter – rahmen eine Haltung, die Trauer nicht in Rache, sondern in Erkenntnis verwandeln will. „La collision“ wird so zur literarischen Geste gegen Vereinfachung und Ressentiment – und zum Versuch, die Gewalt unserer Gegenwart in ihrer Komplexität zu sehen.

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Partnerschaft und Gewalt im Roman: Nathacha Appanah

Der Titel „La nuit au cœur“ (2025) des neuen Romans von Nathacha Appanah spiegelt die zentralen Themen: Gewalt, Angst, Isolation, Trauma, aber auch Widerstand und die Suche nach Sinn und Erinnerung. Die Struktur des Romans gliedert sich in fünf Teile, die zwischen der persönlichen, autofiktionalen Erzählung der Autorin und den rekonstruierten Schicksalen von Emma und Chahinez wechseln, wobei eine „imaginäre Kammer“ als Ort der Begegnung und Reflexion dient. Der Roman dekonstruiert Feminizide nicht als isolierte Vorfälle, sondern als Ausdruck eines tief verwurzelten patriarchalen Systems, das sich über Kulturen und Zeiten erstreckt. Der Roman kritisiert scharf die patriarchalen Gesellschaften, insbesondere in Algerien und auf Mauritius, wo Frauen mit Scheidung stigmatisiert werden und ihre Autonomie eingeschränkt ist. Die parallele Erzählung der drei Frauen – einer Überlebenden und zwei Opfern – unterstreicht die universelle Gefahr, der Frauen ausgesetzt sind, und die erschreckende Ähnlichkeit der Täterprofile und Gewaltmuster (Kontrolle, Eifersucht, Isolation, physische und psychische Misshandlung).

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Schuld, Scham, Freiheit: Marie-Ève Lacasse

Marie-Ève Lacasses Roman „La vie des gens libres“ (Seuil, 2025) ist ein so stilles wie hochkomplexes Erzählwerk über das Nachleben der Schuld, die Erfahrung von Stigmatisierung und das Ringen um ein neues Selbstbild. Im Zentrum stehen zwei Frauen, Clémence Thévenin – vormals Clémence Robert, Ärztin, Straftäterin, Häftling – und Laura Rolin, alleinerziehende Mutter, Medizinerin im prekären Übergang. Beide verbindet weder biografisch noch sozial ein direkter Kontakt, und doch legt Lacasse durch subtile narrative Parallelführung und symbolische Spiegelungen eine Art doppelter Frauenbiografie vor, die sich zu einer kollektiven Reflexion über die Möglichkeit weiblicher Freiheit verdichtet. Der Roman ist vieles zugleich: ein gesellschaftskritischer Text über Klassenverhältnisse, ein psychologisches Kammerspiel über Schuld und Einsamkeit, ein poetisches Mosaik aus inneren Monologen und konkreten Beobachtungen. In seiner politischen Tiefenstruktur lässt sich „La vie des gens libres“ auch als kritische Untersuchung des französischen Justiz- und Gesundheitssystems lesen. Dabei treten Fragen nach sozialer Teilhabe, nach Solidarität unter Frauen und nach der symbolischen Ordnung von Reinheit und Makel ins Zentrum. Was bedeutet es, „frei“ zu sein – und wer gehört zur „vie des gens libres“?

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Geschichten hinter der Wahrheit: Yasmina Reza

Yasmina Rezas Sammlung von Kurzgeschichten, „Récits de certains faits“ (Flammarion, 2024, deutsch bei Hanser, 2025), ist eine Erkundung der menschlichen Natur, der Vielschichtigkeit von Wahrheit und der oft flüchtigen Erscheinungen der Realität, die sich jenseits oberflächlicher Wahrnehmungen verbirgt. Die Autorin wirkt dabei als Beobachterin von Gerichtsdramen und Alltagsbegegnungen, die sie mit einem einzigartigen Mix aus distanzierter Ironie, psychologischer Präzision und tiefem menschlichem Mitgefühl festhält. Der Titel der Sammlung ist selbst ein zentraler Schlüssel zu Rezas literarischem Ansatz: Er verweist auf die selektive, subjektive und oft unvollständige Natur der Realität und ihrer Darstellung.

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Das verletzte Recht: Nelly Alard

Nelly Alards Roman „La manif“ (Gallimard, 2025), inspiriert von realen Ereignissen, beleuchtet die verheerenden Auswirkungen staatlicher Gewalt und institutioneller Ungerechtigkeit auf eine Familie. Alards Erzählweise ist dezentral, vielstimmig, von intimer Nähe zu den Figuren geprägt. Es ist eine Poetik der Verlangsamung und des psychologischen Tiefenblicks, die der juristischen wie politischen Verhärtung die Weichheit der Subjektivität entgegensetzt. Die Kapitel springen zwischen Angehörigen, erzeugen eine zersplitterte, aber kohärente Erzählung familiären Schmerzes. Der Roman zeigt, wie politisches Unrecht sich in privaten Biografien einnistet, wie der Körper des Opfers (Romain) zum stummen Archiv einer gesellschaftlichen Verwerfung wird. In dieser Vielstimmigkeit liegt das ethisch-ästhetische Engagement des Textes: Er schreibt sich nicht auf die Seite einer simplen Anklage, sondern erzeugt – durch genaue Recherchen, detailreiche medizinische und juristische Szenen sowie psychologisch glaubwürdige Innenwelten – ein literarisches Verfahren der Wahrheitsproduktion. „La Manif“ ist kein Traktat, sondern ein Verfahren: Literatur als Anhörung, als Untersuchung, als Prozessform, die Gerechtigkeit als offene, noch zu erreichende Größe behandelt. [Ein Beitrag in der Rubrik „Recht schaffen“.]

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Schnitt ins Fleisch: Claire Berest über den Prozess Gisèle Pelicot

Claire Berests „La Chair des autres“ (2025) geht aus ihrer Beobachtung des Prozesses gegen Dominique Pelicot im Herbst 2024 hervor, den sie zunächst als Reporterin begleitete. Der Ehemann hat über Jahre hinweg Männer in sein Haus eingeladen, um seine mit Medikamenten sedierte Ehefrau, Gisèle Pelicot, ohne deren Wissen sexuell zu missbrauchen. Die Autorin verbindet juristische Protokollierung mit literarischer und philosophischer Reflexion und stellt grundlegende Fragen nach dem Wesen des Bösen, nach der Möglichkeit von Zeugenschaft und nach den kulturellen Voraussetzungen sexueller Gewalt. Dabei bezieht sie sich auf Theoretikerinnen wie Camille Froidevaux-Metterie und Simone Weil, ebenso wie auf Hannah Arendts Konzept der „Banalität des Bösen“ und Roland Barthes‘ Analyse des fait divers. Ein zentraler Vergleich gilt der Leerstelle des Bildes bei KZ-Überlebenden, denen Berest das „wiederhergestellte Bild“ der Vergewaltigungsvideos gegenüberstellt – als Medium der Anerkennung und Sichtbarmachung. Der Text ist keine lineare Reportage, sondern eine vielschichtige Untersuchung darüber, wie Recht, Körper und Sprache in einem kulturellen Kontext verhandelt werden, in dem das Bewusstsein für den Anderen erschreckend lückenhaft erscheint.

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Fällt die großen Bäume: Gaël Faye, „Jacaranda“ nach dem Genozid in Ruanda

Nach der Lektüre von „Jacaranda“ (2024) erscheint der Erfolgsroman „Petit Pays“ (2016) nicht mehr nur als autobiografisch inspirierter Erinnerungsroman, sondern als Auftakt einer längeren Auseinandersetzung mit der postkolonialen Tragödie Ostafrikas. „Petit Pays“ folgte einer linearen, stark autobiografisch gefärbten Erzählstruktur, die von der kindlichen Perspektive des Protagonisten Gabriel geprägt ist. Die Handlung beginnt mit einer unbeschwerten Kindheit in Burundi und führt über politische Spannungen hin zu den schrecklichen Ereignissen des Genozids in Ruanda. Diese Zäsur verändert Gabriels Welt unwiderruflich und treibt ihn in die Entfremdung von seiner Herkunft. „Jacaranda“ hingegen ist fragmentierter, reflektierender und multiperspektivisch. Der Roman arbeitet mit Rückblenden und Erinnerungsfragmenten. In „Jacaranda“ gibt es weniger eine naive Hoffnung auf Heimkehr als eine tiefe, poetische Reflexion über Heimat als psychischen Raum.

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Boualem Sansals Festnahme und ein Raumschiff

Boualem Sansals jüngster Roman „Vivre: le compte à rebours“ („Leben: der Countdown“, Gallimard, 2024) erzählt eine dystopische Geschichte in einer apokalyptischen Welt. Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass der Text voller Anspielungen auf die politischen, sozialen und kulturellen Realitäten Algeriens ist. Durch seine metaphorische Erzählweise übt Sansal nicht nur Kritik an globalen Phänomenen wie Totalitarismus und Umweltzerstörung, sondern auch an spezifischen Missständen in seinem Heimatland. Angesichts der Verhaftung des Schriftstellers Boualem Sansal lesen wir den Roman „Vivre“ anders: Hier werden indirekt Themen wie Festnahmen und staatliche Repression angesprochen, jedoch oft in einem metaphorischen oder dystopischen Kontext.

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rentrée littéraire
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