Brennende Ränder oder Warum Jeanne Rivière mit Nicolas Mathieu schläft
Jeanne Rivières „Lorraine brûle“ (Gallimard, 2025, zit. als LOB) entwirft das Porträt einer namenlosen Ich-Erzählerin Anfang vierzig, die im postindustriellen Lothringen zwischen Metz und Nancy ein prekäres, von Körpererfahrung, Mutterschaft und subkultureller Praxis geprägtes Leben führt: Als alleinerziehende Mutter des zwölfjährigen Tarzan, Büroangestellte und Schlagzeugerin in Punkbands bewegt sie sich durch eine Topographie aus stillgelegten Hochöfen, Supermärkten, Schwimmbädern und illegalen Konzerten, während Freundinnen wie die radikal selbstermächtigte Lynn, die anarchische Nora und vor allem die todkranke Baya ein weibliches Gegenmodell zur bürgerlichen Ordnung bilden; Bayas Sterben am Pankreaskarzinom bildet den emotionalen Gravitationspunkt einer lose gefügten Jahreschronik, die von Januar bis Sommer reicht und deren episodische Struktur durch wiederkehrende Schwimm-Einschübe rhythmisiert wird, sodass sich Tod (biologischer Zerfall) und Bewegung (Körper im Wasser) als latente Achse überlagern. Vor diesem Hintergrund liest der Aufsatz den Roman als programmatische „Poetik der Zersplitterung“: Die formale Fragmentierung – abrupte Kapitel, Registerwechsel, Gattungsmischung aus Autofiktion, Essay, Reportage und Lyrik – erscheint nicht als ästhetisches Defizit, sondern als adäquate Antwort auf eine durch Deindustrialisierung, Prekarität und Verlust zerrissene Wirklichkeit, in der Kontinuität selbst zur Fiktion geworden ist; besonders stark ist dabei die These, dass die Gleichrangigkeit disparater Elemente (Alltag und Katastrophe, Komik und Trauer, Körperdetail und Sozialanalyse) eine implizit politische Ethik formuliert, die Hierarchien verweigert und das Marginale ins Zentrum rückt. Indem die Argumentation konsequent Form und Inhalt kurzschließt – die Dispersivität des Lebens spiegelt sich in der Dispersivität des Erzählens –, gewinnt sie ihre größte Überzeugungskraft dort, wo sie die ästhetische Kollision der Register, die Materialität des Körpers (Blut, Krankheit, Sexualität) und die raumkonstitutive Funktion Lothringens als miteinander verschränkte Ebenen liest; zugleich zeigt sie, dass das Schreiben selbst im Roman als Überlebens- und Trauertechnik wirkt, die Fragmentierung nicht überwindet, sondern produktiv macht. So erscheint LOB in der Lesart der Rezension weniger als Milieustudie denn als radikal gegenwärtige Formsuche, in der Zersplitterung zur widerständigen Lebensform und zur eigentlichen poetischen Einheit wird.
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