Isis in Montmartre: Gérard de Nerval als Patient und Prophet bei Diane Morel

Diane Morels „Le Mystère Nerval“ (Fayard, 2024) setzt 1841 an: Gérard de Nerval wird blutverschmiert in die Klinik von Dr. Blanche eingeliefert, besessen von der Vorstellung, eine „Isis“ sei tot. Aus dieser Szene entwickelt sich eine doppelbödige Erzählung, die Kriminalintrige und Dichterporträt verschränkt. Der junge Mediziner Émile Blanche ermittelt im literarischen Paris zwischen Gautier, Houssaye und dem radikalen Petrus Borel, stößt auf die ermordete Journalistin Flore – und auf eine politische Verschwörung gegen die Juli-Monarchie. Doch die eigentliche Dynamik liegt tiefer: Morel montiert Nervals Motive – die „schwarze Sonne der Melancholie“ aus dem Sonett „El Desdichado“, das Doppelgänger-Motiv aus „Aurélia“, die Landschaften des Valois aus „Sylvie“, die ägyptische Isis als Chiffre des „ewigen Weiblichen* – in die Struktur der Handlung ein. Der chaotische Schreibprozess, visualisiert als Teppich aus hunderten Zetteln, wird zum poetologischen Programm: Fragment, Traum und Vision sind keine Symptome, sondern Erkenntnisformen. Selbst die therapeutische Szene, in der Nervals eigene „Faust“-Übersetzung ihn aus der Katatonie löst, inszeniert Literatur als Gegenmacht zur klinischen Rationalität. – Die Rezension liest diesen Roman nicht nur als historischen Krimi, sondern zugleich als poetische Versuchsanordnung: Morel verteidigt Nervals „Wahnsinn“ gegen den Zugriff des Positivismus, indem sie dessen innere Logik ernst nimmt. Die Kriminalhandlung der Bio-Fiktion spiegelt Nervals Obsession mit der „Morte amoureuse“, Flore wird zur irdischen Erscheinung jener Isis, die in Nervals Werk Muttergöttin, Geliebte und verlorene Einheit zugleich ist. Traum und Realität durchdringen einander, bis am Ende in den Ruinen von Chaalis – einem Topos aus „Sylvie“ – die reale Tote und die mythische Loreley ineinander überblenden. So entsteht das Bild eines Dichters, dessen Zerrissenheit nicht pathologisiert, sondern als ästhetische Radikalität begriffen wird. Morels Roman erscheint in dieser Lesart als Plädoyer für eine Poetik des Unsteten: gegen die „Ordnung“ der Klinik setzt er die produktive Unordnung der Imagination – und macht Nervals Satz vom Traum als „zweitem Leben“ zum erzählerischen Prinzip.

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