Der verzögerte Übertritt: Olivier Bleys
Der Roman „Nous, les vivants“ von Olivier Bleys (Albin Michel, 2018) erzählt die Geschichte des Hubschrauberpiloten Jonas Muñoz, der nach einem Schneesturm in einer Berghütte in den Anden eingeschlossen wird und gemeinsam mit dem geheimnisvollen Grenzhüter Jésus eine scheinbar reale Reise entlang der argentinisch-chilenischen Grenze unternimmt. Erst am Ende wird deutlich, dass Jonas bereits beim Hubschrauberabsturz gestorben ist und die gesamte Handlung seinen verzögerten Übergang vom Leben in den Tod darstellt. Die Interpretation argumentiert, dass Bleys diesen Übergang nicht durch einen überraschenden Schluss, sondern durch zahlreiche subtile Hinweise vorbereitet: Von da an entgleitet die Wirklichkeit in unauffälligen Zeichen: Die Uhr geht falsch, Stunden vergehen zwischen zwei Sätzen, der Alkohol in der Flasche wird nicht weniger, und Jésus, dessen Fußspuren im Schnee unmöglich leicht sind, spricht in Zukunftsformen über Jonas‘ Verbleib. Zeit und Raum verlieren ihre Ordnung, die Grenze wird zur Metapher für die Trennung von Leben und Tod, und das Verblassen von Erinnerungen und Fotografien symbolisiert das Loslassen der eigenen Existenz. Zur Begründung verweist die Interpretation auf Motive, Erzähltechnik, Figurenkonstellation und sprachliche Gestaltung. So konzentriert sie sich auf die allegorische Deutung des Romans. Bleys gestaltet literarisch mit seinem Roman weniger den Tod selbst als vielmehr den schwierigen Prozess des Abschieds und der Selbstaufgabe.
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