Kontaminationen nach dem 7. Oktober: Amanda Sthers
Der Roman „C“ (Grasset, 2025) von Amanda Sthers entwirft ein düsteres Panorama der französischen Gegenwart nach dem 7. Oktober 2023, in dem privates Leben, politische Diskurse und historisch sedimentierte Traumata ineinandergreifen. Es beginnt mit einem Pilzbefall in der Pariser Wohnung der jüdischen Lektorin Rebecca Vermusein und ihres Mannes Gilles, der sich rasch als zentrale Denkfigur erweist: Der Pilz wird nicht als bloßes Horrorelement erzählt, sondern als Materialisierung eines Antisemitismus, der unsichtbar zirkuliert, sich normalisiert und schließlich tödlich fruchtet. Parallel zur Zersetzung der Ehe zeichnet der Roman den Zerfall des französischen „vivre-ensemble“: politische Radikalisierung, selektive Empathie nach dem 7. Oktober, die moralische Selbstentlastung westlicher Eliten und die Vereinsamung jüdischer Individuen bilden ein eng verschaltetes Szenario. In der Rückbindung an Sthers Roman „Les gestes“ zeigt sich „C“ zugleich als Kulminationspunkt eines länger angelegten Projekts, das jüdische Identität nicht als stabile Zugehörigkeit, sondern als historisch belasteten Erinnerungskörper entwirft. Die Rezension analysiert diese Konstellation, indem sie „C“ als Fortschreibung und Radikalisierung der in „Les gestes“ angelegten Motive liest: von der „Archäologie der Intimität“ zur „Biologie des Hasses“. Im Zentrum steht die Argumentation, dass Sthers den Antisemitismus nicht als Randphänomen, sondern als strukturelles Produkt eines moralischen Klimas darstellt, in dem Diskurse, Ästhetik und Affekt ineinandergreifen. Die Rezension zeigt, wie der Roman über die Pilzmetaphorik Normalisierung, Verführung und Gewalt zusammendenkt und wie er damit insbesondere den zeitgenössischen Feminismus, die Identitätspolitik und den Antizionismus einer scharfen Prüfung unterzieht. Dabei wird „C“ nicht als Thesenroman verstanden, sondern als literarische Diagnose eines Zustands: ohne Katharsis, ohne versöhnenden Ausblick, aber mit der insistierenden Forderung, die Sporen zu erkennen, bevor sie erneut fruchten.
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