Politische Rhetorik in Trümmern: Mathieu Larnaudie und Nicolas Idier
Die Doppelrezension liest Mathieu Larnaudies „Acharnement“ (2012) und Nicolas Idiers „Matignon la nuit“ (2024) als zwei ergänzende Diagnosen eines politischen Diskurses, der seinen Bezug zu den Menschen verloren hat und nur noch um sich selbst kreist. Beide Romane erzählen stark reduzierte Handlungen: Bei Larnaudie schreibt ein ehemaliger Redenschreiber zurückgezogen in der Provinz immer neue Reden, probt sie und verwirft sie wieder, während reale Katastrophen nur am Rand auftauchen. Bei Idier soll ein Berater in einer einzigen Nacht im Regierungssitz eine Rede verfassen, verliert sich jedoch zunehmend in Begegnungen, Erinnerungen und Abschweifungen. Besonders deutlich wird dies in zwei Bildern: der Holzestrade, auf der Müller seine Reden ins Leere hinein probt, und der nächtlichen Krisenmaschine von Matignon, in der Sprache nur noch aus austauschbaren „éléments“ besteht. Die Rezension vergleicht auch die Schreibweisen der beiden Autoren: Larnaudies lange, verschachtelte und sich selbst kommentierende Prosa erscheint als Nachahmung und zugleich Kritik politischer Rhetorik. Idiers fragmentierter und offener Stil wirkt dagegen wie eine Sabotage des politischen Diskurses, die neue Möglichkeiten eröffnet. Gleichzeitig verbindet die Rezension diese Stilanalyse mit den Figuren, den Handlungsformen und der Zeitstruktur der Romane: hier die endlose Wiederholung bei Larnaudie, dort die verdichtete Chronologie einer einzigen Nacht bei Idier. So stützen sich Form und politische Diagnose gegenseitig. Die Argumentation der Rezension beginnt mit der Analyse rhetorischer Mechanismen wie Rhythmus, Punchline und medialer Inszenierung und untersucht anschließend die Stellung der Sprecherfiguren: auf der einen Seite der entlassene Redenschreiber, auf der anderen der „sous-plume“ innerhalb des Regierungsapparats. Hinzu kommt die Frage nach dem Publikum, das entweder ganz abwesend ist oder nur noch als hypermediale Masse erscheint. Am Ende bleiben zwei ausweglose Möglichkeiten: entweder trotz erkannter Sinnlosigkeit weiterzuschreiben (bei Larnaudie) oder aus dem politischen Diskurs auszubrechen und nach einer anderen Form von Handlung zu suchen (bei Idier).
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