Die Grammatik des Aufschubs: Rekonstruktion und Familienerzählung bei Lucie Rico
Lucie Ricos Roman „Mais que fait ce sang sur le pull de Jennifer ?“ (Éditions P.O.L, 2026) erzählt von einer Pariser Transkribentin von Anfang dreißig, die mit einem Mal keine Sätze mehr beenden kann. Das Leitmotiv ist eine fehlende Punkt-Taste, und ein Satz über den Film „Vom Winde verweht“ bricht immer wieder bei „et“ ab. Um dem Symptom nachzugehen, baut Jennifer mit dem Anwalt Malec nach Art einer kriminalistischen Rekonstruktion die Wohnung ihres verstorbenen Großvaters in Perpignan nach. Sie sichtet Filme, sammelt Hundehaare und spielt mit einem Liebhaber eine Kindheitsszene nach, bis die Aufführung in Gewalt umschlägt und Blut auf ihrem gelben Pullover erscheint. Die Familie begegnet ihr dabei mit liebenswürdiger Ausweichbewegung, die Großmutter hat die Kassetten des Großvaters bis auf eine vernichtet. Der Aufsatz liest den Roman als Versuch, Wahrheit durch Herstellung statt durch Beweis zu gewinnen, und entwickelt diese These in vier Schritten. Er zeigt erstens, dass der abgebrochene Satz Erzählmotor und Symptom zugleich ist, weil die Syntax der Ich-Erzählerin den Aufschub des Erzählten mimetisch vollzieht. Er beschreibt zweitens die Familie als Instanz, die durch Freundlichkeit regiert und so Schweigen erzeugt. Drittens deutet er die Rekonstruktion als Mischgattung aus Kriminalroman, Familienroman und therapeutischem Rollenspiel, deren Räume erinnern und deren Medien versagen. Viertens liest er den Film als Deckerinnerung und die Poetik des Romans als Poetik des Rests: Was übrig bleibt, ist kein Beweis, sondern ein Blick, der ein Kind ins Bild setzt. Der Vergleich von Anfang und Schluss, vom fehlenden Punkt zum gekauften Tisch, führt zur Schlussfolgerung, dass der Roman dem endlosen „et“ ein „mais“ entgegensetzt, das den Satz nicht schließt, aber die Fortsetzung der Gewalt unterbricht.
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