Das Deutsche als Befehl: Übersetzung ohne Verständigung bei Serge Joncour
Serge Joncours „Chien-Loup“ (Flammarion, 2018) erzählt zwei Sommer auf demselben Berg im Lot. Im August 1914 überlässt der Bürgermeister von Orcières-le-Bas dem deutschen Dompteur Wolfgang Hollzenmaier, dessen Zirkus der Kriegsausbruch zerstört hat, das verfluchte Haus über dem Dorf, wo er acht Raubkatzen vor der Requisition verbirgt. Das Dorf ohne Männer fürchtet und braucht ihn zugleich, die kinderlose Witwe Joséphine steigt zu ihm hinauf, und in einer Julinacht 1915 brechen die Tiere aus und jagen die Schafherde in die Schlucht. Im August 2017 mietet die Schauspielerin und Malerin Lise nach überstandener Krebserkrankung dasselbe Haus, weil es kein Netz hat, und ihr Mann Franck, ein Filmproduzent, erträgt Dunkelheit und Funkstille nur schlecht. Ein herrenloser Hund, den sie Alpha und Bambi nennen, schließt sich ihnen an, und als Franck im Streit mit seinen Teilhabern Liem und Travis die Angst des Gegenübers sucht, erfährt er von Wilderern die Legende des Dompteurs. Der Aufsatz liest den Roman für die Rubrik „Romans croisés“ und argumentiert, dass Joncour das deutsch-französische Dazwischen vom Sprachlichen ins Räumliche und Tierische verlagert und als Bauprinzip auf allen Ebenen wiederholt. Er zeigt das an der Parallelmontage der Zeitebenen und am Berg als Palimpsest, an einem Deutsch, das als Befehl, unaussprechlicher Name und Feindwort unübersetzt bleibt und gerade darin wirkt, an der spiegelbildlichen Anordnung der Figurenpaare und ihrer Geschlechterordnungen, an den ineinandergeschobenen Bildfeldern von Jagd, Krieg und Technik sowie an der Poetik, in der Legende, Plakat, Zeitung und Satellitenbild die Geschichte als Frage der Vermittlung erscheinen lassen. Der Vergleich von Romananfang und Romanschluss führt vom Laut, den das Dorf keiner Tierart zuordnen kann, zum Hund, der auf zwei Namen hört, und die Conclusion fasst den Befund so: Differenz wird hier nicht aufgehoben, sondern bewohnt.
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