Nikolai Gogol, Nicole Caligaris und die Pariser Anschläge vom 13. November 2015

Im Zentrum der Interpretation steht Nicole Caligaris’ Roman „Le gogol“ (2026): In einem Bahnhofscafé im Morgengrauen trifft eine erschöpfte Erzählerin aus dem Kulturministerium auf einen verstörten Mann im übergroßen Militärmantel, der sie für eine Richterin hält und darauf besteht, endlich seine Geschichte „zu Protokoll“ zu geben. Dieser Mantel, im Chaos der Pariser Anschläge vom 13. November 2015 in einem Lokal namens Mar Cantabrico an sich genommen, ist zu schwer, zu weit, nicht „nach Maß“: Er wird zum sichtbaren Zeichen eines Traumas, das sich nicht ablegen lässt. Während der Mann von Schüssen, einer Flucht durch eine Falltür und einem nächtlichen Warten auf ein nie eintreffendes Funksignal erzählt, denkt die Erzählerin an ihre eigene Entwertung im bürokratischen Projektbetrieb. Zwei Existenzen, beide randständig, beide in Systemen gefangen, die Menschen in Akten, CVs und „Passiva“ verwandeln. Von hier aus schlägt die Interpretation den Bogen zurück zu Nikolai Gogols „Der Mantel“ (1842): Auch dort hängt das Leben eines unscheinbaren Beamten an einem Kleidungsstück, doch während Akaki Akakijewitsch seinen Mantel als ersehnte Identitätsprothese erkämpft und durch dessen Verlust zugrunde geht, trägt Caligaris’ „Gogol“ ein fremdes, historisch aufgeladenes Erbstück, das ihn definiert, ohne je sein Eigentum gewesen zu sein. Die Argumentation macht anschaulich, wie sich das Motiv vom Aufstiegsversprechen zur Trauma-Metapher verschiebt: Bei Gogol entlarvt der geraubte Mantel die Grausamkeit einer zaristischen Hierarchie; bei Caligaris wird der Militärmantel zum materiellen Archiv kollektiver Gewalt und zum Symbol einer Gegenwart, in der Identität nur noch bruchstückhaft rekonstruierbar ist. Durch diese intertextuelle Fortschreibung zeigt die Analyse, dass der „kleine Mensch“ des 19. Jahrhunderts im 21. Jahrhundert nicht verschwunden ist – er steht nun im Café, spricht von Funkrauschen und zerrissenen Puzzles und fordert nichts Geringeres als ein modernes „Habeas Corpus“: das Recht, als verletzliche, geschichtliche Existenz anerkannt zu werden.

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