Das Spätwerk als Laboratorium: Jean-Jacques Schuhl und Simon Liberati

Jean-Jacques Schuhls „Les apparitions“ und Simon Liberatis „Performance“ (beide 2022) kreisen um alternde Schriftstellerfiguren, deren körperlicher Verfall zum Ausgangspunkt einer radikal erneuerten literarischen Erfahrung wird. In „Les apparitions“ schildert Schuhl einen Erzähler, der nach einer schweren inneren Blutung und zerebralen Hypoxie von sogenannten „Erscheinungen“ heimgesucht wird: autonome, hochpräsente Bildereignisse, die weder Traum noch Halluzination sein wollen. Der Text entfaltet eine Poetik der Montage, der Zitation und der Entsubjektivierung, in der das Ich zunehmend hinter fremden Bildern, Stimmen und Fragmenten zurücktritt. „Performance“ hingegen erzählt von einem 71-jährigen Autor, der nach einem Schlaganfall durch einen Auftrag über die Rolling Stones zu neuer schöpferischer Energie findet. Diese wird jedoch maßgeblich durch eine skandalöse Beziehung zu seiner jungen Stieftochter gespeist, die als Projektionsfläche eines exzessiven Begehrens wirkt. Liberatis Roman verbindet Krankheit, Dekadenz, Popkultur und Transgression zu einer provokanten Inszenierung des Alterns als ästhetische Grenzerfahrung. – Die Rezension liest beide Romane als paradigmatische Alterswerke, die das Altern nicht als Phase der Bilanz oder Mäßigung, sondern als ästhetisches Extrem begreifen. Sie argumentiert, dass Schuhl und Liberati zwei gegensätzliche, aber komplementäre Modelle des „vieillir créateur“ entwerfen: eine rezeptive, entmächtigende Imagination bei Schuhl, die das Ich im Schreiben nahezu auflöst, und eine aggressive, transgressive Imagination bei Liberati, die gerade im moralischen und körperlichen Niedergang eine letzte Form künstlerischer Souveränität behauptet. Im Zentrum der Analyse steht die These, dass Pathologie, Krankheit und Nähe zum Tod in beiden Texten zur „Denkmaterie“ werden, aus der neue Formen literarischer Intensität hervorgehen. Die Rezension zeigt damit, wie das Spätwerk hier nicht als Abgesang, sondern als Laboratorium fungiert, in dem Literatur ihre eigenen Grenzen im Angesicht der Endlichkeit radikal neu vermisst.

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Simon Liberati, Dämonen in Rom

Simon Liberatis Roman „La hyène du Capitole“ aus dem Jahr 2024 (Band zwei einer Trilogie über die Auflösung der 60er Jahre) ist eine Synthese aus dekadentem Stil, literarischer Reflexion und soziokultureller Analyse. Der Roman spielt im Jahr 1970 und folgt Alexis Tcherepakine, einem jungen Mann in Rom, dessen Leben von einer Mischung aus Exzentrik, intellektueller Suche und sozialem Abstieg geprägt ist. Alexis, der sich in der dekadenten High Society der Stadt bewegt, arbeitet als Assistent eines Fotografen und gerät in die Anziehungskraft von Persönlichkeiten wie dem Schauspieler Helmut Berger und seiner eigenen Schwester Taïné. Während Alexis durch die Straßen Roms wandert, begegnet er der Schönheit und dem Verfall der Stadt gleichermaßen.

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