Einsamkeit des Freien Mitarbeiters: Tahar Ben Jelloun

Tahar Ben Jellouns „Pigiste au Monde“ (Gallimard, 2026) liest sich wie ein Gang durch die Korridore einer mächtigen Zeitung – und zugleich wie das Protokoll einer langen, nie ganz gesicherten Zugehörigkeit. Aus fast vier Jahrzehnten freier Mitarbeit bei Le Monde formt Ben Jelloun kein Heldennarrativ, sondern das Bild eines Lebens „à la pige“, geprägt von Anerkennung und Austauschbarkeit zugleich. Der Pigist wird zur emblematischen Figur struktureller Prekarität: präsent im Zentrum kultureller Macht, aber ohne festen Ort darin. Le Monde erscheint dabei als ambivalentes Gebilde – demokratische Institution und soziales Mikrosystem zugleich –, durchzogen von Ritualen, Rivalitäten und stillen Hierarchien. Anschaulich schildert Ben Jelloun Redaktionsszenen, literarische Mittagessen, Machtspiele und Loyalitäten, während er seinen eigenen Weg vom Alphabetisierungslehrer zum publizierenden Intellektuellen nachzeichnet, stets begleitet von körperlicher Anspannung und existenzieller Unsicherheit. Seine Reportagen führen in Grenzräume: zu nordafrikanischen Arbeitern in den Banlieues, nach Mekka, in den Nahen Osten kurz vor politischen Verhärtungen. Dort schreibt er nicht als distanzierter Beobachter, sondern als Beteiligter und Zeuge – mit einer Haltung, die Objektivität als Genauigkeit und Ehrlichkeit versteht, nicht als Neutralisierung. Im letzten Drittel verdichtet sich das Buch zur Reflexion über Zugehörigkeit und Verrat: Ben Jellouns arabisch-muslimische Herkunft öffnet ihm Türen, macht ihn aber zugleich angreifbar. Diffamierungen nach der Mekka-Reportage, politische Interventionen, innerredaktionelle Abwehr und Konkurrenz unter maghrebinischen Autoren zeigen, wie brüchig seine Position bleibt. Immer wieder wird er gebraucht, selten vollständig anerkannt. Aus dieser Spannung entwickelt Ben Jelloun sein zentrales Argument: Schreiben ist für ihn der einzige verlässliche Ort der Zugehörigkeit – ein Raum zwischen Journalismus und Literatur, in dem Erfahrung, Empathie und Kritik zusammenkommen. „Pigiste au Monde“ ist so ein eindringliches Porträt intellektueller Einsamkeit und ein Plädoyer für einen Journalismus, der sich seiner Macht bewusst ist und sie nicht verleugnet.

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