Familienepos in acht Zeugungsakten: Laurent Quintreau

Ein grundlegender Widerspruch, Familie und Begehren zusammenzuführen, die Blutlinie, eine Keimzelle sozialen Zusammenhalts, Kompromisse um der Kontinuität willen, Vernunftehen für die Stabilität der Sippe, über Generationen hinweg. Das Begehren dagegen, unvorhersehbar, ekstatisch, unaussprechlich, flüchtig, die Liebesverhältnisse als erkämpfte Machtbeziehung der Geschlechter, der biologische Zeugungsakt schließlich als schicksalsergebene Lotterie, bloßer Zufall und Kampfstrategie genetischer Reproduktion zugleich:

Rivalisant de stratégie pour trouver la configuration moléculaire qui va déclencher le mécanisme de captation de l’ovocyte, le prétendant à la transmission des caractères héréditaires de Daniel est une cellule mâle (XY). La seule certitude, à ce stade, concerne le sexe masculin du futur embryon.

Pour le reste, les résultats de la loterie méiotique seront entièrement tributaires du matériau génétique à combiner.

Forte probabilité d’apparition précoce d’un cancer de la prostate dû à une mutation ancienne du gène BRCA2 (première cause de mortalité observable sur plusieurs générations d’hommes de cette lignée), intolérance au lactose, excellente mémoire visuelle constituent quelques-unes des innombrables caractéristiques de ses chromosomes. Survivant tels quels au brassage de la méiose, les éléments phénotypiques feront dire à tous qu’il est le portrait craché de son père.

Mais seul le grand Esprit de la nature a le pouvoir de présider en direct au brassage de la méiose. Maître absolu du hasard, ricaneur sans miséricorde ni malveillance, il joue avec les combinaisons possibles et avec les nerfs, contrevenant parfois aux desiderata premiers des principaux intéressés: une telle complexée par son allure de pot à tabac peut très bien devenir la maman d’un pot à tabac miniature, une telle détestant sa belle-mère n’est nullement à l’abri d’accoucher du portrait craché de ladite belle-mère – et avec un peu de chance, elle en héritera également le caractère, les névroses, les manies et les intonations –, ressemblance dont on imagine les conséquences sur les futures relations mère-fille.

L’inverse est également possible, et des personnes pourront retrouver dans les traits de leur rejeton les visages de leurs chers disparus.

Laurent Quintreau, Ève et Adam, chap. 48.

Der Anwärter auf die Übertragung von Daniels Erbanlagen ist eine männliche Zelle (XY), die sich mit Strategien überbietet, um die molekulare Konfiguration zu finden, die den Mechanismus zur Aufnahme der Eizelle auslöst. Die einzige Gewissheit in diesem Stadium ist das männliche Geschlecht des zukünftigen Embryos.

Ansonsten werden die Ergebnisse der meiotischen Lotterie vollständig von dem zu kombinierenden genetischen Material abhängen.

Die hohe Wahrscheinlichkeit eines frühen Auftretens von Prostatakrebs aufgrund einer alten Mutation im BRCA2-Gen (die erste Todesursache, die über mehrere Generationen von Männern dieser Linie beobachtet werden kann), Laktoseintoleranz und ein ausgezeichnetes visuelles Gedächtnis sind nur einige der unzähligen Merkmale seiner Chromosomen. Die phänotypischen Elemente, die die Meiose überstanden haben, lassen jeden sagen, dass er seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist.

Aber nur der große Geist der Natur hat die Macht, direkt über die Meiose zu bestimmen. Als absoluter Herrscher des Zufalls, der weder Gnade noch Böswilligkeit kennt, spielt er mit den möglichen Kombinationen und mit den Nerven, wobei er manchmal den ursprünglichen Wünschen der Hauptbeteiligten zuwiderhandelt: Eine Frau, die einen Komplex wegen ihres Aussehens als Tabakdose hat, kann die Mutter einer Miniatur-Tabakdose werden, eine Frau, die ihre Schwiegermutter hasst, ist nicht davor gefeit, das Ebenbild dieser Schwiegermutter zu gebären – eine Frau, die ihre Schwiegermutter hasst, ist nicht davor gefeit, das Ebenbild dieser Schwiegermutter zu gebären. Mit etwas Glück erbt sie auch den Charakter, die Neurosen, die Manien und den Tonfall der Mutter – eine Ähnlichkeit, die sich auf die zukünftigen Mutter-Tochter-Beziehungen auswirken wird.

Umgekehrt ist es auch möglich, dass Menschen in den Gesichtszügen ihrer Sprösslinge die Gesichter ihrer geliebten Verstorbenen wiederfinden.

Laurent Quintreaus Ève et Adam (Paris: Rivages, 2023, 420 Seiten) will den Zusammenprall dieser Prinzipien erzählen, Familienhistorie wird hier eine kontingente Vereinigung von Sexualpartnern, erzählt über mehrere Generationen hinweg von 1852 bis in die Zukunft, das Jahr 2046, insgesamt also 200 Jahre fortschreitender Vererbung. Eva steht im Titel an erster Stelle, die Rollenverteilung der biblischen Paradiesgeschichte wird umgedreht: Die Kapitel erzählen die allmähliche Entthronung des Mannes, der im 19. Jahrhundert noch sanktionslos vergewaltigen kann. Dieses Epos der Zeugungen ist nicht zuletzt eine Geschichte der Frau, die sich durch die Geschichte auch in Sexualität und Reproduktion selbst ermächtigt. Die – vielleicht ambivalente – Krönung dieses Prozesses wird am Ende des Buches utopisch in Diane Doucet verkörpert, die sich dafür entscheidet, gar keine Nachkommen zu haben. Aus genetischen Gründen darf eine Romanze nicht mehr einfach zur Vereinigung führen. Denn nicht zuletzt ist der so optimierte Mensch ein Produkt des Kapitalismus, welcher hier parallel miterzählt wird. Diane eröffnet zur Ehrung ihrer Vorfahren ein virtuelles Dorf mit den zellulären Avataren der Familie.

Schon der Doppelname „Marcheville-Froissart“ der Sippe in Ève et Adam lässt Assoziationen an die Rougon-Macquart von Émile Zola anklingen, diese naturalistische Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem Zweiten Kaiserreich in 20 Romanen. Freilich ist bei Zola die Familiengenealogie erbbiologisch ein Weg in den Niedergang und ins Pathologische. Es ging ihm programmatisch ja nicht um die freie Vereinigung der Vorfahren, sondern um die dreifache Determiniertheit der Menschen durch ihr Milieu, die historischen Umstände und eben die Erbanlagen.

Laurent Quintreaus bisherige Romane haben sich immer stärker in Richtung experimenteller formaler Settings entwickelt, teils bis in die Nähe der oulipotischen Contraintes gehend. Jeder Part von Ève et Adam ist im vorliegendem Falle einem Familienmitglied gewidmet, das seine Keimzellen an den nächsten Erben weitergibt, und es endet, wenn der Zellteilungsprozess der Meiose sich in Gang gesetzt hat und wenn das genetische Material der beiden Sexualpartner bereit ist, zum Embryo zu werden. Der Verlag schrieb in seiner Ankündigung: „Ob es sich um geteiltes oder ungeteiltes Begehren, um das Recht auf Übergriffe, um Ehebruch, coolen Sex, die Ehe für alle oder genetische Kompatibilitätsprüfung handelt, der Leser wird Zeuge des Sittenwandels und der gesellschaftlichen Umwälzungen, die von der männlichen Dominanz zu der Zeit nach #metoo geführt haben.“ 1

Im ersten, international erfolgreichen Roman Marge brute (Paris: Denoël, 2006, dt.: Und morgen bin ich dran) erzählte der in einer Werbeagentur beschäftigte Autor Quintreau ein Meeting von elf Managern und deren intime inneren Monologe, ihre Träume und Ängste. Es geht ebenso um Dividenden, Umstrukturierung und Entlassungen wie andererseits um triviale Intimität und unaussprechliche Wünsche.

Mandalas (Paris: Denoël, 2009) entwirft in konzentrischer Darstellung mit Bezug zum tibetischen Buddhismus eine Erzählung unserer heutigen Existenz zwischen Leere und dem Zyklus von Geburt und Wiedergeburt. Auch hier kreuzen sich Schicksale der Figuren völlig kontingent, wie beim Berater Anfang 30 wird die Welt des Wissens und der Daten eine existenzielle Krise nicht lösen, auch das Wissen um genetische Zeugung nicht:

À trente-trois ans, il n’avait jamais su donner une direction, ou ne serait-ce qu’un semblant de consistance, à une vie qui ne serait bientôt qu’une vaste plaisanterie pleine de n’importe quoi et de presque rien vécue par un idiot sans gloire. Et il avait beau interroger la génétique, les sciences cognitives, la biologie moléculaire, la physique quantique, le bouddhisme, les statistiques et la géométrie non euclidienne, il ne savait toujours pas quoi faire pour que ça change.

Laurent Quintreau, Mandalas.

Mit seinen 33 Jahren war er nie in der Lage gewesen, seinem Leben eine Richtung zu geben oder auch nur den Anschein von Konsistenz zu erwecken, das bald nur noch ein großer Witz voller Unsinn und fast nichts sein würde, der von einem ruhmlosen Idioten gelebt wurde. Und so sehr er auch die Genetik, die kognitiven Wissenschaften, die Molekularbiologie, die Quantenphysik, den Buddhismus, die Statistik und die nichteuklidische Geometrie befragte, er wusste immer noch nicht, was er tun sollte, um das zu ändern.

La Chimie des trajectoires (Paris: Payot et Rivages, 2014) dann erzählt das Leben einer Fliege in 33 Tagen und 37 Kapiteln, entlang der Reihenfolge der Primzahlen. Beim Flug von Gebäude zu Gebäude in die Pariser Wohnungen wird uns Einblick in die heutige französische Gesellschaft gewährt, Stadtbewohner in ihrer Vereinzelung. So stammen die Kapiteltitel aus Prozessen materieller Transformation in Physik und Chemie. Wie im aktuellen Buch, wird die Liebe bereits hier mit genetischer Mutation konfrontiert:

Combien d’amants qui ont secrètement espéré traverser les siècles et les galaxies sans subir changements ou altérations d’aucune sorte se sont heurtés aux lois du vivant qui se font un malin plaisir de rappeler à chacun ses obligations de disparaître à grand renfort de vieillissement, de guerres, de maladies ou autres mutations génétiques mortifères ? Pauvres de nous, qui glissons comme des armées en marche sur les écumes du temps, là où la mort ouvre la trappe aux instants perdus et vient traquer chacun en sa forteresse la plus intime. Lorsqu’une rencontre se produit, elle est si furtive, si dérisoire au regard du reste, que l’on passerait sa vie à la regretter.

Laurent Quintreau, La Chimie des trajectoires, chap. 26 „Déflagration“

Wie viele Liebende, die insgeheim hofften, die Jahrhunderte und Galaxien zu überqueren, ohne Veränderungen oder Modifikationen irgendeiner Art zu erfahren, sind auf die Gesetze des Lebens gestoßen, die jeden an seine Verpflichtungen erinnern, durch Altern, Kriege, Krankheiten oder andere tödliche genetische Mutationen zu verschwinden? Wir Armen, die wir wie marschierende Armeen über die Schaumkronen der Zeit gleiten, wo der Tod die Falltür für verlorene Augenblicke öffnet und jeden in seiner intimsten Festung aufspürt. Wenn eine Begegnung stattfindet, ist sie so flüchtig, so unbedeutend im Vergleich zum Rest, dass man sein Leben damit verbringen würde, sie zu bereuen.

Die Fliege, deren Flug die Kontingenz in die Narration bringt, ist selbst allerdings ein Geschöpf der Notwendigkeiten in der flüchtigen Zeit ihres (Über-)Lebens:

(La petite mouche exécute un looping et se retrouve de l’autre côté de la rue, en quête de protéines et de glucides à ingurgiter. Loin d’être le simple fruit du hasard, le parcours du diptère obéira, le temps de sa courte vie, à quelques incontournables nécessités : d’abord survivre, échapper aux prédateurs, se nourrir, mais aussi et surtout perpétuer l’espèce par la rencontre de partenaires sexuels à la hauteur. Un programme tout à fait réalisable quand on connaît les performances physiques des diptères et quand on sait qu’une femelle met à jour cent cinquante larves en une seule portée – même si ce chiffre reste à pondérer, la plupart d’entre elles n’atteignant pas l’âge adulte. Température, 21 degrés centigrades. Hygrométrie, 74 pour cent. Ensoleillement, déclinant. Biocénose/zoocénose, riche en micro-organismes, humidité résiduelle liée à une fuite récente dans les canalisations, présence d’un mammifère velu. Altitude, 61 mètres.)

Laurent Quintreau, La Chimie des trajectoires, chap. 2 „Datations“.

(Die kleine Fliege macht einen Looping und findet sich auf der anderen Straßenseite wieder, auf der Suche nach Proteinen und Kohlenhydraten, die sie zu sich nehmen kann. Die Reise der Zweiflügler ist alles andere als zufällig, sondern folgt während ihres kurzen Lebens einigen unumgänglichen Notwendigkeiten: Überleben, Flucht vor Raubtieren, Ernährung, aber vor allem die Fortpflanzung der Art durch die Begegnung mit geeigneten Sexualpartnern. Ein durchaus machbares Programm, wenn man die körperliche Leistungsfähigkeit der Dipteren kennt und weiß, dass ein Weibchen in einem einzigen Wurf 150 Larven entwickelt – auch wenn diese Zahl zu gewichten ist, da die meisten von ihnen das Erwachsenenalter nicht erreichen. Temperatur: 21 Grad Celsius. Luftfeuchtigkeit 74%. Sonneneinstrahlung, abnehmend. Biozönose/Zoozönose, reich an Mikroorganismen, Restfeuchtigkeit aufgrund eines kürzlichen Lecks in der Kanalisation, Anwesenheit eines haarigen Säugetiers. Höhe, 61 Meter.)

In Ce qui nous guette (Paris: Payot et Rivages, 2018) fängt Quintreau zehn brillant erscheinende Personen ein in einem Moment ihres täglichen Lebens, in dem ihre Ordnung aus den Fugen gerät, der gesellschaftliche Kontrollzwang scheitert an diesem Punkt, der unaufhaltsame Lachanfall etwa, durch ein Mikrofon verstärkt, einer jungen Neurologieforscherin, die ein Symposion leitet, oder eine überraschende Ohrfeige oder das irgendwo vergessene Kind oder weitere Punkte, in denen die Rationalität und mit ihr Wissenschaft und Technologie scheitern. Im Interview bringt der Autor das zunehmende Dilemma des Menschen zwischen anthropologischer Ausstattung und Optimierbarkeit, etwa des Gehirns, ins Spiel: „Am wahrscheinlichsten ist die Zunahme der ‚ungeselligen Geselligkeit des Menschen‘, wie Kant es ausdrückte. Der Schöpfer des kategorischen Imperativs stellte die Hirten von Arkadien, die so friedlich waren wie die Herden, die sie weideten, den Menschen gegenüber, die die Geschichte vorantreiben, und bedauerte, dass Rivalität, Egoismus, Gier und der Drang zu dominieren die Ursache für die Entwicklung von Wissenschaft, Kunst und Kultur sind. Sie können die Rechenleistung des Gehirns noch so sehr verbessern (aber bei diesem Spiel wird man immer verlieren und der Sieg von Deep Blue über Kasparov im Jahr 1997 wird eine Premiere bleiben), Sie werden diese höllische Mechanik nicht ändern können, ebenso wenig wie Sie den Todestrieb aus dem sprunghaften Eros austreiben können. Es sei denn, Sie verwandeln den Menschen in etwas radikal Anderes.“ 2 Der zweite Teil von Ce qui nous guette fragt nach dieser möglichen Optimierung unserer Gehirne in der Zukunft. In einem Interview gibt Quintreau in Bezug auf seine Poetik (die auch für das jüngste Buch grundlegend ist) zu bedenken: „Ich sehe nicht, wie eine Fiktion, die in einem von Algorithmen und Indikatoren gesteuerten Universum produziert wird, eine lineare, ‚post-balzacsche‘ Erzählung überleben könnte […]. Am anderen Ende des Erzählspektrums lässt eine Geschichte aus einer einzigen Stimme leichter die (in der zeitgenössischen autofiktionalen Literatur häufig anzutreffende) narzisstische und gemütliche Illusion entstehen, dass sich die Welt um einen selbst dreht, während mehrere Perspektiven zu einer gewissen Form der Dezentrierung führen. Wenn Schreiben bedeutet, das große Meer der Andersartigkeit zu befahren, ist es nicht überflüssig, eine genaue Kartografie aller Vorkommen und Zustände (physikalisch-chemische, biologische, berufliche, metaphysische, amouröse …), die man dort finden kann, zu erstellen. Die ‚Themen‘, die Sie ansprechen, sind genau diese Kapseln des ‚Andersseins‘, die diese Gigabytes an jederzeit verfügbaren Daten permanent verbreiten, auf den Bildschirmen und in der Luft, die wir atmen. Diese Vorstellung von Literatur als Produktion von unförmigen Objekten, die sich ebenso wenig auf ein Spiegelbild (eines Innenlebens, einer sozialen Realität …) wie auf eine reine formale Konstruktion (Mallarmé, Nouveau Roman …) reduzieren lassen, verdankt sich einer eifrigen Beschäftigung mit Sterne, Melville, Perec oder Borges ebenso wie den nächtelangen Debatten über die Sache der Literatur zu Zeiten der Revue perpendiculaire, deren Gründungsmitglied ich war.“ 3 In diesem algorithmischen und indikatorengesteuerten Sinne also ist auch die Gliederung von Ève et Adam zu verstehen:

Livre I – Petite chatte sauvage | Kleine Wildkatze (1852)
Livre II – Le paradis retrouvé | Das wiedergefundene Paradies (1874)
Livre III – Du froid, de l’humide, du gluant | Kaltes, Nasses, Klebriges (1895)
Livre IV – Esprits, êtes-vous là ? | Geister, seid ihr da? (1919)
Livre V – Principe de plaisir | Das Lustprinzip (1954)
Livre VI – Le plus bel endroit du monde | Der schönste Ort der Welt (1978)
Livre VII – Le chant des cellules | Der Gesang der Zellen (2013)
Livre VIII – Bureau d’études génétiques | Büro für genetische Studien (2046)
Après la fin, avant le début | Nach dem Ende, vor dem Anfang

Quintreau teilt seine 65 Kapitel in acht Zeitschnitte auf, die ihre Historizität von Begehren und Reproduktion verdeutlichen. Das utopische Ende des Romans wird wie in einem Reigen als Punkt für einen Wiederanfang gedeutet:

Un simple claquement de doigts suffira ainsi à ressusciter Clovis honorant Clotilde ou Charlemagne partageant sa couche avec Himiltrude, Hildegarde, Fastrade ou Liutgarde, odyssées conjugales, sexuelles et cellulaires en amont des nombreuses généalogies que comptera le futur royaume de France. Remontant le long des frontières de l’Austrasie et de la Neustrie, Diane finira bien par rencontrer quelques-uns de ses lointains ancêtres visigoths, burgondes et ostrogoths s’ébattant sur une paillasse qu’un sommaire assemblage de bois protégera des intempéries. Et un beau jour, son salon se peuplera de couples de postados se livrant à de tumultueux ébats sous des huttes tendues en peaux de bêtes : un cadre idéal pour une émission de téléréalité et d’aventure, sauf que n’y existeraient ni équipes de production ni téléspectateurs, rien d’autre que ces paysages à perte de vue, alternance de plaines fouettées par le vent et de collines giboyeuses, peuplées de ces jeunes gens aux allures de hippies se tenant dans l’efflorescence de l’instant, là où l’émerveillement et la terreur se tiennent en un point compact et mouvant.

Laurent Quintreau, Ève et Adam, chap. 65.

Ein Fingerschnippen genügt, um Chlodwig, der Clotilde ehrt, oder Karl den Großen, der sein Bett mit Himiltrude, Hildegard, Fastrade oder Liutgard teilt, wieder auferstehen zu lassen – eheliche, sexuelle und zelluläre Odysseen, die den zahlreichen Genealogien des zukünftigen Königreichs Frankreich vorausgehen. Entlang der Grenzen von Austrasien und Neustrien wird Diane schließlich auf einige ihrer entfernten westgotischen, burgundischen und ostgotischen Vorfahren treffen, die sich auf einem Strohlager tummeln, das durch eine einfache Holzkonstruktion vor Wind und Wetter geschützt ist. Und eines Tages wird ihr Wohnzimmer von post-adoleszenten Paaren bevölkert, die sich unter den mit Tierhäuten bespannten Hütten austoben: Eine ideale Kulisse für eine Reality-Show und ein Abenteuer, nur dass es dort weder Produktionsteams noch Fernsehzuschauer gibt, sondern nur diese endlosen Landschaften, windgepeitschte Ebenen und wildbewachsene Hügel, bevölkert von jungen, hippieähnlichen Menschen, die in der Blüte des Augenblicks stehen, wo Staunen und Schrecken in einem kompakten, beweglichen Punkt liegen.

Mit 1852 ist eingangs der Beginn des zweiten Kaiserreichs aufgerufen. Arbeiterelend und soziale Frage können nicht mehr ignoriert werden. Sophie de Marcheville erfährt von ihrer bevorstehenden Hochzeit. Die Pastiches der wiedererkennbaren Verführungstopoi jeder dieser Epochen werden mit dem kühlem medizinischem Blick auf die Körpervorgänge bei der Befruchtung konfrontiert. Der Autor berichtet übrigens, er habe neben historischen Studien auch recherchiert in den Fiktionen von Émile Zola, Guy de Maupassant, Colette, Simone de Beauvoir, Raymond Queneau, Roger Nimier, Françoise Sagan usw. 4 Die Irritation beim Lesen angesichts der Explizitheit der aufs Physisch-Biologische reduzierten Vorgänge hat nicht eigentlich mit einer pornographischen Obszönität zu tun, es ist etwas Sezierendes, wenn nicht gar etwas Versuchsleiterhaftes des Eugenikers in dieser Erzählhaltung.

Suzanne vient de partir précipitamment vers le pont d’Asnières, à sept cents mètres de là, provoquant par sa course un pic des œstrogènes, immédiatement suivi de la libération de l’ovocyte.

Quant aux quelques centaines de spermatozoïdes rescapés du coitus interruptus, la plupart d’entre eux continuent à se faufiler à travers le col de l’utérus. Certains ont enfin atteint les trompes. Une infime minorité arrive à proximité du cumulus oophorus pour se fixer à l’enveloppe glycoprotéique de la zone pellucide mais un seul – ou plutôt une seule, car l’heureuse élue est une XX – connaîtra la réaction acrosomique, au cours de laquelle pourra s’opérer la fusion avec la membrane plasmique de l’ovocyte. À la suite d’une succession de fixations oligosaccharidiques, de réactions corticales, de diffusions enzymatiques, de modifications protéiniques, le contenu du spermatozoïde sera intégré au cytoplasme de l’ovule, et l’œuf fécondé. Ainsi formé, le zygote va pouvoir donner forme

À l’embryon

Au fœtus

Au nouveau-né

À la fillette

Et à la jeune femme qu’elle sera vingt-trois ans plus tard, alors que ses propres cellules reproductrices s’apprêteront à se recouvrir de molécules chimiotactiques prêtes à accueillir des spermatozoïdes pour une nouvelle fécondation.

Laurent Quintreau, Ève et Adam, chap. 40.

Suzanne ist gerade eilig zur 700 Meter entfernten Brücke von Asnières aufgebrochen und hat durch ihren Lauf einen Östrogenpeak ausgelöst, auf den unmittelbar die Freisetzung der Eizelle folgt.

Was die wenigen hundert Spermien betrifft, die den Coitus interruptus überstanden haben, so wandern die meisten von ihnen weiter durch den Gebärmutterhals. Einige erreichen schließlich die Eileiter. Eine winzige Minderheit erreicht die Nähe des Cumulus oophorus, um sich an die Glykoproteinhülle der Zona pellucida zu heften, aber nur einer – oder eher eine, denn die Glückliche ist eine XX – erlebt die Akrosomalreaktion, in deren Verlauf die Fusion mit der Plasmamembran der Oozyte stattfinden kann. Nach einer Reihe von Oligosaccharid-Fixierungen, kortikalen Reaktionen, enzymatischen Diffusionen und Proteinmodifikationen wird der Inhalt des Spermiums in das Zytoplasma der Eizelle integriert und das Ei befruchtet. So gebildet, kann die Zygote nun Form geben

Dem Embryo

Dem Fötus

Dem Neugeborenen

Dem Mädchen

Und der jungen Frau, die sie 23 Jahre später sein wird, wenn ihre eigenen Geschlechtszellen sich darauf vorbereiten, sich mit chemotaktischen Molekülen zu überziehen, die bereit sind, Spermien für eine erneute Befruchtung aufzunehmen.

1874 befinden wir uns in einer Zeit nach den ersten überstandenen Krisen der Dritten Republik und Mathilde Goldberg, eine Frau mit hohem intellektuellen Potenzial, verführt den jungen Augustin im Gras. 1895 wird die hübsche Pariserin Thérèse Ehefrau des rustikalen Bauern Fernand Froissard, und er findet das Sexualleben seiner Tiere einfacher zu verstehen als ihr Verhalten. In dieser Zeit schrieb Arthur Schnitzler seine zehn Bühnendialoge Reigen, in denen Mann und Frau sich vor und nach dem Geschlechtsverkehr unterhalten, und sie durchqueren dabei durch Austausch immer einer Person für die nächste Szene wie in einem Reigen die sozialen Schichten. Quintreaus Buch dagegen ist ja keine synchrone soziale Studie, sondern er wählt eine zugleich medizinische und geschichtliche Konfrontation von Familiengeschichte und sexuell-genetischen Vorgängen, in einem anders verstörenden Sinne als noch bei Schnitzlers Reigen: die Dirne und der Soldat; der Soldat und das Stubenmädchen; das Stubenmädchen und der junge Herr; der junge Herr und die junge Frau; die junge Frau und der Gatte; der Gatte und das süße Mädel; das süße Mädel und der Dichter; der Dichter und die Schauspielerin; die Schauspielerin und der Graf; der Graf und (wieder) die Dirne.

Max Ophüls, La Ronde (1950)

1919 wird Thérèses Sohn Jules Froissard gut gelaunt mit seiner Frau Valentine schlafen, völlig unwissend über ihren geheimen, fernen Geliebten im Krieg, Jules ist nur der Ersatz, das Kind freilich wird die genetische Ausstattung des Erzeugers haben…

La méiose terminée – et les gènes du père et de la mère aléatoirement échangés, puis mixés en d’infinitésimaux fragments de chromatine – pourra se dessiner le portrait-robot de l’individu qui devrait venir au monde au début de l’année prochaine. Une fois le programme établi, rien (à part un accident au cours de l’embryogenèse, de l’organogenèse ou de l’enfance, choc traumatique, attaque virale in utero, malnutrition…) ne pourra empêcher sa mise en œuvre. De lui dépendra chacune des caractéristiques les plus observables – taille, morphologie, particularités physiologiques ou psychologiques –, bibelots-surprises sortis de l’un des innombrables tiroirs de l’héritage génétique familial commun (dans notre cas, celui des Froissard et des Aubert), dont les imprévisibles occurrences ne manqueront pas de faire surgir, à l’occasion de la grossesse, une série d’interrogations aussi triviales que pressantes entourant l’arrivée du futur bébé (et dont le degré de précision scientifique varie en fonction de l’époque à laquelle elles appartiennent) :

– Aura-t-il les yeux bleus en amande et la constitution nerveuse de son papa ?

– Le visage sculpté, la tonicité musculaire et l’intelligence vive de sa maman ?

– La haute taille, le caractère sanguin, l’esprit lent et le risque de cancer colorectal de son grand-père paternel ?

– Le nez droit et la tendance maniaco-dépressive de sa grand-mère maternelle, ou le nez bourbonien et les fortes prédispositions à la maladie d’Alzheimer consécutives à la présence du gène ApoE4 de son autre grand-mère ?

– L’inverse ?

– Un peu de tout dans un ordre dispersé ?

Laurent Quintreau, Ève et Adam, chap. 32

Wenn die Meiose abgeschlossen ist – und die Gene von Vater und Mutter zufällig ausgetauscht und dann zu unendlich kleinen Chromatinfragmenten gemischt werden –, kann das Phantombild des Menschen gezeichnet werden, der Anfang nächsten Jahres auf die Welt kommen soll. Wenn das Programm einmal festgelegt ist, kann nichts (außer einem Unfall während der Embryogenese, der Organogenese oder der Kindheit, einem traumatischen Schock, einem Virusangriff in utero, Unterernährung usw.) seine Umsetzung verhindern. Von ihm hängt jedes der am meisten beobachtbaren Merkmale ab – Größe, Morphologie, physiologische oder psychologische Besonderheiten –, überraschender Schnickschnack aus einer der unzähligen Schubladen des gemeinsamen genetischen Familienerbes (in unserem Fall das der Froissards und der Auberts), deren unvorhersehbares Auftreten im Zuge der Schwangerschaft unweigerlich eine Reihe von ebenso trivialen wie drängenden Fragen rund um die Ankunft des zukünftigen Babys aufwirft (und deren Grad an wissenschaftlicher Genauigkeit je nach der Epoche, der sie angehören, variiert):

– Wird er die blauen Mandelaugen und die nervöse Konstitution seines Vaters haben?

– Das wohlgeformte Gesicht, den Muskeltonus und die scharfe Intelligenz ihrer Mutter?

– Die hohe Körpergröße, den sanguinischen Charakter, den langsamen Geist und das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, seines Großvaters väterlicherseits?

– Die gerade Nase und die manisch-depressive Neigung ihrer Großmutter mütterlicherseits oder die bourbonische Nase und die starke Veranlagung zur Alzheimer-Krankheit infolge des ApoE4-Gens ihrer anderen Großmutter?

– Das Gegenteil?

– Ein bisschen von allem in bunter Reihenfolge?

1954 betrügt die 22-jährige Suzanne Rossignol ihren Mann mit André Froissard, der seinen Laden deshalb unter einem Vorwand früher schließt. Ihr Mann Roger ahnt etwas und wird dabei immer gewalttätiger. Diese Generation ist sich ihrer Identität sicher, sie sind verwurzelt, ihre Gier nach Lust hängt auch mit dem erst frisch überstandenen Krieg zusammen.

Comme d’habitude, Daniel s’est effondré après le coït. Parti pour somnoler une bonne heure. Bercée par le rythme de sa respiration, Marlène a tout loisir de se laisser submerger par un flot de questions, comme à cet instant où elle se demande si Pierre Bourdieu a bien reçu son projet de thèse, et surtout s’il acceptera de la diriger. Son laïus sur « la construction du sujet féminin dans l’univers professionnel » l’a-t-il intéressé ? ennuyé ? atterré ? S’il n’est pas partant, qui d’autre pour soutenir son travail ? Va-t-il adhérer à l’idée que les inégalités salariales, les prétendus métiers réservés aux hommes, l’instrumentalisation des corps, la différenciation sexuelle dans les hiérarchies ne sont qu’une construction sociale, elle-même dépendant de jeux de pouvoir au niveau le plus intime, voire cellulaire ?

Laurent Quintreau, Ève et Adam, chap. 40.

Wie üblich sank Daniel nach dem Koitus in sich zusammen. Weg, um eine gute Stunde zu dösen. Marlène, die vom Rhythmus seines Atems eingelullt wird, hat alle Muße, sich von einer Flut von Fragen überwältigen zu lassen, wie in diesem Moment, als sie sich fragt, ob Pierre Bourdieu ihr Dissertationsprojekt erhalten hat und vor allem, ob er bereit sein wird, sie zu betreuen. Hat ihn ihre Rede über „die Konstruktion des weiblichen Subjekts im Berufsleben“ interessiert, gelangweilt, entsetzt? Wenn er nicht mitmacht, wer sonst könnte seine Arbeit unterstützen? Wird er sich der Idee anschließen, dass Lohnungleichheiten, angebliche Männerberufe, die Instrumentalisierung von Körpern und die Geschlechterdifferenzierung in Hierarchien nur ein soziales Konstrukt sind, das seinerseits von Machtspielen auf intimster oder sogar zellulärer Ebene abhängt?

1978 erleben wir mit Marlène Froissard-Delbosc Emanzipation von Formen traditionellen Lebens wie Patriarchat, Katholizismus, Leben am Land. Bourdieus soziologische Arbeit über die Konstruktionen und Konditionierungen des Geschlechterverhältnis steht bei Quintreau für den Aufbruch der Frauen. 2013 dagegen schwanken die Menschen in ihrer Identität, persönlich und sexuell ebenso wie beruflich. Auch was Familie ist, wird in dieser Zeit grundlegend neu begründet, zwischen Coming Out und künstlicher Befruchtung.

Mehr oder weniger implizit wird Eugenik in der historischen Reihe bis 2046 mitverhandelt, die Idee des 19. Jahrhunderts einer Geburtenbeschränkung für die Arbeiterklasse, die angeblich arm an genetischem Kapital sei, rassistische Ideen der Bevölkerungspolitik bis zur technologisch inzwischen möglich gewordenen Auswahl des genetisch besten Reproduktionspartners. Fécondité, der späte natalistische Roman von Émile Zola, hatte die Familie Froment mit ihren zwölf Kindern und die bewusst kinderlosen Familien gegenübergestellt und diskutierte die zeitgenössische Sorge um die Geburtenrate, Zola inszeniert als Mann melodramatisch Empfängnisverhütung und Abtreibung. Die genealogischen Sequenzen, die Laurent Quintreau verknüpft, ergeben ohne vordergründige Ideologisierung einen so irritierenden wie anregenden narrativen Stammbaum, der eine feministische Grundtendenz spüren lässt, auch wenn durchaus auch moderne, nicht-toxische Männlichkeiten in den Figuren präsentiert werden. Der Blick zurück von einer genoptimierten Zukunft von 2013 und 2046 auf den bereits im Jahr 1895 überforderten Bauer Froissard zeigt aber auch, dass ein Familienepos mit Fokus auf die Reproduktionsverhältnisse nicht mehr so einfach zu erzählen ist wie bei der Viehzucht als bäuerlicher Lebensrealität, wenn sie zur Perspektive auf die bildungshungrig sich entziehende Ehefrau aus der Großstadt wird:

Lorsque la toute jeune Parisienne avait débarqué dans la ferme avec ses tenues apprêtées et ses manières distinguées, elle avait éveillé la curiosité des villages alentour. Après les fiançailles et le mariage, tout s’était normalisé : elle est devenue Thérèse Froissard, femme de Fernand Froissard. N’était-ce pas un cadeau empoisonné que lui avait fait sa mère avec cette femme refusant tout contact et passant ses soirées sur ses livres, les travaux de la journée éclusés ? N’aurait-il pas été mieux avec une moins belle à regarder mais plus vivante ? Il a pourtant tout fait, tout essayé, allant jusqu’à astiquer ses chaussures le dimanche et lisser ses moustaches avec coquetterie, mais aucun de ses efforts n’a été couronné de succès. Est-il si laid, si répugnant ?

Il envie la vie sexuelle des bêtes, qui ne s’embarrassent pas de toutes ces questions. Pense aux juments prises de force par des étalons mus par leur seule pulsion. Aux vaches mollement consentantes face aux saillies de taureaux intraitables. Aux chèvres engrossées à l’improviste par d’inflexibles boucs.

Laurent Quintreau, Ève et Adam, chap. 17

Als die blutjunge Pariserin mit ihrer feinen Kleidung und ihren vornehmen Manieren auf dem Bauernhof auftauchte, hatte sie die Neugier der umliegenden Dörfer geweckt. Nach der Verlobung und der Hochzeit hatte sich alles normalisiert: Sie wurde zu Thérèse Froissard, der Frau von Fernand Froissard. War es nicht ein vergiftetes Geschenk, das die Mutter ihm gemacht hatte, mit dieser Frau, die jeglichen Körperkontakt ablehnte und ihre Abende über ihren Büchern verbrachte, während die Arbeit des Tages abgeschüttelt wurde? Wäre er mit einer weniger schön anzusehenden, aber lebendigeren Frau nicht besser dran gewesen? Er hat jedoch alles getan, alles versucht, sogar seine Schuhe am Sonntag poliert und seinen Schnurrbart eitel geglättet, aber keine seiner Bemühungen war von Erfolg gekrönt. Ist er wirklich so hässlich, so abstoßend?

Er beneidet die Tiere um ihr Sexualleben, die sich mit all diesen Fragen nicht belasten. Er denkt an Stuten, die von Hengsten mit Gewalt genommen werden, die nur von ihrem Trieb beherrscht werden. An Kühe, die sich nur zögerlich von unnachgiebigen Bullen decken lassen. An Ziegen, die von unnachgiebigen Ziegenböcken geschwängert werden.

Das Unbehagen, das einen manchmal bei der Lektüre überkommt, mag mit dem konsequenten genetischen Fundament des Textes zu tun haben, aber das Buch lässt sich nicht als rassistisch-biologistisch, auch nicht als genderfeindlich oder homo- bzw. transphob missdeuten, gerade die Episode um die Einführung des mariage pour tous in Frankreich zeigt, dass der Autor einen transepochalen Blick auf den Wandel richtet, statt eine Position vordergründig zu verfechten:

À 14 heures, Barnabé, Élise et Clémentine piétinent dans les couloirs du métro tout en se félicitant de cette foule compacte. Comme sans doute chacun de leurs voisins, ils ont rameuté famille, amis, collègues, connaissances dans la ferme intention de montrer au pays, à l’opinion publique, aux politiques, aux opposants du mariage pour tous, que les partisans de la loi sont également capables de mobiliser en nombre.

Ils sont montés à la station Réaumur-Sébastopol, où les rames bondées résonnaient déjà des exclamations amusées à la vue des slogans humoristiques inscrits sur des pancartes, pour la plupart concoctées entre amis à l’aide d’accessoires achetés au rayon bricolage du BHV. Les deux filles ont écrit en lettres roses sur un carton gris : « Mieux vaut deux mamans heureuses qu’une mâle baisée ! »

Arrivés en haut de l’escalier, ils avisent avec un soulagement qui passe vite à l’euphorie la place Denfert-Rochereau fleurissant de drapeaux et de banderoles aux couleurs de l’arc-en-ciel, avant de se frayer un passage jusqu’à la rue Daguerre.

Olga les attend avec deux autres Femen. Elles ne sont pas en « tenue de combat » et s’en excusent presque. Elles sont venues en amies, ce qui va les changer de la dernière fois (elle fait allusion à la manif anti-mariage pour tous du 18 novembre, organisée par l’institut Civitas, qui s’est terminée par le passage à tabac de plusieurs d’entre elles, ainsi que de la journaliste Caroline Fourest, en marge du cortège). Devant, une association de famille homoparentale déroule une grande banderole « Stop à l’homophobie, oui à l’égalité ».

À droite, un message au président de la République : « François, ne recule pas, les homos sont derrière toi ! », déclenche l’hilarité de tous.

Laurent Quintreau, Ève et Adam, chap. 56.

Um 14 Uhr stapfen Barnabé, Élise und Clémentine durch die Gänge der Metro und freuen sich über die dichte Menschenmenge. Wie wahrscheinlich jeder ihrer Nachbarn haben sie Familie, Freunde, Kollegen und Bekannte in der festen Absicht zusammengerufen, dem Land, der öffentlichen Meinung, den Politikern und den Gegnern der Ehe für alle zu zeigen, dass auch die Befürworter des Gesetzes in der Lage sind, eine große Anzahl von Menschen zu mobilisieren.

Sie sind an der Station Réaumur-Sébastopol eingestiegen, wo die überfüllten Züge bereits von amüsierten Ausrufen über die humorvollen Slogans auf den Schildern widerhallten, die zum größten Teil von Freunden mit Hilfe von Accessoires aus der Bastelabteilung des BHV zusammengestellt worden waren. Die beiden Mädchen schrieben in rosa Buchstaben auf einen grauen Karton: „Besser zwei glückliche Mütter als ein verarschtes Männchen“.

Am oberen Ende der Treppe angekommen, blicken sie mit Erleichterung, die schnell in Euphorie übergeht, auf den Platz Denfert-Rochereau, der mit Fahnen und Bannern in den Farben des Regenbogens geschmückt ist, bevor sie sich ihren Weg zur Rue Daguerre bahnen.

Olga wartet mit zwei anderen Femen auf sie. Sie tragen keinen „Kampfanzug“ und entschuldigen sich fast dafür. Sie sind als Freundinnen gekommen, was ein Unterschied zum letzten Mal sein wird (sie bezieht sich auf die Demonstration gegen die Ehe für alle am 18. November, die vom Civitas Institut organisiert wurde und bei der mehrere von ihnen und die Journalistin Caroline Fourest am Rande des Zuges verprügelt wurden). Vorne entrollt eine Vereinigung gleichgeschlechtlicher Familien ein großes Transparent mit der Aufschrift „Stoppt die Homophobie, ja zur Gleichheit“.

Auf der rechten Seite steht eine Botschaft an den Präsidenten der Republik: „François, weiche nicht zurück, die Schwulen und Lesben stehen hinter dir“, was bei allen Beteiligten Heiterkeit auslöst.

Kai Nonnenmacher

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Anmerkungen
  1. „Qu’il s’agisse du désir partagé ou non, du droit de cuissage, de l’adultère, du sexe cool, du mariage pour tous, du matching génétique, le lecteur est témoin de l’évolution des mœurs et des renversements sociétaux qui ont conduit de la domination masculine à l’après MeToo.“>>>
  2. „Le plus probable est l’accroissement de « l’insociable sociabilité de l’homme », pour reprendre l’expression Kant. Opposant les bergers d’Arcadie, aussi paisibles que les troupeaux qu’ils faisaient paître, aux hommes qui font avancer l’histoire, le créateur de l’impératif catégorique regrettait que la rivalité, l’égoïsme, la cupidité, l’envie de dominer, soient précisément à l’origine du développement des sciences, des arts et de la culture. De fait, vous pourrez améliorer les performances calculatoires du cerveau (mais à jouer à ce petit jeu-là on sera toujours perdant, et la victoire de Deep Blue sur Kasparov en 1997 restera une première) vous ne changerez pas cette mécanique infernale, de même que vous n’extirperez jamais les pulsions de mort de l’Eros bondissant. A moins, peut-être, de transformer l’homme en quelque chose de radicalement différent.“ Entretien avec Laurent Quintreau par Jean Bastien, nonfiction.fr, 14. April 2018.>>>
  3. „Je ne vois pas comment une fiction produite dans un univers piloté par des algorithmes et des indicateurs pourrait survivre à un récit linéaire, « post-balzacien » (même si cette expression est à prendre avec des pincettes, le Balzac swedenborgien de Séraphita ou de La Peau de chagrin nous restitue un monde grouillant de mystères et de trous noirs qui peuvent aussi mettre à mal notre sens de la continuité !). Pour se situer à l’autre extrémité du spectre narratif, un récit tissé d’une seule voix prête plus facilement à cette illusion narcissique et douillette (que l’on trouve souvent dans la littérature autofictionnelle contemporaine) que le monde tourne autour de soi alors que plusieurs points de vue mènent à une certaine forme de décentrement. Si écrire, c’est naviguer dans la grande mer de l’altérité, il n’est pas superflu d’établir une cartographie précise de toutes les occurrences et les états (physico-chimiques, biologiques, professionnels, métaphysiques, amoureux…) que l’on peut y trouver. Les « thèmes » que vous évoquez sont précisément ces capsules « d’autreté » que diffusent en permanence ces giga-octets de données disponibles à tout instant, sur les écrans et dans l’air que nous respirons. Cette conception d’une littérature comme production d’objets hirsutes, aussi peu réductibles au reflet (d’une vie intérieure, d’une réalité sociale…) qu’à la pure construction formelle (Mallarmé, nouveau roman…) doit autant à une fréquentation assidue de Sterne, Melville, Perec ou Borges qu’aux nuits de débats consacrés à la Chose littéraire au temps de la Revue perpendiculaire, dont j’ai été membre fondateur.“ Entretien avec Laurent Quintreau par Jean Bastien, nonfiction.fr, 14. April 2018.>>>
  4. Jean Bastien, „Ève et Adam : entretien avec Laurent Quintreau“, nonfiction.fr, 22. Januar 2023.>>>