Aufblühen der Bedeutung selbst: Jean-Michel Maulpoix

Si je devais parvenir un jour à quelque définition du poète ou de la poésie, celle-ci aurait l’allure d’une mosaïque : elle serait faite de morceaux ajointés, de couleurs et de formes différentes, mais solidaires les uns des autres par quelques côtés. Et s’il me fallait rassembler autour d’un motif central les propositions fragmentaires qui la constituent ce ne pourrait être sans doute qu’une question qui serait celle de notre destinée.

Jean-Michel Maulpoix, Adieux au poème 1

Wenn ich eines Tages zu einer Definition des Dichters oder der Poesie gelangen sollte, würde diese wie ein Mosaik aussehen: Sie würde aus aneinandergefügten Stücken bestehen, die unterschiedliche Farben und Formen haben, aber an einigen Seiten miteinander verbunden sind. Und wenn ich die fragmentarischen Vorschläge, aus denen sie besteht, um ein zentrales Motiv herum zusammenfügen müsste, dann könnte das zweifellos nur eine Frage sein, die unseres Schicksals.

Alle kennen die Preisträgerinnen und Preisträger des Prix Goncourt? Das mag für die Romanpreise stimmen, die ökonomisch besser als jede Verlagswerbung wirken. Aber die Nebenpreise gehen hierbei zumindest in Deutschland fast vollständig unter, so die Preise für erste Romane, für Erzählungen und weitere, hier konkret der Prix Goncourt de la poésie, der seit 1985 mit vier Unterbrechungen jährlich vergeben wurde, in den letzten beiden Jahren beispielsweise an Jacques Roubaud und Michel Deguy, in diesem Jahr 2022 an Jean-Michel Maulpoix. Man mag kritisieren, dass fasst nur männliche Dichter die Preise erhielten – wie Yves Bonnefoy (1987), Jacques Réda (1999), Philippe Jaccottet (2003), es kann aber auch eine gewisse zeitliche Verschiebung verantwortlich sein, denn diese Dichter werden letztlich für ihr Lebenswerk geehrt und nicht nur für ein Buch, wie im Fall des Haupt-Goncourtpreises; zu den wenigen geehrten Lyrikerinnen zählen etwa Anise Koltz (2018), Vénus Khoury-Ghata (2011) und Liliane Wouters (2000). Der Poesiepreis erhielt inzwischen den Zusatz „Robert Sabatier“, der damit geehrte Schriftsteller und langjähriges Mitglied der Académie Goncourt Jury war selbst nie Preisträger, ihm, der an der Universität Paris X Nanterre Poesie unterrichtete, verdanken wir eine mehrbändige Geschichte der französischen Lyrik aus den 70er und 80er Jahren, er publizierte darüberhinaus selbst Gedichtbände.

In der Sendung „Boomerang“ von Radio France Inter zu seinem Goncourtpreis bekräftigt Maulpoix: „La poésie est d’abord un acte de présence au monde: Poesie ist in erster Linie ein Akt der Präsenz in der Welt“. Auch wenn der Dichter in einer Anmerkung sein jüngstes Buch Rue des fleurs (Mercure, 2022) scheinbar leicht beschließt mit einer Bemerkung über die Gedichte als Blumen, ist das Buch doch auch von Melancholie, Verlust und Sorge geprägt. Er schreibt vielleicht deshalb bekräftigend:

„Gedichte sind Blumen“, heißt es manchmal. Spricht man nicht von einem Florilegium? Dieses Wort bringt uns zum Lächeln. Es geht um etwas anderes als um eine Kunst der Blumensträuße. Jedes Gedicht ist ein Aufblühen von Bedeutung. Die Poesie lässt Schmerz, Liebe, Angst, Schönheit in der Sprache erblühen …, sie bringt diese zum Vorschein, verleiht ihnen eine Stimme, enthüllt sie … Und je näher das Gedicht an der Empfindung, dem Eindruck und dann dem Erblühen bleibt, die es hervorgebracht haben, desto mehr bekräftigt es seine eigene Notwendigkeit. Vielleicht ist das Schreiben eines Gedichts letztlich nichts anderes, als dem Moment der Erzeugung beizuwohnen, dem Aufblühen der Bedeutung selbst, Silbe für Silbe. Ist das nicht das Gegenteil von Rede? Ein Gedicht ist ein lebender Organismus. Es wächst auf dem Papier. Es belebt die Sprache und weckt die Neugierde. Es holt die Wörter aus ihrem Schlummer, es weckt sie auf, es feiert sie. 2

Jean-Michel Maulpoix also ist – in Deutschland unbemerkt – Preisträger diesen Jahres, im November wird er 70, er hatte über Jahre verschiedene institutionelle Aufgaben übernommen, so als Chef der Zeitschrift Le Nouveau Recueil, als Leiter der Maison des écrivains oder als Kommissionsleiter im Centre national du livre. Bemerkenswert für einen Lyriker dieser Generation ist seine eigene ergiebige Homepage. Die Deutsche Nationalbibliothek listet gerade einmal fünf deutsche Publikationen in dem kleinen, verdienstvollen Leipziger Literaturverlag, in Übertragungen von Margret Millischer und Jürgen Strasser: Die rote Schwalbe (2019), Schritte im Schnee (2012), einen Kommentar zu Briefe an einen jungen Dichter von Rainer Maria Rilke (2010), Der Geistschreiber (2009) und Eine Geschichte vom Blau (2009). Das weit umfassendere Werk von Maulpoix bleibt hierzulande also noch zu entdecken. Im Gespräch über neuere Tendenzen der Poesie bekennt sich der Dichter klar zu einer auf Arbeit an Sprache begrenzten Kunst und lehnt performativere, multimediale Formen ab: „Jean-Michel Maulpoix, sind Sie der Meinung, dass die Erweiterung des Gedichts durch andere Kunstformen wie Musik oder Bilder die Gefahr birgt, dass sein Wesen verwässert wird? – Ganz und gar. Ich glaube, dass die Poesie umso stärker ist, je mehr sie sich auf ihr besonderes Medium, d. h. die verbale Sprache, konzentriert. Sie in ein Schauspiel oder eine Performance zu verwandeln, entfernt sie vom literarischen Werk. Man muss sich entscheiden zwischen dem Streben nach der Dimension der Aufführung und dem Ziel der Verbreitung und der Dimension der Arbeit und der poetischen Erfahrung. Für mich setzt Poesie Stille, Lesen, Lernen und eine Bibliothek voraus, an die man sich anlehnen kann.“ 3

Ein zweiteiliges Gedicht in Maulpoix’ Sammlung Rue des fleurs trägt den Titel Comédies de la soif, und es ist ein deutlicher, aber freier intertextueller Bezug auf Rimbauds gleichnamiges Gedicht aus den Dernier vers von 1872. 4 Hugo Friedrich schrieb in Struktur der modernen Lyrik, „‚Hunger‘ und ‚Durst‘ sind Häufigkeitswörter der Rimbaudschen Sprache. Es sind die gleichen, die einst die Mystik und Dante nach biblischem Vorbild gebrauchten, um das heilige Verlangen zu bezeichnen. Bei Rimbaud zeigen die entsprechenden Stellen aber die Richtung ins Unstillbare.“ 5 So wählt Rimbauds Comédie de la soif Bilder des abwesend Untergründigen, des unerreichbaren Grundwassers und des ungelöschten Durstes in einer Welt der Trockenheit:

Au Soleil sans imposture
Que faut-il à l’homme ? boire.

Arthur Rimbaud, Comédie de la soif, I.

Bei Sonne ohne Schattentrug
Was braucht der Mensch? Trinken.

Rimbauds fünfteiliges Gedicht endet mit Sehnsucht nach Linderung des Durstes in Frageform:

Mais fondre où fond ce nuage sans guide,
– Oh ! favorisé de ce qui est frais !
Expirer en ces violettes humides
Dont les aurores chargent ces forêts ?

Arthur Rimbaud, Comédie de la soif, V.

Doch Rinnen, wo zerrinnt führerlos die Wolke,
– Oh! von dem was kühl ist begünstigt!
Aushauchend in diese feuchten Veilchen
von Morgenröten den Wäldern gegeben?

Während Maulpoix im Titel den Plural wählt, ist der Text ungleich kürzer und nicht als Rollenlyrik angelegt. Es ist eine Krisenschau des gealterten Poeten, wie diese angesichts von Rimbauds Jugendlichkeit nicht möglich war. So wie der Band Rue des fleurs insgesamt ja auch eigene umgeschriebene, revidierte, überdachte Texte umfasst, wird hier eine Fortführung Rimbauds signalisiert, die Dichtung personalisiert bzw. in einer (roten!) Wolke verkörpert, die Unstillbarkeit des Durstes wird definitiv konstatiert:

COMÉDIES DE LA SOIF

I

Écrivant (naguère) des poèmes
J’attendais que la langue
Se mît à couler
Comme un ruisseau d’eau claire

Je guettais, j’espérais encore
Mais ce n’était jamais jamais
Qu’un mince filet de signes sombres
Que pouvait-il donner à boire ?

II

Sous le feuillage
Où bat la pluie
La poésie écoute fredonner le paysage
Tournesol ou souliers blessés

Elle a pris le chemin du soleil
Et porte un nuage rouge accroché à sa voix.

JMM, Rue des fleurs

KOMÖDIEN DES DURSTES

I

Beim Schreiben von Gedichten (früher)
Erwartete ich, dass die Sprache
Zu fließen begänne
Wie ein Bach aus klarem Wasser

Ich hielt Ausschau, ich hoffte weiter,
Aber es war nie und nimmer mehr
Als ein dünnes Rinnsal dunkler Zeichen
Was konnte es schon zu trinken geben?

II

Unter dem Blattwerk hört
Wo der Regen aufschlägt
Die Poesie die Landschaft summen
Sonnenblume oder verrottete Schuhe

Sie nahm den Weg zur Sonne
Und führt die Wolke rot an ihrer Stimme haftend.

Aufhorchen lässt auch gleich der selbstbewusste Verweis zu Beginn des Bandes Rue des fleurs, auf Guillaume Apollinaires Zone:

J’ai vu ce matin une jolie rue dont j’ai oublié le nom
Neuve et propre du soleil elle était le clairon

Ich sah eine hübsche Straße heut morgen ihren Namen vergaß ich
Neu und sauber war sie der Sonne Hornsignal

Guillaume Apollinaire, Zone, Ü: J. Hübner

In einer erstaunlichen, glossarartigen Einführung von Maulpoix, Les 100 mots de la poésie, waren neben erwartbaren Begriffen wie Stimme, Metapher, Vers überraschendere Konzepte gewählt (im Französischen alphabetisch angeordnet), die zu lesen bereits ganze Assoziationsketten eigener Lyrikverständnisse auslöst: „Akt · Konfrontation · Alexandriner · Seele · Liebe · Aphasie · Schönheit · Mund-zu-Ohr · himmlisch · Fleisch · Gesang · Lumpensammler · Gelegenheit · Herz · Anfang · Trost · Schnitt · Dämmerung · Kritik · innen, außen · Definition · Wunsch · Distanz · Sanftheit · Elegie · Enjambement · Hoffnung, Erwartung · Exzess · Erfahrung · Ausdruck · machen · Fenster · Figur · Brunnen · Form · Fragment · Wut · Gattung · Höhen · Horror · Ideal · Identität · Nichtwissen · Bild · Inspiration · Intensität · Ich · Sprache · Lesen · Verbindung · Wörtlichkeit · Lyrik · Gedächtnis · Metapher · Metrum · Tod · Muse · Musik · Natur · Sehnsucht · Nacht · Dunkelheit · Ode · man · Orpheus · Landschaft · Leistung · Gedicht · Dichter · poetische Prosa, Prosagedicht · Realität · Blick · Widerstand · Traum · Träumerei · Reim · Rhythmus · Blut · Sinn · Empfindung · Stille · Durst · Einsamkeit · Sonett · Atem · Strophe · subjektiv · erhaben · Zeit · Spannung · Berührung · Übersetzung · Du · vage · Pflanze · Vers · freier Vers · Bibelvers · Leben · Stimme“. 6 Hier bezog der Verfasser sich regelmäßig auf Apollinaire, aber auch auf andere große Moderne wie Baudelaire, Rimbaud, Mallarmé, Michaux. Dieses Motto nun verweist auf die Epochenschwelle 1912 einer Kunst der simultanen Urbanität in Paris, des ästhetischen Bruchs, bei Maulpoix wird in Rue des fleurs dieser Bezug in vier Teilen weitergeschrieben:

  • Banlieue pauvre
  • En automne au fond du jardin
  • Dans le silence de la chambre
  • Rue des fleurs

Wie Apollinaire wechselt Maulpoix zwischen Freien Versen, Prosagedicht und Alexandrinern. Im Gedicht Florilège des Bandes führt das lyrische Ich aus, es imaginiere diese Blumenstraße in allen Städten, die es nicht gibt, es ist die Straße der Träumer, der Deserteure, wo es nie regnet, wo Vögel schwatzen, Kinder singen, wo Versprechen gehalten werden, friedliche Gesten erfolgen und Worte der Liebe gesprochen werden: Rue des fleurs. Maulpoix tauft hier also Apollinaires namenlos gebliebene Straße, und tatsächlich durchzieht die Blume das eigene Werk, auch als Verweis auf Baudelaires Blumen des Bösen, als lebendige Form einer fraglichen, leeren Schönheit:

Nos questions éclosent dans le vide comme les fleurs de cet infini dont nous oublions qu’il nous entoure. Peut-être même ne sont-elles que du vide qui se met à parler, empruntant pour sa convenance ce morceau de chair que nous sommes et qui n’a d’autre raison d’être, dans le silence immense des astres, que de prêter parfois sa plume et sa voix au rien extrême de ce qui est.

JMM, Pas sur la neige

Unsere Fragen blühen in der Leere auf wie die Blumen dieser Unendlichkeit, von der wir vergessen, dass sie uns umgibt. Vielleicht sind sie sogar nur Leere, die zu sprechen anhebt, indem sie sich das Stück Fleisch, das wir sind, für ihre Zwecke ausleiht, das in der unermesslichen Stille der Sterne keine andere Daseinsberechtigung hat, als manchmal seine Feder und seine Stimme dem äußersten Nichts dessen, was ist, zu leihen.

So führt Maulpoix zum Stichwort beauté in seiner Konstellation von hundert Wörtern über die Poesie aus, wie ambivalent für die Moderne das dichterische Verhältnis zur Schönheit sein muss:

So wie man auf den Seiten einer Gedichtanthologie eine Geschichte der Hoffnung verfolgen kann, so begleitet man dort die Ereignisse einer Geschichte der Schönheit. Lange Zeit wurde sie mit dem Guten verwechselt, so dass im klassischen Zeitalter moralischer und ästhetischer Wert sehr nahe beieinander lagen. Die Poesie gehörte zu den belles-lettres, jenem Teil der geistigen Werke, der sich insbesondere mit dem Ausdruck des Schönen befasst, während die schönen Künste dessen Darstellung zum Gegenstand haben. Es scheint, dass diese Allianz mit Charles Baudelaire radikal zerbrach: Die Poesie pflückt die giftigen Blumen des Bösen, während die Schönheit allein steht, kalt, hart, marmoriert wie ein „Traum aus Stein“. Sie ist unempfindlich und bleibt eine Göttin, der der Dichter eine „ewige und stumme“ Liebe widmet. Anders bei Arthur Rimbaud, wo sie in „Venus anadyomena“ wie auf der ersten Seite von Eine Zeit in der Hölle beschimpft, vergewaltigt und in eine elende Hure verwandelt wird. Durch die Beleidigung der Schönheit lernt der Dichter, sie wieder zu begrüßen: Es geht nicht so sehr darum, sie abzuweisen, sondern ihr eine harte Behandlung zukommen zu lassen. Der Dichter wird sich nicht mehr gegen ihre Gefühllosigkeit quälen, sondern sie sich aneignen, indem er sie brutal behandelt. 7

Jean-Michel Maulpoix, pourquoi aimez-vous Les Fleurs du mal de Baudelaire ? Flammarion

Und in Bezug auf das idéal führt Maulpoix sein Verhältnis zu den Blumen des Bösen von Charles Baudelaire aus, als eine Art Parabelbewegung hinauf in den leeren Himmel, das nicht erreichte Ideal in dieser Aufwärtsbewegung wird vorausgesetzt, um in der poetischen Revolte der Rückkehr in die Welt Schönheit zu erlangen:

Wenn der Dichter „für die Leere des Himmels schreibt“ (Pierre Jean Jouve), wendet er sich ihm zu, getrieben von einem starken „Instinkt für den Himmel“ (Stéphane Mallarmé), von dem er weiß, dass er ihn nie befriedigen kann. Im Bewusstsein, dass nur die Realität existiert und nur „die Natur stattfindet“, mimt Mallarmé in seinen Versen weiterhin die Bewegung einer Erhebung für nichts und zu niemandem. Das Schreiben besteht also darin, „das Bewusste, das bei uns fehlt, von dem, was dort oben explodiert“ auf die Seite wie in einen Himmel zu projizieren. Er nennt dies „einsame Feste nach Belieben“, eine Art Rakete, die beim Zurückfallen „die Kräfte des Lebens, die für ihren Glanz blind sind“, erleuchtet. Das heißt, dass man in der Poesie nach der Perspektive Mallarmés diese Bewegung hin zum Ideal, das als unerreichbar erkannt wird, durchlaufen muss, um zur wahren Schönheit der Welt zu gelangen. Bei Charles Baudelaire ist dies mit Gewalt und einer Kraft der Revolte verbunden, wie das Gedicht „L’Idéal“ aus den Fleurs du Mal zeigt. 8

Auch in anderen poetologischen Texten entwirft Maulpoix diese Poesie der Umkehr, die keine Antworten zu geben oder Sinn zu deuten vermag, die aber die Existenz offenhält:

Weniger singend als befragend, weniger inspiriert als hinterfragend, ist die moderne Poesie ein Weben von Wörtern in die Ratlosigkeit. Durch die Präzision ihrer Kunstgriffe öffnet sie die Sprache ein wenig für unsere Unwissenheit. Als Dichter kann derjenige bezeichnet werden, der uns in der Lebendigkeit der Sprache daran erinnert, dass diese Welt nicht beherrscht wird. Derjenige, der uns den Raum, den wir für verschlossen hielten, wieder öffnet (in seiner Tiefe). Derjenige, der uns auffordert, uns wieder auf den Weg zu machen. Er fordert uns auf, ganz einfach zu existieren. […] Es ist also eine Art radikale Umkehr, der wir in der Moderne beiwohnen dürfen: Aus dem einst von den Göttern beschützten Inspirierten ist das ratlose Wesen geworden, das die Frage beschützt. 9

Aus dieser Haltung kommend, äußert sich Maulpoix selbst über die unverständliche, vielleicht für ihn doch verständliche Abwesenheit von Gegenwartslyrik an den gegenwärtigen Universitäten:

Man muss feststellen, dass die zeitgenössische Poesie nur sehr langsam Zugang zu den Universitäten findet, die aktuelle Werke nur mit Vorsicht zu Studienobjekten machen. Das Gewicht der Tradition, der Wettbewerbe und der Aufsätze: Selbst im Bereich der „Forschung“ wagt man sich nur selten über die 1960er Jahre hinaus… So dauerte es beispielsweise bis 1994, bis an der Universität Lille auf Initiative von Dominique Viart das erste Kolloquium über das Werk von Jacques Dupin abgehalten wurde. Nur Yves Bonnefoy und Philippe Jaccottet erfuhren eine frühere Anerkennung, indem einige ihrer Werke in die Programme der Concours d’entrée aux grandes Ecoles aufgenommen wurden. Von den in den 1930er Jahren geborenen Autoren waren nur Michel Deguy und Jacques Réda Gegenstand größerer Kolloquien. Die Anerkennung kommt also nur langsam voran, die Durchdringung erfolgt zufällig, durch diese oder jene besondere Lehrveranstaltung, aber man kann nicht sagen, dass sich ein echter Dialog zwischen der zeitgenössischen Poesie und der Universität entwickelt hätte. 10

Maulpoix bedauert, dass durch den Import wissenschaftlicher Modelle in die geisteswissenschaftlichen Studiengänge das Literarische, die Störung, die Langsamkeit nicht mehr möglich seien, dadurch auch keine großen Dissertationsthemen mehr. Und in diesem Kontext stellt sich Maulpoix die Rolle des Dichters für das Studium der Literaturwissenschaft vor:

Der Anteil der zeitgenössischen Literatur an der Universität, ihre lebendige Präsenz und die konkrete Einbindung von Autoren sollten anders gedacht werden, damit das literarische Geschehen dort Gestalt annimmt. Dazu müsste der Lehrer akzeptieren, dass der Dichter in seinem Kurs als derjenige auftaucht, der den Diskurs des Wissens und der Autorität stören wird. Er muss ihn als denjenigen empfangen, mit dem sich die Frage der Sprache und des Wissens verschärft. Ist die Poesie nicht das Schreiben, das an die Grenzen der Sprache stößt? 11

In Adieux au poème (2005) erklärt sich Maulpoix die Tatsache, dass sowohl eine literaturwissenschaftliche Gedichtforschung wie auch eine Literaturgeschichte der Lyrik nicht wirklich existierten, dadurch, dass diese von Brüchen geprägte Entwicklung der Gattung im Poetischen am präzisesten und unerbittlichsten sich selbst unablässig befragt und kritisiert:

Meines Wissens gibt es keine ernsthafte Studie über kritische Diskurse zur Poesie. Es wurde auch keine Geschichte im eigentlichen Sinne geschrieben. Eine solche würde jedoch einige seltsame Überraschungen bereithalten. Man würde feststellen, wie sehr die Kommentare zwischen Subjektivismus, Mystizismus, Spontaneität und Formalismus schwanken, aber auch, dass die Poesie sowohl vage Diskurse als auch scharfe Parteinahmen hervorruft. Im Laufe der Moderne scheint sich die Kluft zwischen der Strenge der von den Dichtern selbst durchgeführten Analysen und der Ungenauigkeit der von der akademischen Tradition oder von Berufskritikern geäußerten Aussagen immer weiter vergrößert zu haben. Nach außen hin vage, nach innen hart – gibt es eine Kunst, deren Geschichte so sehr von Streitigkeiten, Brüchen und Manifesten geprägt ist wie diese und die sich so sehr gegen sich selbst gewandt hat? In einem intensiven Prozess mit sich selbst muss die Dichtung immer wieder Rechenschaft ablegen, sich selbst rechtfertigen und die Frage nach ihrem Warum beantworten. 12

Liest man also seine Gedichtbände, so ringt hier die Poesie mit sich, mit der Zeit, mit Sprache, mit Existenz, auch mit der Leere und der Abwesenheit Gottes. Maulpoix‘ Prosadichtung steht in der Tradition einer unabschließbaren, rätselhaft bleibenden Modernität, wie sie beispielsweise die Sammlung Une histoire de bleu ausmacht:

Le bleu du ciel se passe de nos services.

Voilà qu’avec des mots sonores nous prétendons le célébrer, quand en réalité nous rédigeons la mièvre apologie de notre misère. Nous réclamons de l’impossible et balançons nos phrases pour ressembler aux dieux. Mal employé, ce bleu n’est qu’un mot de trop dans la langue : une épithète naïve, une épite, ou un épithème, à peine un saignement de nez, un hoquet, pas de quoi faire une histoire ! Et pourtant cela nous occupe : l’infini est plein de péripéties, nul n’en achèvera la chronique. Tout ce bleu, en nous, est une lumière qui brûle, qui attend son jour, qui le chasse à cor et à cri, qui creuse, qui trace, qui détecte, corrompue, sans doute, et vite empiégée, déçue et décevante, mais nous n’en avons pas d’autre, pas de plus intime, il faut s’y plier, il n’est pas de chant pur, pas de parole qui ne rhabille de bleu notre misère.

Comme un linge, le ciel trempe.

JMM, Une histoire de bleu

Das Blau des Himmels bedarf nicht unserer Dienste.

Mit klangvollen Worten geben wir vor, ihn zu feiern, während wir in Wirklichkeit eine schmalzige Apologie unseres Elends verfassen. Wir fordern das Unmögliche und schwingen unsere Phrasen, um wie die Götter zu klingen. Falsch verwendet, ist dieses Blau nur ein Wort zu viel in der Sprache: ein naives Epitheton, ein Epit-Keil oder ein Epithem-Gewebe, kaum ein Nasenbluten, ein Schluckauf, nichts, woraus man eine Geschichte machen könnte! Und doch beschäftigt es uns: Die Unendlichkeit ist voll von Abenteuern, niemand wird die Chronik vollenden. All dieses Blau in uns ist ein Licht, das brennt, das auf seinen Tag wartet, das es lauthals schreiend jagt, das gräbt, das Spuren zieht, das aufspürt, das zweifellos verdorben ist und sich schnell einnistet, enttäuscht und enttäuschend, aber wir haben kein anderes, kein intimeres, wir müssen uns fügen, es gibt keinen reinen Gesang, kein Wort, das unser Elend nicht wieder in Blau kleidet.

Wie ein Tuch wird der Himmel durchnässt.

Nach zwei Trauerbüchern, L’hirondelle rouge und Le jour venu, hat sich Jean-Michel Maulpoix hier eine hellere Gesamtstimmung zurückerobert. In einem Gespräch mit Gérard Noiret hat der Dichter die Hintergründe des Buchtitels ausgeführt: „Rue des fleurs kann somit auf verschiedene Weise verstanden werden: Es ist der Name der Straße, in der ich in einem Vorort von Straßburg wohne, es ist eine Metapher für die Sammlung, es ist ein Strauß der angebotenen Texte, es sind auch die blühenden Alleen des Friedhofs an Allerheiligen. Übrigens dreht sich das Buch um einen Text von früher, dem ich immer noch sehr verbunden bin, „Cimetière“ (Friedhof), der lange Zeit „Toussaint“ (Allerheiligen) hieß. In meiner Vorstellung markiert dieses Buch eine lyrische Pause, aber es ist auch eine Erinnerungsarbeit.“ 13

Das zunächst vielleicht unscheinbar anmutende Gedicht von Maulpoix, das dem jüngsten Gedichtband Rue des fleurs unseres Goncourt-Preisträgers 2022 seinen Namen gab, lässt die akademische Gelehrtheit der Bücherstapel hinter sich und sucht jenseits der schmalzigen Apologie, wie die Avantgarden, die Kunst im Leben:

Rue des fleurs

C’est une très petite rue
Qui va de la chambre à la ville
En traversant de longs couloirs
Où s’empilent cahiers et livres
Elle a pour nom la rue des fleurs
C’est par là qu’ont plié bagage
Les mots échappés de mes pages

Blumenstraße

Das ist eine sehr kleine Straße
Die vom Zimmer in die Stadt führt
Lange Korridore durchquerend
Wo sich Hefte und Bücher stapeln
Sie trägt den Namen Blumenstraße
Dorthin brachen die Wörter auf
Die von meinen Seiten entwichen sind

Anmerkungen
  1. JMM, „Qu’est-ce que la poésie ? ou que dire de la poésie ?“, in: ders., Adieux au poème (Paris: Corti, 2005).>>>
  2. „« Les poèmes sont des fleurs », dit-on parfois. Ne parle-t-on de florilège ? Ce mot fait sourire. Il y va d’autre chose que d’un art des bouquets. Chaque poème est une éclosion de sens. La poésie fait éclore dans la langue la douleur, l’amour, l’angoisse, la beauté…, elle les fait apparaître, leur prête voix, les révèle… Et plus le poème reste proche de la sensation, de l’impression, puis de l’éclosion qui lui ont donné naissance, plus il affirme sa nécessité propre. Écrire un poème, peut-être n’est-ce en définitive que cela, donner à assister au moment de la naissance, à l’éclosion même du sens, syllabe après syllabe. N’est-ce pas tout le contraire du discours ? Un poème est un organisme vivant. Il pousse sur le papier. Il anime le langage et ranime la curiosité. Il sort les mots de leur torpeur, il les réveille, il les fête.“ JMM, Note, in ders., Rue des fleurs (Paris: Mercure de France, 2022.) >>>
  3. Jean-Michel Maulpoix, estimez-vous qu’augmenter le poème d’autres formes d’art comme la musique ou l’image présente un risque de diluer son essence ? – Tout à fait. Je pense que la poésie est d’autant plus forte qu’elle est concentrée sur son médium particulier, autrement dit le langage verbal. La transformer en spectacle ou performance l’éloigne de l’œuvre littéraire. Il faut choisir entre la recherche de la dimension de spectacle et l’objectif de diffusion et la dimension de travail et d’expérience poétique. Pour moi, la poésie suppose du silence, de la lecture, un apprentissage et une bibliothèque à laquelle s’adosser.“ La poésie profite-t-elle de l’époque pour se renouveler ?, Radio France Culture, „Le Temps du débat“, 19. August 2022.>>>
  4. Zum Durst bei Rimbaud vgl. z.B. Hermann H. Wetzel, Rimbauds Dichtung: Ein Versuch, „die rauhe Wirklichkeit zu umarmen“ (Stuttgart: Metzler, 1985), 121f. und 131.>>>
  5. Hugo Friedrich, Struktur der modernen Lyrik, erw. Neuausg. (Reinbek: Rowohlt, 1976), 72.>>>
  6. „acte · affrontement · alexandrin · âme · amour · aphasie · beauté · bouchoreille · céleste · chair · chant · chiffonnier · circonstance · cœur · commencement · consolation · coupe · crépuscule · critique · dedans, dehors · définition · désir · distance · douceur · élégie · enjambement · espoir, espérance · excès · expérience · expression · faire · fenêtre · figure · fontaine · forme · fragment · fureur · genre · hauteurs · horreur · idéal · identité · ignorance · image · inspiration · intensité · je · langue · lecture · lien · littéralisme · lyrisme · mémoire · métaphore · mètre · mort · muse · musique · nature · nostalgie · nuit · obscurité · ode · on · Orphée · paysage · performance · poème · poète · prose poétique, poème en prose · réalité · regard · résistance · rêve · rêverie · rime · rythme · sang · sens · sensibilité · silence · soif · solitude · sonnet · souffle · strophe · subjectif · sublime · temps · tension · toucher · traduction · tu · vague · végétal · vers · vers libre · verset · vie · voix“>>>
  7. „De même que l’on peut suivre, au fil des pages d’une anthologie de poèmes, une histoire de l’espoir, on y accompagne les péripéties d’une histoire de la beauté. Longtemps, elle fut confondue avec le Bien, de sorte qu’à l’âge classique valeur morale et valeur esthétique sont très proches. La poésie appartient alors aux belles-lettres, cette partie des ouvrages de l’esprit qui est plus particulièrement l’expression du beau, tout comme les beaux-arts ont pour objet sa représentation. Il semble que ce soit avec Charles Baudelaire que cette alliance s’est brisée radicalement : la poésie cueille les vénéneuses fleurs du mal, cependant que la beauté se dresse seule, froide, dure, marmoréenne comme un « rêve de pierre ». Insensible, elle demeure une déesse à laquelle le poète voue un amour « éternel et muet ». Il en va autrement chez Arthur Rimbaud où elle se voit injuriée, violentée, transformée en misérable catin, dans « Vénus anadyomène » comme à la première page d’Une saison en enfer. C’est en insultant la beauté que le poète apprend à la saluer de nouveau : il ne s’agit pas tant de l’éconduire que de lui infliger un rude traitement. Le poète ne va plus se meurtrir contre son insensibilité, il se l’approprie en la brutalisant.“ JMM, Les 100 mots de la poésie, „beauté“.>>>
  8. „Si le poète « écrit pour le vide des cieux » (Pierre Jean Jouve), il se tourne vers lui, mu par un puissant « instinct de ciel » (Stéphane Mallarmé) dont il sait qu’il ne parviendra jamais à le satisfaire. Conscient que la réalité seule existe et que seule « la nature a lieu », Mallarmé, dans ses vers, continue de mimer le mouvement d’une élévation pour rien et vers personne. Écrire consiste alors à projeter sur la page comme dans un ciel « le conscient manque chez nous de ce qui là-haut éclate ». C’est là ce qu’il appelle « des fêtes à volonté et solitaires », des sortes de fusées qui en retombant viennent éclairer « les forces de la vie aveugles à leur splendeur ». C’est dire qu’en poésie, selon la perspective mallarméenne, il faut passer par ce mouvement vers l’idéal, reconnu comme inaccessible, pour accéder à la réelle beauté du monde. Chez Charles Baudelaire, il s’y attache de la violence et une puissance de révolte, ainsi que le montre le poème des Fleurs du Mal portant ce titre, « L’Idéal ».“ JMM, Les 100 mots de la poésie, „idéal“.>>>
  9. „Moins chantante qu’interrogative, moins inspirée que questionneuse, la poésie moderne est un tissage de mots dans la perplexité. Par la précision de ses tours, elle entrouvre un peu la langue sur notre ignorance. Peut être dit poète, celui qui nous rappelle, dans le vif du langage, que ce monde n’est pas maîtrisé. Celui qui nous rouvre (en sa profondeur) cet espace que nous croyions fermé. Celui qui nous invite à nous remettre en chemin. Celui qui nous enjoint d’exister, tout simplement. […] C’est ainsi à une espèce de retournement radical que la modernité nous donne à assister : l’inspiré naguère protégé des dieux est devenu l’être perplexe qui protège la question.“ JMM, „Qu’est-ce que la poésie ? ou que dire de la poésie ?“, in: ders., Adieux au poème (Paris: Corti, 2005).>>>
  10. „Force est de constater que la poésie contemporaine n’a que très lentement accès à l’université qui ne constitue qu’avec prudence les oeuvres actuelles en objets d’études. Poids de la tradition, des concours et des dissertations : même en matière de “recherche”, on s’aventure assez rarement au-delà des années 1960… Il a par exemple fallu attendre 1994 pour voir le premier colloque sur l’œuvre de Jacques Dupin se tenir à l’université de Lille, à l’initiative de Dominique Viart. Seuls Yves Bonnefoy et Philippe Jaccottet ont connu une reconnaissance plus précoce, en voyant notamment certaines de leurs œuvres inscrites aux programmes des Concours d’entrée aux grandes Ecoles. Parmi les auteurs nés dans les années trente, il n’est guère que Michel Deguy ou Jacques Réda pour avoir fait l’objet de colloques importants. La reconnaissance est donc lente, l’imprégnation se fait de manière aléatoire, à la faveur de tel ou tel enseignement particulier, mais on ne peut pas dire qu’un véritable dialogue assidu se soit instauré entre la poésie contemporaine et l’université !“ JMM, „Université & Poésie“, Autrement (April 2001), „Zigzag poésie“.>>>
  11. „Il conviendrait de penser différemment la part de la littérature contemporaine à l’université, sa présence vivante, la circulation concrète des auteurs, de manière à ce que le fait littéraire y prenne corps. Il faudrait pour cela que l’enseignant accepte de voir le poète arriver dans son cours comme celui qui va perturber le discours du savoir et de l’autorité. Qu’il le reçoive comme celui avec qui la question du langage et de la connaissance s’aggrave. La poésie, n’est-ce pas cette écriture qui vient buter contre les limites du langage ?“ JMM, „Université & Poésie“, Autrement (April 2001), „Zigzag poésie“.>>>
  12. „Il n’existe pas, à ma connaissance, de sérieuse étude des discours critiques sur la poésie. Nulle histoire, à proprement parler, n’en a été écrite. Celle-ci pourtant réserverait d’étranges surprises. On y vérifierait combien les commentaires oscillent entre subjectivisme, mysticisme, spontanéisme et formalisme ; mais on y découvrirait également que la poésie suscite autant de vagues discours que de partis pris tranchants. Tout au long de l’époque moderne, il semble que le fossé n’ait cessé de se creuser entre la rigueur des analyses conduites par les poètes eux-mêmes et le caractère approximatif des propos tenus par la tradition universitaire ou par les critiques de profession. Vague au dehors, dur au dedans, est-il un art qui ait vu autant que celui-là son histoire jalonnée de querelles, de ruptures et de manifestes, ni qui se soit autant retourné contre lui-même ? En procès intense avec elle-même, la poésie doit sans cesse rendre des comptes, s’auto justifier et répondre à la question de son pourquoi.“ JMM, „Qu’est-ce que la poésie ? ou que dire de la poésie ?“, in: ders., Adieux au poème (Paris: Corti, 2005).>>>
  13. Rue des fleurs peut ainsi être entendu de plusieurs manières : c’est le nom de la rue où j’habite dans la banlieue de Strasbourg, c’est une métaphore du recueil, c’est un bouquet de textes offerts, ce sont aussi les allées fleuries du cimetière à la Toussaint. D’ailleurs, le livre tourne autour d’un texte de naguère auquel je suis resté très attaché, « Cimetière », qui s’est longtemps intitulé « Toussaint ». Dans mon esprit, ce livre marque une pause lyrique, mais c’est aussi un travail de mémoire.“ Gérard Noiret, „Entretien avec Jean-Michel Maulpoix“, En attendant Nadeau, 29. März 2022.>>>