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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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Jean-Michel Maulpoix

Aufblühen der Bedeutung selbst: Jean-Michel Maulpoix

03.10.2201.10.22

Goncourt-Preisträger 2022 für Poesie ist Jean-Michel Maulpoix, mit dem jüngsten Gedichtband „Rue des fleurs“

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Kategorien 2022, Artikel Schlagwörter Jean-Michel Maulpoix

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Rentrée littéraire

Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart

Lektüren und Texte mit Kurzauszügen in eigener Übersetzung von Kai Nonnenmacher

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Artikel | Besprechungen | Debatte | Dialoge | Dystopie | Ekphrasis | France profonde | Romans croisés | Poetiken der Kindheit | Mannsein | Recht schaffen | Judéité | Proben | Reserve |

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  • Vom Stigma zur Selbstermächtigung: Arabité bei Aïda Amara
    Aïda Amaras Roman "Avec ma tête d’arabe" erzählt die Geschichte einer jungen französisch-algerischen Journalistin, deren Identität durch die Pariser Terroranschläge vom 13. November 2015 erschüttert wird. Ausgehend von diesem traumatischen Ereignis entfaltet der Text eine vielschichtige Bewegung in die Familien- und Kolonialgeschichte, die von der Pariser Kindheit der Erzählerin bis in das Kabylien des algerischen Unabhängigkeitskriegs zurückreicht. Die Rezension zeigt, dass der Roman Identität nicht als stabile Gegebenheit, sondern als fragile und fortwährende Rekonstruktionsarbeit inszeniert: Das Trauma zerstört die bisherige Selbstgewissheit und zwingt die Erzählerin dazu, ihre Herkunft, ihre familiären Überlieferungen und ihre Stellung zwischen Frankreich und Algerien neu zu befragen. Im Mittelpunkt der Analyse stehen die raffinierte Verflechtung der drei Zeitebenen, die weibliche Genealogie des Widerstands, die Bedeutung von Sprache und Schlagfertigkeit als Formen der Selbstbehauptung sowie die Funktion des Humors als Strategie gegen Ohnmacht und Angst. So erscheint "Avec ma tête d’arabe" als ebenso persönlicher wie politischer Roman, der individuelle Verletzung mit postkolonialer Erinnerung verbindet und das Schreiben selbst als Akt der Wiedergewinnung eines vielstimmigen, widersprüchlichen und dennoch handlungsfähigen Selbst begreift.
  • Vom defekten Auge zur Poetik des genauen Blicks: Maylis de Kerangal
    Ausgehend von Maylis de Kerangals poetologischem Vortrag "La lentille et le roman" (Verdier, 2026), in dem die Autorin ihr defektes Auge – Schielen, Myopie, Hyperopie, kongenitaler Katarakt – zum Ausgangspunkt einer Theorie des Romans als optisches Instrument macht, untersucht der vorliegende Aufsatz das erzählerische Werk Kerangals auf die dort entwickelten und weitergeführten Sehpoetiken hin. Anhand von elf Texten – von "Sous la cendre" (2006) bis "Jour de ressac" (2024) – werden optische Metaphernfelder, semantische Felder des Visuellen sowie Szenen und Bilder des Sehens, Schauens, der Blindheit und der Unschärfe analysiert und in Bezug auf Kerangals zentrale Unterscheidung zwischen "voir" und "regarder", ihre Spinoza-Analogie des Linsenschleifens als handwerklicher Wahrheitssuche und ihr Schlussmodell der Fresnellinse als diskontinuierlicher, vielschichtiger Romanstruktur interpretiert. Der Aufsatz zeigt dabei, dass die im Manifest formulierte Poetik das Werk nicht eigentlich erklärt, vielmehr nachträglich konsolidiert: Die Romane sind uneindeutiger, politisch gefährlicher und emotional aufgewühlter als das Manifest eingesteht – sie zeigen Linsen als Machtinstrumente, Sehen als körperlichen Schmerz und Scheitern als produktive erzählerische Kraft –, und sie entwickeln mit der Synästhesie und der Ästhetik der Unschärfe Prinzipien, die über die optische Metapher des Manifests weit hinausreichen.
  • Im Niemandsland der Identität: Antoine Rault
    Antoine Raults "La Danse des vivants" (Albin Michel, 2016) folgt einem französischen Soldaten, der 1918 ohne Gedächtnis erwacht, mühelos Französisch, Deutsch und Russisch spricht und unter der Identität des gefallenen deutschen Leutnants Gustav Lerner vom französischen Geheimdienst nach Berlin und ins Baltikum geschleust wird; zwischen Lazarett, Freikorps-Krieg und der Liebe zur russischen Tänzerin Tamara montiert der Roman ein breites Panorama des deutsch-französischen Verhältnisses von 1918/19 – Zusammenbruch des Kaiserreichs, Versailles, Berliner Bürgerkrieg –, an dessen Ende der Held jede nationale Bindung aufkündigt und eine erfundene deutsche Zugehörigkeit wählt. Der Aufsatz liest den Text als "roman croisé" und entfaltet die Leitthese – Rault erzähle die Amnesie eines Einzelnen als Allegorie eines Kontinents, der sein altes Selbst verloren hat, und mache die nationale Differenz nicht zum aufzulösenden Konflikt, sondern zum produktiven, bedeutungsstiftenden Medium – in einer Argumentation, die von der hybriden Gattungssignatur über das dokumentarische Geschichtspanorama, die Erzählarchitektur des "Dazwischen" und die drei Maßstäbe des Deutsch-Französischen (diplomatisches Kräftespiel, sprachliches Verrätselungsdrama, elsässische Grenzexistenz) bis zur autopoetologischen und intertextuellen Selbstreflexion führt; sie belegt dies an konkreten Szenen, etwa am verräterischen "Maurice"/"Moritz", an dem die ganze Tarnung hängt, oder an Klaus Kühns empörter Rückfrage "Quel camp?" –, sodass das wiederkehrende Bild der Grenze, die "nicht zwischen den Figuren, sondern durch sie hindurch" verläuft, aus dem Material entwickelt wird, während die Deutung das produktive Offenhalten der Differenz bis in den bewusst ambivalenten Schluss hinein verfolgt.
  • Neukaledonien – versehrtes Epos und Empathie als Widerstand: Alice Zeniter
    Als "Frapper l'épopée" im August 2024 erschien, stand Neukaledonien in Flammen: Wenige Monate zuvor hatten Aufstände gegen eine in Paris durchgesetzte Wahlrechtsreform vierzehn Tote und Milliardenschäden gefordert. Alice Zeniters bereits 2023 abgeschlossener Roman trat damit in seiner "Vorkrisen-Fassung" mitten in eine brennende Aktualität ein, die er nicht hatte kennen können – ein Zusammenfall, der ihm eine fast prophetische Schwere verlieh. Das Buch erzählt die Heimkehr der jungen Caldoche Tass nach Nouméa, wo sie als Aushilfslehrerin ihrer ungeklärten Familienherkunft nachspürt, während eine kanak Aktivistengruppe um Un Ruisseau mit Aktionen einer "gewalttätigen Empathie" den Kolonisierenden die Erfahrung der Enteignung körperlich spürbar zu machen sucht; in einem phantastischen Sturz ins "Wasserloch" durchlebt Tass schließlich die koloniale Vorgeschichte ihres ins Bagno deportierten Vorfahren Arezki, ehe der Roman in der Gegenwart und einer kaum sichtbaren Schlussgeste – einem mit dem Finger gespurten Aktivistenkürzel – mündet. Der Aufsatz liest das Werk von seinem Titel her, das Verb "frapper" in seiner Doppelbedeutung (schlagen und prägen) als poetologisches Programm eines "versehrten Epos", das die heroische Kolonialerzählung zertrümmert und zugleich ein neues, vielstimmiges und antiheroisches Gedächtnis einschreibt. Erzählen soll hier nicht informieren, sondern sinnlich verunsichern. Flankiert wird diese werkimmanente Lektüre durch eine Einordnung neben Zeniters "L'Art de perdre", eine Auswertung der französischen Rezeption und eine Reflexion über die Verschiebung der Leseperspektive nach den Aufständen vom Mai 2024 – sodass die Besprechung das Buch zugleich als ästhetisches Wagnis und als politisch brisanten Gegenwartstext profiliert.
  • Wahlnacht vor dem Abgrund: Herrschaft, Droge und Autorschaft bei John Jefferson Selve
    John Jefferson Selves’ "La matière humaine" (Gallimard, 2026) spielt an einem einzigen Wochenende im Frankreich der nahen Zukunft, unmittelbar vor einer Präsidentschaftswahl, deren Ausgang längst festzustehen scheint. Über Paris liegt der erwartete Sieg der extremen Rechten wie ein düsteres Verhängnis: Die Hauptstadt erscheint als erschöpfte „Parodie der Parodie“, geprägt von sozialer Spaltung, kultureller Selbstbespiegelung und politischer Resignation. Vor diesem Hintergrund erzählt der Roman von drei entwurzelten Figuren, deren Schicksale durch den Tod eines kindlichen Drogenkuriers miteinander verbunden sind. Aus ihrer Perspektive entsteht das Bild eines Landes, in dem verdrängte Konflikte um Klasse, Rassismus, Kolonialgeschichte und staatliche Gewalt mit neuer Wucht an die Oberfläche drängen. Die Rezension liest "La matière humaine" als politische Diagnose eines Frankreichs, das dem Triumph der extremen Rechten nicht mit Widerstand, sondern mit Betäubung begegnet. Zentral ist dabei die These, dass die Droge im Roman weit mehr als ein Motiv darstellt: Sie tritt als erzählende und herrschende Instanz auf, die eine Gesellschaft beherrscht, deren politische Ohnmacht sich in chemische Anästhesie verwandelt hat. Die Wahlnacht bildet den Fluchtpunkt dieser Diagnose. Bemerkenswerterweise verweigert der Roman die Nennung des eigentlichen Wahlergebnisses und inszeniert es stattdessen als Geräusch, Jubel und kollektiven Rausch – als Symptom eines tieferliegenden gesellschaftlichen Zustands. Die Besprechung zeigt, wie Selve aus dieser Konstellation eine ebenso politische wie poetologische Reflexion entwickelt: Der Tod des Kindes und die Geburt der Schrift erscheinen als zwei Seiten derselben Bewegung, in der sich die Möglichkeit von Aufmerksamkeit gegen die Logik der Betäubung behauptet. So verbindet "La matière humaine" politische Endzeitvision, Gesellschaftskritik und Autorschaftserzählung zu einem Roman, der dem Verhängnis der Wahlnacht schließlich nur eine fragile, aber beharrliche Gegenfigur entgegenstellt: „L’espoir“.
  • Die Chinafahrt von Tel Quel: Ideologie, Eitelkeit und Projektion bei Jean Berthier
    Jean Berthiers Roman "Voyage tranquille au pays des horreurs" (Cherche Midi, 2026) rekonstruiert die historische China-Reise der Tel-Quel-Gruppe um Roland Barthes, Philippe Sollers, Julia Kristeva, Marcelin Pleynet und François Wahl im Frühjahr 1974. Vor dem Hintergrund der späten Kulturrevolution zeigt der Autor, wie die prominenten französischen Intellektuellen einem streng inszenierten Besichtigungsprogramm folgen und dabei weniger das maoistische China als ihre eigenen theoretischen, politischen und ästhetischen Obsessionen wahrnehmen. Bereits die komische Auftaktepisode um Jacques Lacan, der China durch die Kategorien seiner Psychoanalyse zu verstehen glaubt, ohne überhaupt dorthin zu reisen, führt das zentrale Motiv der Projektion ein. Zugleich dient die im Roman erzählte Affäre um Michelangelo Antonionis in China verfemten Dokumentarfilm als Kontrastfolie: Während der Regisseur versuchte, hinter die offizielle Inszenierung zu blicken, fügen sich die Reisenden bereitwillig in sie ein. Der Aufsatz argumentiert, dass Berthier daraus eine ebenso komische wie ernüchternde Satire auf die Blindheit der Intelligenz entwickelt: Semiologie, Psychoanalyse, Avantgardeästhetik und revolutionäre Hoffnung erscheinen nicht als Mittel der Erkenntnis, sondern als Filter, die den Blick auf Gewalt, Verfolgung und politische Realität verstellen. Im Zentrum steht die These, dass die Reisenden das fremde Land zu einer Projektionsfläche ihrer eigenen Wünsche machen und gerade deshalb an der Wirklichkeit vorbeisehen. Berthiers Roman wird dabei als ideengeschichtliche Fallstudie gelesen, die über den historischen Maoismus hinaus die Frage aufwirft, wie intellektuelle Gewissheiten Wahrnehmung verzerren und das Fremde in einen Spiegel des Eigenen verwandeln können.
  • Boualem Sansals „Le Village de l’Allemand“ zwischen Erinnerungskultur und postkolonialem Text
    Dieser Aufsatz ist ausdrücklich keine Besprechung von Sansals Gefängnisjournal "La Légende: libres méditations d'un prisonnier encombrant" (Grasset, 2026), und es soll kurz begründet werden, warum eine solche Besprechung vorerst an dieser Stelle unterbleibt. Das Buch ist ein autobiografischer Haftbericht, der sich selbst als "livre de combat" versteht und noch so dicht in tagesaktuelle Polemiken, Verlagskonflikte und Freund-Feind-Bilanzen verstrickt ist, dass sich seine literarische Eigengestalt kaum vom Lärm um ihn trennen lässt. Statt das Buch verfrüht zu zergliedern, nimmt der Text es zum Anlass, auf den älteren Roman "Le Village de l'Allemand" (Gallimard, 2008) zu verweisen – und vertagt so bis auf Weiteres eine interpretierende Auseinandersetzung mit "La Légende". Der Roman "Le Village de l'Allemand" ist ein „roman croisé", der das Dazwischen nicht nur thematisiert, sondern zum Schreibverfahren erhebt. Anhand der verschränkten Tagebücher der Brüder Schiller, der Isotopie des „village" über vier Todesräume hinweg, der Datumssymmetrie von Massaker und Suizid und der wandernden Lagermetaphorik zeigt er, wie der Roman drei Gedächtnisräume — Shoah, algerischer Bürgerkrieg, französische Banlieue — ineinanderfaltet und Schuld nie als feste Front, sondern als gestaffelt, übersetzbar und nie ganz entscheidbar denkt. Zwei Schlüsselstellen aus Rachels Tagebuch rahmen die Lektüre und werden zugleich zur nachdenklichen Kontrastfolie für "La Légende": Der Romancier, der die Differenz zwischen Bezeugen und Abrechnen einst literarisch durchdrungen hat, erinnert daran, wie fragil die Position des Gerechten bleibt.
  • François Mitterrand zwischen Mythos und Kritik: Annie Ernaux
    Der Essay untersucht die Darstellung François Mitterrands in Annie Ernaux’ "Les années" (2008) im Vergleich zu Mitterrands politischer Streitschrift gegen De Gaulle, "Le Coup d’État permanent" (1964). Im Zentrum steht die Frage, wie beide Texte – trotz ihrer unterschiedlichen Gattungen als autobiografischer Erinnerungsroman und politisches Pamphlet – dasselbe Strukturmerkmal der Fünften Republik sichtbar machen: die Konzentration politischer Hoffnungen, Ängste und Legitimitätsvorstellungen auf eine einzelne charismatische Figur. Während Mitterrand in seiner Kritik an Charles de Gaulle die Gefahren eines personalisierten Präsidialsystems anprangert, beschreibt Ernaux aus der Perspektive eines kollektiven „on“ die Begeisterung, die Erwartungen und die spätere Ernüchterung, die seine eigene Präsidentschaft begleiten. Anhand zentraler Passagen aus "Les années" wird gezeigt, wie Mitterrand von der Symbolfigur des politischen Aufbruchs 1981 über die Enttäuschung der „rigueur“-Jahre bis hin zur Verkörperung von Alter, Vergänglichkeit und historischer Erinnerung wird. Der Vergleich macht deutlich, dass Ernaux nicht nur die affektive Geschichte der französischen Linken erzählt, sondern zugleich das paradoxe Funktionieren eines politischen Systems offenlegt, das selbst seine Kritiker in monarchisch anmutende Erlöserfiguren verwandelt.
  • Montaigne auf der Anklagebank: Philippe Desan
    Der Roman des renommierten Montaigne-Forschers Philippe Desans, "Montaigne – La Boétie: une ténébreuse affaire" (2024), erzählt die berühmteste Freundschaft der französischen Renaissance als literarischen Kriminalfall. Ausgehend von der Begegnung Montaignes und Étienne de La Boéties im Bordeaux des 16. Jahrhunderts entfaltet der Roman die provokante Hypothese, Montaigne selbst könnte für den frühen Tod seines Freundes verantwortlich gewesen sein. Über die Spur eines verschollenen Sonetts, verborgener Dokumente und einer modernen akademischen Untersuchung verfolgt Desan die Wege der Überlieferung bis in die Gegenwart und macht die Rekonstruktion der Vergangenheit zum eigentlichen Gegenstand seiner Erzählung. Der Aufsatz zeigt, dass dieser historische Kriminalroman weit mehr ist als ein gelehrtes Spiel: Er stellt eine fiktionale Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen der Montaigne-Forschung dar und setzt sich dabei implizit mit der humanistischen Montaigne-Deutung Hugo Friedrichs auseinander. Während Friedrich in seiner klassischen Monographie von 1949 die Einheit eines „sehr organisierten Geistes“ und die Konsubstantialität von Leben und Werk betont, entwirft Desan einen Montaigne, dessen Identität, Texte und Erinnerungen von historischen Interessen, editorischen Eingriffen und sozialen Strategien geprägt sind. Der Aufsatz argumentiert, dass Desans Roman die Grenze zwischen Wissenschaft und Fiktion bewusst verwischt, um die grundsätzliche Erzählnatur jeder Interpretation offenzulegen: Lesen erscheint hier als Arbeit mit Indizien, Wahrscheinlichkeiten und Hypothesen, sodass die Geschichte eines möglichen Verbrechens zugleich zu einer Reflexion über die Bedingungen literaturwissenschaftlicher Erkenntnis wird.
  • Reaktionäre Männlichkeit als leere Provokation: Côme Martin-Karl
    Côme Martin-Karls Roman "La réaction" (2019) führt seine Leserinnen und Leser in die bizarre Welt französischer Reaktionäre, Online-Trolle, katholischer Integralisten und monarchistischer Splittergruppen, deren politischer Radikalismus zunehmend ins Komische kippt. Im Mittelpunkt steht Matthieu Richard, ein junger Mann ohne festen Halt, der sich weniger aus Überzeugung als aus Lust an Provokation und Außenseitertum in dieses Milieu treiben lässt. Der Aufsatz zeigt, wie der Roman mit satirischer Schärfe die Rituale, Sprachformen und Selbstbilder einer Szene offenlegt, die ständig von Größe, Tradition und Untergang spricht, dabei jedoch von inneren Widersprüchen und politischer Inhaltsleere geprägt ist. Im Zentrum der Argumentation steht die These, dass Martin-Karl nicht in erster Linie rechte Ideologien karikiert, sondern eine Form männlicher Selbstinszenierung, in der politische Positionen zu Requisiten einer Pose werden. Anhand der Erzählweise, der Figurenbeziehungen und der spannungsreichen Verbindung von politischer Radikalität und homosexuellem Begehren arbeitet die Interpretation heraus, wie der Roman die vermeintliche Härte seiner Protagonisten als Ausdruck eines tiefen Bedürfnisses nach Anerkennung und Besonderheit entlarvt. So erscheint "La réaction" letztlich weniger als politischer Roman denn als brillante Satire auf Männlichkeit, Distinktionssucht und die Verwandlung von Politik in ein Spiel der Selbstdarstellung.
  • Aufrechtstehen im Untergang: New Orleans bei Laurent Gaudé
    Laurent Gaudés Roman "Ouragan" (Actes Sud, 2010) schildert die Verwüstung von New Orleans durch den Hurrikan Katrina und folgt dabei mehreren Figuren, deren Lebenswege sich im Ausnahmezustand der Katastrophe kreuzen. Im Mittelpunkt stehen die fast hundertjährige Josephine, die sich weigert, ihr Viertel zu verlassen, der von seiner Arbeit auf einer Ölplattform traumatisierte Keanu, seine frühere Geliebte Rose sowie ein Geistlicher, dessen Glaube unter dem Druck der Ereignisse zerbricht. Während der Sturm die Deiche sprengt und die Stadt in den Fluten versinkt, werden soziale Unterschiede, persönliche Traumata und verdrängte Konflikte schonungslos sichtbar. Der Roman erzählt die Naturkatastrophe dabei nicht als realistische Chronik, sondern als vielstimmiges Drama über Verlust, Schuld, Liebe und Überleben. Der Aufsatz untersucht, wie Gaudé den historischen Hurrikan in einen mythisch aufgeladenen Erfahrungsraum verwandelt. Ausgangspunkt ist die These, dass der Sturm als „Offenbarungsinstanz“ fungiert: Er zerstört nicht nur Häuser und soziale Ordnungen, sondern legt zugleich den innersten Kern der Figuren frei. Analysiert werden die polyphone Erzählstruktur, die deutliche Nähe zur Form der antiken Tragödie sowie der lyrisch-epische Stil, der das Geschehen über das Dokumentarische hinaushebt. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Zusammenspiel von Stimme und Schweigen, der symbolischen Bedeutung von Raum, Wasser und Körperlichkeit sowie den wiederkehrenden Motiven von Scham, Widerstand und Aufrechtsein. Der Aufsatz argumentiert, dass "Ouragan" soziale Anklage und poetische Verdichtung miteinander verbindet und die Katastrophe als Moment der Wahrheit inszeniert, in dem Untergang und Neubeginn, Verlust und Würde miteinander verbunden werden.
  • Von der Geschichte zur Legende: Alexander der Große bei Laurent Gaudé
    Laurent Gaudés "Pour seul cortège" (2012) verlagert den historischen Alexanderstoff radikal von der Ebene der Ereignisgeschichte auf die Schwelle zwischen Tod und Nachleben. Statt die bekannten Stationen des Eroberers nachzuerzählen, konzentriert sich Gaudé auf das ausgedehnte Sterben Alexanders in Babylon und auf den Kampf um seinen Leichnam, der zum symbolischen Zentrum des Romans wird. Der Aufsatz argumentiert, dass nicht Alexander als historische Figur, sondern sein sterblicher Körper der eigentliche Protagonist des Werkes ist: An ihm bündeln sich Machtansprüche, Erinnerungsarbeit und die Frage nach der Zugehörigkeit des Toten. Ausgehend von einer Analyse der polyphonen Erzählstruktur, der dramatischen Bauform und der mythisch aufgeladenen Bildfelder von Körper, Hunger, Safran und Wind zeigt der Text, wie Gaudé den historischen Roman in eine Tragödie der Stimmen verwandelt. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Figur der Dryptéis, die als Gegenpol zu den machtgierigen Generälen den Übergang vom Besitz des Körpers zur Bewahrung des Geistes verkörpert. Durch den Vergleich mit Gaudés "La mort du roi Tsongor" (2002) und "Le Tigre bleu de l'Euphrate" (2002) wird zudem herausgearbeitet, dass Gaudé ein zentrales Motiv seines Werks fortschreibt: die Frage, wie Tote weiterleben. Die Interpretation deutet "Pour seul cortège" letztlich als Roman über die Macht des Erzählens, das den Menschen der Vergänglichkeit entreißt und ihn in die Sphäre der Legende überführt.

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Lektüren und Texte mit Kurzauszügen in eigener Übersetzung von
Kai Nonnenmacher

Lesehinweise

  • Aufblitzen im Augenblick einer Gefahr: Walter Benjamin bei Aurélien BellangerAufblitzen im Augenblick einer Gefahr: Walter Benjamin bei Aurélien Bellanger
  • Stillstand und Vollendung: Jean-Philippe ToussaintStillstand und Vollendung: Jean-Philippe Toussaint
  • Ende des Gulag, ohne Erlösung: Antoine SénanqueEnde des Gulag, ohne Erlösung: Antoine Sénanque
  • Kulturelle Aneignung als Tragikomödie der GenerationenKulturelle Aneignung als Tragikomödie der Generationen
  • Poetiken der Kindheit: Clothilde Salelles, Nos insomnies (2025)Poetiken der Kindheit: Clothilde Salelles, Nos insomnies (2025)

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