Lektüren und Texte mit Kurzauszügen in eigener Übersetzung
von Kai Nonnenmacher

Selbstverständnis und Arbeitsweise
Die Lektüren auf diesem Blog wollen der Leserschaft das Korpus der französischen Gegenwartsliteratur zeitnah erschließen. Die Artikel bewegen sich dabei zwischen Erzähltextanalyse und literaturwissenschaftlichem Aufsatz einerseits sowie Essay, freier Interpretation und Literaturkritik andererseits. Sie erheben beispielsweise nicht den Anspruch, in jeder Hinsicht den Anforderungen wissenschaftlicher Publikationen in peer-reviewed Journals zu entsprechen, sondern versuchen einen Spagat im Dienst der Literaturvermittlung und des Wissenschaftstransfers. Begonnen wurde das Projekt während der COVID-Pandemie aus dem Lockdown heraus. Die zahlreichen französischen Autorinnen und Autoren sowie Verlage, die sich seither für die ausführlichen Lektüren ihrer Bücher bedankt haben, zeigen meines Erachtens, dass es bislang nur wenige Angebote für eine so zeitnahe wie eingehende Auseinandersetzung mit französischer Gegenwartsliteratur gab – zumal in deutscher Sprache, ohne die Längenbeschränkungen des Zeitungsbetriebs und, zumindest für die Lesenden, ohne Kosten: frei zugänglich auf Deutsch und (durch die Option automatischer Übersetzung zu Artikelbeginn) unter anderem auch auf Französisch und Englisch für ein internationales Publikum.
Zur Arbeit an den Texten gehört heute, wie bei vielen Formen des Schreibens, eine digitale Infrastruktur: verwendet werden unter anderem WordPress, Newslettersoftware, Grafikprogramme, Markdown-Editoren, Texterkennungssoftware (OCR), Programme zur Lektüre von EPUB- und PDF-Dateien sowie Such- und Analysefunktionen zur Erschließung von Textstrukturen, hierbei kommen KI-Anwendungen wie Gemini Notebook oder ChatGPT und Übersetzungswerkzeuge wie Google Translate hinzu, als Hilfsmittel innerhalb eines von mir verantworteten Lese-, Denk- und Schreibprozesses. Auswahl und Lektüre der Bücher, die Entwicklung von Thesen, die Beschreibung und der Vergleich von Texten, die Strukturierung und Abfassung der Artikel, die Erarbeitung von Serien und die Beobachtung literarischer Tendenzen, die Auswahl und Übersetzung von Zitaten sowie die Einordnung der jeweiligen Rezeption bleiben meine Arbeit als Wissenschaftler und Leser. Gerade die Offenlegung dieser Arbeitsweise soll daher nicht die Verantwortung für die Texte relativieren, sondern transparent machen, unter welchen Bedingungen sie im Rahmen eines zeitgenössischen wissenschaftlichen Blogs entstehen.
Die Literaturgeschichte des 21. Jahrhunderts ist noch nicht geschrieben. Die Einzelstudien auf https://rentree.de können angesichts der komplexen Literaturlandschaft als Vorarbeiten dazu gelesen und als solche zitiert werden.
Rubriken
(Les rubriques en français 1 ):
Artikel | Eigene Aufsätze zur französischen Literatur der Gegenwart
Besprechungen | Kürzere Einträge zu einem literarischen Text, Kurzbesprechung oder punktuelle Lektüre, Ideen beim Lesen.
Probe | Ein ausgewählter Auszug, eine Stelle, die für sich stehen kann, übersetzt, aber unkommentiert.
Reserve | Ein Text, ein Werk, ein Autor, der wieder aufgeblättert und wieder aufgenommen wird.
Debatte | Besprechung von literaturwissenschaftlichen, theoretischen Texten mit Relevanz für die französische Literatur der Gegenwart.
Poetiken der Kindheit | Vorstellung von Büchern, die sich literarisch der Lebensphase Kindheit und Jugend annehmen.
Judéité | Französisch-jüdische Literatur ist ein imaginäres Territorium, in dem Zugehörigkeit, Erinnerung und Identität neu verhandelt werden, etwa genealogische Spurensuche und Fragen kultureller/sprachlicher Identität, politische und historische Fragen.
Recht schaffen | Literatur ist hier ein Instrument, mit dem Recht und Gerechtigkeit nicht nur thematisiert, sondern ästhetisch verhandelt und hinterfragt werden.
Dialoge | Texte der Gegenwart, die einen Dialog mit Werken der Literaturgeschichte führen, intertextuell, mal kritisch aktualisierend, mal als Hommage oder Transformation.
Neue Artikel und Besprechungen
Kindheit als Sonde der französischen Gesellschaft: Manon Pignot
Manon Pignots „Les enfants: une autre histoire de la France, XIXe-XXIe siècle“ (Tallandier, 2026) erzählt zwei Jahrhunderte französischer Gesellschaftsgeschichte „à hauteur d’enfant“, von den revolutionären Erbschaften bis zum Skandal um das Internat Bétharram und zu den Berichten der Untersuchungskommission CIIVISE. Die Autorin zeigt, wie sich der „espace moral“ um die Kinder verschiebt: von der liberalen Zurückhaltung des Staates, das Kinderarbeit und Besserungskolonien wie Mettray duldete, über die Schulpflicht, die Kinderpresse und die Schutzgesetze der Dritten Republik, die Kriegs- und Verfolgungserfahrungen zwischen 1914 und 1945 und die Jugendkultur der Nachkriegszeit bis zu den Debatten um Gewalt, Bildschirme und Kinderrechte der Gegenwart. Ihre Leitthese besagt, dass der Fortschritt von Schutz und Rechten und das Fortbestehen von Ungleichheit und Gewalt gleichzeitig wirken und sich nur zusammen verstehen lassen. Die Rezension liest das Buch der Historikerin der Kindheit aus romanistischer Perspektive und fragt, was die Kapitel für eine Kulturgeschichte der Kindheit leistet. Er argumentiert, dass die Synthese als historischer Rahmen belastbar ist, weil sie Normen und Kindererfahrung verbindet und Fortschrittserzählungen ausdrücklich zurückweist, dass sie literarische und autobiographische Zeugnisse (Hugo, Vallès, Sartre, Beauvoir, Genet, Prévert, Matzneff) aber überwiegend als Beleg und kaum als Text mit eigener Erzählperspektive und Rezeptionsgeschichte behandelt. Ebenso weist er auf die ungleiche Einlösung der Doppelperspektive hin, denn Kinderquellen tragen die Kapitel zu den Weltkriegen, während im 19. Jahrhundert der Blick der Erwachsenen dominiert. Daraus leitet er Desiderate für die französische Kultur- und Literaturwissenschaft ab: eine Poetik der Kindheitserzählung, eine gattungsgeschichtliche Erforschung von Kinderpresse und Kinderliteratur und eine Rezeptionsgeschichte der literarisch gewordenen Erinnerung an Anstalten, Krieg und Gewalt gegen Kinder.
➙ Zum ArtikelArchipel der Verwundbarkeit: Japan, Katastrophe, Disziplin und die Kartografie des Fremden bei Éric Faye
Éric Fayes Essay „Fenêtres sur le Japon“ stellt eine essayistische Kartografie der japanischen Kultur und Gesellschaft dar, die durch ein intermediales Netzwerk von etwa fünfzig literarischen Werken und Filmen – vom mittelalterlichen „Hôjô-ki“ des Kamo no Chômei bis zu zeitgenössischen Dystopien – eine alternative Geschichte der japanischen Zivilisation entfaltet, welche nicht die ästhetisierten Oberflächen des Japonismus belichtet, sondern konsequent die Bruchstellen, Katastrophen und verdrängten Peripherien freilegt. Der vorliegende Essay demonstriert, dass Fayes Japanbild auf einer dialektischen Architektur aufbaut: Der Raum wechselt zwischen der Sehnsucht nach klösterlicher Isolation („sakoku“) und dem Albtraum der Binnenhaftigkeit; die Zeit wird nicht als kontinuierlicher Fortschritt, sondern als eine von Naturkatastrophen, Krieg und Nuklearkatastrophe zerfurchte Abfolge von Schockmomenten strukturiert; die Kommunikation verlagert sich systematisch in das „Ma“ – den bedeutungsvollen Negativraum – und in die Gewalt von Schweige-Tabus; während die soziale Ordnung durch eine artifizialisierte Ästhetik der Maskierung („tatemae“) zusammengehalten wird, die für jene, die ihr nicht entsprechen, zur physischen und existenziellen Vernichtung führt. Durch eine detaillierte Analyse dieser vier Analyseebenen wird nachgewiesen, dass Fayes französische Beobachterperspektive – in der Tradition Claudels und Yourcenars – Japan nicht als exotische Projektionsfläche, sondern als einen autonomen Kulturarchipel erkennt, dessen Radikalität und Verwundbarkeit zum poetologischen Spiegel der modernen Welt insgesamt werden: eine gegenseitige Spiegelung, in der die westliche Rationalität ihre eigenen Grenzen erkennt und die japanische Resilienz sich als ein universelles Paradigma der menschlichen Würde im Angesicht des Abgrunds enthüllt.
➙ Zum ArtikelBühne, Strecke, Küste, Maske: Vier Arten, Amerika zu erzählen bei Christine Montalbetti
Christine Montalbetti hat zwischen 2005 und 2022 vier Bücher über Amerika geschrieben, die sich in Form und Haltung stark unterscheiden. „Western“ (2005) erzählt in vier Teilen einen Tag vom Morgengrauen bis zum Abend. Der redselige Erzähler dehnt ein Genrebild von Saloon, Duell und Abritt so lange, bis es zum Versuchsaufbau wird. „Journée américaine“ (2009) folgt einer Autofahrt durch Oklahoma zu einer Ranch in Colorado, auf der eine Erzählerin namens Christine Footballstadien, Maskottchen und Alltagsrituale mit ethnologischer Zärtlichkeit beobachtet. „Plus rien que les vagues et le vent“ (2014) lässt einen namenlosen Franzosen in einer Bar an der Küste Oregons stranden. Er verschränkt die Geschichten seiner Trinkgefährten mit dem Bericht der Lewis-und-Clark-Expedition, bis seine Erinnerung sich auflöst. Die „Romans américains“ (2022) treten als Übersetzungen dreier erfundener amerikanischer Autoren auf, erzählt von Ich-Figuren, hinter denen eine Pseudo-Übersetzerin steht. Der Aufsatz interpretiert diese Texte kontrastiv und fragt, was Amerika in ihnen leistet. Seine These lautet, dass Amerika bei Montalbetti kein Referenzraum ist, sondern ein Repertoire von Erzählschablonen, Bildern und Sprechweisen, an dem das Erzählen selbst verhandelt wird. Die Argumentation beginnt mit vier Szenen und zeigt Amerika nacheinander als Bühne, Strecke, Küste und Maske. Danach liest sie Erzählweise, Poetologie, Metaphorik, Stereotype und intertextuelle Bezüge als Variationen derselben Frage, nämlich wo sich die Autorin im Repertoire aufhält. Sie ist als hörbare Stimme im Erzählertext präsent, als Reisende, die ihren Vornamen nennt, als Fremder, der sein früheres Leben vergisst, und schließlich als Maske. Entlang dieser Verschiebung wird auch die Differenz zu Frankreich jeweils anders verhandelt, als Importware und Zitat, als Standort der Beobachterin, als Körper des Erzählers und als Sprache der Übersetzung. Das Ergebnis ist ein Befund über eine Schreibentwicklung, in der Amerika weniger Gegenstand als Verfahren ist.
➙ Zum ArtikelNähe, Vernichtung: Kolonialkrieg und Nuklearzeitalter bei Xavier Le Clerc
Ein französischer Wehrpflichtiger, kaum den Kriegstrümmern seiner eigenen Kindheit in Dünkirchen entwachsen, findet 1959 in einem von der Armee napalmverbrannten Dorf der Kabylei den siebenjährigen Idir, dessen Eltern verkohlt am Fuß des familiären Töpferofens liegen, und macht ihn zu seinem Sohn: Xavier Le Clercs Roman „Le garçon ébloui“ (Gallimard, 2026) bezahlt diese Adoption mit einer Versetzung in die „verbotene Stadt“ Reggane, wo Sébastien Vandaele den ersten französischen Atomtests ausgesetzt wird und 1985 an deren Spätfolgen stirbt, während der überlebende Idir als Historiker Archive zu Hiroshima, Bikini und Mururoa durchforstet, um die Wahrheit über den Tod des Vaters zu rekonstruieren. Der vorliegende Aufsatz liest diesen Roman als Verschränkung dreier Geschichten, die im kollektiven Gedächtnis selten zusammen gedacht werden, der Kolonialgeschichte Algeriens, der Familiengeschichte einer Adoption quer zu den Fronten und der Wissenschaftsgeschichte der Bombe, und verfolgt dabei, mit welchen Mitteln der Text diese Verschränkung trägt: die Dokumentarfiktion, die Fakten und Erfindung ununterscheidbar ineinanderschiebt, die semantischen Felder von Blendung, Feuer und Asche, das titelgebende Wortspiel um den „Grad“ als Temperatur- wie Verwandtschaftsmaß, sowie ein dichtes intertextuelles Gewebe von Camus bis Jules Verne, das dem Roman seine eigene Poetik der Zeugenschaft liefert. Die Analyse argumentiert, dass gerade die Nähe von Zärtlichkeit und Vernichtung, von privater Vaterliebe und staatlicher Verfügung über Körper, den Roman zu einem Text macht, der seine Leserschaft zwingt, koloniale und nukleare Gewalt nicht als getrennte, sondern als eine einzige, fortgesetzte Geschichte zu lesen.
➙ Zum ArtikelGeorges Perec im Dialog mit der Malerei
Als Fallschirmjäger schrieb Georges Perec 1959 aus einem Militärlager an seinen Freund, den Maler Pierre Getzler, er könnte Maler sein, hätte er die Malerei so betrieben wie die Literatur. Der Band „Dialogue avec les peintres“, den Cécile De Bary im September 2026 bei Seuil herausgibt, versammelt, was aus dieser Möglichkeit geworden ist: Briefe, Notizen, Essays, Katalogtexte, Gedichte und Romanauszüge. Sie sind in drei Teilen geordnet, vom Weg zum Schriftsteller über die Begegnungen mit Malern bis zu einer Schreibweise im Trompe-l’œil. Die Besprechung folgt dieser Anlage Text für Text. Sie zeigt, wie Perec Paul Klee als Maler der Beunruhigung verteidigt, wie ihn Antonellos „Condottiere“ und „Heiliger Hieronymus“ beschäftigen und wie in der Arbeit mit Getzler, Boni, Poli, Clerici und anderen ein Verfahren entsteht, das Bilder weniger als Metapher des Schreibens denn als Auftrag, Gegenüber und Regelstoff behandelt. Dabei treten Spannungen hervor: zwischen Bildlust und Bildzerstörung, zwischen dem Maler, der die Welt beherrscht, und dem, der nur beunruhigt, und zwischen der gemalten Illusion und der Zeit, die sie einholt. Die Rezension würdigt die Quellenarbeit der Herausgeberin, die bisher unveröffentlichte und verstreute Dokumente zusammenführt, und macht an einem Beispiel anschaulich, wie eng Bild und Werk bei Perec verschränkt sind: Als Junge wird er beim Einräumen der Skier von einem Skistock an der Oberlippe getroffen, die Narbe wird zum persönlichen Kennzeichen, und sie führt ihn im Louvre zu Antonellos „Condottiere“, dem Gesicht mit der gleichen Narbe, dessen Nachahmung in seinem ersten Roman den Fälscher scheitern lässt und dessen Spur sich bis in „Un cabinet d’amateur“ verfolgen lässt. Sie schließt mit der These, dass der Band die Perec-Forschung von der Bildmetapher zur dokumentierbaren Praxis der Zusammenarbeit führt.
➙ Zum ArtikelHolz und Asche: Les feuilles mortes und ein verschollener Flügel bei Sonia Devillers
Sonia Devillers erzählt in „Le fabuleux piano“ von der Suche nach einem Konzertflügel der Manufaktur Érard mit der Seriennummer 68037, den der Pariser Musikverleger Wilhelm Enoch 1892 erwarb und den die deutschen Besatzer 1943 aus der Wohnung seines Sohnes Daniel abtransportierten, nachdem französische Polizisten Daniel und Anna Enoch verhaftet hatten und beide in Auschwitz vergast worden waren. Ausgehend von einem Suchaufruf der Berkeley-Forscherin Carla Shapreau, von den Taschenkalendern des Enkels Jacques Enoch und von einer Fülle an Archivalien rekonstruiert eine Ich-Erzählerin drei Generationen einer assimilierten jüdischen Familie, den Raubapparat um Alfred Rosenberg und Herbert Gerigk, die vergebliche Rückgabe nach 1944 und den späten Welterfolg des Chansons „Les Feuilles mortes“. Sie spiegelt das alles im verlorenen Bechstein-Flügel ihrer rumänischen Großmutter. Der Aufsatz liest das Buch als Mischform aus Spurensuche, Familienroman und Selbstbefragung und vertritt die These, dass seine Erzählverfahren aus einer einzigen Leerstelle, dem fehlenden Instrument, ihre Form gewinnen. Die Ich-Stimme verhandelt zwischen belegtem Wissen und Einfühlung, die Montage aus Tagebuch, Brief, Behördenliste und Gespräch tritt dort an die Stelle der Szene, wo Erzählen zur Anmaßung würde, und die Stränge des Textes laufen kontrapunktisch nebeneinander her. Ein Bildfeld aus Holz, Ziffern, Feuer und Leere macht Entmenschlichung als Verdinglichung lesbar. Die Gestalt des Jacques Enoch, die Frauen am Rand der männlichen Erbfolge und die Anschlüsse an Berlioz sowie an Prévert und Kosma erweitern diesen Befund. Der Vergleich von Prolog und Epilog führt zur Schlussthese: Das Schreiben übernimmt die Stelle des verlorenen Instruments, und Worte füllen die ausgeräumten Räume.
➙ Zum ArtikelAmerika als Durchgangsraum: Montréal bei Maurice G. Dantec
Maurice G. Dantecs Roman „Babylon Babies“ (Gallimard, 1999) erzählt, wie der Söldner Toorop im Sommer 2013 für die sibirische Mafia die schwangere Québécoise Marie Zorn, Trägerin genetisch manipulierter Klon-Zwillinge im Auftrag einer Sektenfinanzierin, aus Zentralasien nach Montréal bringt und am Ende auf einem Schiff Richtung Pazifik steht. Der Aufsatz liest diesen Weg als Bild Amerikas, das ohne die Vereinigten Staaten auskommt: Die Handlung umkreist sie als Gerücht, Käuferphantasie, Wirbelsturm und Fernsehbild, während das frankophone Québec zum Schwellen- und Laborraum wird, in dem sich die Ängste der späten neunziger Jahre (Bikerkrieg, Sekten, Klonschaf Dolly, Jahr-2000-Problem, Klimaextreme) verdichten, bevor die Bewegung nach Westen über den Kontinent hinausführt. Die Argumentation stützt sich auf drei Schritte. Sie rekonstruiert erstens die Entstehungsbedingungen des Textes in Montréal um 1998, liest zweitens die Raumbewegung gegen die europäische Amerika-Tradition von Kafka bis Baudrillard und zeigt drittens, dass der Roman seine Gattungen (Néo-Polar, Cyberpunk, Söldner- und Verschwörungsroman, Western, Apokalypse) wie importierte Waren ausstellt und gegeneinander arbeiten lässt, etwa in der wiederkehrenden Frontier-Figur oder im Rückgriff auf Haraway und Deleuze/Guattari. Das Amerika des Romans erscheint so als europäisch gesehenes, aus Genres und Theorien montiertes Gebilde, dessen Herkunft der Text mitreflektiert. Der Aufsatz grenzt dieses Ergebnis ein, indem er Exotisierung der indigenen Hacker, Registerwechsel und die Bindung der Fokalisierung an Toorop als Grenzen der Perspektive benennt.
➙ Zum ArtikelDer Umzugskarton als Erzählform: Clémentine Mélois
Clémentine Mélois‘ Roman „Choses que je croyais perdues“ (L’Arbalète/Gallimard, 2026) lässt eine Gravurlehrerin, die erst im Mittelteil als Émilie benannt wird, am Tag vor dem Eintreffen der Möbelpacker ihre Wohnung in Kartons packen, nachdem die siebenjährige Beziehung zu dem Softwareprojektleiter Tristan zu Ende gegangen ist. Jeder Gegenstand, vom zerbrochenen Senfglas über den goldgeflickten Dessertteller der Großmutter bis zur bedruckten Küchenpapierrolle, setzt eine Erinnerungsschleife in Gang, in der Kindheit in der Meuse, Barjahre im Süden, Liebe, Entfremdung und eine Nacht mit dem Kollegen Sam erzählt werden. Der Aufsatz liest dieses Verfahren als Poetik der Haltbarmachung: Erzählen verwandelt Dinge in Reliquien, indem es ihnen die Geschichten zurückgibt, die Konsum und Zeit ihnen nehmen. Die Argumentation geht von der Gattungsmischung aus Trennungsroman, Dingroman und Essay aus, zeigt an der Du-Anrede und am Schweigen Tristans, wie gestörte Kommunikation und ungleich verteiltes Gedächtnis das Paar bestimmen, und verfolgt in der Zeitund Raumstruktur die Entleerung der Wohnung als Gegenbewegung zur Fülle des Erzählten. Die Geschlechterperspektive macht sichtbar, wie Tristans Weiblichkeitsnorm die Erzählerin sich selbst entfremdet und wie ihre Komik zur Gegenwehr wird. Intertextuelle und intermediale Bezüge belegen die Autopoetik, und der Vergleich von Anfang und Schluss führt vom „Ich wollte dir sagen“ zum „Ich werde es dir nicht sagen“.
➙ Zum ArtikelDas Deutsche als Befehl: Übersetzung ohne Verständigung bei Serge Joncour
Serge Joncours „Chien-Loup“ (Flammarion, 2018) erzählt zwei Sommer auf demselben Berg im Lot. Im August 1914 überlässt der Bürgermeister von Orcières-le-Bas dem deutschen Dompteur Wolfgang Hollzenmaier, dessen Zirkus der Kriegsausbruch zerstört hat, das verfluchte Haus über dem Dorf, wo er acht Raubkatzen vor der Requisition verbirgt. Das Dorf ohne Männer fürchtet und braucht ihn zugleich, die kinderlose Witwe Joséphine steigt zu ihm hinauf, und in einer Julinacht 1915 brechen die Tiere aus und jagen die Schafherde in die Schlucht. Im August 2017 mietet die Schauspielerin und Malerin Lise nach überstandener Krebserkrankung dasselbe Haus, weil es kein Netz hat, und ihr Mann Franck, ein Filmproduzent, erträgt Dunkelheit und Funkstille nur schlecht. Ein herrenloser Hund, den sie Alpha und Bambi nennen, schließt sich ihnen an, und als Franck im Streit mit seinen Teilhabern Liem und Travis die Angst des Gegenübers sucht, erfährt er von Wilderern die Legende des Dompteurs. Der Aufsatz liest den Roman für die Rubrik „Romans croisés“ und argumentiert, dass Joncour das deutsch-französische Dazwischen vom Sprachlichen ins Räumliche und Tierische verlagert und als Bauprinzip auf allen Ebenen wiederholt. Er zeigt das an der Parallelmontage der Zeitebenen und am Berg als Palimpsest, an einem Deutsch, das als Befehl, unaussprechlicher Name und Feindwort unübersetzt bleibt und gerade darin wirkt, an der spiegelbildlichen Anordnung der Figurenpaare und ihrer Geschlechterordnungen, an den ineinandergeschobenen Bildfeldern von Jagd, Krieg und Technik sowie an der Poetik, in der Legende, Plakat, Zeitung und Satellitenbild die Geschichte als Frage der Vermittlung erscheinen lassen. Der Vergleich von Romananfang und Romanschluss führt vom Laut, den das Dorf keiner Tierart zuordnen kann, zum Hund, der auf zwei Namen hört, und die Conclusion fasst den Befund so: Differenz wird hier nicht aufgehoben, sondern bewohnt.
➙ Zum ArtikelDer Krieg als Handwerk, die Sprache als Wunde: Alexis Jenni
„L’art français de la guerre“ (Gallimard, 2011) erzählt im Kern eine einzige Geschichte in zwei Zeitebenen: die eines Landes, das seine Kriege nicht beendet, sondern nur verlagert hat. Victorien Salagnon durchläuft als junger Mann drei Kriege – den Widerstand gegen die deutsche Besatzung, den Indochinakrieg, den Algerienkrieg – und lernt in jedem dieselbe Lektion neu: dass Gewalt eine erlernbare, verfeinerbare Technik ist, ein „Handwerk“, das ebenso systematisch weitergegeben wird wie die Kalligrafie, die er parallel dazu übt. Der Aufsatz verfolgt diese These nicht an der großen Schlachtenerzählung, sondern gerade an ihrer Leerstelle: Die berühmteste Episode des Indochinakriegs, Điện Biên Phủ, kommt im Text kein einziges Mal vor; stattdessen zeigt der Roman das Kleinteilige – Hinterhalte, Verhöre, Verwaltungsakte, Erschießungen von Gefangenen am Straßenrand. In dieser Auslassung liegt die Pointe des Titels: Nicht der Sieg, sondern die stille, bürokratisch durchdachte Ausübung von Zwang wird zur eigentlichen „französischen Kunst des Krieges“. Um diese Kriegsgeschichte legt Jenni die Gegenwartsgeschichte eines namenlosen Erzählers, der sich selbst als gescheitert erlebt und bei Salagnon nicht nur Malen, sondern auch Erzählen lernt – eine Rahmenhandlung, die der Aufsatz nicht als bloßes Vehikel, sondern als eigenständige Argumentationsebene liest: In banalen Alltagsszenen, einer an Konsum statt an Nähe zerbrechenden Ehe, einer Polizeikontrolle auf einer Brücke, einem betrunkenen Alten vor dem Fernseher, tauchen dieselben sprachlichen und gedanklichen Muster wieder auf, die in den Kriegskapiteln entwickelt wurden: die Rede vom „ils“, die Sehnsucht nach der klärenden Ohrfeige, das Gefühl der Belagerung. Die Interpretation stützt sich dabei weniger auf die Ähnlichkeit der Ereignisse als auf die Wiederkehr dieser sprachlichen Muster und liest sie als Beleg dafür, dass Frankreich die Sprache seiner kolonialen Kriege nie abgelegt, sondern ins Private und in die Vorstadtrhetorik verschoben hat. Dass der Erzähler am Ende dennoch eine Liebesgeschichte findet – parallel zu Salagnon und Eurydice, die sich nach achtzehn Kriegsjahren endlich wiederfinden –, wird weniger als versöhnliches Ende denn als knapp behauptete, bewusst fragile Gegenwelt gewertet: Tusche statt Blut, ein Zimmer statt eines Krisengebiets, während draußen die nächste Unruhe aufflammt.
➙ Zum ArtikelAmerika als Beglaubigungs- und Verdachtsapparat: Jüdischkeit, Selbsterfindung und amerikanischer Traum bei Karine Tuil
Aus französischer Sicht führt Tuils Roman Amerika als Bühne vor, auf der man sich als Jude beglaubigen lassen kann, solange man das Skript des Aufstiegs beherrscht, und die einen Augenblick später aus demselben Kostüm einen Verdächtigen macht, während in Frankreich dasselbe Wort in der Banlieue Samuel verletzbar macht, sodass Jüdischkeit hier wie dort weniger ein Wesen als eine Rolle ist, deren Wert vom Publikum bestimmt wird. Karine Tuils Roman „L’invention de nos vies“ (Grasset, 2013) erzählt von Samir Tahar, dem Sohn tunesischer Einwanderer aus der Pariser Banlieue, der als Student mit Samuel Baron, einem in Polen geborenen und von einem jüdischen Ehepaar adoptierten Jungen, und mit Nina Roche eine enge Freundschaft bildet. Nach einem Bruch verlässt er Paris, wird von seinem Mentor Pierre Lévy irrtümlich für einen Juden gehalten, widerspricht nicht und baut sich in New York als „Sam Tahar“ eine Karriere auf, die auf Teilen von Samuels Lebensgeschichte beruht, mit einer Ehe in die Familie des Milliardärs Rahm Berg, Auftritten auf CNN und Mandaten für Angehörige gefallener Soldaten und einen verletzten Feuerwehrmann. Zwanzig Jahre später entdeckt der gescheiterte Autor Samuel den Betrug im Fernsehen, und aus dem Wiedersehen entwickelt sich ein Geflecht aus Begehren, Rache und Schreibehrgeiz, bis Samirs radikalisierter Halbbruder in Afghanistan festgenommen wird und die Ermittler in Samirs verschwiegener muslimischer Herkunft ein Terrorindiz sehen. Der Aufsatz liest den Roman als französische Fiktion über die USA, in der „Amerika“ zwei gegenläufige Funktionen erfüllt: Das Land beglaubigt die erfundene Biografie, solange sie in das Skript des Aufstiegs passt, und schreibt dieselbe Verwandlung nach dem 11. September in eine Tarnungserzählung um, die die Sicherheitsbehörden verfolgen. Zentral ist dabei die Jüdischkeit, die der Text nicht als Wesen, sondern als sozialen Code führt: Sie ist Erbe (Samuel), Kostüm (Samir), Prüfstein (Rahm Berg) und am Ende Verdachtskategorie, und dasselbe Kürzel „Sam“ schützt in Frankreich den einen vor Antisemitismus und verbirgt in New York die muslimische Herkunft des anderen. Der Aufsatz zeigt, dass der Roman den amerikanischen Traum nie beim Namen nennt, sondern poetologisch als Praxis aus Namen, Rollen, Medienformaten und den nummerierten Kurzbiografien der Fußnoten verhandelt, und dass der Konflikt zwischen Samir und Samuel die Frage, wem eine Lebensgeschichte gehört, zur Frage nach Autorschaft macht. Der Vergleich von Anfang und Schluss, dem CNN-Bild des gefeierten Anwalts und dem Gang des Freigelassenen durch New York, führt zu der These, dass der Roman den Erfolg nicht als Ausnahme, sondern als Ordnung vorführt, die dieselben Menschen aufsteigen lässt und aussortiert, und dass die einzige Freiheit, die er benennt, außerhalb der Bilder liegt.
➙ Zum ArtikelAlle Artikel | Alle Besprechungen
Narrativa italiana
Gehorsam als Revolte: Disziplin, Ritual und Selbstverlust bei Andrea Oriente
Andrea Orientes Roman „La nostra giovinezza“ (Sellerio 2026) erzählt in fünfzehn Monaten und einem Prolog, wie ein Schüler in eine neofaschistische Jugendsektion eintritt, um der Leere seines Alltags zu entkommen, und dort Liegestütze zählen, Symbole auswendig lernen und Verrat bestrafen lernt, bis er sich dem Freund und Mentor als Austrittswilliger offenbart und selbst geschlagen und verstoßen wird. Der Aufsatz liest das Buch als Roman über Gehorsam, nicht über Überzeugung: Die Gruppe nennt sich rebellisch und baut ein System aus Zeitplan, Rangordnung und Strafe, das den Neuling enger bindet als die Schule, aus der er flieht. Die Argumentation stützt sich auf vier Beobachtungen. Erstens kehrt der Roman die Logik des Initiationsromans um, denn die Schwelle des Anfangs wird am Ende in Gegenrichtung ein zweites Mal überschritten, mit fast wortgleichen Sätzen. Zweitens wird Ideologie nicht argumentiert, sondern über Räume, Körperhaltungen und Zählrituale eingeübt. Drittens ahmt die Form, mit Präsens, Ich-Perspektive, Befehlssyntax und eingeschobenen Wir-Passagen, den Mechanismus nach, den sie ausstellt, und lässt die Lesenden beim ersten Mitlachen die eigene Zustimmung bemerken. Viertens bindet das Feindbild die Gruppe und wird nach innen gewendet, bis jeder Zweifel als Gegner gilt. Ob das Schlusswort „solo libero“ eine Befreiung oder bloß eine Leerstelle meint, lässt der Roman offen, und der Aufsatz hält diese Offenheit als Ergebnis fest.
➙ Zum ArtikelZwei Dichter in Umbruchszeiten: Franziska Meier über Boccaccio und Dante
Franziska Meier zeigt in ihrem Boccaccio-Buch einen Dichter, dessen Leben fast nur in Randspuren greifbar ist, und liest diese Spuren mit Quellenkritik: Selbstaussagen gelten als Stilisierung, Handschriften als Argumente, und das alte Bekehrungsmodell vom heiteren Erzähler zum reuigen Humanisten weicht dem Bild eines Autors, der den Umbruch des 14. Jahrhunderts, von der Pest bis zum Wandel der Dichtungssprache, mit Form, selbstgesetzter Ordnung und Archivarbeit beantwortet. Wie genau sie dabei arbeitet, zeigt sich an der Pestbeschreibung: Die zwei Schweine, die an den Lumpen eines Pesttoten verenden, erscheinen bei ihr als Argument für die durchlässige Grenze zwischen Mensch und Tier und für ein Menschenbild, das ins Wanken gerät. Boccaccios Bezüge zu Dante, als Kopist, Biograph, Kommentator und Kritiker, führen zu drei Dante-Büchern von Meier, die den Dichter ebenfalls von außen und dennoch genau befragen. Das Einführungsbändchen von 2018 stellt der kanonischen Biographie historische Rekonstruktionen gegenüber, etwa einen Ehevertrag, den der erst zwölfjährige Dante nach kanonischem Recht gar nicht hätte schließen dürfen, und ein Verbannungsverfahren, das ihn in die Nähe gemeiner Krimineller rückte. „Besuch in der Hölle“ (2021) schreibt die Rezeption der Komödie als Gesamtgeschichte über 700 Jahre, von den Handschriftenwerkstätten des Trecento über den Florentiner Stadtpatron und die Midlife-Crisis-Deutung bis zu den Höllenvergleichen in den Lagern und der Frage, ob Dante ein Gedicht für alle sei. Der von Meier herausgegebene Sammelband zum „Convivio“ (2018) löst Dantes erstes Exilwerk aus der Vorgeschichte der Komödie und liest es als Versuch eines Neuanfangs, den Meier in ihrem eigenen Beitrag an der Verteidigung des Volgare im ersten Traktat zeigt. So entsteht ein Dante ohne Gewissheitsgarantie: historischer, offener und stärker von seinen Lesern geprägt, als die kanonische Erzählung wollte, und ein Boccaccio, dessen Dante-Bild als Konstruktion erkennbar wird.
➙ Zum ArtikelDas Leben aus zweiter Hand: Übersetzen bei Dario Ferrari
Dario Ferraris Roman „L’idiota di famiglia“ (Sellerio, 2026) erzählt, wie der Übersetzer Igor Nieri im Frühjahr 2023 aus Rom in seine Heimatstadt Viareggio zurückkehrt, um gemeinsam mit seiner Schwester Ester den an Demenz erkrankten Vater, einen pensionierten Philosophielehrer und überzeugten Kommunisten, zu pflegen. Während die Beziehung zu seiner Partnerin Marta, einer erfolgreichen feministischen Autorin, zerbricht und ein öffentlicher Boykottaufruf gegen den von ihm übersetzten Schriftsteller Badwalds seine Berufsehre berührt, entziffert Igor die handschriftlichen Notizen des Vaters zu einer Novelle über die Räterepublik von Viareggio im Mai 1920, deren anarchistischer Held Idargo ihm als verschlüsselte Botschaft erscheint. Der Aufsatz liest diese Konstruktion als Roman der Stellvertretung und entwickelt seine Deutung in vier Schritten: Zunächst zeigt er, dass die Demenz als Poetik wirkt, weil sie dem Vater die Selbstzensur nimmt, die Literatur in seinem Gedächtnis aber unversehrt lässt; sodann erkennt er im Übersetzerberuf das Erzählprinzip des Ich-Erzählers, dessen Ideal der Selbstauslöschung am eigenen Erzählen scheitert und dadurch autopoetologisch fruchtbar wird; drittens bezieht er Geschlechterrollen, Pflegearbeit und Verlagssatire auf die Rahmenhandlung und die Binnenerzählung auf die Rahmenhandlung zurück, sodass Komik und historische Satire als zwei Spiegelungen derselben Familienkonstellation erscheinen; schließlich liest er den Vergleich von Romananfang und Romanschluss als Verschiebung vom Wort zum Ding, die Igors Hoffnung auf die Rolle des Protagonisten widerlegt und ihn auf die des Abschreibers verweist. Die These des Aufsatzes lautet, dass der Titel einen doppelten Sinn trägt, bei Dostojewski den schutzlos guten Menschen, bei Sartre das Kind, das in der Sprache Zuflucht sucht, und dass Ferrari beides auf ein Verfahren bezieht, in dem Treue gegenüber dem Anderen nur als Übertragung möglich ist, nie als Besitz.
➙ Zum ArtikelLeere Räume, volle Bilder: Vincenzo Latronicos Deutschlandromane im Vergleich
Vincenzo Latronico erzählt in „Le perfezioni“ (2022), „La chiave di Berlino“ (2023) und „Una splendida rovina“ (2026) von Menschen, die nach Berlin kommen, um in einer Stadt voller Leerstellen ein Leben nach eigenem Entwurf zu führen. Ein Paar richtet eine Wohnung ein, die auf Fotos vollkommen aussieht und gerade deshalb unbewohnbar wird. Der Essay beschreibt aus eigener Erfahrung das Tempelhofer Feld, den Berliner Lockdown und die Entzauberung eines Mythos. Der jüngste Roman schickt seine Figuren in eine DDR-Ruine, unter deren Boden Schutt und Asbest liegen. Der Aufsatz liest die drei Bücher kontrastiv und folgt einer These: Die Leere, die diese Generation als Freiheit sucht, ist von der Geschichte geleert und vom Markt neu besetzt. Er entwickelt sie in sechs Schritten. Zuerst fragt er nach dem Verhältnis von Raum und Geschichte, dann nach dem Vorrang des Bildes vor dem gelebten Leben. Es folgen die unterschiedlichen Erzählhaltungen, nämlich der Imperfekt-Ton in der Nachfolge Perecs, die Konstellationen des jüngsten Romans in der Tradition Kunderas und die Absage an jede Teleologie in der Coda des Essays. Danach behandelt er Arbeit und Gemeinschaft. Das Deutschland dieser Romane ist ein Land, in dem Italiener eine Wohnung für 118 Euro pro Tag vermieten, weil sie selbst nicht darin leben können, und in einer DDR-Ruine ihre Freiheit suchen, unter deren Boden noch der Asbest liegt. Wer aus Italien kommt, um hier ein Leben nach eigenem Entwurf zu beginnen, findet keinen leeren Raum, sondern einen, den die Geschichte hinterlassen und der Markt längst wieder vermietet hat.
➙ Zum ArtikelRepublik der Gelehrten: Jena, Thüringen und die deutsche Innerlichkeit bei Alberto Rollo
Alberto Rollos Roman „Le attitudini“ (Neri Pozza, 2026) lässt einen italienischen Professor den Briefwechsel zweier Menschen rekonstruieren, die sich 1793 in Neapel begegnen: Marianna Di Dio, genannt Nenna, eine Waise aus dem Salento, die im Haus des britischen Gesandten Hamilton lesen, singen und Sprachen lernt, und Bruno Röder, ein Student aus Fliederoda, der in Jena zwischen Fichte, Schiller, den Brüdern Schlegel und Novalis seinen Platz sucht. Sie sehen sich nicht wieder. Bruno erkrankt an der Lunge und stirbt 1803, bevor er Ancona erreicht, wo man sich treffen wollte, und was danach geschah, füllt der Professor mit Vermutungen, während sein eigener Sohn vor Gericht steht. Der Aufsatz liest dieses Buch als Erzählung über Deutschland und entwickelt seine Deutung in fünf Schritten: Jena erscheint als Gelehrtenrepublik, die den fehlenden Nationalstaat ersetzt; pietistische Innerlichkeit und kaufmännischer Zweckverstand wachsen in derselben Familie; die deutsche Italiensehnsucht wird von einer Italienerin umgekehrt, die den Norden zurückliest; dem Heiligenkult um Novalis steht das Leben unbekannter Zeitgenossen gegenüber; und die Lücken der Überlieferung, geprägt von Bomben, Zufall und Nachlässigkeit, bilden die Gedächtnisform eines Landes, das sich aus Resten erinnert. Aus diesen Schritten folgt die These, dass Rollo die Epoche als Haltung beschreibt und nicht als Staat, als eine Haltung, die zugleich echt und inszeniert ist und an Napoleon, an der Restauration und am Geschäftssinn der eigenen Verwandtschaft scheitert, sich aber als Geste weitergeben lässt. Die Stärke der Argumentation liegt darin, dass sie die Verklärung, die der Stoff nahelegt, am Text selbst prüft und mit den Vettern, den Quellenlücken und Mariannas Selbstbehauptung gegenliest.
➙ Zum ArtikelWas nach dem Brand bleibt: Michele Ruol
Michele Ruols Roman „Inventario di quel che resta dopo che la foresta brucia“ (2024) erzählt vom Tod zweier Brüder bei einem Autounfall und von den achtzehn Jahren danach, in denen ihre Eltern, im Text nur Madre und Padre genannt, einander kaum erreichen. Das Buch ist als Verzeichnis angelegt: Neunundneunzig nummerierte Gegenstände, geordnet nach den Räumen eines Hauses und später eines Autos, rufen je eine kurze Geschichte auf, aus der sich Ehe, Elternschaft, Trauer und ein zäher Zivilprozess um die Schuldfrage zusammensetzen. Der Aufsatz geht von der These aus, dass diese Katalogform das fehlende Gespräch der Figuren ersetzt und dass der Roman damit eine Gegenrechnung zur juristischen Bilanz aufmacht, die die Zukunft der Söhne in Entschädigung umrechnen will. Die Argumentation verläuft in fünf Schritten. Zuerst zeigt sie, wie Raumfolge und Zeitordnung (Präsens der verfallenden Räume, Plusquamperfekt der Erinnerungen) eine Handlung erst im Zusammenlesen entstehen lassen. Dann liest sie den Erzähler, der mehr sieht als beide Eheleute, und die geschlechtlich codierten Kommunikationsformen als Ursachen des Schweigens. Danach folgt sie der Bildlogik von Brand, Flut und Wurzelwerk, in der Padres Modell des Wiederaufbaus gegen Madres Modell des Nachwachsens steht, und liest die Poetik des Romans als Synekdoche und Spurensuche, die intertextuell (Beckett, Szymborska, Dornröschen) und intermedial (Dalí, Fotografie, Chat) abgesichert ist. Schließlich vergleicht sie Romananfang und Romanschluss: Aus der Asche im Flur wird der Reif auf dem Hang, aus dem gerahmten Foto der Toten werden zwei Bäume auf einem Autodach. Das Ergebnis lautet, dass der Roman Wachstum ohne Wiederherstellung erzählt und dabei die eigene Naturmetapher prüft, weil sie sich am Ende als Folge einer Tat der Söhne erweist.
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Poétiques de l’enfance | Présentation d’ouvrages littéraires consacrés à l’enfance et à l’adolescence.
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Rendre justice | La littérature est ici un instrument qui permet non seulement d’aborder les thèmes du droit et de la justice, mais aussi de les traiter et de les remettre en question sur le plan esthétique.
Dialogues | Des textes contemporains qui dialoguent avec des œuvres de l’histoire littéraire, de manière intertextuelle, tantôt dans une actualisation critique, tantôt sous forme d’hommage ou de transformation.>>>