Lektüren und Texte
mit Kurzauszügen in eigener Übersetzung
von Kai Nonnenmacher

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Rubriken
(
Les rubriques en français1 ):

Artikel | Eigene Aufsätze zur französischen Literatur der Gegenwart

Besprechungen | Kürzere Einträge zu einem literarischen Text, Kurzbesprechung oder punktuelle Lektüre, Ideen beim Lesen.

Probe | Ein ausgewählter Auszug, eine Stelle, die für sich stehen kann, übersetzt, aber unkommentiert.

Reserve | Ein Text, ein Werk, ein Autor, der wieder aufgeblättert und wieder aufgenommen wird.

Debatte | Besprechung von literaturwissenschaftlichen, theoretischen Texten mit Relevanz für die französische Literatur der Gegenwart.

Poetiken der Kindheit | Vorstellung von Büchern, die sich literarisch der Lebensphase Kindheit und Jugend annehmen.

Judéité | Französisch-jüdische Literatur ist ein imaginäres Territorium, in dem Zugehörigkeit, Erinnerung und Identität neu verhandelt werden, etwa genealogische Spurensuche und Fragen kultureller/sprachlicher Identität, politische und historische Fragen.

Recht schaffen | Literatur ist hier ein Instrument, mit dem Recht und Gerechtigkeit nicht nur thematisiert, sondern ästhetisch verhandelt und hinterfragt werden.

Dialoge | Texte der Gegenwart, die einen Dialog mit Werken der Literaturgeschichte führen, intertextuell, mal kritisch aktualisierend, mal als Hommage oder Transformation.


Neue Artikel und Besprechungen

Zugehörigkeit als Ausschluss: die fremde Sprache und der Vater als Yekkes bei Manor Dory

Der Roman zeigt, wie jüdische Identität zugleich als historischer Schutz und als normierende Einschreibung im Körper wirkt und den Einzelnen in ein unauflösbares Spannungsverhältnis zwischen Diaspora und israelischer Zugehörigkeit stellt. Ein Sohn schreibt seinem toten Vater in einer fremden Sprache und zeigt dabei, wie sich Geschichte, Herkunft und Macht unauslöschlich in Körper, Namen und Begehren einschreiben – und wie man ihnen nur entkommt, indem man sie neu erzählt. Manor Dorys „Le Gorille“ (Grasset, 2026) untersucht, wie Identität durch historische, körperliche und sprachliche Einschreibungen hervorgebracht wird – und wie sich diese Einschreibungen nicht überwinden, sondern nur transformieren lassen. Ausgangspunkt ist die Konstellation eines autobiographisch grundierten Briefromans, in dem ein Sohn seinem toten Vater, um sich dessen Zugriff zu entziehen und ihn zugleich literarisch neu zu erzeugen. Von hier aus rekonstruiert der Aufsatz die zentralen Bewegungslinien des Textes: die Kindheitserfahrung eines körperlich und symbolisch abweichenden Vaters (Nicht-Beschneidung, Namenswechsel von Reinhard zu Ezer), die eigene Adoleszenz als Phase der gewaltsamen Annäherung an eben diesen Körper und der gleichzeitigen Abwehr (bis hin zur Psychiatrie-Episode und homoerotischen Regungen), sowie das Erwachsenenleben, in dem sich die genealogischen, politischen und erotischen Konflikte in einer transnationalen Existenz zwischen Tel Aviv, Berlin und Paris bündeln. Die Interpretation liest den Roman entlang der These, dass unterschiedliche Machtordnungen – Familie, Religion, Staat, Männlichkeit – homolog funktionieren, insofern sie den Körper markieren, disziplinieren und lesbar machen; die Beschneidung wirkt als paradigmatische Figur, wird jedoch durch Namen, Sprachen und institutionelle Praktiken erweitert. Besondere Aufmerksamkeit gilt den poetologischen Verfahren: der Wahl des Französischen als „privater“ Sprache des Schreibens, der Mosaikstruktur als Abbild eines nicht-linearen Gedächtnisses, der Figur des Deadnamings als Schnittstelle von zionistischer Namenspolitik und queer-theoretischem Denken. Zugleich arbeitet die Rezension die zentrale Paradoxie jüdischer Existenz heraus, die der Roman in eine prägnante Bildform bringt: Was in Europa Überleben sicherte (der unbeschnittene Körper), bedeutet in Israel Ausschluss – eine historische Verkehrung, die sich im Körper des Vaters realisiert und im Schreiben des Sohnes explizit gemacht wird. In dieser Perspektive erscheint das Schreiben selbst als ambivalente Praxis: nicht als Befreiung von Gewalt, sondern als deren Verlagerung in eine selbstbestimmte Form, als „Übersetzung“, die Treue nur durch Verrat ermöglicht. Der Schluss – die Ankündigung eines unbeschnittenen, mehrsprachigen Kindes – wird als bewusste Unterbrechung eines Einschreibungszusammenhangs gedeutet, dessen Fortwirken der Roman zugleich reflektiert und nicht aufhebt.

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Francia als neue Marianne: Allegorie eines kaleidoskopischen Frankreich bei Nancy Huston

„Francia“ (Actes Sud, 2024) von Nancy Huston ist ein zugleich erzählerisch konzentrierter und thematisch weit ausgreifender Roman: Im Zentrum steht die transgeschlechtliche Protagonistin Francia, die aus Kolumbien stammt und die der Roman an einem Maitag im Pariser Bois de Boulogne als Sexarbeiterin begleitet; dieser streng eingegrenzte Zeitrahmen bildet die Bühne für ein vielstimmiges Panorama, in dem siebzehn männliche Kunden – aus unterschiedlichen sozialen, kulturellen und biographischen Kontexten – nacheinander auftreten und ihre verborgenen Bedürfnisse, Traumata und Selbsttäuschungen offenbaren. Durch Rückblenden entfaltet sich zugleich Francias eigene Geschichte vom als Rubén geborenen Kind über die Transition bis hin zur selbstgewählten Identität, die sich im Namen „Francia“ programmatisch mit dem Land Frankreich verschränkt. Der Roman konstruiert so ein „kaleidoskopisches Porträt“ der französischen Gegenwartsgesellschaft, in dem Fragen von Migration, Geschlecht, Männlichkeit und sozialer Ungleichheit ineinandergreifen. Die Interpretation deutet, dass Francia als eine „neue Marianne“ gelesen werden kann, also als moderne Allegorie der französischen Republik selbst: Ihr Körper, ihre hybride Identität und ihre soziale Position bündeln die Widersprüche eines Landes, das von postkolonialer Vielfalt, sozialen Spannungen und kollektiven Traumata geprägt ist. Entsprechend argumentiert der Aufsatz, dass Francia nicht nur individuelle Figur, sondern symbolische Projektionsfläche nationaler Selbstverständigung ist. Dabei wird besonders die doppelte Perspektivstruktur herausgestellt – die expansive Innensicht der Männer versus Francias nüchterne, professionelle Außenwahrnehmung –, aus der sich eine implizite Kritik männlicher Selbstdeutung ergibt: Die Männer erscheinen weniger als autonome Subjekte denn als von Begehren, Angst und gesellschaftlichen Erwartungen Getriebene. Zentral ist ferner die These der Universalisierung von „Prostitution“ als sozialem Prinzip („tout le monde est pute“), die die moralische Sonderstellung der Sexarbeit aufhebt und stattdessen Austausch, Bedürftigkeit und Inszenierung als allgemeine menschliche Praktiken deutet. Die Interpretation liest Hustons Verfahren des Multiperspektivismus, der Polyphonie und der metafiktionalen Selbstreflexion (Figur der „Griffonne“) als poetologisches Programm: Literatur erscheint selbst als Akt der Einfühlung und Aneignung, der ethisch riskant, aber erkenntnisproduktiv ist. Insgesamt zeichnet sie den Roman als zugleich politischen und zutiefst empathischen Text, der gesellschaftliche Konfliktlinien nicht didaktisch auflöst, sondern in der Figur Francias – als „neuer Marianne“ – verdichtet und sichtbar macht.

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Genealogie des Hasses: Autobiographie, Antisemitismus und die Poetik der Geschichte bei Édouard Drumont und Christophe Donner

Christophe Donners Roman „La France goy“ breitet, wie der Aufsatz herausarbeitet, ein genealogisches Erzählprojekt aus, in dem individuelle Familiengeschichte und kollektive Ideologiegeschichte ineinandergreifen: Ausgangspunkt ist die archivalische Spurensuche des Ich-Erzählers nach seinem Urgroßvater Henri Gosset, die sich rasch zu einer weit ausgreifenden Rekonstruktion des französischen Antisemitismus seit dem späten 19. Jahrhundert erweitert. Über Gossets soziale Mobilität und seine Verstrickung in das Umfeld von Léon Daudet und Edgar Bérillon wird die Familie direkt in das ideologische Netzwerk der Zeit eingebunden, während parallel die Biographie Édouard Drumonts als „Anatomie des Hasses“ entfaltet wird, die zeigt, wie persönliches Scheitern, soziale Kränkung und mediale Strategien zu einer wirkungsmächtigen antisemitischen Erzählung kondensieren. Ergänzt wird dieses Geflecht durch Gegenfiguren wie die anarchistische Marcelle Bernard sowie durch die genealogische Perspektive auf den Großvater Jean Gosset, dessen Tod im Konzentrationslager die historischen Linien brutal kulminieren lässt. Die Interpretation argumentiert, dass Donners Verfahren weder rein autobiographisch noch klassisch historisch ist, sondern als „genealogische Archäologie“ eine reflexive Poetik des Archivs entwickelt, in der Dokumente, Fiktion und Selbstbeobachtung ineinandergreifen und die Grenzen zwischen Selbst- und Fremdbiographie systematisch unterlaufen werden. Zentral ist dabei die These einer strukturellen Kontinuität des Antisemitismus, die nicht diskursiv behauptet, sondern erzählerisch vorgeführt wird, indem der Roman ideologische, sprachliche und affektive Sedimente über Generationen hinweg sichtbar macht. Donners literarische Leistung wird darin gesehen, den Antisemitismus nicht nur moralisch zu verurteilen, sondern seine ästhetischen und narrativen Attraktionskräfte offenzulegen: Drumonts Erfolg wird als Resultat einer erzählerischen Logik verstanden, die diffuse Ressentiments in eine kohärente Geschichte überführt. Daraus ergibt sich ein anspruchsvoller kritischer Zugriff, der das Schreiben selbst als ambivalente Macht begreift – als Medium sowohl der ideologischen Verführung als auch der aufklärerischen Gegenarbeit – und der den Roman insgesamt als Versuch liest, durch die literarische Durchdringung genealogischer Verstrickungen eine Form von historischer Erkenntnis zu gewinnen, die über bloße Faktizität hinausgeht.

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Auferstehung: Rausch, Wahn und Offenbarung bei Cécile Delacoudre

Cécile Delacoudres Roman „La Baptiste“ (2026) erzählt die Geschichte einer Pariser Techno-Produzentin, die im Spannungsfeld von künstlerischer Selbstermächtigung, sozialem Absturz und religiöser Ekstase eine radikale Grenzerfahrung durchlebt: Anastasie Hirsch, bipolar und medikamentenverweigernd, deutet ihr Leben zunehmend als messianische Sendung, in der Musik zur Liturgie, die Technoszene zum Sakralraum und die Taufe zum zentralen – zugleich rettenden wie zerstörerischen – Handlungsmuster wird. Der erzählerische Bogen führt von einer exzessiven Geburtstagsnacht im Schatten des Brandes von Notre-Dame de Paris über eine Serie sozialer Verluste (Sorgerecht, Beziehungen, künstlerische Autonomie) bis zur finalen Katastrophe im Schlamm eines Teknivals, wo Vision, Selbstauflösung und ein ambivalentes Moment möglicher „Auferstehung“ ineinanderfallen. Der Aufsatz liest diesen Verlauf nicht als lineare Pathographie, sondern als bewusst offen gehaltene Konstellation dreier gleichrangiger Deutungsrahmen: ethnografische Milieustudie der Technokultur, phänomenologisch präzise Innensicht einer manisch-psychotischen Episode und ernstzunehmende, d.h. nicht ironisierte religiöse Erzählung. Die Argumentationlinie betont, dass der Text die Entscheidung zwischen Wahnsinn und Weisheit (im paulinischen Sinn) systematisch suspendiert: Die unzuverlässige Ich-Erzählinstanz liefert keine korrigierende Außenperspektive, sondern zwingt dazu, klinische Diagnose, mystische Erfahrung und poetische Imagination gleichzeitig mitzudenken. Gerade in dieser epistemischen Unentscheidbarkeit liegt, so die implizite These der Interpretation, eine ästhetische und ethische Radikalität des Romans: Er verweigert sowohl die Reduktion auf Krankheit als auch die Verklärung zur Prophetie und macht stattdessen die Rückkopplung sichtbar, in der jede soziale Niederlage den religiösen Überschuss steigert und jede Ekstase neue Zerstörung erzeugt. So erscheint die Schlussszene – ein Aufstehen aus dem Schlamm an der Hand eines Anderen – weniger als Erlösung denn als minimale, fragile Gegenfigur zu den gescheiterten Großnarrativen von Kunst, Religion und Therapie: ein Möglichkeitsrest, der die Frage nach „Auferstehung“ offenhält, ohne sie zu beantworten.

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Die Blume als Text, Körper und Gefahr: drei Romane von Colette Fellous, Célia Houdart und Constance Guisset

Was verbindet drei sehr unterschiedliche französische Romane der Gegenwart – Colette Fellous‘ „Quelques fleurs“ (Gallimard, 2024), Célia Houdarts „Les Fleurs sauvages“ (P.O.L, 2024) und Constance Guissets „Fleur de peau“ (Flammarion, 2026)? Auf den ersten Blick nur das Botanische ihrer Titel; bei genauerer Lektüre aber ein gemeinsames und vielschichtiges literarisches Projekt: die Befragung, Verschiebung und in manchen Fällen radikale Zerstörung jener symbolistischen Tradition, die die Blume seit Mallarmé als erhabenes, körperloses Zeichen kodiert hat – als „l’absente de tous bouquets“, abwesend aus jedem wirklichen Strauß, aufgestiegen in die reine Idee. Die vorliegende vergleichende Rezension zeigt, wie die drei Autorinnen diese Erbschaft auf je eigene Weise beerben und brechen, indem sie das Pflanzliche ins Körperliche, ins Ökologische und ins Pharmakologische zurückholen. Fellous, deren autofiktionaler Essay in der Formlinie des lyrischen récit operiert, kultiviert die Blume als Mnemotop und als poetologisches Selbstportrait: Ihre Blumen sind stille Zeuginnen des gelebten Lebens, Kondensate von Kindheit, Mutter, Tunis und Paris, und das Buch, das sie schreibt, ist buchstäblich „en ces fleurs caché“ – in den Blumen verborgen, wartend auf den Akt des Schreibens, der sie befreit. Houdart dagegen entzieht der Blume jeden subjektiven Anspruch: Im lakonischen Polyphonie-Erzählen ihrer provenzalischen Figuren sind die Wildblumen ökologische Zeichen einer Natur, die dem Menschen gleichgültig ist und ihn – im Falle der halluzinogenen Datura, die zwei Figuren vergiftet – auch zu schädigen bereit ist, ohne Absicht und ohne Botschaft; botanisches Wissen wird hier zur ethischen und epistemischen Notwendigkeit. Guisset schließlich stellt die romantische Blumenästhetik mit einer systemkritischen Geste auf den Kopf: Ihre Floristin Ava hat dreizehn Jahre lang die Schönheit der Blumen arrangiert und dabei, durch Pestizide in der Haut, ein unsichtbares Gift akkumuliert – die Blume, die als Gegenwelt zur Finanzwelt gewählt wurde, erweist sich als deren Komplizin, und der Körper der Frau als Barometer einer globalen Warenwirtschaft, die Schönheit auf toxischen Substanzen gründet. Der Aufsatz liest diese drei sehr unterschiedlichen Textprojekte entlang einer gemeinsamen Analysedimension: der Funktion der Blume als Zeitfigur, als Körperfigur und als Sprachfigur, und sie argumentiert, dass die zeitgenössische französische Literatur im Blumenmotiv eine Skala aufspannt, die von der mnemotechnischen Kultivierung über die ökologische Nüchternheit bis zum pharmakologischen Paradox reicht – und in Ismaël Judes gleichzeitig erschienenen Roman „Une vie de jasmin“, der als vierter Vergleichstext herangezogen wird, in einer sprachskeptischen Ontologie der reinen Emanation gipfelt, die Mallarmés Idealisierung mit den Mitteln des Körpers und der Biologie konsequent zu Ende denkt.

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Die Welt als Oberfläche, die Oberfläche als Welt: Trompe l’œil und Ekphrasis bei Maylis de Kerangal

Maylis de Kerangals Roman „Un monde à portée de main“ (2018) folgt Paula Karst, einer jungen Pariserin, die an einem Brüsseler Institut die Kunst des Trompe l’œil erlernt und sich später als Dekorationsmalerin durch Filmstudios, Kirchenrestaurierungen und Villen arbeitet, bis sie schließlich an einer monumentalen Reproduktion der Höhlenbilder von Lascaux mitwirkt. Der Aufsatz liest diesen Roman als literarisches Pendant seiner eigenen Thematik: So wie Paulas Malerei darauf abzielt, sich selbst zugunsten einer täuschend echten Oberfläche auszulöschen, verfährt auch Kerangals Prosa ekphrastisch und illusionistisch – sie beschwört Farben, Materialien und visuelle Räume so sinnlich, dass der Leser die Buchstaben hinter der Welt vergisst. Das perfekte Trompe l’œil braucht nicht nur den Moment der Täuschung, sondern auch den der Desillusionierung – erst wenn das Auge die Illusion als Kunst erkennt, entfaltet das Werk seine eigentliche Schönheit. Von da aus weitet die Interpretation die Frage auf das Verhältnis von Original und Kopie aus, das im Roman von der Brüsseler Ausbildung bis zur ägyptischen Grabstatue im Turiner Museum radikal unterlaufen wird: Die Kopie ist nicht Lüge, sondern Schöpfung von Realität – und Paulas Arbeit an Lascaux stellt am Ende die älteste Frage der Kunstgeschichte neu: Was ist ein Original, wenn die Höhlenbilder der Vorzeit selbst nichts anderes wollten, als die Welt so real zu machen, dass man sie berühren könnte?

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Die 35 Kategorien der französischen Literaturlandschaft: Frédéric Beigbeder

Frédéric Beigbeders „Dictionnaire amoureux des écrivains français d’aujourd’hui“ (Plon, 2023) ist ein monumentales und bewusst widersprüchliches Werk: ein auf 281 Einträge verdichtetes Inventar der lebenden französischsprachigen Gegenwartsliteratur, das die lexikographische Form der „Dictionnaires amoureux“-Reihe bis an ihre Grenzen dehnt und zugleich ein Selbstporträt seines Autors ist. Beigbeder definiert seine Methode als „résolument subjective“: Sein Korpus umfasst ausschließlich im August 2023 lebende Romanciers, die direkt auf Französisch schreiben – Essayisten, Lyriker, Dramatiker und Krimiautoren sind ausgeschlossen, Frankophones aus Martinique, dem Maghreb, dem Senegal oder Quebec dagegen eingeschlossen, da der Band literaturpolitisch beansprucht, eine Literatur zu kartieren, die über Frankreich hinausreicht. Das konzeptuell mutigste und polemischste Element des Bandes ist die dem Alphabet vorgeschaltete Taxonomie von achtundzwanzig „Logos des écoles et mouvements littéraires contemporains“ – kleinen Symbolen, mit denen Beigbeder jeden Autor einer oder mehreren Schulen zuordnet und damit tut, was die Literaturwissenschaft für das 21. Jahrhundert bislang unterlassen hat: die Gegenwartsliteratur in verbindliche Strömungen zu gliedern, von der „autoréalité“ (dem Ich als primärem Rohstoff, mit Ernaux und Angot als kanonischen Figuren) über die „faction“ oder Exofiktion (Carrère, Jaenada, Aubenas) und die „glauquistes apocalyptiques“ (Houellebecq, Despentes, Mathieu) bis zu den „néo-hussards“ (Tesson, Kauffmann, Parisis), den „décoloniaux voyageurs“ (Chamoiseau, Condé, Daoud, Mbougar Sarr) und den „révélateurs d’un passé maudit“ (Modiano, Guez, Mukasonga, Littell). Die vorliegende Rezension analysiert Beigbeders Korpusdefinition, seine impliziten Wertkriterien (Stil, Originalität des Blickes, Mut zur Provokation, existenzielles Wagnis), die Kennzeichen der einzelnen Gruppen anhand exemplarischer Personeneinträge und schließlich die Position, die Beigbeder im eigenen Panorama einnimmt – als Romancier, der sich selbst ausgeschlossen hat, aber auf jeder Seite als Instanz präsent bleibt –, um abschließend sowohl die genuine Leistung des Bandes (die Füllung einer realen Lücke, die Qualität der besten Porträts, die heuristische Produktivität der Taxonomie) als auch seine strukturellen Einschränkungen (die Pariser Milieugebundenheit des Blickes, die Kanonisierung des bereits Etablierten, die verdeckte politische Parteilichkeit) zu gewichten.

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Neue Proben

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Reserve: wieder aufgeblättert

Versöhnung ist mitten im Streit: Christine de Mazières

Christine de Mazières’ „Trois jours à Berlin“ (Wespieser, 2019, ich fand etwas ungläubig keine deutsche Übersetzung) verwandelt den 9. November 1989 in ein poetisches Mosaik aus Stimmen, Erinnerungen und Blicken. Eine Französin, Anna, reist in die geteilte Stadt, um den Mann wiederzufinden, dem sie einst begegnete – Micha, Sohn eines ostdeutschen Funktionärs. Zwischen Stasi-Protokollen, inneren Monologen und der überirdischen Perspektive des Engels Cassiel entfaltet der Roman eine polyphone Erzählung der Geschichte als ‘Faltung’: Berlin wird zur vibrierenden Metapher Europas, zur „plaine immense“ voller Ruinen, Sprachen und Sehnsüchte. Der Fall der Mauer erscheint nicht als heroischer Moment, sondern als zarter Augenblick der Durchlässigkeit, in dem Schweigen, Missverständnis und Poesie die Macht der Ideologien unterwandern. „Trois jours à Berlin“ ist als poetische Reflexion eines französischen Blicks auf Deutschland zu interpretieren – als Werk, das die Teilung nicht nur politisch, sondern existentiell erfahrbar macht. De Mazières’ wechselnde Erzählformen, ihr Spiel zwischen lyrischer Innenschau und bürokratischer Kälte, lassen das Ereignis selbst zur Sprache werden: die Versöhnung als ästhetische Bewegung, nicht als historischer Abschluss. In der Spannung zwischen Anna und Micha, zwischen dem Engel Cassiel und den Menschen, findet sich das Bild eines Europas, das seine „part manquante“ sucht – eine verlorene Zärtlichkeit, die sich im Moment der Öffnung wiederfindet.

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Nackte Realität: zur Neuausgabe des frühen Claude Simon

Claude Simons Roman „La corde raide“ (1947) ist ein Mosaik aus Szenen, Erinnerungen und Reflexionen, die vom Bad im Meer mit der jungen Véra über Kindheitserinnerungen und Kriegserlebnisse bis hin zu kunsttheoretischen Betrachtungen reichen. Das „straff gespannte Seil“ im Titel steht für eine heikle Balance zwischen Vitalität und Todesbewusstsein, zwischen chaotischer Lebenserfahrung und deren künstlerischer Formung. Die 2025 von den Éditions de Minuit in einem Band mit „Le tricheur“ (1945) neu herausgegebenen Frühwerke des Autors, präsentiert von Mireille Calle-Gruber, waren lange vergriffen, da Simon ihre Wiederauflage zu Lebzeiten nicht wünschte. Calle-Gruber deutet die Texte als poetologisches Laboratorium, in dem bereits Montage, Fragmentierung, Simultaneität der Zeiten und Vorrang der Sinneswahrnehmung vor Handlung erkennbar sind – Techniken, die sein späteres Werk prägen. Die Neuauflage schließt eine Lücke in der Werkgeschichte, indem sie diesen Moment der literarischen Entwicklung wieder zugänglich macht (beide Texte fehlen in der Pléiade-Ausgabe). – Der Artikel interpretiert „La corde raide“ als nicht-lineare Erzählung, als assoziatives Netz von Szenen und Leitmotiven, die durch semantische Felder wie Wasser, Licht, Vegetation, Körper und Bewegung verknüpft sind. Kriegserfahrungen werden nicht heroisch, sondern als chaotische, körperlich-sensorische Realität geschildert; Kindheitsszenen dienen als Ursprungsschicht der Wahrnehmung und Kontrastfolie zur existenziellen Gegenwart. Das Spannungsverhältnis von Schein und Realität ist zentral: Simon kritisiert „Fälschung“ in Kunst und Gesellschaft und sucht eine nackte, ungeschminkte Wahrheit, wobei Cézanne als positives Gegenmodell zur akademischen Malerei gilt. Architektur, Farb- und Lichtgestaltung werden wie in der Malerei eingesetzt, um Erinnerung und Wahrnehmung zu strukturieren. Insgesamt wird „La corde raide“ als frühe, aber bereits konsequente Erprobung einer Poetik verstanden, die Wahrnehmung, Erinnerung und Form auf einem „Drahtseil“ zwischen Chaos und Struktur balanciert.

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Choreografie der Erinnerung: Patrick Modiano zum 80.

Seit seinem Debütroman „La Place de l’Étoile“ (1968) hat Patrick Modiano, der in diesem Jahr so alt wird „wie die Nachkriegszeit“ (Andreas Platthaus), eine poetische Welt geschaffen, die von Erinnerungsschatten, verschobenen Identitäten und geheimnisvollen Abwesenheiten durchzogen ist. Seine Romane – melancholisch, elliptisch, durchzogen von Vergessen und Wiederkehr – kreisen um eine paradoxe Bewegung: das Erinnern durch das Verlieren, das Erleben durch das Verschwinden. In diesem ästhetischen Spannungsverhältnis gewinnt der Tanz eine besondere Rolle: als Motiv, als Bild, als Erzählform. Insbesondere in seinem jüngsten Roman „La danseuse“ (2023, deutsch 2025) gerät dieses Motiv zur poetischen Metapher: Die Tänzerin wird zur Figur des Erinnerns, zur Projektionsfläche eines tastenden Ich-Erzählers und zur Allegorie eines kaum fassbaren Lebens. Der Tanz steht hier nicht im Zentrum einer Handlung, sondern inszeniert sich als schwebende Spur, als rhythmisches Prinzip des Erzählens, als flüchtige Figur, die das Erzählen selbst choreographiert.

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Walzer der Ruinen: Jean-Jacques Schuhl

Jean-Jacques Schuhls Roman „Ingrid Caven“ (Gallimard, L’Infini, 2000), ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt, ist mehr als eine bloße biografische Annäherung an die Künstlerin und Partnerin des Autors. Er lässt sich als eine kulturgeschichtliche Diagnose einer Epoche, ihrer prägenden Themen und der Faszination an einer spezifischen deutschen Mythologie aus französischer Perspektive lesen. Dies umfasst zentrale historische Marker wie den Krieg und die „Stunde Null“, Figuren einer „deutschen Mythologie“ wie Rainer Werner Fassbinder und die Rote Armee Fraktion, sowie das omnipräsente Motiv der „Sehnsucht“. Gleichzeitig ist der Roman in seiner Ästhetik Ausdruck eines dezidierten Literaturverständnisses von Jean-Jacques Schuhl selbst, der seine eigene Rolle und die des Verlegers Philippe Sollers in der literarischen Produktion und Rezeption reflektiert.

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Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst unter https://rentree.de, es existieren automatische Übersetzungen in englischer und französischer Sprache: Englisch, Französisch.

Anmerkungen
  1. Les rubriques en français

    Article | Des articles sur la littérature française contemporaine ;

    Compte-rendu | Des notes plus courtes sur un texte littéraire, une brève discussion ou une lecture ponctuelle, des idées au fil de la lecture ;

    Extrait | Un extrait choisi, un passage significatif sans commentaire, accompagné de sa traduction allemande ;

    Réserve | Un texte, une œuvre, un auteur, repris et relu.

    Débat | Discussion de textes critiques, théoriques, pertinents pour la littérature française contemporaine.

    Poétiques de l’enfance | Présentation d’ouvrages littéraires consacrés à l’enfance et à l’adolescence.

    Judéité | La littérature juive française est un territoire imaginaire où l’appartenance, la mémoire et l’identité sont renégociées, à travers notamment la recherche de traces généalogiques et des questions d’identité culturelle/linguistique, politiques et historiques.

    Rendre justice | La littérature est ici un instrument qui permet non seulement d’aborder les thèmes du droit et de la justice, mais aussi de les traiter et de les remettre en question sur le plan esthétique.

    Dialogues | Des textes contemporains qui dialoguent avec des œuvres de l’histoire littéraire, de manière intertextuelle, tantôt dans une actualisation critique, tantôt sous forme d’hommage ou de transformation.>>>

Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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