Lektüren und Texte
mit Kurzauszügen in eigener Übersetzung
von Kai Nonnenmacher

Rubriken
(Les rubriques en français1 ):
Artikel | Eigene Aufsätze zur französischen Literatur der Gegenwart
Besprechungen | Kürzere Einträge zu einem literarischen Text, Kurzbesprechung oder punktuelle Lektüre, Ideen beim Lesen.
Probe | Ein ausgewählter Auszug, eine Stelle, die für sich stehen kann, übersetzt, aber unkommentiert.
Reserve | Ein Text, ein Werk, ein Autor, der wieder aufgeblättert und wieder aufgenommen wird.
Debatte | Besprechung von literaturwissenschaftlichen, theoretischen Texten mit Relevanz für die französische Literatur der Gegenwart.
Poetiken der Kindheit | Vorstellung von Büchern, die sich literarisch der Lebensphase Kindheit und Jugend annehmen.
Judéité | Französisch-jüdische Literatur ist ein imaginäres Territorium, in dem Zugehörigkeit, Erinnerung und Identität neu verhandelt werden, etwa genealogische Spurensuche und Fragen kultureller/sprachlicher Identität, politische und historische Fragen.
Recht schaffen | Literatur ist hier ein Instrument, mit dem Recht und Gerechtigkeit nicht nur thematisiert, sondern ästhetisch verhandelt und hinterfragt werden.
Dialoge | Texte der Gegenwart, die einen Dialog mit Werken der Literaturgeschichte führen, intertextuell, mal kritisch aktualisierend, mal als Hommage oder Transformation.
Inhalt
- Neue Artikel und Besprechungen
- Hydrologische Metaphern und soziale Aushandlungsprozesse: zur politischen Ökologie des Wassers bei Gaspard Kœnig
- Land der Kinderkönige: Palästina zwischen Gewalt und Gnade bei Yasmina Khadra
- Abgrund und Trugbild: die Hölle als Leere der globalen Moderne bei Jérôme Ferrari
- Drei intermediale Orpheus-Variationen: Palermo, Berlin und Trumps USA bei Sébastien Berlendis
- Pascal Bruckner: der Philosoph als Sohn
- Von den Mods zum Dichter: kalkuliertes Verschwinden bei Charles Baudelaire und Cyrille Martinez
- Nikolai Gogol, Nicole Caligaris und die Pariser Anschläge vom 13. November 2015
- Neue Proben
- Reserve: wieder aufgeblättert
Neue Artikel und Besprechungen
Hydrologische Metaphern und soziale Aushandlungsprozesse: zur politischen Ökologie des Wassers bei Gaspard Kœnig
Gaspard Kœnigs „Aqua“ (L’Observatoire, 2026) spielt in Saint-Firmin-sur-Orne und entfaltet die Geschichte eines Dorfs in der Normandie, das zwischen Naturgewalt und menschlicher Planung steht. Der Roman beginnt programmatisch mit einem einzelnen fallenden Regentropfen, der als eigenständiger Akteur das Wassersystem, seine Zyklizität und seine Unberechenbarkeit einführt. Aus dieser Perspektive entwickelt sich die Handlung: Überschwemmungen, Dürre und der Konflikt um die „source des anciens“ setzen die Dorfgesellschaft unter Druck. Die narrative Struktur ist zyklisch und elementar: Naturereignisse, historische Erinnerungen und soziale Interaktionen verschränken sich zu einer Bewegung, in der kein lineares Ende, sondern fortwährende Anpassung und Verschiebung dominiert. Figuren wie Martin Jobard, der technokratische Modernisierung verkörpert, und Maria, Hüterin lokaler Erfahrung und situativer Fürsorge, strukturieren das Geschehen als Kontrastpole, deren Konflikt über polyzentrische Entscheidungen und Allmende-Modelle entfaltet wird. Der Roman verknüpft hydrologische, geologische und soziale Ebenen, sodass Landschaft, Flüsse und Quellen selbst zu politischen und metaphorischen Akteuren werden. – Der Aufsatz betont, dass „Aqua“ nicht nur Ökologie oder Dorfpolitik erzählt, sondern die Erzählstruktur selbst die Spannung zwischen Chaos und Ordnung spiegelt. Die Kapitel sind so arrangiert, dass Naturereignisse die sozialen und politischen Prozesse rhythmisieren: Hochwasser, Pegelschwankungen und die Erinnerung an frühere Überschwemmungen lassen zentrale Konflikte sukzessive eskalieren und transformieren zugleich Machtverhältnisse und Handlungsmöglichkeiten. Die narrative Gestaltung – von der prosopopöischen Darstellung des fallenden Tropfens bis zu zyklischen Fluss- und Landschaftsbildern – macht sichtbar, wie menschliche Kontrolle immer vorläufig bleibt. Figurenhandlungen, Ortsbilder und hydrologische Details verschränken sich zu einem relationalen Gefüge, in dem Wasser als Lebensnerv der Gemeinschaft fungiert. Der Aufsatz argumentiert, dass Kœnig die anti-teleologische Struktur des Romans nutzt, um die Unabschließbarkeit ökologischer und sozialer Konflikte literarisch zu verdeutlichen: Politik, Technik und Natur erscheinen nicht als souveräne Instanzen, sondern als ineinandergreifende Dynamiken, die nur situativ ausgehandelt werden können.
➙ Zum ArtikelLand der Kinderkönige: Palästina zwischen Gewalt und Gnade bei Yasmina Khadra
Yasmina Khadras neuer Roman „Le prieur de Bethléem“ (Flammarion, 2026, zit. als PB) knüpft thematisch an seine sogenannte „Trilogie des großen Missverständnisses“ an, die eine literarische Kartografie der Krisenregionen der frühen 2000er Jahre entwarf, Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban (mit „Die Schwalben von Kabul“), Israel und die palästinensischen Gebiete während der Zweiten Intifada (in „Die Attentäterin“) und Irak im Kontext des Irakkriegs nach der amerikanischen Invasion 2003 (in „Die Sirenen von Bagdad“). Wie in diesen Romanen verbindet Khadra auch hier eine spannungsreiche Handlung mit einer moralischen Reflexion über Gewalt, Demütigung und Radikalisierung. Im Zentrum steht der französisch-israelische Verleger Alexandre Yakovlevoï, der ein Manuskript eines palästinensischen Mönchs erhält und kurz darauf von dessen Autor entführt wird. Während Alexandre gezwungen wird, die Lebensgeschichte des Priors Wahid anzuhören – eine Chronik von Vertreibung, familiären Verlusten und politischer Gewalt in Palästina –, enthüllt sich allmählich eine persönliche Verstrickung: Alexandre selbst war als junger Soldat in Israel an der Tötung von Wahids schwangeren Cousine beteiligt. Der Roman entwickelt daraus eine Konfrontation, die nicht auf Rache zielt, sondern auf moralische Einsicht. Parallel dazu öffnen visionäre und fast messianische Szenen – etwa geheimnisvolle Heilungen in Jordanien oder die Erscheinung eines Pilgers in den Ruinen von Gaza – eine spirituelle Perspektive, in der Khadra den Konflikt in einen universalen Horizont menschlicher Verantwortung stellt. – Der Aufsatz interpretiert den Roman als späte Weiterführung der Trilogie, die deren Diagnose des „großen Missverständnisses“ zwischen Orient und Okzident vertieft und zugleich transformiert. Während die früheren Werke vor allem die Entstehung von Gewalt aus Demütigung und politischer Ohnmacht analysierten, verschiebt sich hier der Fokus auf eine moralische Konfrontation zwischen Täter und Opfer. Die Argumentation des Aufsatzes arbeitet dabei mehrere Ebenen heraus: erstens die politische Dimension des Romans als Kritik an militärischer Gewalt und asymmetrischer Wahrnehmung des Nahostkonflikts; zweitens die psychologische Struktur der Schuld, die sich in der Figur des französisch-israelischen Verlegers verdichtet; und drittens eine religiös-symbolische Ebene, auf der Khadra eine Vision moralischer Wiedergeburt entwirft. Besonders betont wird, dass der Roman nicht im politischen Realismus stehen bleibt, sondern eine utopische Gegenbewegung formuliert: Wahrheit, Empathie und die „rettende Geste“ erscheinen als Möglichkeiten, den Kreislauf von Trauma und Vergeltung zu durchbrechen. Die Interpretation liest PB daher weniger als politischen Roman im engeren Sinn, sondern als literarischen Versuch des Dégagement, den Nahostkonflikt in eine universelle Ethik der Menschlichkeit zu überführen.
➙ Zum ArtikelAbgrund und Trugbild: die Hölle als Leere der globalen Moderne bei Jérôme Ferrari
Der neue Roman von Jérôme Ferrari, „Très brève théorie de l’enfer“ (Actes Sud, 2026) entwirft eine düstere Parabel über die metaphysische Verfassung der globalisierten Moderne. Im Zentrum steht ein korsischer Philosophielehrer, der vor der moralischen Monotonie seiner Heimat flieht und über eine Zwischenzeit in Algerien nach Abu Dhabi gelangt, wo er als privilegierter Expatriate lebt, während unsichtbare Arbeitsmigranten die glänzende Stadt errichten. Eine Erzählerin spricht im Rahmen zum „König der Zeit“ und entfaltet eine „Theorie der Hölle“, nach der Verdammnis nicht aus spektakulären Verbrechen entsteht, sondern aus der „Trockenheit des Herzens“ und einer schuldhaften Blindheit gegenüber der Wahrheit. Die Rückschau des Protagonisten und Erzählers der Binnengeschichte liefert dazu die konkrete Fallstudie: Seine Versuche, durch Flucht und religiöse Metamorphose ein anderer zu werden, scheitern; Frau und Tochter verschwinden, und die Rückkehr nach Korsika erweist sich als endgültiges Exil eines Mannes, der als „doppelter Apostat“ weder Heimat noch Identität zurückgewinnt. – Der Aufsatz liest den Roman als zweiten Teil einer Trilogie über die Dialektik von „Indigenen“ und „Reisenden“, in der Ferrari die Begegnung von Mobilität, Macht und moralischer Blindheit analysiert. Indem die metaphysische Rahmenerzählung mit der sozialen Topographie Abu Dhabis – der künstlichen Corniche, der Industriezone Mussafah, den Baustellen des Louvre – verschränkt wird, erscheint die Hölle nicht als jenseitiger Ort, sondern als Struktur der Gegenwart: ein Zustand ontologischer Indifferenz, in dem privilegierte Reisende ihre eigene Leere durch Bewegung, Rollenwechsel und kulturelle Masken verdecken. Die Reise wird so zum paradoxen Motor eines spirituellen Abstiegs. Am Ende steht die Einsicht, dass in der globalisierten Welt jede Flucht in ein „Anderswo“ nur eine Variation desselben Betrugs bleibt – ein endloser Kreislauf aus Exil, Schuld und gescheiterter Metamorphose.
➙ Zum ArtikelDrei intermediale Orpheus-Variationen: Palermo, Berlin und Trumps USA bei Sébastien Berlendis
Die Rezension liest Sébastien Berlendis’ neuen Roman „24 fois l’Amérique“ (Actes Sud, 2026, zit. FA) im Zusammenhang mit zwei früheren Büchern („Revenir à Palerme“, 2018 und „Seize lacs et une seule mer“, 2021) als Teil einer zusammenhängenden poetischen Konstellation. Alle drei Texte variieren ein gemeinsames erzählerisches Grundmotiv: Ein Ich-Erzähler folgt der Spur einer verschwundenen Frau und bewegt sich dabei durch Landschaften, die von Geschichte, Erinnerung und Melancholie geprägt sind. Während der erste Roman in einem verfallenden Palermo eine fast klaustrophobische Suche nach der verlorenen Geliebten Délia entfaltet und die Fotografie als Medium der Erinnerung inszeniert, verlegt der zweite diese Spurensuche in die sommerlichen Seenlandschaften Berlins, wo Super-8-Filme einer geheimnisvollen Frau zum Ausgangspunkt einer flanierenden Rekonstruktion der Vergangenheit werden. FA nun erweitert diese Bewegung zu einem Roadmovie durch den amerikanischen Rust Belt: Der Erzähler reist von New York bis zum Lake Michigan, um Marianne wiederzufinden, die seit Jahren nur noch durch gezeichnete Postkarten präsent ist. Der Roman entfaltet daraus eine visuell strukturierte Reise durch Motels, Industriebrachen und Seenlandschaften, in der fotografische Apparate, überbelichtete Bilder und filmische Einstellungen zu zentralen Metaphern für die Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses werden. Marianne erscheint weniger als reale Figur denn als „Präsenz durch Abwesenheit“, deren Spur der Erzähler in einer Landschaft aus Erinnerungsfragmenten verfolgt. – Der Artikels argumentiert, dass diese drei Romane als eine intermediale Variation des Orpheus-Mythos zu lesen sind. Berlendis’ Erzähler bewegt sich stets in einer paradoxen Bewegung zwischen Erinnerung und Gegenwart: Wie Orpheus versucht er, eine verlorene Eurydike zurückzuholen, doch die Suche führt nicht zur Wiedergewinnung der Geliebten, sondern zu einer ästhetischen Transformation des Verlusts. Die Analyse zeigt, dass diese Poetik stark von visuellen Medien geprägt ist. Fotografie, Film und Polaroidbilder strukturieren nicht nur die Wahrnehmung der Figuren, sondern auch die formale Organisation der Texte – besonders im jüngsten Roman, dessen vierundzwanzig Episoden wie filmische Einstellungen eines melancholischen Roadmovies wirken. Gleichzeitig liest der Artikel den jüngsten Roman als indirekten politischen Roman über das gegenwärtige Amerika: Die Reise durch den Rust Belt führt durch deindustrialisierte Städte, religiös aufgeladene Landschaften und migrantisch geprägte urbane Räume, wodurch sich ein vielschichtiges Bild eines gesellschaftlich zerrissenen Landes ergibt. Die Interpretation argumentiert, dass Berlendis diese politische Dimension nicht programmatisch formuliert, sondern aus einer Poetik der Beobachtung entstehen lässt, in der persönliche Erinnerung, mediale Wahrnehmung und historische Landschaften ineinander verschränkt sind.
➙ Zum ArtikelPascal Bruckner: der Philosoph als Sohn
In „Un bon fils“ (2014, zit. BF) und dem jüngsten Buch „De mère inconnue“ (2026, zit. MI) unternimmt der nouveau philosophe Pascal Bruckner eine doppelte familiäre Selbstbefragung, die zugleich als intellektuelle Biografie gelesen werden kann. Während BF die gewaltvolle und ideologisch verhärtete Vaterfigur porträtiert – einen antisemitischen und autoritären Mann, dessen Weltbild den jungen Bruckner zugleich prägte und zur Abgrenzung zwang –, rekonstruiert MI die lange Zeit im Schatten stehende Geschichte der Mutter. Die beiden Bücher bilden damit ein komplementäres Diptychon: Auf der einen Seite steht der Vater als Symbol eines repressiven, ressentimentgeladenen Denkens, auf der anderen die rätselhafte, teilweise abwesende Mutter, deren Biografie Fragen nach Herkunft, Identität und emotionaler Überlieferung aufwirft. Zusammen entwerfen diese autobiografischen Texte eine Genealogie der intellektuellen Selbstpositionierung Bruckners. – Die Rezension zeigt, wie sich aus dieser familiären Konstellation zentrale Motive von Bruckners essayistischen Publikationen erklären lassen. Seine Kritik an westlicher Schuldideologie (in Werken wie „La tyrannie de la pénitence“, „Le sanglot de l’homme blanc“ oder „Je souffre donc je suis“) erscheint vor dem Hintergrund der persönlichen Erfahrung von Schuld, Autorität und moralischer Selbstbefragung neu lesbar. Ebenso lässt sich seine Analyse moderner Opferdiskurse mit der Auseinandersetzung mit familiären Macht- und Opferrollen verbinden. Die Rezension argumentiert daher, dass BF und MI nicht nur autobiografische Dokumente sind, sondern Schlüsseltexte zum Verständnis von Bruckners ideologiekritischem Werk: In ihnen verschränken sich Familiengeschichte, moralische Reflexion und politische Essayistik zu einer intellektuellen Selbstdeutung.
➙ Zum ArtikelVon den Mods zum Dichter: kalkuliertes Verschwinden bei Charles Baudelaire und Cyrille Martinez
Cyrille Martinez’ Roman „Comment habiller un garçon“ (éds. verticales, 2026) erzählt die Geschichte eines namenlosen Erzählers, der nach einer depressiven Phase, in der er apathisch im Bett liegt und seinen anwachsenden Kleiderhaufen als Sinnbild seines inneren Zerfalls betrachtet, langsam in die Gesellschaft zurückkehrt. Eine Stelle als Bibliotheksassistent in Avignon markiert den ersten Schritt aus der Isolation; zunächst versucht er, sich durch schlichte, „anständige“ Kleidung sozial kompatibel zu machen. Doch erst die Begegnung mit der Mod-Subkultur um Joe auf der Place des Corps-Saints eröffnet ihm eine radikalere Perspektive: Kleidung erscheint nun nicht mehr als Anpassung, sondern als Instrument geistiger Disziplin, sozialer Distinktion und ästhetischer Selbsterschaffung. Durch Rituale – die Rasur der „French Line“, den Erwerb eines M51-Parka, die Perfektion maßgeschneiderter Hosen – wird er in einen Kodex eingeführt, der maximale Anstrengung und absolute Formstrenge verlangt. Parallel dazu verankert der Roman diese Stilpraxis intertextuell: Figuren wie George Brummell und Charles Baudelaire liefern Modelle einer asketischen, auf Unsichtbarkeit zielenden Eleganz. Der symbolische Höhepunkt ist der Tausch einer seltenen Soul-Platte gegen einen mythisch aufgeladenen „Habit noir“, der Baudelaire gehört haben soll. Mit diesem schwarzen Frack vollzieht der Erzähler seine Metamorphose vom modischen Adepten zum Dichter: Mode wird zur Vorstufe der Poesie, Identität zur bewusst getragenen Form. – Die Interpretation liest den Roman als Studie der Identitätskonstruktion durch äußere Zeichen und ordnet ihn in Martinez’ Gesamtwerk ein, das wiederholt subkulturelle Räume als Laboratorien der Selbsterschaffung untersucht. Argumentativ verbindet sie Motivanalyse (Kleiderhaufen, Parka, Hosenaufschlag, Frack) mit poetologischer Kontextualisierung: Die dokumentarische „Infralangue“, das popliterarische Arbeiten mit Listen und Katalogen sowie die dichte Intertextualität erscheinen als formale Entsprechungen des thematischen Projekts. Männlichkeit wird hier nicht biologisch, sondern ästhetisch definiert – als Disziplin, als Widerstand gegen militärisch-virile Stereotype und als symbolische Umkehr sozialer Hierarchien („besser gekleidet als der Chef“). Die Mod-Ästhetik wird von Martinez mit Baudelaires Modernebegriff kurzgeschlossen: Künstlichkeit wird zur Rettung vor formloser „Natur“, der schwarze Frack zur paradoxen Signatur einer Identität, die sich im Verschwinden vollendet. So deutet die Interpretation den Roman nicht als nostalgische Jugenderzählung, sondern als poetologisches Manifest, in dem die Reflexion der Kleidung selbst zum Schreibakt führt.
➙ Zum ArtikelNikolai Gogol, Nicole Caligaris und die Pariser Anschläge vom 13. November 2015
Im Zentrum der Interpretation steht Nicole Caligaris’ Roman „Le gogol“ (2026): In einem Bahnhofscafé im Morgengrauen trifft eine erschöpfte Erzählerin aus dem Kulturministerium auf einen verstörten Mann im übergroßen Militärmantel, der sie für eine Richterin hält und darauf besteht, endlich seine Geschichte „zu Protokoll“ zu geben. Dieser Mantel, im Chaos der Pariser Anschläge vom 13. November 2015 in einem Lokal namens Mar Cantabrico an sich genommen, ist zu schwer, zu weit, nicht „nach Maß“: Er wird zum sichtbaren Zeichen eines Traumas, das sich nicht ablegen lässt. Während der Mann von Schüssen, einer Flucht durch eine Falltür und einem nächtlichen Warten auf ein nie eintreffendes Funksignal erzählt, denkt die Erzählerin an ihre eigene Entwertung im bürokratischen Projektbetrieb. Zwei Existenzen, beide randständig, beide in Systemen gefangen, die Menschen in Akten, CVs und „Passiva“ verwandeln. Von hier aus schlägt die Interpretation den Bogen zurück zu Nikolai Gogols „Der Mantel“ (1842): Auch dort hängt das Leben eines unscheinbaren Beamten an einem Kleidungsstück, doch während Akaki Akakijewitsch seinen Mantel als ersehnte Identitätsprothese erkämpft und durch dessen Verlust zugrunde geht, trägt Caligaris’ „Gogol“ ein fremdes, historisch aufgeladenes Erbstück, das ihn definiert, ohne je sein Eigentum gewesen zu sein. Die Argumentation macht anschaulich, wie sich das Motiv vom Aufstiegsversprechen zur Trauma-Metapher verschiebt: Bei Gogol entlarvt der geraubte Mantel die Grausamkeit einer zaristischen Hierarchie; bei Caligaris wird der Militärmantel zum materiellen Archiv kollektiver Gewalt und zum Symbol einer Gegenwart, in der Identität nur noch bruchstückhaft rekonstruierbar ist. Durch diese intertextuelle Fortschreibung zeigt die Analyse, dass der „kleine Mensch“ des 19. Jahrhunderts im 21. Jahrhundert nicht verschwunden ist – er steht nun im Café, spricht von Funkrauschen und zerrissenen Puzzles und fordert nichts Geringeres als ein modernes „Habeas Corpus“: das Recht, als verletzliche, geschichtliche Existenz anerkannt zu werden.
➙ Zum ArtikelAlle Artikel | Alle Besprechungen
Neue Proben
Reserve: wieder aufgeblättert
Versöhnung ist mitten im Streit: Christine de Mazières
Christine de Mazières’ „Trois jours à Berlin“ (Wespieser, 2019, ich fand etwas ungläubig keine deutsche Übersetzung) verwandelt den 9. November 1989 in ein poetisches Mosaik aus Stimmen, Erinnerungen und Blicken. Eine Französin, Anna, reist in die geteilte Stadt, um den Mann wiederzufinden, dem sie einst begegnete – Micha, Sohn eines ostdeutschen Funktionärs. Zwischen Stasi-Protokollen, inneren Monologen und der überirdischen Perspektive des Engels Cassiel entfaltet der Roman eine polyphone Erzählung der Geschichte als ‘Faltung’: Berlin wird zur vibrierenden Metapher Europas, zur „plaine immense“ voller Ruinen, Sprachen und Sehnsüchte. Der Fall der Mauer erscheint nicht als heroischer Moment, sondern als zarter Augenblick der Durchlässigkeit, in dem Schweigen, Missverständnis und Poesie die Macht der Ideologien unterwandern. „Trois jours à Berlin“ ist als poetische Reflexion eines französischen Blicks auf Deutschland zu interpretieren – als Werk, das die Teilung nicht nur politisch, sondern existentiell erfahrbar macht. De Mazières’ wechselnde Erzählformen, ihr Spiel zwischen lyrischer Innenschau und bürokratischer Kälte, lassen das Ereignis selbst zur Sprache werden: die Versöhnung als ästhetische Bewegung, nicht als historischer Abschluss. In der Spannung zwischen Anna und Micha, zwischen dem Engel Cassiel und den Menschen, findet sich das Bild eines Europas, das seine „part manquante“ sucht – eine verlorene Zärtlichkeit, die sich im Moment der Öffnung wiederfindet.
➙ Zum ArtikelNackte Realität: zur Neuausgabe des frühen Claude Simon
Claude Simons Roman „La corde raide“ (1947) ist ein Mosaik aus Szenen, Erinnerungen und Reflexionen, die vom Bad im Meer mit der jungen Véra über Kindheitserinnerungen und Kriegserlebnisse bis hin zu kunsttheoretischen Betrachtungen reichen. Das „straff gespannte Seil“ im Titel steht für eine heikle Balance zwischen Vitalität und Todesbewusstsein, zwischen chaotischer Lebenserfahrung und deren künstlerischer Formung. Die 2025 von den Éditions de Minuit in einem Band mit „Le tricheur“ (1945) neu herausgegebenen Frühwerke des Autors, präsentiert von Mireille Calle-Gruber, waren lange vergriffen, da Simon ihre Wiederauflage zu Lebzeiten nicht wünschte. Calle-Gruber deutet die Texte als poetologisches Laboratorium, in dem bereits Montage, Fragmentierung, Simultaneität der Zeiten und Vorrang der Sinneswahrnehmung vor Handlung erkennbar sind – Techniken, die sein späteres Werk prägen. Die Neuauflage schließt eine Lücke in der Werkgeschichte, indem sie diesen Moment der literarischen Entwicklung wieder zugänglich macht (beide Texte fehlen in der Pléiade-Ausgabe). – Der Artikel interpretiert „La corde raide“ als nicht-lineare Erzählung, als assoziatives Netz von Szenen und Leitmotiven, die durch semantische Felder wie Wasser, Licht, Vegetation, Körper und Bewegung verknüpft sind. Kriegserfahrungen werden nicht heroisch, sondern als chaotische, körperlich-sensorische Realität geschildert; Kindheitsszenen dienen als Ursprungsschicht der Wahrnehmung und Kontrastfolie zur existenziellen Gegenwart. Das Spannungsverhältnis von Schein und Realität ist zentral: Simon kritisiert „Fälschung“ in Kunst und Gesellschaft und sucht eine nackte, ungeschminkte Wahrheit, wobei Cézanne als positives Gegenmodell zur akademischen Malerei gilt. Architektur, Farb- und Lichtgestaltung werden wie in der Malerei eingesetzt, um Erinnerung und Wahrnehmung zu strukturieren. Insgesamt wird „La corde raide“ als frühe, aber bereits konsequente Erprobung einer Poetik verstanden, die Wahrnehmung, Erinnerung und Form auf einem „Drahtseil“ zwischen Chaos und Struktur balanciert.
➙ Zum ArtikelChoreografie der Erinnerung: Patrick Modiano zum 80.
Seit seinem Debütroman „La Place de l’Étoile“ (1968) hat Patrick Modiano, der in diesem Jahr so alt wird „wie die Nachkriegszeit“ (Andreas Platthaus), eine poetische Welt geschaffen, die von Erinnerungsschatten, verschobenen Identitäten und geheimnisvollen Abwesenheiten durchzogen ist. Seine Romane – melancholisch, elliptisch, durchzogen von Vergessen und Wiederkehr – kreisen um eine paradoxe Bewegung: das Erinnern durch das Verlieren, das Erleben durch das Verschwinden. In diesem ästhetischen Spannungsverhältnis gewinnt der Tanz eine besondere Rolle: als Motiv, als Bild, als Erzählform. Insbesondere in seinem jüngsten Roman „La danseuse“ (2023, deutsch 2025) gerät dieses Motiv zur poetischen Metapher: Die Tänzerin wird zur Figur des Erinnerns, zur Projektionsfläche eines tastenden Ich-Erzählers und zur Allegorie eines kaum fassbaren Lebens. Der Tanz steht hier nicht im Zentrum einer Handlung, sondern inszeniert sich als schwebende Spur, als rhythmisches Prinzip des Erzählens, als flüchtige Figur, die das Erzählen selbst choreographiert.
➙ Zum ArtikelWalzer der Ruinen: Jean-Jacques Schuhl
Jean-Jacques Schuhls Roman „Ingrid Caven“ (Gallimard, L’Infini, 2000), ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt, ist mehr als eine bloße biografische Annäherung an die Künstlerin und Partnerin des Autors. Er lässt sich als eine kulturgeschichtliche Diagnose einer Epoche, ihrer prägenden Themen und der Faszination an einer spezifischen deutschen Mythologie aus französischer Perspektive lesen. Dies umfasst zentrale historische Marker wie den Krieg und die „Stunde Null“, Figuren einer „deutschen Mythologie“ wie Rainer Werner Fassbinder und die Rote Armee Fraktion, sowie das omnipräsente Motiv der „Sehnsucht“. Gleichzeitig ist der Roman in seiner Ästhetik Ausdruck eines dezidierten Literaturverständnisses von Jean-Jacques Schuhl selbst, der seine eigene Rolle und die des Verlegers Philippe Sollers in der literarischen Produktion und Rezeption reflektiert.
➙ Zum Artikel
Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst unter https://rentree.de, es existieren automatische Übersetzungen in englischer und französischer Sprache: Englisch, Französisch.
Anmerkungen- Les rubriques en français
Article | Des articles sur la littérature française contemporaine ;
Compte-rendu | Des notes plus courtes sur un texte littéraire, une brève discussion ou une lecture ponctuelle, des idées au fil de la lecture ;
Extrait | Un extrait choisi, un passage significatif sans commentaire, accompagné de sa traduction allemande ;
Réserve | Un texte, une œuvre, un auteur, repris et relu.
Débat | Discussion de textes critiques, théoriques, pertinents pour la littérature française contemporaine.
Poétiques de l’enfance | Présentation d’ouvrages littéraires consacrés à l’enfance et à l’adolescence.
Judéité | La littérature juive française est un territoire imaginaire où l’appartenance, la mémoire et l’identité sont renégociées, à travers notamment la recherche de traces généalogiques et des questions d’identité culturelle/linguistique, politiques et historiques.
Rendre justice | La littérature est ici un instrument qui permet non seulement d’aborder les thèmes du droit et de la justice, mais aussi de les traiter et de les remettre en question sur le plan esthétique.
Dialogues | Des textes contemporains qui dialoguent avec des œuvres de l’histoire littéraire, de manière intertextuelle, tantôt dans une actualisation critique, tantôt sous forme d’hommage ou de transformation.>>>