Lektüren und Texte mit Kurzauszügen in eigener Übersetzung
von Kai Nonnenmacher

Selbstverständnis und Arbeitsweise
Die Lektüren auf diesem Blog wollen der Leserschaft das Korpus der französischen Gegenwartsliteratur zeitnah erschließen. Die Artikel bewegen sich dabei zwischen Erzähltextanalyse und literaturwissenschaftlichem Aufsatz einerseits sowie Essay, freier Interpretation und Literaturkritik andererseits. Sie erheben beispielsweise nicht den Anspruch, in jeder Hinsicht den Anforderungen wissenschaftlicher Publikationen in peer-reviewed Journals zu entsprechen, sondern versuchen einen Spagat im Dienst der Literaturvermittlung und des Wissenschaftstransfers. Begonnen wurde das Projekt während der COVID-Pandemie aus dem Lockdown heraus. Die zahlreichen französischen Autorinnen und Autoren sowie Verlage, die sich seither für die ausführlichen Lektüren ihrer Bücher bedankt haben, zeigen meines Erachtens, dass es bislang nur wenige Angebote für eine so zeitnahe wie eingehende Auseinandersetzung mit französischer Gegenwartsliteratur gab – zumal in deutscher Sprache, ohne die Längenbeschränkungen des Zeitungsbetriebs und, zumindest für die Lesenden, ohne Kosten: frei zugänglich auf Deutsch und (durch die Option automatischer Übersetzung zu Artikelbeginn) unter anderem auch auf Französisch und Englisch für ein internationales Publikum.
Zur Arbeit an den Texten gehört heute, wie bei vielen Formen des Schreibens, eine digitale Infrastruktur: verwendet werden unter anderem WordPress, Newslettersoftware, Grafikprogramme, Markdown-Editoren, Texterkennungssoftware (OCR), Programme zur Lektüre von EPUB- und PDF-Dateien sowie Such- und Analysefunktionen zur Erschließung von Textstrukturen, hierbei kommen KI-Anwendungen wie Gemini Notebook oder ChatGPT und Übersetzungswerkzeuge wie Google Translate hinzu, als Hilfsmittel innerhalb eines von mir verantworteten Lese-, Denk- und Schreibprozesses. Auswahl und Lektüre der Bücher, die Entwicklung von Thesen, die Beschreibung und der Vergleich von Texten, die Strukturierung und Abfassung der Artikel, die Erarbeitung von Serien und die Beobachtung literarischer Tendenzen, die Auswahl und Übersetzung von Zitaten sowie die Einordnung der jeweiligen Rezeption bleiben meine Arbeit als Wissenschaftler und Leser. Gerade die Offenlegung dieser Arbeitsweise soll daher nicht die Verantwortung für die Texte relativieren, sondern transparent machen, unter welchen Bedingungen sie im Rahmen eines zeitgenössischen wissenschaftlichen Blogs entstehen.
Die Literaturgeschichte des 21. Jahrhunderts ist noch nicht geschrieben. Die Einzelstudien auf https://rentree.de können angesichts der komplexen Literaturlandschaft als Vorarbeiten dazu gelesen und als solche zitiert werden.
Rubriken
(Les rubriques en français 1 ):
Artikel | Eigene Aufsätze zur französischen Literatur der Gegenwart
Besprechungen | Kürzere Einträge zu einem literarischen Text, Kurzbesprechung oder punktuelle Lektüre, Ideen beim Lesen.
Probe | Ein ausgewählter Auszug, eine Stelle, die für sich stehen kann, übersetzt, aber unkommentiert.
Reserve | Ein Text, ein Werk, ein Autor, der wieder aufgeblättert und wieder aufgenommen wird.
Debatte | Besprechung von literaturwissenschaftlichen, theoretischen Texten mit Relevanz für die französische Literatur der Gegenwart.
Poetiken der Kindheit | Vorstellung von Büchern, die sich literarisch der Lebensphase Kindheit und Jugend annehmen.
Judéité | Französisch-jüdische Literatur ist ein imaginäres Territorium, in dem Zugehörigkeit, Erinnerung und Identität neu verhandelt werden, etwa genealogische Spurensuche und Fragen kultureller/sprachlicher Identität, politische und historische Fragen.
Recht schaffen | Literatur ist hier ein Instrument, mit dem Recht und Gerechtigkeit nicht nur thematisiert, sondern ästhetisch verhandelt und hinterfragt werden.
Dialoge | Texte der Gegenwart, die einen Dialog mit Werken der Literaturgeschichte führen, intertextuell, mal kritisch aktualisierend, mal als Hommage oder Transformation.
Neue Artikel und Besprechungen
Amerika als Beglaubigungs- und Verdachtsapparat: Jüdischkeit, Selbsterfindung und amerikanischer Traum bei Karine Tuil
Aus französischer Sicht führt Tuils Roman Amerika als Bühne vor, auf der man sich als Jude beglaubigen lassen kann, solange man das Skript des Aufstiegs beherrscht, und die einen Augenblick später aus demselben Kostüm einen Verdächtigen macht, während in Frankreich dasselbe Wort in der Banlieue Samuel verletzbar macht, sodass Jüdischkeit hier wie dort weniger ein Wesen als eine Rolle ist, deren Wert vom Publikum bestimmt wird. Karine Tuils Roman „L’invention de nos vies“ (Grasset, 2013) erzählt von Samir Tahar, dem Sohn tunesischer Einwanderer aus der Pariser Banlieue, der als Student mit Samuel Baron, einem in Polen geborenen und von einem jüdischen Ehepaar adoptierten Jungen, und mit Nina Roche eine enge Freundschaft bildet. Nach einem Bruch verlässt er Paris, wird von seinem Mentor Pierre Lévy irrtümlich für einen Juden gehalten, widerspricht nicht und baut sich in New York als „Sam Tahar“ eine Karriere auf, die auf Teilen von Samuels Lebensgeschichte beruht, mit einer Ehe in die Familie des Milliardärs Rahm Berg, Auftritten auf CNN und Mandaten für Angehörige gefallener Soldaten und einen verletzten Feuerwehrmann. Zwanzig Jahre später entdeckt der gescheiterte Autor Samuel den Betrug im Fernsehen, und aus dem Wiedersehen entwickelt sich ein Geflecht aus Begehren, Rache und Schreibehrgeiz, bis Samirs radikalisierter Halbbruder in Afghanistan festgenommen wird und die Ermittler in Samirs verschwiegener muslimischer Herkunft ein Terrorindiz sehen. Der Aufsatz liest den Roman als französische Fiktion über die USA, in der „Amerika“ zwei gegenläufige Funktionen erfüllt: Das Land beglaubigt die erfundene Biografie, solange sie in das Skript des Aufstiegs passt, und schreibt dieselbe Verwandlung nach dem 11. September in eine Tarnungserzählung um, die die Sicherheitsbehörden verfolgen. Zentral ist dabei die Jüdischkeit, die der Text nicht als Wesen, sondern als sozialen Code führt: Sie ist Erbe (Samuel), Kostüm (Samir), Prüfstein (Rahm Berg) und am Ende Verdachtskategorie, und dasselbe Kürzel „Sam“ schützt in Frankreich den einen vor Antisemitismus und verbirgt in New York die muslimische Herkunft des anderen. Der Aufsatz zeigt, dass der Roman den amerikanischen Traum nie beim Namen nennt, sondern poetologisch als Praxis aus Namen, Rollen, Medienformaten und den nummerierten Kurzbiografien der Fußnoten verhandelt, und dass der Konflikt zwischen Samir und Samuel die Frage, wem eine Lebensgeschichte gehört, zur Frage nach Autorschaft macht. Der Vergleich von Anfang und Schluss, dem CNN-Bild des gefeierten Anwalts und dem Gang des Freigelassenen durch New York, führt zu der These, dass der Roman den Erfolg nicht als Ausnahme, sondern als Ordnung vorführt, die dieselben Menschen aufsteigen lässt und aussortiert, und dass die einzige Freiheit, die er benennt, außerhalb der Bilder liegt.
➙ Zum ArtikelWir sind nicht in der Wüste: Jüdischkeit als Verhandlungssache bei Olivia Rosenthal
Ein Mann liegt am Strand und beginnt, das Wort „Shoah“ wie eine Zauberformel zu skandieren – mit dieser Szene eröffnet Olivia Rosenthal ihren 2005 erschienenen Roman „Les fantaisies spéculatives de J.H. le Sémite“ (éditions verticales), der seinen Protagonisten J.H. in zehn kurzen, von Bibelzitaten gerahmten Alltagsepisoden vorführt: im Urlaub, beim Abendessen, in der Ehe, in der Debatte um die Beschneidung des ungeborenen Sohnes, in der Vertreibung eines palästinensischen Freundes aus dem gemeinsamen Haushalt. Der vorliegende Aufsatz liest diese Episoden als fortlaufende Inszenierung jüdischer Identität, die weder auf eine feste Substanz zurückgeführt noch als bloße Selbsttäuschung entlarvt wird: Er zeigt, wie J.H. seine Zugehörigkeit in jeder Szene neu behaupten, zitieren und rechtfertigen muss – gegen die trockene Gegenrede seiner Frau E, gegen die eigene Verfolgungsangst, gegen die Erinnerungspflicht, die ihm seine Mutter buchstäblich in die Hand drückt. Der Aufsatz verfolgt dabei eine doppelte Bewegung: vom lauten, öffentlichen Bekenntnis des Anfangs zur leisen, negativ formulierten Litanei des Schlusses, in der sich das Paar nur noch durch das definiert, was es nicht mehr ist. Wer verstehen möchte, wie ein Roman komische Alltagsszenen mit dem Gewicht der Tora und der Shoah kurzschließt, ohne dabei zu moralisieren, findet hier eine Lektüre, die dem Text seine Ambivalenz lässt, statt sie vorschnell aufzulösen.
➙ Zum ArtikelDer Gründer und sein Berater: Tech-Herrschaft und Intellektuellenkrise bei Giuliano da Empoli
Giuliano da Empolis Roman „Le Fondateur“ (2026) erzählt, wie ein entmachteter Regierungsberater, der früher Politikern die Sätze lieferte, nach der verlorenen Wahl von 2018 ein „Nachleben“ im Dienst des Tech-Unternehmers Alexander Zimmer beginnt. In Marbella, zwischen Privatjet, Bunker und einem nachgebauten andalusischen Dorf, erlebt er, wie Zimmers Überwachungsfirma Panoptik Pandemie und Ukrainekrieg in Datenlagen verwandelt, die Entscheidungen vorwegnehmen. 2024 stößt er auf eine Liste, die Journalisten, Forscher und Politiker, die der Branche misstrauen, als „Terroristen“ führt und nach berechenbaren Schwächen ordnet, und geht am Tag von Zimmers Hochzeit, nachdem die Braut Gaia verschwunden ist, mit einer Beretta in dessen Büro zurück. Der Roman zeigt, dass ein Gebildeter, der sich einem Datenherrscher andient, erst aufwacht, als dessen Maschine auch die Kritiker verbucht, und dass Wissen zu langsam und Ironie zu folgenlos ist, wo jede Rede als Material verwertet wird. Poetologisch zieht der Text die Konsequenz: Er lässt Zimmers Gleichnisse die Ironie des Erzählers entwaffnen und endet mit dem Schuss statt mit einem Kommentar, den Zimmer ebenso verbuchen könnte. Der Aufsatz liest den Roman als Darstellung der Intellektuellenkrise und folgt in drei Schritten den Mitteln, mit denen sich der Intellektuelle selbst entbehrlich macht. Der erste gilt der Ironie: An Gattung, Gesprächsform und Erzählperspektive zeigt er, wie Zimmers Gleichnisse sie entwaffnen. Der zweite gilt der Dienstbarkeit, die der Roman als Normalfall vorführt, in der Figurentypologie von Höfling, Verweigerer, Moralistin und Aussteiger, in der Raum- und Zeitstruktur von Kapsel und Intervall und in der Metaphorik von Spiel, Krieg und Insektenkunde, wobei der Grieche im Rom der Kaiserzeit das historische Muster liefert. Der dritte gilt der Bildung als Brennstoff: Zimmer liest Bücher nur zur Verwertung und sagt voraus, dass auch ein Buch über ihn ihm nützen werde, weshalb sich der Roman als Selbstprüfung der Literatur gegen die eigene Verwertung behaupten muss. Die erste Rezeption liest „Le Fondateur“ überwiegend als Schlüsselroman und Thriller über Peter Thiel und Palantir, bestätigt die Intellektuellenfrage vor allem durch den Autor selbst, der Thiel mit Spengler als römischen Intellektuellen und den Erzähler als kleinen Griechen fasst, trägt Zimmers Formeln bereits als Begriffe der Kritik weiter. Der Vergleich von Prolog und Epilog macht den Schuss doppeldeutig, als Kapitulation des Wortes oder als Weigerung, Material zu sein, und die Conclusion bestimmt die Rolle des Intellektuellen als Anomalie, als Menschen, der sich nicht verrechnen lässt.
➙ Zum ArtikelDie Tragödie als Form des Bürgerkriegs: Franco Moretti
Morettis Buch befreit die Tragödie aus der Philosophiegeschichte und repositioniert sie als Werkzeug der politischen Analyse, indem es zeigt, dass die Formen, in denen wir Konflikte darstellen, untrennbar mit der Art verbunden sind, wie wir sie verstehen und ertragen können, wobei die morphologische Vielfalt der tragischen Werke selbst das Fundament für eine Geschichte ohne vorgefertigte Richtung wird. Franco Morettis „Bandiera nera: forma tragica e guerra civile“ (Einaudi, 2026) stellt die provokative These auf, dass die Tragödie sich in ihrer zweittausendjährigen Geschichte nicht als psychologische oder moralische Form konstituiert hat, sondern als symbolische Gestalt des Bürgerkriegs. Statt das offene Schlachtfeld zu zeigen, stellt die tragische Form den Konflikt als Familienkrieg dar und erhält dadurch eine Klarheit, die politische Theorie allein nicht erreicht; weder Hegel noch die marxistische Traditionslinie können diesen Befund angemessen erklären, weil sie die Tragödie in eine Philosophie der Geschichte einbauen, während Morettis Argument gerade darin besteht, dass die Tragödie zeigt, wie Konflikte keine innere Logik haben und wohin sie führen „volta per volta, senza una logica particolare“. Die Rezension folgt dieser Argumentation durch mehrere Schichten: Sie rekonstruiert zunächst die methodologische Grundlegung (z.B. Panofskys Konzept der symbolischen Form), dann die historisch-morphologische Analyse der Konflikttypen von Sophokles bis Büchner, und schließlich die Polemik gegen die teleologischen Geschichtsphilosophien, die in Morettis Epilog explizit abgewiesen werden. Dabei zeigt die Rezension, wie Morettis zwischen großflächiger Formenanalyse (die klassische Dämpfung Racines gegen Shakespeares Überschuss) und Mikrostrukturen der Sprache operiert (die Grammatik von Macbeths „If it were done“), wobei die Präzision der Lektüre und die Breite des Vergleichs sich gegenseitig stützen. Was die Rezension kritisch vermerkt, ist die begrenzte Reichweite des Korpus (europäische Tragödie mit Gewichtung auf die Antike und das 16.–19. Jahrhundert), die ungelöste Frage nach der Bühne als materielles Medium und eine gewisse Spannung zwischen Morettis Ablehnung von Kanonisierung und seiner de-facto-Fokussierung auf etablierte Werke, die den innovativen Anspruch teilweise relativiert.
➙ Zum ArtikelBeirut-Fiktion zwischen zwei Kriegen: Verteilung versus Konzentration bei Diane Mazloum und Albert Ostermaier
Zwei Romane des vergangenen Jahrzehnts erzählen dieselbe Stadt aus entgegengesetzten Richtungen: Diane Mazloums „Beyrouth, la nuit“ (2014) folgt acht jungen Beiruterinnen und Beirutern durch eine einzige Sommernacht des Jahres 2010, in der Liebe, Eifersucht und die stille Infrastruktur eines nicht abgeschlossenen Krieges sich zu einem vielstimmigen nächtlichen Panorama verdichten, während Albert Ostermaiers „Lenz im Libanon“ (2015) Georg Büchners berühmten Wahnsinnigen in das Beirut des Jahres 2014 versetzt und einen deutschen Schriftsteller in Selbstkrise zwischen Nachtclubs, einem Flüchtlingslager an der syrischen Grenze und den Ruinen von Baalbek in Entführung und Radikalisierungsfantasie abgleiten lässt. Der Aufsatz liest beide Bücher als komplementäre Beirut-Fiktionen, die trotz denkbar verschiedener Gattung, Sprache und Erzählhaltung zur selben Grunddiagnose gelangen: Die Stadt bestimmt Tempo, Richtung und Ausgang der Erzählung, nicht die Handlung ihrer Figuren – Mazloum entdeckt diese Abhängigkeit acht Jahre später rückblickend in einem eigenen Essay, Ostermaier erklärt sie bereits im Titel zum Programm. Aus dieser gemeinsamen Diagnose entwickelt die Argumentation einen durchgehenden Kontrast zweier Geometrien: eine horizontale Poetik der Verteilung, die Beirut auf ein gleichberechtigtes Ensemble verteilt, das die Stadt als selbstverständlichen Lebensraum bewohnt, steht einer vertikalen Poetik der Konzentration gegenüber, die dieselbe Stadt in einem einzigen, zunehmend halluzinierenden Fremdenbewusstsein bündelt und als Projektionsfläche einer mitgebrachten Krise erfährt. Methodisch verfährt der Aufsatz, indem er zunächst jeden Roman einzeln in seiner Komplexität entfaltet, dabei aber fortlaufend Querverweise auf das jeweils andere Buch einstreut, sodass sich der Vergleich nicht erst in einer abschließenden Synthese, sondern bereits im Vollzug der Einzelanalysen aufbaut; die Schlusssynthese bündelt diese verstreuten Beobachtungen dann zu einer pointierten Formel, die Innensicht und Außensicht, Metapher und Ereignis sowie weibliche Handlungsmacht und weibliche Passivität als durchgehende Kontrastachsen benennt, ohne die strukturelle Verwandtschaft beider Beirut-Poetiken – die gemeinsame Überzeugung, dass die Stadt selbst die eigentliche Autorin ist – aus den Augen zu verlieren.
➙ Zum ArtikelDie Bühne, die zum Schlachtfeld wird: Antigone bei Sorj Chalandon und Jean Anouilh
1944 stellt Jean Anouilh in seiner unter deutscher Zensur uraufgeführten „Antigone“ eine junge Frau vor, die sich der Staatsräson ihres Onkels Kreon widersetzt und für das Bestattungsrecht ihres geächteten Bruders in den Tod geht, ein Stück, das die Bühne durch die „vierte Wand“ streng von der Zuschauerrealität trennt und der Tragödie gerade in dieser Geschlossenheit ihre trostspendende Reinheit zuschreibt. Sorj Chalandon greift diese Konstellation in seinem Roman „Le Quatrième Mur“ (2013) auf, indem er einen französischen Regisseur erzählen lässt, wie er dem Vermächtnis eines sterbenden Freundes folgend genau dieses Stück mitten im libanesischen Bürgerkrieg mit Laienschauspielern aus allen verfeindeten Milizen aufführen soll – ein Vorhaben, das an der Wirklichkeit der Jahre 1982/83, am Massaker von Sabra und Chatila und am eigenen Verlust der Beobachterdistanz zerbricht. Der vorliegende Aufsatz argumentiert, dass der Roman Anouilhs Vokabular, die vierte Wand, den Unterschied von Drama und Tragödie, die „Küche“ der Macht, nicht zitiert, sondern empirisch einlöst: Jede Kriegspartei liest das Stück als Bestätigung der eigenen Sache, die dem Chor zugedachte Beobachterrolle des Erzählers erweist sich als unhaltbar, und am Ende steht nicht die geordnete, aussprechbare Tragödie von 1944, sondern eine Gewalt, die sich in keine Bühnenform mehr zwingen lässt. Anhand von Erzählperspektive, Raum- und Zeitstruktur, Figurenkonstellation und einer Reihe genau gelesener Textstellen aus beiden Werken zeigt die Untersuchung, wie ein Klassiker der französischen Nachkriegsliteratur im Krieg des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts nicht nachgespielt, sondern auf seine eigenen Voraussetzungen hin befragt wird.
➙ Zum ArtikelDas Wir als Widerstand: Daniel de Roulet zwischen Chronik und Bekenntnis
Daniel de Roulets „Trois garçons“ (Phébus, 2026) erzählt die gemeinsame Lebensgeschichte dreier Männer, die 1943 im selben Davoser Bergdorf geboren werden, aber verschiedenen Klassen angehören: einem Hoteliersohn, einem Concierge-Sohn und dem Sohn eines Gemeindemechanikers. Über achtzig Jahre hinweg verwebt der Roman ihre private Initiation mit den Erschütterungen der Weltgeschichte, Ungarn 1956, Mai 68, Terrorismus und Aids, Tschernobyl und Fukushima, dem Arabischen Frühling und den heutigen Klimabesetzungen, bis sich am Ende zeigt, dass die drei alten Männer selbst an einem Buch über ihr Leben schreiben, dessen Titel noch offen ist und über dessen mögliche KI-Niederschrift sie streiten. Der Aufsatz argumentiert, dass diese politische Substanz sich gerade in der Form entfaltet: Er verfolgt, wie ein additives, an Perec geschultes Erzählverfahren ein kollektives Wir trägt, das sich erst am Ende als Textinstanz zu erkennen gibt, wie die Raumfolge vom bürgerlichen Elternhaus über Kommune und Rückzugsort bis zur besetzten Anhöhe die Wiederholungsstruktur des Widerstands räumlich abbildet, und wie eine parallel geführte Mediengeschichte des Schreibens, von der Feder bis zum Algorithmus, die autopoetologische Selbstreflexion des Romans vorbereitet. Im Verlauf des Textes wird ein unhinterfragtes, biologisch gegebenes Wir dreier Jungen in ein bewusst gewähltes, umstrittenes und schließlich selbst geschriebenes Wir verwandelt, sodass der Aufsatz in der These mündet, dass Weitergabe und Aufruhr in diesem Roman dasselbe Wort meinen.
➙ Zum ArtikelDer Rassemblement national als Nutznießer einer neuen Konfiguration
Gewönne der Rassemblement national 2027 das Präsidentschaftsamt, träfe eine Partei mit wenig Regierungserfahrung auf ein machtvolles Amt, das Außen-, Sicherheits- und Europapolitik bestimmt, und sie wäre auf Überläufer aus der Rechten, Geldgeber und wohlgesinnte Medien angewiesen. Für die deutsch-französischen Beziehungen hieße das, dass der Motor der europäischen Politik ins Stocken geraten könnte: Gemeinsame Rüstungsvorhaben wie das Kampfflugzeug FCAS, abgestimmte Positionen zur Ukraine-Hilfe, Kompromisse bei Haushaltsregeln und Migrationspolitik sowie die Absprachen vor jedem EU-Gipfel wären nicht mehr selbstverständlich, weil Berlin einer Präsidentin gegenüberstünde, die nationale Vorrechte über die europäische Integration stellt. Für Europa wöge das schwer, weil Frankreich als Atommacht und ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats in einer unsicheren Weltlage eine gemeinsame europäische Antwort tragen oder blockieren kann. Wie es so weit kommen konnte, erklären Patrick Lehingue und Bernard Pudal in „Du FN au RN“ (2026) mit einer Beobachtung, die zunächst überrascht: Die Partei ist innen dünn besetzt. Ein Funktionär der Jugendorganisation räumt ein, die veröffentlichten Mitgliederzahlen seien um das Zehnfache überhöht, von den 35 Abgeordneten des Jahres 1986 gehörten 2020 nur noch zwei der Partei an, und Vereine oder Gewerkschaften, die sie tragen würden, gibt es kaum. Trotzdem erreicht sie seit 1984 fast immer mehr als zehn Prozent, und 2022 stimmten in der Stichwahl 41 Prozent für Marine Le Pen. Die Autoren erklären das wie bei einem Laden mit wenig Personal, der trotzdem voll wird, weil sich die Umgebung verändert hat und die anderen Geschäfte der Straße schließen. Vier Veränderungen benennen sie: Die Sicherheit im Berufsleben schwindet, die Politik schottet sich in einer Schicht von Berufspolitikern ab, die Schule sortiert aus und kränkt viele, und in der Verunsicherung gewinnt das Gefühl, „wir sind hier zu Hause“, neue Kraft. Die Rezension geht das Buch kapitelweise durch und prüft es an seinen eigenen Zahlen. Überzeugend ist der Blick auf alle Wahlberechtigten statt nur auf die Abstimmenden: Von den Menschen ohne Abschluss blieben 2017 mehr als 37 Prozent der Wahl fern, ihre häufigste „Wahl“ war also die Enthaltung. Angreifbar bleibt der Gedanke des Glücksfalls, der fast jeden Erfolg erklärt und deshalb schwer zu widerlegen ist, ebenso die knappe Antwort auf die Frage, was die Partei selbst richtig macht. Nach Lehingue und Pudal hat der FN/RN das Parteiensystem vor allem über die Themen und über die Rechenspiele der anderen verändert. Sozialisten und klassische Rechte haben ihn zunächst für taktische Vorteile instrumentalisiert (Verhältniswahl 1986, regionale Absprachen), später übernahmen die Etablierten seine Themen und Formeln, und der „Front républicain“ gilt den Autoren seit 2022 als verbraucht. Seit 2024 ist der RN mit 142 Abgeordneten und einem Bündnis mit Teilen der Republikaner zugleich die stärkste Einzelfraktion und ein Schiedsrichter über die Lebensdauer der Regierungen, während der Niedergang von PS und LR (zusammen 6 Prozent 2022) nach dem Buch vor allem auf die Schließung des politischen Feldes zurückgeht und nur teilweise auf den RN selbst.
➙ Zum ArtikelAmerikareisen: Die Straße nach dem Ende der Straße bei Catherine Mavrikakis und Cormac McCarthy
In Catherine Mavrikakis‘ „Sur les routes: un étrange voyage de Chicago à Alamogordo“ bricht eine Literaturprofessorin im Sommer 2024 zu einer Fahrt durch die USA auf, die sie sich selbst als Reaktion auf Cormac McCarthys The Road auferlegt: Wenn McCarthy der amerikanischen Straßenliteratur mit seiner Apokalypse ein Ende gesetzt hat, lässt sich die Straße dann überhaupt noch einmal befahren, und mit welchem Blick? Von Ontario über Michigan, Wyoming und die Wüsten des Südwestens bis nach Alamogordo verknüpft die Erzählerin in acht essayistischen Kapiteln die eigene Kindheit mit der Geschichte der Bisonjagden, der AIDS-Krise, des Rust Belt, der Anarchistin Voltairine de Cleyre und des Kernwaffentests von Trinity, sodass jede besuchte Stadt zugleich zum Schauplatz persönlicher Erinnerung und politischer Gegenwart wird, vom Attentat auf Donald Trump in Memphis bis zu den Kämpfen um das Abtreibungsrecht in Michigan und Wyoming. Der Aufsatz argumentiert, dass dieses Buch seine Gattungsfrage zur Methode macht: Statt McCarthys geschlossene, namenlose Endzeitallegorie fortzuschreiben, antwortet Mavrikakis mit einem datierten, digressiven Text, der Reisebericht, Essay und Autofiktion ineinander montiert und damit gerade die politische Lesbarkeit der amerikanischen Gegenwart zurückgewinnt, die McCarthys Apokalypse ausgelöscht hatte. Gezeigt wird das an der Funktion, die „The Road“ für den Text übernimmt, als Epigraph, als Auslöser der Reise und als stumme Folie, die am Schluss in der weißen, radioaktiven Wüste von White Sands unausgesprochen wiederkehrt, ebenso wie an der Verschränkung von Raum, Zeit, Geschlecht und Rasse, mit der Mavrikakis die amerikanische Straße als Palimpsest wiederkehrender Gewalt liest.
➙ Zum ArtikelDie Wüste als Theorie: Jean Baudrillard und das Ende der Geschichte im Bild
Jean Baudrillards „Amérique“ von 1986 verwandelt eine Reise durch Wüsten, Freeways und Metropolen der USA in eine Theorie der Hyperrealität: Amerika erscheint hier als Utopie, die sich, anders als die europäische, nie im Ausstehen der Geschichte, sondern von Beginn an im Alltag selbst verwirklicht hat, als Zivilisation ohne Ursprungsfrage, deren Oberfläche, Tempo und Leere keine Tiefe mehr brauchen, um zu bestehen. Fünfzehn Jahre später, in seinem umstrittenen Essay „L’esprit du terrorisme“ zu den Anschlägen des 11. September, radikalisiert Baudrillard genau diese Systemdiagnose: Er deutet den Anschlag nicht als politisches oder religiöses Ereignis, sondern als symbolischen Akt, in dem sich ein hegemoniales System, das jeden Tod aus seiner Rechnung ausgeschlossen hatte, an seiner eigenen Perfektion selbst verwundbar zeigt, während die Attentäter den eigenen Tod als eine Waffe einsetzen, auf die es innerhalb der Logik des globalen Tauschs keine gleichwertige Antwort gibt. Der Aufsatz liest beide Texte im Zusammenhang, zeigt, wie eng die Begriffe des Buchs, die Wüste, das Bild, die Simulation, in der späten Analyse des Terrors wiederkehren, und ordnet Baudrillards Amerikabild zugleich in eine lange französische Denktradition ein, die von Tocqueville über Duhamel bis in die Gegenwart reicht.
➙ Zum ArtikelWilde Stunden. Kunst als Offenlegung dessen, was die Zivilisation verdeckt: Marie Petitcuénot
Marie Petitcuénots Roman „Heures sauvages“ (Éditions H. d’Ormesson, 2026) erzählt die sechs Stunden nach, in denen Marina Abramović 1974 in einer neapolitanischen Galerie mit ihrer Performance Rhythm 0 ihr Publikum einlud, mit zweiundsiebzig Gegenständen, von der Rose bis zur geladenen Pistole, frei über ihren reglosen Körper zu verfügen: Aus der anfänglichen Neugier von vierzig geladenen Gästen entwickelt sich über Berührung, Entblößung und Verletzung bis hin zum Messerstich und zum russischen Roulette eine Eskalation, die erst endet, als der junge Galerist Andrea, der die Künstlerin ein Jahr zuvor in Belgrad kennengelernt hat, das Protokoll abbricht, während jede einzelne Figur aus dem Publikum, vom Hafenbeamten im Dienst der Camorra bis zur heimlichen Assistentin bei illegalen Schwangerschaftsabbrüchen, eine eigene, oft jahrzehntelange Lebensgeschichte in die eine Nacht einträgt. Der Aufsatz liest diesen Abend als literarisches Experiment über die dünne Schicht der Zivilisation und argumentiert, dass Petitcuénot dafür bewusst eine chorische, zwischen wechselnden Bewusstseinen springende Form wählt, in der ein durchgehendes Präsens der Rahmenhandlung auf ausgedehnte, in der Vergangenheit verankerte Rückblenden trifft und so jenes Stillstellen der Zeit simuliert, das die Künstlerin selbst als Bedingung ihrer Kunst beansprucht, ein Stillstand, den der Text am Ende als Illusion entlarvt, sobald der Körper eine bleibende Spur davonträgt. Zugleich zeigt die Analyse, dass der Roman die überwiegend männlich verübte Gewalt nicht zu einer einfachen Anklage eines Geschlechts verengt, sondern über die Nebenfigur von Carlos Frau eine komplizierende, auch weibliche Begierde einführt, und dass seine Poetik, insbesondere der Verzicht auf satzzeichenmarkierte Dialoge, genau jene Aufhebung der sicheren Beobachterposition vollzieht, die schon die Performance selbst von ihrem Publikum verlangt: So wird aus der Interpretation des Kunstwerks zugleich eine Deutung der eigenen literarischen Verfahren des Romans.
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Narrativa italiana
Zwei Dichter in Umbruchszeiten: Franziska Meier über Boccaccio und Dante
Franziska Meier zeigt in ihrem Boccaccio-Buch einen Dichter, dessen Leben fast nur in Randspuren greifbar ist, und liest diese Spuren mit Quellenkritik: Selbstaussagen gelten als Stilisierung, Handschriften als Argumente, und das alte Bekehrungsmodell vom heiteren Erzähler zum reuigen Humanisten weicht dem Bild eines Autors, der den Umbruch des 14. Jahrhunderts, von der Pest bis zum Wandel der Dichtungssprache, mit Form, selbstgesetzter Ordnung und Archivarbeit beantwortet. Wie genau sie dabei arbeitet, zeigt sich an der Pestbeschreibung: Die zwei Schweine, die an den Lumpen eines Pesttoten verenden, erscheinen bei ihr als Argument für die durchlässige Grenze zwischen Mensch und Tier und für ein Menschenbild, das ins Wanken gerät. Boccaccios Bezüge zu Dante, als Kopist, Biograph, Kommentator und Kritiker, führen zu drei Dante-Büchern von Meier, die den Dichter ebenfalls von außen und dennoch genau befragen. Das Einführungsbändchen von 2018 stellt der kanonischen Biographie historische Rekonstruktionen gegenüber, etwa einen Ehevertrag, den der erst zwölfjährige Dante nach kanonischem Recht gar nicht hätte schließen dürfen, und ein Verbannungsverfahren, das ihn in die Nähe gemeiner Krimineller rückte. „Besuch in der Hölle“ (2021) schreibt die Rezeption der Komödie als Gesamtgeschichte über 700 Jahre, von den Handschriftenwerkstätten des Trecento über den Florentiner Stadtpatron und die Midlife-Crisis-Deutung bis zu den Höllenvergleichen in den Lagern und der Frage, ob Dante ein Gedicht für alle sei. Der von Meier herausgegebene Sammelband zum „Convivio“ (2018) löst Dantes erstes Exilwerk aus der Vorgeschichte der Komödie und liest es als Versuch eines Neuanfangs, den Meier in ihrem eigenen Beitrag an der Verteidigung des Volgare im ersten Traktat zeigt. So entsteht ein Dante ohne Gewissheitsgarantie: historischer, offener und stärker von seinen Lesern geprägt, als die kanonische Erzählung wollte, und ein Boccaccio, dessen Dante-Bild als Konstruktion erkennbar wird.
➙ Zum ArtikelDas Leben aus zweiter Hand: Übersetzen bei Dario Ferrari
Dario Ferraris Roman „L’idiota di famiglia“ (Sellerio, 2026) erzählt, wie der Übersetzer Igor Nieri im Frühjahr 2023 aus Rom in seine Heimatstadt Viareggio zurückkehrt, um gemeinsam mit seiner Schwester Ester den an Demenz erkrankten Vater, einen pensionierten Philosophielehrer und überzeugten Kommunisten, zu pflegen. Während die Beziehung zu seiner Partnerin Marta, einer erfolgreichen feministischen Autorin, zerbricht und ein öffentlicher Boykottaufruf gegen den von ihm übersetzten Schriftsteller Badwalds seine Berufsehre berührt, entziffert Igor die handschriftlichen Notizen des Vaters zu einer Novelle über die Räterepublik von Viareggio im Mai 1920, deren anarchistischer Held Idargo ihm als verschlüsselte Botschaft erscheint. Der Aufsatz liest diese Konstruktion als Roman der Stellvertretung und entwickelt seine Deutung in vier Schritten: Zunächst zeigt er, dass die Demenz als Poetik wirkt, weil sie dem Vater die Selbstzensur nimmt, die Literatur in seinem Gedächtnis aber unversehrt lässt; sodann erkennt er im Übersetzerberuf das Erzählprinzip des Ich-Erzählers, dessen Ideal der Selbstauslöschung am eigenen Erzählen scheitert und dadurch autopoetologisch fruchtbar wird; drittens bezieht er Geschlechterrollen, Pflegearbeit und Verlagssatire auf die Rahmenhandlung und die Binnenerzählung auf die Rahmenhandlung zurück, sodass Komik und historische Satire als zwei Spiegelungen derselben Familienkonstellation erscheinen; schließlich liest er den Vergleich von Romananfang und Romanschluss als Verschiebung vom Wort zum Ding, die Igors Hoffnung auf die Rolle des Protagonisten widerlegt und ihn auf die des Abschreibers verweist. Die These des Aufsatzes lautet, dass der Titel einen doppelten Sinn trägt, bei Dostojewski den schutzlos guten Menschen, bei Sartre das Kind, das in der Sprache Zuflucht sucht, und dass Ferrari beides auf ein Verfahren bezieht, in dem Treue gegenüber dem Anderen nur als Übertragung möglich ist, nie als Besitz.
➙ Zum ArtikelLeere Räume, volle Bilder: Vincenzo Latronicos Deutschlandromane im Vergleich
Vincenzo Latronico erzählt in „Le perfezioni“ (2022), „La chiave di Berlino“ (2023) und „Una splendida rovina“ (2026) von Menschen, die nach Berlin kommen, um in einer Stadt voller Leerstellen ein Leben nach eigenem Entwurf zu führen. Ein Paar richtet eine Wohnung ein, die auf Fotos vollkommen aussieht und gerade deshalb unbewohnbar wird. Der Essay beschreibt aus eigener Erfahrung das Tempelhofer Feld, den Berliner Lockdown und die Entzauberung eines Mythos. Der jüngste Roman schickt seine Figuren in eine DDR-Ruine, unter deren Boden Schutt und Asbest liegen. Der Aufsatz liest die drei Bücher kontrastiv und folgt einer These: Die Leere, die diese Generation als Freiheit sucht, ist von der Geschichte geleert und vom Markt neu besetzt. Er entwickelt sie in sechs Schritten. Zuerst fragt er nach dem Verhältnis von Raum und Geschichte, dann nach dem Vorrang des Bildes vor dem gelebten Leben. Es folgen die unterschiedlichen Erzählhaltungen, nämlich der Imperfekt-Ton in der Nachfolge Perecs, die Konstellationen des jüngsten Romans in der Tradition Kunderas und die Absage an jede Teleologie in der Coda des Essays. Danach behandelt er Arbeit und Gemeinschaft. Das Deutschland dieser Romane ist ein Land, in dem Italiener eine Wohnung für 118 Euro pro Tag vermieten, weil sie selbst nicht darin leben können, und in einer DDR-Ruine ihre Freiheit suchen, unter deren Boden noch der Asbest liegt. Wer aus Italien kommt, um hier ein Leben nach eigenem Entwurf zu beginnen, findet keinen leeren Raum, sondern einen, den die Geschichte hinterlassen und der Markt längst wieder vermietet hat.
➙ Zum ArtikelRepublik der Gelehrten: Jena, Thüringen und die deutsche Innerlichkeit bei Alberto Rollo
Alberto Rollos Roman „Le attitudini“ (Neri Pozza, 2026) lässt einen italienischen Professor den Briefwechsel zweier Menschen rekonstruieren, die sich 1793 in Neapel begegnen: Marianna Di Dio, genannt Nenna, eine Waise aus dem Salento, die im Haus des britischen Gesandten Hamilton lesen, singen und Sprachen lernt, und Bruno Röder, ein Student aus Fliederoda, der in Jena zwischen Fichte, Schiller, den Brüdern Schlegel und Novalis seinen Platz sucht. Sie sehen sich nicht wieder. Bruno erkrankt an der Lunge und stirbt 1803, bevor er Ancona erreicht, wo man sich treffen wollte, und was danach geschah, füllt der Professor mit Vermutungen, während sein eigener Sohn vor Gericht steht. Der Aufsatz liest dieses Buch als Erzählung über Deutschland und entwickelt seine Deutung in fünf Schritten: Jena erscheint als Gelehrtenrepublik, die den fehlenden Nationalstaat ersetzt; pietistische Innerlichkeit und kaufmännischer Zweckverstand wachsen in derselben Familie; die deutsche Italiensehnsucht wird von einer Italienerin umgekehrt, die den Norden zurückliest; dem Heiligenkult um Novalis steht das Leben unbekannter Zeitgenossen gegenüber; und die Lücken der Überlieferung, geprägt von Bomben, Zufall und Nachlässigkeit, bilden die Gedächtnisform eines Landes, das sich aus Resten erinnert. Aus diesen Schritten folgt die These, dass Rollo die Epoche als Haltung beschreibt und nicht als Staat, als eine Haltung, die zugleich echt und inszeniert ist und an Napoleon, an der Restauration und am Geschäftssinn der eigenen Verwandtschaft scheitert, sich aber als Geste weitergeben lässt. Die Stärke der Argumentation liegt darin, dass sie die Verklärung, die der Stoff nahelegt, am Text selbst prüft und mit den Vettern, den Quellenlücken und Mariannas Selbstbehauptung gegenliest.
➙ Zum ArtikelWas nach dem Brand bleibt: Michele Ruol
Michele Ruols Roman „Inventario di quel che resta dopo che la foresta brucia“ (2024) erzählt vom Tod zweier Brüder bei einem Autounfall und von den achtzehn Jahren danach, in denen ihre Eltern, im Text nur Madre und Padre genannt, einander kaum erreichen. Das Buch ist als Verzeichnis angelegt: Neunundneunzig nummerierte Gegenstände, geordnet nach den Räumen eines Hauses und später eines Autos, rufen je eine kurze Geschichte auf, aus der sich Ehe, Elternschaft, Trauer und ein zäher Zivilprozess um die Schuldfrage zusammensetzen. Der Aufsatz geht von der These aus, dass diese Katalogform das fehlende Gespräch der Figuren ersetzt und dass der Roman damit eine Gegenrechnung zur juristischen Bilanz aufmacht, die die Zukunft der Söhne in Entschädigung umrechnen will. Die Argumentation verläuft in fünf Schritten. Zuerst zeigt sie, wie Raumfolge und Zeitordnung (Präsens der verfallenden Räume, Plusquamperfekt der Erinnerungen) eine Handlung erst im Zusammenlesen entstehen lassen. Dann liest sie den Erzähler, der mehr sieht als beide Eheleute, und die geschlechtlich codierten Kommunikationsformen als Ursachen des Schweigens. Danach folgt sie der Bildlogik von Brand, Flut und Wurzelwerk, in der Padres Modell des Wiederaufbaus gegen Madres Modell des Nachwachsens steht, und liest die Poetik des Romans als Synekdoche und Spurensuche, die intertextuell (Beckett, Szymborska, Dornröschen) und intermedial (Dalí, Fotografie, Chat) abgesichert ist. Schließlich vergleicht sie Romananfang und Romanschluss: Aus der Asche im Flur wird der Reif auf dem Hang, aus dem gerahmten Foto der Toten werden zwei Bäume auf einem Autodach. Das Ergebnis lautet, dass der Roman Wachstum ohne Wiederherstellung erzählt und dabei die eigene Naturmetapher prüft, weil sie sich am Ende als Folge einer Tat der Söhne erweist.
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