Israel, Gaza und der französische Intellektuellendiskurs nach dem 7. Oktober: Deutungshoheiten bei Denis Sieffert

Die Rezension analysiert die französische Intellektuellendebatte nach dem 7. Oktober 2023 als ein zutiefst polarisiertes Diskursfeld, in dem sich drei zentrale Positionen herausgebildet haben: ein dominantes pro-israelisches Lager, ein marginalisiertes propalästinensisches Spektrum sowie eine fragile, lange kaum hörbare Zwischenposition. Im Zentrum steht Denis Siefferts Buch „La mauvaise cause“ (2026), das als engagierte Gegenrede gegen eine aus seiner Sicht hegemoniale, pro-israelische Diskursordnung gelesen wird. Die Rezension rekonstruiert detailliert Siefferts Argumentation – von der historischen Verflechtung Frankreichs mit Israel über die Analyse medialer und rhetorischer Mechanismen bis hin zur Kritik prominenter Intellektueller wie Gilles Kepel und Eva Illouz – und arbeitet heraus, dass sein zentraler Einsatzpunkt in der Re-Politisierung des Konflikts als Kolonialfrage liegt. Im Vergleich mit Kepels geopolitisch-religionswissenschaftlichem Ansatz und Illouz’ soziologischer Kritik an der westlichen Linken zeigt die Rezension die fundamentalen epistemischen Differenzen dieser Positionen auf: Während Kepel und Illouz die Reaktionen auf den 7. Oktober problematisieren, richtet Sieffert den Blick auf die Mechanismen der Diskursmacht und die Unsichtbarmachung palästinensischen Leids. Abschließend bewertet die Rezension das Buch als wichtige, wenn auch nicht unproblematische Intervention, die exemplarisch die politischen, medialen und moralischen Bruchlinien des gegenwärtigen Frankreich offenlegt.

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Brückenschlag und Selbstkorrektur: Ernst Robert Curtius

„Die literarischen Wegbereiter des neuen Frankreich“ von Ernst Robert Curtius eröffnet als Produkt der unmittelbaren Nachkriegszeit aus der Erfahrung politischer Niederlage heraus einen bewusst gegenläufigen, europäisch orientierten Deutungsraum: Indem Curtius 1918/20 zentrale französische Autoren (Gide, Rolland, Claudel, Suarès, Péguy) als Träger einer geistigen Erneuerung präsentiert, betreibt er weniger neutrale Literaturvermittlung als eine kulturpolitische Intervention gegen nationale Ressentiments und stereotype Frankreichbilder. Die Rezension arbeitet heraus, dass Curtius’ Argumentation auf einer doppelten Bewegung beruht: einerseits der Dekonstruktion des deutschen Klischees vom rationalistischen, „lateinischen“ Frankreich durch den Nachweis transnationaler, insbesondere auch „germanischer“ Einflüsse; andererseits der Konstruktion eines „wahren Frankreichs“, das als pädagogische Projektionsfläche für ein erneuertes, europäisch gewendetes Deutschland stehen kann. Dabei wird die Spannung zwischen dokumentierter Feindschaft (etwa bei Suarès) und programmatischer Überblendung durch den Europagedanken nicht nivelliert, sondern als produktiver Widerspruch gelesen. Kritisch markiert die Rezension zugleich die selektive Anlage und die lebensphilosophische Wertungshierarchie des Buches, die bestimmte Strömungen ausblendet und andere normativ überhöht. Insgesamt erscheint Curtius’ Studie so als ein zugleich zeitgebundenes und methodisch wegweisendes Unternehmen: als rhetorisch gesteuerte Selbstkorrektur nationaler Wahrnehmung, die Literaturwissenschaft in den Dienst einer intellektuellen Verständigung stellt.

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Die Sitcom-Diktatur: politisches Denken, literarische Form, Machiavelli und Giorgia Meloni bei Hélène Frappat

Der Roman „Nerona“ (2025) von Hélène Frappat entwirft die Herrschaft einer rechtspopulistischen Diktatorin als ein zugleich groteskes und erschreckend präzises Modell politischer Gegenwart: In einer namenlosen europäischen Nation regiert Nerona mittels Dekreten und medialer Dauerinszenierung, während eine polyphone, fragmentierte Erzählstruktur – Reden, Interviews, prophetische Gesänge, Filmszenen – die Gleichzeitigkeit von Macht, Gewalt und Verdrängung sichtbar macht; zentrale Motive sind die Mythisierung der eigenen Herkunft, die systematische Konstruktion von „Feinden im Inneren“, die Pervertierung humanitärer Diskurse etwa im Migrationslager sowie die Eskalation zur apokalyptischen Selbstzerstörung, die in der Figur des Matricidiums und im Nero-Topos kulminiert. Die Rezension argumentiert dabei, dass Frappats literarische Form selbst Erkenntnis produziert: Indem sie Populismus als „Sitcom“ modelliert – als endlose Wiederholung affektiver und rhetorischer Muster ohne Lernfähigkeit –, verbindet sie Gattungspoetik mit politischer Theorie; zugleich liest die Rezension den Roman als machiavellistische Parodie, in der klassische Begriffe wie „virtù“ oder „fortuna“ in zynische Managementlogiken überführt werden. Die Verschränkung von Diskursanalyse und Ästhetik wird herausarbeitet: Die Vielstimmigkeit fungiert als demokratischer Gegenentwurf zum monologischen Populismus, während die Figur Neronas als Verdichtung realer politischer Akteurinnen (insbesondere Giorgia Meloni) lesbar wird, ohne in bloße Satire zu verfallen. Insgesamt zeigt die Interpretation, dass Frappats Roman weniger eine dystopische Übertreibung als vielmehr eine Diagnose ist: Populistische Herrschaft erscheint als ein Regime der Sprache und Wahrnehmung, dem die Literatur durch ihre formale Komplexität eine kritische Gegenwahrnehmung entgegensetzt.

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Zwischen Mythos und Massenmord: deutsch-französische Romane im Zeichen des Dritten Reiches

Michel Tourniers „Le Roi des Aulnes“ (1970) und Jonathan Littells „Les Bienveillantes“ (2006) sind, trotz des Abstands von 36 Jahren und zweier grundverschiedener literarischer Temperamente, beide deutsch-französische Romane im präzisesten Sinne: Tournier schickt seinen Pariser Garagisten Abel Tiffauges als Kriegsgefangenen nach Ostpreußen, wo er Deutschland als mythologisches Spiegelland erlebt – Hirschherden wie Wappentiere, Görings Jagdschloss als „palais sur rails“, die Napola-Burg Kaltenborn als Erfüllung einer Erlkönig-Obsession –, bis das jüdische Kind Ephraïm am Ende alle seine Zeichen invertiert und sich im letzten Satz in den Davidstern verwandelt; Littell stattet seinen Ich-Erzähler Max Aue, SS-Offizier und Massenmörder, mit einer elsässischen Herkunft, einer französischen Mutter, einer Sciences-Po-Ausbildung und Pariser Kollaborationsfreunden aus, so dass die deutsch-französische Hybridität nicht als humanisierende Brücke, sondern als Voraussetzung der Komplizenschaft erscheint – wer Racine und Hölderlin gleich gut kennt, schreibt den Massenmord eben in besserem Französisch. Die vorliegende kontrastive Interpretation argumentiert, dass beide Romane exakt diese Gemeinsamkeit teilen: Sie verweigern die tröstliche Erzählung, wonach der Nationalsozialismus ein kulturell Fremdes war, das dem deutsch-französischen Erbe von außen aufgezwungen wurde, und zwingen stattdessen ihre Protagonisten – den faszinierten Franzosen wie den hybriden Täter – dazu, die eigene Bildung, Faszination und Sprachkenntnis als Einfallstor zu erkennen. Dabei unterscheidet die Rezension scharf zwischen Tourniers mythologischer Verfremdung – das Verbrechen wird in archaische Muster (Erlkönig, Christophoros, Inversion der Zeichen) sublimiert, um erst so sichtbar zu werden – und Littells hyperrealistischer Immanenz, die jeden mythologischen Schutzschirm verweigert und den Leser durch Aues kultivierten Berichtston in eine Komplizenschaft zieht, aus der er sich nicht heraushalten kann; die Rezension legt nahe, dass diese Differenz nicht nur ästhetisch, sondern historisch erklärbar ist: 1970 war Auschwitz noch unbeschreiblich, man sublimierte – 2006 war es akademisiert und musealisiert, und Littell insistierte auf der Unverarbeitbarkeit. Als deutsch-französische Texte werden beide Romane dabei auch auf ihre Sprachpolitik hin befragt: das Deutsche, das Tournier im Roman als ehrfürchtig unübersetztes Fremdkörper-Material stehen lässt (Napola, Reichsjägermeister, Jungmann), und das Französische, das Littell als Schreibsprache für den deutschen Massenmord wählt – ein literarisches Sakrileg, das die „clarté française“ gegen sich selbst kehrt und damit die These der Rezension illustriert, dass die deutsch-französische Kulturgemeinschaft das schwarze Loch in ihrer Geschichte nicht schließen, sondern nur umkreisen kann.

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Zwischen Vollendung und Verstummen: Antoine Compagnon

Antoine Compagnons „La Vie derrière soi: Fins de la littérature“ (2021) versammelt die ausgearbeiteten Vorlesungen seines letzten Collège-de-France-Zyklus zu einer weitgespannten, essayistisch geführten Reflexion über die „Enden“ der Literatur – verstanden zugleich als Abschluss, Ziel, Grenze und Auflösung. Ausgehend von den Gegenpolen Roland Barthes (Nicht-Schreiben) und Marcel Proust (Schreiben bis zuletzt) entfaltet Compagnon eine Poetik des Spätstils, die literarische, kunsthistorische und philosophische Diskurse miteinander verschränkt. Anhand eines europäischen Kanons – von Nicolas Poussin und Rembrandt über François-René de Chateaubriand bis zu Samuel Beckett – untersucht das Buch Figuren des Alterswerks, des Verstummens, des Schwanengesangs und der letzten Worte, ohne diese Phänomene auf eine einheitliche Theorie zu reduzieren. Seine leitende, eher vorgeführte als explizit formulierte These lautet, dass Literatur wesentlich eine Praxis der Endlichkeit ist: Sie gewinnt ihre Bedeutung gerade im Umgang mit dem eigenen Ende. Mit dem Begriff des „aevum“ beschreibt Compagnon Literatur als eine Zeitform zwischen individueller Vergänglichkeit und kultureller Dauer, in der sich Sterblichkeit und Überlieferung verschränken. So erscheint das Ende der Literatur nicht als ihr Verschwinden, sondern als ihr privilegierter Vollzug – als eine Kunst des Abschiednehmens, die im Schreiben selbst ihre Form findet.

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Die Blume als Text, Körper und Gefahr: drei Romane von Colette Fellous, Célia Houdart und Constance Guisset

Was verbindet drei sehr unterschiedliche französische Romane der Gegenwart – Colette Fellous‘ „Quelques fleurs“ (Gallimard, 2024), Célia Houdarts „Les Fleurs sauvages“ (P.O.L, 2024) und Constance Guissets „Fleur de peau“ (Flammarion, 2026)? Auf den ersten Blick nur das Botanische ihrer Titel; bei genauerer Lektüre aber ein gemeinsames und vielschichtiges literarisches Projekt: die Befragung, Verschiebung und in manchen Fällen radikale Zerstörung jener symbolistischen Tradition, die die Blume seit Mallarmé als erhabenes, körperloses Zeichen kodiert hat – als „l’absente de tous bouquets“, abwesend aus jedem wirklichen Strauß, aufgestiegen in die reine Idee. Die vorliegende vergleichende Rezension zeigt, wie die drei Autorinnen diese Erbschaft auf je eigene Weise beerben und brechen, indem sie das Pflanzliche ins Körperliche, ins Ökologische und ins Pharmakologische zurückholen. Fellous, deren autofiktionaler Essay in der Formlinie des lyrischen récit operiert, kultiviert die Blume als Mnemotop und als poetologisches Selbstportrait: Ihre Blumen sind stille Zeuginnen des gelebten Lebens, Kondensate von Kindheit, Mutter, Tunis und Paris, und das Buch, das sie schreibt, ist buchstäblich „en ces fleurs caché“ – in den Blumen verborgen, wartend auf den Akt des Schreibens, der sie befreit. Houdart dagegen entzieht der Blume jeden subjektiven Anspruch: Im lakonischen Polyphonie-Erzählen ihrer provenzalischen Figuren sind die Wildblumen ökologische Zeichen einer Natur, die dem Menschen gleichgültig ist und ihn – im Falle der halluzinogenen Datura, die zwei Figuren vergiftet – auch zu schädigen bereit ist, ohne Absicht und ohne Botschaft; botanisches Wissen wird hier zur ethischen und epistemischen Notwendigkeit. Guisset schließlich stellt die romantische Blumenästhetik mit einer systemkritischen Geste auf den Kopf: Ihre Floristin Ava hat dreizehn Jahre lang die Schönheit der Blumen arrangiert und dabei, durch Pestizide in der Haut, ein unsichtbares Gift akkumuliert – die Blume, die als Gegenwelt zur Finanzwelt gewählt wurde, erweist sich als deren Komplizin, und der Körper der Frau als Barometer einer globalen Warenwirtschaft, die Schönheit auf toxischen Substanzen gründet. Der Aufsatz liest diese drei sehr unterschiedlichen Textprojekte entlang einer gemeinsamen Analysedimension: der Funktion der Blume als Zeitfigur, als Körperfigur und als Sprachfigur, und sie argumentiert, dass die zeitgenössische französische Literatur im Blumenmotiv eine Skala aufspannt, die von der mnemotechnischen Kultivierung über die ökologische Nüchternheit bis zum pharmakologischen Paradox reicht – und in Ismaël Judes gleichzeitig erschienenen Roman „Une vie de jasmin“, der als vierter Vergleichstext herangezogen wird, in einer sprachskeptischen Ontologie der reinen Emanation gipfelt, die Mallarmés Idealisierung mit den Mitteln des Körpers und der Biologie konsequent zu Ende denkt.

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Die 35 Kategorien der französischen Literaturlandschaft: Frédéric Beigbeder

Frédéric Beigbeders „Dictionnaire amoureux des écrivains français d’aujourd’hui“ (Plon, 2023) ist ein monumentales und bewusst widersprüchliches Werk: ein auf 281 Einträge verdichtetes Inventar der lebenden französischsprachigen Gegenwartsliteratur, das die lexikographische Form der „Dictionnaires amoureux“-Reihe bis an ihre Grenzen dehnt und zugleich ein Selbstporträt seines Autors ist. Beigbeder definiert seine Methode als „résolument subjective“: Sein Korpus umfasst ausschließlich im August 2023 lebende Romanciers, die direkt auf Französisch schreiben – Essayisten, Lyriker, Dramatiker und Krimiautoren sind ausgeschlossen, Frankophones aus Martinique, dem Maghreb, dem Senegal oder Quebec dagegen eingeschlossen, da der Band literaturpolitisch beansprucht, eine Literatur zu kartieren, die über Frankreich hinausreicht. Das konzeptuell mutigste und polemischste Element des Bandes ist die dem Alphabet vorgeschaltete Taxonomie von achtundzwanzig „Logos des écoles et mouvements littéraires contemporains“ – kleinen Symbolen, mit denen Beigbeder jeden Autor einer oder mehreren Schulen zuordnet und damit tut, was die Literaturwissenschaft für das 21. Jahrhundert bislang unterlassen hat: die Gegenwartsliteratur in verbindliche Strömungen zu gliedern, von der „autoréalité“ (dem Ich als primärem Rohstoff, mit Ernaux und Angot als kanonischen Figuren) über die „faction“ oder Exofiktion (Carrère, Jaenada, Aubenas) und die „glauquistes apocalyptiques“ (Houellebecq, Despentes, Mathieu) bis zu den „néo-hussards“ (Tesson, Kauffmann, Parisis), den „décoloniaux voyageurs“ (Chamoiseau, Condé, Daoud, Mbougar Sarr) und den „révélateurs d’un passé maudit“ (Modiano, Guez, Mukasonga, Littell). Die vorliegende Rezension analysiert Beigbeders Korpusdefinition, seine impliziten Wertkriterien (Stil, Originalität des Blickes, Mut zur Provokation, existenzielles Wagnis), die Kennzeichen der einzelnen Gruppen anhand exemplarischer Personeneinträge und schließlich die Position, die Beigbeder im eigenen Panorama einnimmt – als Romancier, der sich selbst ausgeschlossen hat, aber auf jeder Seite als Instanz präsent bleibt –, um abschließend sowohl die genuine Leistung des Bandes (die Füllung einer realen Lücke, die Qualität der besten Porträts, die heuristische Produktivität der Taxonomie) als auch seine strukturellen Einschränkungen (die Pariser Milieugebundenheit des Blickes, die Kanonisierung des bereits Etablierten, die verdeckte politische Parteilichkeit) zu gewichten.

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Wo das Trauma beginnt: Camille de Toledo

Camille de Toledos „Thésée, sa vie nouvelle“ (Verdier, 2020) erarbeitet aus einem Schockmoment – dem Fund des erhängten Bruders im Paris des Jahres 2005 – eine vielschichtige literarische Untersuchung, die Trauerarbeit, Familienchronik, Essay und poetische Beschwörung miteinander verschränkt. Der Roman folgt seinem Erzähler Thésée über Jahre hinweg in eine doppelte Bewegung: in die Gegenwart eines traumatisierten Körpers und zugleich rückwärts in die genealogischen Tiefenschichten einer von Verlusten, Schweigen und verdeckter jüdischer Herkunft geprägten Familie. Ausgehend von drei Kartons mit Fotografien, Briefen und dem Manuskript des Ururgroßvaters entwickelt sich eine „poème-enquête“, in der sich zeigt, wie sich historische Gewalt, Suizide und verdrängte Erinnerung nicht nur narrativ, sondern physisch im Körper der Nachkommen einschreiben. Die Rezension liest dieses formal hybride Werk als performative Poetik des Transgenerationalen: Die nicht-lineare Zeitstruktur, die Synchronien der Daten, der Wechsel der Pronomina und die Einlagerung dokumentarischer Stimmen realisieren genau jene Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart, die der Text behauptet. Im Zentrum steht dabei die Umdeutung des Theseus-Mythos: Das Labyrinth ist kein äußerer Ort mehr, sondern das Innere der Familiengeschichte, der „Ariadnefaden“ ein fragiles Geflecht aus Archivmaterial, das erst im Schreiben entsteht. Indem der Roman am Ende – in einer radikalen Inversion der Chronologie – zum Suizid des Ururgroßvaters im Jahr 1939 zurückkehrt, markiert er den Ursprungspunkt der Wunde und macht sichtbar, dass Erkenntnis nur im Rückkehren möglich ist: als Ankommen an dem Ort, von dem alles ausging. Der Aufsatz hebt hervor, dass Toledo damit weder eine psychologische noch eine soziologische Erklärung des Suizids liefert, sondern eine literarische Erkenntnisform etabliert, die das in der Materie sedimentierte Gedächtnis zur Sprache bringt. Literatur erscheint hier als Ort der „revivance“ – nicht als Auflösung des Traumas, sondern als Wiederverbindung mit den Toten, als vorsichtiges Verknüpfen eines zerrissenen Fadens, der eine „vie nouvelle“ überhaupt erst denkbar macht.

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Wuchernde Körper, schweigende Blumen: Ästhetik der Emanation bei Ismaël Jude

Die Rezension zu „Une vie de jasmin“ (éditions verticales, 2026) von Ismaël Jude liest den Roman als grundlegende Infragestellung menschlicher Identität, Sprache und Zivilisation: Im Zentrum steht die Figur Jasmine, deren Körper in einem Prozess der „Dermaculture“ Pflanzen hervorbringt und so die Grenze zwischen Mensch und Vegetation auflöst. Vor dem Hintergrund einer repressiven, technokratischen Ordnung – verkörpert durch den allergischen, autoritären Vater und eine von Beton und Pestiziden geprägte Welt – entwirft der Text eine Gegenästhetik des Wucherns, der „Émanation“ und einer „Sexualité sans langage“, in der Blumen nicht als Symbole, sondern als eigenständige, nicht übersetzbare Formen von Leben erscheinen. Die Rezension zeigt, wie sich diese poetologische Programmatik mit einer traumatischen Familien- und Kolonialgeschichte verschränkt: Der Name Jasmine erweist sich als „Acte manqué“, als blutige Spur des Algerienkriegs, die Identität nicht stiftet, sondern unterminiert. In der Verbindung von ökologischer Kritik, queerer Körperlichkeit und sprachskeptischer Poetik deutet die Besprechung den Roman schließlich als Plädoyer für ein nicht fixierbares Leben, das sich – wie eine Pionierpflanze – in den Rissen der Zivilisation ausbreitet und jenseits symbolischer Ordnungen behauptet.

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Die reparative Wende: warum Literatur heute mehr tun soll als erzählen

Die Rezension stellt Alexandre Gefens Essay „Réparer le monde: la littérature française face au XXIe siècle“ (2017, engl. 2024) als ebenso ambitionierte wie symptomatische Diagnose der Gegenwartsliteratur vor: An die Stelle der ästhetischen Autonomie des 20. Jahrhunderts tritt ein „reparatives“ Paradigma, in dem Literatur als therapeutische, soziale und ethische Praxis begriffen wird. Gefen kartografiert anhand eines bewusst offenen Korpus – von Annie Ernaux bis zu klinischen Fallberichten – eine Literatur, die Identität stiftet, Traumata bearbeitet, Empathie schult und kollektives Gedächtnis sichert; gestützt auf Denker wie Paul Ricœur oder die Care-Ethik beschreibt er das Erzählen als Technologie des Selbst und als Instrument symbolischer Wiedergutmachung. Die Rezension arbeitet diese Leitthese pointiert heraus, würdigt die analytische Breite und den theoretischen Eklektizismus, problematisiert jedoch zugleich die normative Engführung: Indem Gefen Literatur primär als „Heilmittel“ liest, droht ihre ästhetische Eigenlogik zugunsten eines ethischen Utilitarismus zu verschwinden. So erscheint das Buch selbst als exemplarischer Ausdruck jener Tendenz, die es beschreibt – eine engagierte, wirkungsorientierte Literaturtheorie, die zwischen Diagnose und Programmatik wechselt.

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Alain Finkielkraut zwischen Kulturkritik und politischer Reflexion

Alain Finkielkrauts „Le cœur lourd“ (Gallimard, 2026) ist ein persönliches und zugleich diagnostisches Porträt des 1949 geborenen Intellektuellen, der sich als „Verwaister“ in einer Welt im Umbruch erlebt. Die Rezension hebt hervor, dass das Buch, geführt in Gesprächen mit Vincent Trémolet de Villers, nicht nur die Nachkriegsbiografie Finkielkrauts und seine Zugehörigkeit zur „post-Shoah“-Generation reflektiert, sondern auch die Bedrohungen von Sprache, Kultur und Identität in der Gegenwart kritisch analysiert. Zentrale Themen sind die Verantwortung gegenüber der eigenen historischen und jüdischen Identität, die Sorge um Frankreich und Israel, der Verlust der Hochkultur und der Bildung sowie die Nostalgie für eine vergangene, harmonische Welt. Finkielkraut präsentiert sich als melancholischer Chronist, der zugleich konkrete politische, ethische und ökologische Vorschläge macht – von der Rettung der Sprache über die integrale Ökologie bis hin zu einem Modell konservativ-liberal-sozialistischer Werte –, und zeigt damit, wie das persönliche Erleben, die philosophische Reflexion und die Sorge um die Zukunft untrennbar miteinander verbunden sind.

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Schreiben gegen die Grenze: Utopie Babel bei Leïla Slimani

Leïla Slimanis Essay „Assaut contre la frontière“ (Gallimard, 2026) ist eine dichte Selbstverortung zwischen Sprachen, Kulturen und politischen Diskursen: Ausgehend von einem alptraumhaften Gerichtsszenario, in dem die falsche Sprache zur existenziellen Schuld wird, entfaltet der Text eine autobiographisch grundierte Reflexion über Mehrsprachigkeit als Identitätsraum und deren Verlust als genealogische Wunde – von der vielsprachigen Kindheit über die kolonial geprägte Bildung des Vaters bis zur eigenen Entfremdung vom Arabischen, das als „Phantomsprache“ im Schreiben fortlebt. Slimani verbindet diese persönliche Sprachgeschichte mit einer scharfen Analyse globaler Machtverhältnisse: der Hierarchisierung von Sprachen im postkolonialen Raum, der Exotisierung „maghrebinischer“ Literatur, der politischen Instrumentalisierung des Arabischen nach dem 11. September und der Illusion einer „reinen“ Sprache, die sie als ideologisches Konstrukt entlarvt. Dem setzt sie eine Poetologie des Romans entgegen, die Literatur als radikale Praxis der Empathie und der Perspektivenvielfalt versteht – als Bewegung über Grenzen hinweg, die gerade im Akt der Übersetzung ihre Fortsetzung findet. Slimanis Argumentation ist nicht linear, sondern essayistisch verdichtet: Sie verschränkt autobiographische Szenen mit intertextuellen Bezugnahmen (von Canetti über Barthes bis Camus) und kulturpolitischen Diagnosen, um zu zeigen, dass Schreiben selbst ein Akt der Grenzüberschreitung ist. Indem sie Babel vom biblischen Strafort zur utopischen Chiffre einer pluralen Welt umdeutet, erscheint Literatur hier als Gegenmacht zu sprachlichen und politischen Abschottungen – als ein „Angriff auf die Grenze“, der nicht in der Rückkehr zu einer verlorenen Einheit besteht, sondern in der produktiven Anerkennung von Differenz.

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Autofiktionales Zeugnis, therapeutisches Schreiben und Selbstermächtigung: Gisèle Pelicot

Der Artikel liest Gisèle Pelicots „Et la joie de vivre“ (2026, zit. als EJV) nicht als bloße Aufarbeitung eines spektakulären Strafprozesses, sondern als literarisch reflektierte Selbstkonstitution durch Sprache: Der Text erzählt die Geschichte einer Frau, die nach der schockartigen Enthüllung systematischer Gewalt – vermittelt über die fragmentarische, dissoziative Struktur des Erinnerns, über Rückblenden in eine von Verlust geprägte Kindheit und über die schrittweise Eskalation der Verbrechen ihres Mannes – ihr eigenes Ich erst wieder hervorbringen muss, indem sie es erzählt. Zentral ist dabei die Verschiebung von Scham und Deutungshoheit: Ausgehend von einer internalisierten Beschämung, die sich in der Unfähigkeit artikuliert, das Geschehene als eigenes Erleben anzuerkennen („Non, ce n’est pas moi“), entwickelt das Buch eine Poetik der Wiederaneignung, in der Benennung, Namenswahl und Erzählinstanz zu Akten der Selbstermächtigung werden. Die narrative Organisation folgt dabei nicht der Chronologie des Geschehens, sondern der Logik des Traumas – in Schichten, Brüchen und Wiederholungen –, während wiederkehrende Motive wie das Ritual des gedeckten Frühstückstisches oder die Lichtsymbolik der Landschaften Gegenräume zur Gewalt eröffnen. Im letzten Teil kulminiert diese Bewegung im öffentlichen Gerichtsprozess, der als Bühne eines gesellschaftlichen Diskurses über patriarchale Gewalt inszeniert wird und in Pelicots Entscheidung zur Transparenz seinen politischen Höhepunkt findet: „La honte doit changer de camp“ wirkt als ethische und strukturelle Peripetie. Die Lektüre analysiert diese Entwicklung als konsequent autofiktionales Projekt, das zwischen therapeutischem Schreiben und literarischer Gestaltung vermittelt: Sie zeigt, wie Pelicots Text implizit eine Poetik entwirft, in der Schreiben weder Dokumentation noch Fiktion ist, sondern eine existentielle Praxis, die das Subjekt überhaupt erst hervorbringt. Zugleich liest der Artikel die lebensbejahende Tonlage – die vielfach als „Hymne an die Resilienz“ rezipiert wurde – nicht als affirmative Glättung, sondern als hart erarbeitete Gegenlektüre zur Gewalt, die sich in unspektakulären Gesten der Autonomie (allein leben, den eigenen Namen wählen, lieben können) manifestiert. Die Argumentation zielt damit darauf, das Buch aus der Sphäre des rein Zeugenschaftlichen zu lösen und als literarisch anspruchsvolle, formal reflektierte und politisch wirksame Arbeit zu begreifen, deren eigentliche Radikalität in der Behauptung liegt, dass das Wiederfinden der eigenen Worte identisch ist mit dem Wiederfinden des eigenen Lebens.

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Ein Montaigne für jetzt

Ausgehend von der These einer „textuellen Mobilität“ klassischer Werke skizziert die Rezension zunächst anhand von Deutungen bei Michel Foucault, Antoine Compagnon, Tiphaine Samoyault und aktuellen politischen Aneignungen die außergewöhnliche Wandlungsfähigkeit von Michel de Montaignes Essais in Moderne und Gegenwart. Vor diesem Hintergrund wird der von Olav Krämer, Andrea Grewe und Susanne Schlünder herausgegebene Sammelband „Die internationale Rezeption von Michel de Montaignes Essais: Formen, Deutungen, Konjunkturen“ (De Gruyter, 2026) vorgestellt, der diese Beweglichkeit erstmals systematisch in internationaler Perspektive dokumentiert. Die Rezension konzentriert sich dabei insbesondere auf jene Beiträge, die die Rezeption Montaignes im 19. und 20. Jahrhundert sowie in gegenwärtigen philosophischen und politischen Diskursen untersuchen – etwa die Studien zu Flaubert, Nietzsche, Derrida und zur politischen Instrumentalisierung des Skeptikers. So erscheint der Band weniger als lückenlose Gesamtschau denn als materialreiche Grundlage für eine Geschichte der modernen Aneignungen Montaignes, die die eingangs entwickelte These bestätigt: Die Autorität der Essais beruht nicht auf einem fixierten Urtext, sondern auf ihrer fortwährenden Variation, Übersetzung und ideologischen Umdeutung.

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Habitate schreiben: Zeiten der Bewohnbarkeit bei Joy Sorman

Die Interpretation liest „Gros œuvre“ (OEU) und „L’inhabitable“ (INH) der Inculte-Autorin Joy Sorman als komplementäre Versuchsanordnungen, in denen das Wohnen einmal aus der Perspektive seiner Hervorbringung, einmal aus der seines Entzugs begriffen wird: Während OEU in dreizehn episodischen Miniaturen das Habitat als Ergebnis körperlicher Arbeit, improvisierter Aneignung und sozialer Praxis entfaltet – vom autodidaktischen Hausbau über mobile, modulare oder prekäre Wohnformen bis hin zu kollektiven, ephemeren Utopien –, setzt INH beim Gegenteil an, indem es heruntergekommene Pariser Gebäude und ihre Bewohner dokumentiert und in einer doppelten Zeitstruktur (Besuch und Wiederkehr) zeigt, wie selbst die Verbesserung materieller Bedingungen soziale Gefüge destabilisiert und das Wohnen als erlernte, fragile Praxis sichtbar macht. Die Argumentation des Aufsatzes zeigt, dass erst im Zusammenspiel beider Texte eine adäquate Theorie des Wohnens entsteht: als ein Prozess zwischen Rohbau und Ruine, zwischen Möglichkeit und Verlust, der sich weder als statischer Zustand noch als rein funktionale Kategorie fassen lässt. Methodisch verfolgt die Analyse drei Linien: Erstens wird gezeigt, wie die je spezifischen Raum- und Zeitordnungen – mosaikartige Parataxe und perspektivische Mobilität in OEU, palimpsestartige Schichtung und retrospektive Verdopplung in INH – das Wohnen als dynamischen, nie abgeschlossenen Zustand modellieren; zweitens wird herausgearbeitet, dass die Figurenkonstellationen und Kommunikationsformen (vom dialogischen Austausch mit Handwerkern bis zum administrativ gerahmten Interview) die soziale Ungleichverteilung von Wohn- und Sprechrechten spiegeln; drittens rekonstruiert die Interpretation die zentralen Metaphernfelder – Körper, Konstruktion, Schwelle –, die beide Texte verbinden und zugleich gegeneinander verschieben. So wird die These einer „Poetik des Unvollendeten“ herausgearbeitet, die sich auch autopoetologisch bestätigt: Anfang und Schluss beider Werke inszenieren Wohnen nicht als Ankunft, sondern als Tätigkeit im Modus des Noch-nicht oder Nicht-mehr, sodass Sormans Schreiben selbst als eine Form des Bewohnens erscheint – ein Erkunden von Räumen, deren Bedeutung sich erst im Durchgang, in der Wiederholung und im sprachlichen Zugriff konstituiert.

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Textuelle Mobilität: Tiphaine Samoyault und ihr Plädoyer für eine agonistische Philologie

Die Doppelrezension von Tiphaine Samoyaults Büchern „Toutes sortes de Misérables“ (2026, zit. als TSM) und „Traduction et violence“ (2020, zit. als TEV) stellt zwei unterschiedliche, jedoch komplementäre Zugänge zur Transformation literarischer Texte vor und nutzt deren Zusammenschau, um einen grundlegenden Wandel im literaturwissenschaftlichen Werkverständnis zu diskutieren: Während TSM anhand der globalen Rezeptions- und Bearbeitungsgeschichte von „Les Misérables“ von Victor Hugo eine Theorie des Klassikers als Resultat unaufhörlicher Variation entwickelt – der Klassiker existiert demnach nicht trotz, sondern wegen seiner Umschreibungen, Kürzungen, Übersetzungen und Adaptionen –, analysiert TEV die Übersetzung als konflikthaften Akt kultureller Transformation, der nicht nur Verständigung ermöglicht, sondern auch Aneignung, Reduktion von Alterität und politische Machtverhältnisse sichtbar macht; gemeinsam führen beide Studien zu einer konsequent prozessualen Auffassung des literarischen Textes. Die Doppelbesprechung macht deutlich, dass Samoyault in beiden Büchern die Vorstellung eines stabilen, souveränen Originals unterläuft und stattdessen eine Poetik der „textuellen Mobilität“ formuliert: In der Analyse der unzähligen Versionen von Figuren wie Cosette zeigt sie exemplarisch, dass gerade die Vervielfältigung der Varianten die kulturelle Erinnerbarkeit eines Werkes garantiert, während ihre Übersetzungstheorie den scheinbar harmonischen Diskurs der kulturellen Vermittlung durch das Konzept einer „agonistischen“ Übersetzung ersetzt, die Differenz und Reibung bewusst erhält. In der Zusammenschau erscheint Variation somit als doppelte Bewegung – einerseits als Überlebensstrategie des Klassikers im kulturellen Gedächtnis, andererseits als konflikthafte Praxis der sprachlichen und politischen Aushandlung. Die Doppelrezension liest beide Bücher daher als theoretisch miteinander verschränkte Interventionen gegen einen statischen Werkbegriff: Literatur entsteht nicht aus der Unveränderlichkeit eines Ursprungs, sondern aus der fortgesetzten Transformation durch Lektüre, Bearbeitung und Übersetzung. Damit verschiebt Samoyault den Fokus der Literaturwissenschaft von der Autorität des Originals auf die Dynamik seiner Zirkulation in Raum und Zeit und fordert eine Philologie, die nicht mehr den „einen“ Text zu fixieren versucht, sondern die Prozesse untersucht, durch die Texte sich verändern, vervielfältigen und in neuen historischen und politischen Konstellationen wirksam werden.

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Pascal Bruckner: der Philosoph als Sohn

In „Un bon fils“ (2014, zit. BF) und dem jüngsten Buch „De mère inconnue“ (2026, zit. MI) unternimmt der nouveau philosophe Pascal Bruckner eine doppelte familiäre Selbstbefragung, die zugleich als intellektuelle Biografie gelesen werden kann. Während BF die gewaltvolle und ideologisch verhärtete Vaterfigur porträtiert – einen antisemitischen und autoritären Mann, dessen Weltbild den jungen Bruckner zugleich prägte und zur Abgrenzung zwang –, rekonstruiert MI die lange Zeit im Schatten stehende Geschichte der Mutter. Die beiden Bücher bilden damit ein komplementäres Diptychon: Auf der einen Seite steht der Vater als Symbol eines repressiven, ressentimentgeladenen Denkens, auf der anderen die rätselhafte, teilweise abwesende Mutter, deren Biografie Fragen nach Herkunft, Identität und emotionaler Überlieferung aufwirft. Zusammen entwerfen diese autobiografischen Texte eine Genealogie der intellektuellen Selbstpositionierung Bruckners. – Die Rezension zeigt, wie sich aus dieser familiären Konstellation zentrale Motive von Bruckners essayistischen Publikationen erklären lassen. Seine Kritik an westlicher Schuldideologie (in Werken wie „La tyrannie de la pénitence“, „Le sanglot de l’homme blanc“ oder „Je souffre donc je suis“) erscheint vor dem Hintergrund der persönlichen Erfahrung von Schuld, Autorität und moralischer Selbstbefragung neu lesbar. Ebenso lässt sich seine Analyse moderner Opferdiskurse mit der Auseinandersetzung mit familiären Macht- und Opferrollen verbinden. Die Rezension argumentiert daher, dass BF und MI nicht nur autobiografische Dokumente sind, sondern Schlüsseltexte zum Verständnis von Bruckners ideologiekritischem Werk: In ihnen verschränken sich Familiengeschichte, moralische Reflexion und politische Essayistik zu einer intellektuellen Selbstdeutung.

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Historische Wahrheit im Zeitalter von KI und Identitätspolitik: Jean-Frédéric Schaub

Jean-Frédéric Schaubs Streitschrift „Le passé ne s’invente pas“ bringt die Geschichtswissenschaft als letzte Bastion gegen Desinformation, digitale Manipulation und identitäre Geschichtspolitik in Stellung. Vor dem Hintergrund generativer KI, politischer Propaganda und eines wissenschaftsfeindlichen Relativismus entwirft Schaub eine ebenso methodische wie politische Verteidigung der historischen Wahrhaftigkeit: Geschichte, so seine These, ist keine literarische Spielart, sondern eine auf materielle Spuren gegründete Wissenschaft, deren Kern die Anerkennung der „Unverfügbarkeit“ der Vergangenheit bildet. Die Rezension zeichnet nach, wie Schaub sich gegen uchronische Entwürfe wie Binets „Civilizations“, gegen narrative Theorien im Gefolge von Hayden White und gegen „reparative“ Imaginationen – etwa bei Saidiya Hartman – abgrenzt, während er Autoren wie Patrick Modiano und dessen „Dora Bruder“ als Beispiel einer literarischen Ethik des Verzichts würdigt. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob das Aushalten der Lücken – statt ihrer poetischen Auffüllung – tatsächlich die einzig legitime Form epistemischer Gerechtigkeit darstellt. Die Besprechung arbeitet die innere Logik von Schaubs Argumentation heraus, beleuchtet seine Kritik an Relativismus und „Ventriloquismus“ und diskutiert, inwiefern seine strikte Grenzziehung zwischen Wissenschaft und Literatur im Zeitalter hybrider Formen überzeugt – oder neue Spannungen zwischen Faktentreue und moralischer Imagination erzeugt.

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Die kalte Sprache der Akten. Wie Frankreich seine Homosexuellen verwaltete: David Alliot

In „Les secrets de Sodome: un siècle et demi d’homosexualité clandestine“ (Plon, 2025) rekonstruiert David Alliot auf der Grundlage der Archive der Pariser Polizeipräfektur den klandestinen Alltag homosexueller Männer zwischen 1830 und 1981. Sein Zugriff ist explizit nicht apologetisch, sondern analytisch: Aus der „administrativen Kälte“ von Registern, Observationsberichten und Razzia-Protokollen arbeitet er heraus, wie Staat und Gesellschaft eine formal seit 1791 nicht mehr strafbare, kulturell jedoch geächtete Minderheit überwachten, klassifizierten und moralisch pathologisierten. Treffpunkte wie hôtels garnis, Bälle im Magic City oder die Vespasiennes erscheinen dabei als soziale Mikroräume, in denen sich Begehren, Angst und Kontrolle kreuzten; zugleich werden individuelle Biografien – vom Aristokraten bis zum Stricher, vom Chansonnier bis zum Aktivisten – aus der Anonymität der Akten befreit. Das Ergebnis ist eine weitgespannte Sittengeschichte, die den Wandel der Repression von monarchischer Ächtung über die biopolitische Moral der Dritten Republik und die diskriminierende Gesetzgebung von 1942 und der Fortführung unter De Gaulle bis zur Zäsur von 1981 nachzeichnet. Alliot zeigt, dass die Abschaffung der Kriminalisierung für „Sodomie“ keineswegs gesellschaftliche Akzeptanz bedeutete, sondern einer Epoche subtiler Überwachung wich, in der Identitäten katalogisiert statt Taten verfolgt wurden. Erst mit dem politischen Umbruch unter François Mitterrand endete die systematische polizeiliche Erfassung; 1982 folgte die rechtliche Gleichstellung. Doch das Buch schließt mit einer ernüchternden Einsicht: Rechte sind historisch kontingent – jede Krise kann die alten Reflexe moralischer Ausgrenzung reaktivieren.

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Diaspora und Nationalismus: europäische Schwellenzeit 1913 bei François Sureau

Der Roman „Loin de Salonique“ (Gallimard, 2026) von François Sureau verlegt seine Handlung in das Jahr 1913 nach Monastir (Bitola) und Thessaloniki und entfaltet an einem rätselhaften Mordfall ein Panorama des politisch überhitzten Balkanraums unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg: Die inoffiziellen Ermittlungen des französischen Thomas More und des jüdischen Unternehmers Paul Seligmann führen durch ein Geflecht aus Diplomatie, Handel und Geheimdienstaktivitäten und machen die tektonischen Spannungen sichtbar, die den osmanischen Vielvölkerraum erschüttern; dabei erscheint Thessaloniki als sephardisch geprägte, mehrsprachige Diasporastadt, deren fragile Pluralität im Kontrast zu den sich verhärtenden Nationalismen steht, während Frankreich zugleich als universalistische Referenzmacht und als machtpolitischer Akteur inszeniert wird. Die Rezension argumentiert, dass der Kriminalfall eine narrative Oberfläche bilde, um eine historische Diagnose zu leisten: Durch die doppelte Codierung der Figur Thomas More – als Anspielung auf den Humanisten und Autor von „Utopia“ und als moderner, illusionsloser Beobachter – arbeite der Roman die Diskrepanz zwischen normativer Idee und politischer Wirklichkeit heraus; methodisch entfaltet die Besprechung ihre Deutung, indem sie zunächst den geopolitischen Schwellenraum konturiert, sodann die Symbolik der Namensgebung analysiert, die Darstellung jüdischer Diaspora als relationale Identitätsform herausarbeitet und schließlich die gattungspoetische Mischung zwischen Detektivroman, historischem Roman und politischem Essay bestimmt, wodurch sie zu dem Urteil gelangt, dass das Werk weniger eine kriminalistische Auflösung als eine melancholische Meditation über den Zerfall eines europäischen Ordnungsmodells bietet.

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