Christine de Pizan und die Erfindung der literarischen Kontroverse bei Bertrand Guillot

Bertrand Guillots Roman „Querelle à la française“ erzählt die erste dokumentierte literarische Kontroverse der französischen Sprachgeschichte nach: die Auseinandersetzung, die Christine de Pizan im Winter 1401 mit dem königlichen Sekretär Jean de Montreuil und dessen Freunden Gontier und Pierre Col um den „Roman de la Rose“ führte. Eingebettet in eine autofiktionale Rahmenerzählung, in der der Autor selbst, angestoßen von seiner Partnerin Victoire und der Historikerin Éliane Viennot, auf die vergessene Streitschrift stößt, verfolgt der Roman die Biographien Christines und Jeans parallel über sechzig Jahre hinweg, vom gemeinsamen Paris Karls V. bis zu Jeans gewaltsamem Tod im Bürgerkriegsjahr 1418 und Christines Rückzug ins Kloster Poissy. Der vorliegende Aufsatz liest diesen Roman als eine Reflexion über Literaturgeschichte selbst: Er zeigt, wie Guillot in den Interventionen Christines – ihren Briefen, ihrem öffentlich gemachten Streitschriften-Dossier, ihrer Erfindung des „Ordre de la Rose“, ihrem Alterswerk „La Cité des dames“ – und in den Reaktionen des gegnerischen Lagers ein Muster aus Autoritätsberufung, Verharmlosung und verdeckter Drohung freilegt, das der Roman durch bewusst anachronistische Vergleiche mit Donald Trump, Elon Musk und Andrew Tate als bis in die Gegenwart fortwirkend behauptet. Es gilt zu zeigen, dass der Roman die Geburtsstunde der französischen Literaturkritik zugleich als eine bis heute nicht abgeschlossene Geschichte um Deutungsmacht und Widerrede erzählt.

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Zerstörung des Volks: Philippe de Villiers erzählt den Untergang Frankreichs

Philippe de Villiers, der französische Publizist, Historienpark-Betreiber und Gründer der souveränistischen Partei Mouvement pour la France, hat mit „Populicide“ (Oktober 2025) sein jüngstes politisches Sachbuch vorgelegt – die Fortsetzung seines Vorgängerbandes „Mémoricide“ (2024), der bereits rund 230.000 Exemplare erreichte. „Populicide“ überträgt einen Begriff der Französischen Revolution – ursprünglich von Gracchus Babeuf zur Bezeichnung der staatlich angeordneten Massentötungen in der Vendée geprägt – auf einen gegenwärtigen demografischen und kulturellen Wandel und argumentiert, dass Frankreich durch eine Kombination aus Migration, Gender-Ideologie, Eliten-Verrat und transhumanistischer Technokratie sein Volk und seine Zivilisation verliert. Das Buch verbindet historiografische Fallstudien (Persien, Byzanz, Karthago, Rom, Peru, Toledo) mit autobiografischen Kampferzählungen, kulturpessimistischen Diagnosen und drei abschließenden Oden – eine Gattungshybridität, die das Werk zwischen politischem Manifest, historischem Essay und literarischer Beschwörung oszillieren lässt. Mit über 161.500 verkauften Exemplaren bis Ende Dezember 2025 ist „Populicide“ ein „literarisches Phänomen“ der französischen Rechten geworden, befördert durch Villiers‘ wöchentliche CNews-Sendung und den Bolloré-Verlag. Die vorliegende Rezension analysiert das Buch nicht als Polemik, sondern als methodisches und rhetorisches Projekt: Sie zeigt, wie Villiers historische Fallstudien durch Vereinfachung und Quellen-Manipulation zu Beweisen einer bereits feststehenden Verfallsthese fügt; wie er Gegenwarts-Probleme (Integration, Geschlechterdebatten, digitale Überwachung), die auch von anderen politischen Lagern geteilt werden, in eine geschlossene Verschwörungserzählung einwebt; und wie er affektive und ästhetische Techniken (Pathos, Zitatmontage, elegische Erzählweise) nutzt, um analytische Distanz durch emotionale Partizipation zu ersetzen. In einem vergleichenden Blick auf „Mémoricide“ werden dabei die Kontinuitäten deutlich: „Populicide“ ist weniger ein neuer Gedanke als die Verselbstständigung eines Begriffs, der im Vorgänger bereits angelegt war – eine Form der Wiederholung, die zwar stilistisch beeindruckend ist, aber wenig neue Einsicht bietet. Die Rezension fragt abschließend, was dieser Erfolg über die Empfänglichkeit von Teilen des französischen Publikums für Verfallserzählungen aussagt und wie sich eine sachliche, nicht-apokalyptische Auseinandersetzung mit echten Herausforderungen (Migration, schulische Vermittlung von Geschichte, technologische Transformation) von Villiers‘ Ansatz unterscheidet.

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Lesbische Literatur als Verfahren: zu Lou Lootgieters subjektiver Kartographie des Verborgenen

Lou Lootgieters Sammlung „Les Dessous lesbiens de la littérature“ (2026) zeigt anhand von 29 frankophonen Texten seit dem 19. Jahrhundert eine bewusst subjektive, nicht-chronologische Kartographie lesbischer Schreibweisen, die journalistische Recherche, Interviews und close readings verbindet. Im Zentrum stehen wiederkehrende Strategien, mit denen Autorinnen lesbisches Begehren unter Bedingungen von Zensur und Unsichtbarkeit artikulieren: So liest Lootgieter Rachildes „Monsieur Vénus“ (1884) als frühe Figuration von „Monstrosität“ als Chiffre eines noch sprachlosen Begehrens, während sie in Monique Wittigs „L’Opoponax“ (1964) die grammatische Neutralisierung von Geschlecht als literarisches „Trojanisches Pferd“ interpretiert. An Beispielen wie Amélie Nothombs „Stupeur et tremblements“ (1999), dessen homoerotische Spannung von der zeitgenössischen Kritik ignoriert wurde, oder Violette Leducs zensierter Internatserzählung „Thérèse et Isabelle“ zeigt der Band, wie stark Rezeption und Publikationsgeschichte zur Unsichtbarmachung beitragen. Zugleich verschiebt sich die Perspektive im Verlauf der vier Kapitel von Verschleierungstechniken hin zu offenen politischen Positionen, etwa in Constance Debrés „Love Me Tender“ (2020), das Heterosexualität als soziales Regime explizit zurückweist. Theoretische Bezugspunkte – von Judith Butler über Monique Wittig bis zu Paul B. Preciado – bleiben dabei bewusst fragmentarisch und werden eher als Resonanzraum denn als systematischer Rahmen eingesetzt. Zudem werden quer dazu auch das Verhältnis zu männlicher Homosexualität, innerfeministische Konfliktlinien sowie Fragen von Transinklusion und -exklusion punktuell mitverhandelt. Die Rezension arbeitet diese Spannungen zwischen Materialfülle und fehlender methodischer Synthese ebenso heraus wie den Erkenntniswert des Bandes als Fundus bislang marginalisierter Texte, Rezeptionsdokumente und Gesprächsperspektiven für die literaturwissenschaftliche Weiterarbeit.

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Der Präsident als Erzähler: Édouard Philippe und Gilles Boyer zwischen Zeugnis und Kandidatur

Die Rezension analysiert den bürgerlichen Präsidentschaftskandidat für 2027, Édouard Philippe, der mit Gilles Boyer einen Regierungsrückblick „Impressions et lignes claires“ (2021) geschrieben hat, im Zusammenspiel mit ihrem früheren Politthriller „Dans l’ombre“ (2011) sowie dem späteren, unter Pseudonym über Philippe erschienenen Roman „Ils ont tué Édouard Philippe“ (2025) und entwickelt daraus ein vielschichtiges Bild politischer Selbstdeutung und literarischer Machtreflexion. Während „Impressions et lignes claires“ in vierzehn lose verbundenen, intertextuell betitelten Kapiteln die 1145 Tage in Matignon als Folge impressionistischer Beobachtungen rekonstruiert, die sich erst im Zusammenspiel zu einer Kontur politischen Handelns verdichten, entwirft das Buch zugleich ein dezidiert nicht-charismatisches Verständnis von Politik als erlernbares Handwerk, geprägt durch Lektüre, institutionelle Loyalität und persönliche Bindungen. Dem steht ihr Thriller „Dans l’ombre“ als frühere, fiktionale Rollenprobe gegenüber, die Macht in zynischer Zuspitzung als manipulierbares System zeigt und die Differenz zwischen sichtbarer politischer Figur und im Hintergrund agierendem Strategen theoretisch vorwegnimmt. Der dystopische Roman „Ils ont tué Édouard Philippe“ von einem „Max B.“ radikalisiert diese Perspektive, indem er reale politische Akteure in eine verschwörungstheoretisch aufgeladene Attentatserzählung einbindet und so die Grenze zwischen Fiktion und dokumentarischem Anspruch systematisch verwischt. Die Rezension arbeitet heraus, dass sich über diese drei Texte hinweg ein Spannungsfeld zwischen literarischer Imagination und politischer Selbstinszenierung eröffnet: vom verschlüsselnden Schlüsselroman über das kollektiv verfasste Regierungszeugnis bis hin zur paranoiden Dystopie, die reale politische Figuren ohne Distanz fiktionalisiert. In dieser Konstellation erscheint Philippe zugleich als Autor, Figur und Projektionsfläche eines literarisch-politischen Diskurses, in dem sich individuelle Karriere, institutionelle Reflexion und gesellschaftliche Imagination überlagern und gegenseitig strukturieren.

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Gabriel Attals Bekenntnisbuch als Kandidaturauftakt

Die Rezension liest Gabriel Attals „En homme libre“ (2026) als paradigmatischen Fall der französischen „Buchkandidatur“ und verfolgt, wie sich eine politische Biografie vom kommunalen Einstieg bis in die Sphäre der Präsidentschaftsbewerbung zugleich als Selbstdeutung und Programmentwurf inszeniert. Ausgehend von der dramatisch gesetzten Zäsur der Parlamentsauflösung 2024 entfaltet das Buch in nichtlinearer Dramaturgie Herkunft, Aufstieg und Identitätsnarrative – von familiären Prägungen zwischen jüdisch-atheistischem und orthodoxem Erbe über den institutionellen Parcours durch Ministerien bis hin zur kurzen Amtszeit als Premierminister – und überführt diese in ein politisches Credo, das individuelle Erfahrung als Legitimation eines „neuen republikanischen“ Projekts mobilisiert. Die Analyse arbeitet heraus, wie Attal intime Bekenntnisse (etwa zu seiner homosexuellen Lebensgemeinschaft, zu Religion und biografischen Brüchen) mit strategischer Selbstpositionierung verschränkt, wie sich Distanz und Kontinuität gegenüber dem Macronismus rhetorisch austarieren und wie ein programmatischer Kern sichtbar wird, der wirtschaftsliberale, gesellschaftlich progressive und ordnungspolitisch autoritäre Elemente verbindet. Zugleich wird Attals Selbstentwurf im Horizont eines bereits stark ausdifferenzierten Bewerberfeldes gelesen – von zentristischen Konkurrenten wie Édouard Philippe über Vertreter der radikalen Linken wie Jean-Luc Mélenchon bis hin zu dominanten Figuren der extremen Rechten wie Jordan Bardella –, wodurch das Buch nicht nur als individuelle Selbstbeschreibung, sondern als strategische Positionierung innerhalb eines zunehmend polarisierten Wahlkampfs erscheint. Im Fokus steht damit das Doppelgesicht des Textes: als literarisierte Lebensgeschichte, die Authentizität behauptet, und als implizite Wahlplattform, die den Anspruch auf die Präsidentschaft erzählerisch vorbereitet und politisch begründet.

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Vom Rand her gelesen: deutsch-französische Vermittler, Opfer und Erinnerungsorte im 19. und 20. Jahrhundert

Der von Andrea Micke-Serin und Brigitte Rigaux-Pirastru herausgegebene Sammelband „Die Vergessenen und die Unsichtbaren im deutsch-französischen Kontext des 19. und 20. Jahrhunderts“ (De Gruyter, 2026) untersucht anhand eines gemeinsamen erinnerungstheoretischen Ansatzes Akteurinnen und Akteure, Werke und Ereignisse, die aus der deutsch-französischen Erinnerungskultur weitgehend verschwunden oder an ihren Rand gedrängt worden sind. Die interdisziplinären Beiträge aus Literatur-, Kultur-, Kunst- und Geschichtswissenschaft reichen von Federica D’Ascenzos Studie zum Schriftsteller Édouard Dujardin über Philippe Wellnitz‘ Analyse der wiederentdeckten Buchhändlerin und Autorin Françoise Frenkel sowie Moritz Schertls Untersuchung von Patrick Modianos Dora Bruder bis hin zu Andrea Micke-Serins Rekonstruktion der Biographie des preußischen Abenteurers Carl Jäger (Caïd Osman). Weitere Beiträge widmen sich unter anderem dem Glasmaler Heinrich Ely, dem Fußballfunktionär Willy Scheuer, dem Rabbiner Moses Nordmann, dem Politiker Salomon Grumbach, den vergessenen Deportierten des Konzentrationslagers Ravensbrück sowie den französisch-ostdeutschen Beziehungen während des Kalten Krieges. Der Band zeigt eindrucksvoll, wie nationale Erinnerungskulturen transnationale Biographien und Grenzgänger systematisch marginalisieren, und eröffnet neue Perspektiven auf die deutsch-französische Kultur- und Erinnerungsgeschichte.

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Karsamstag ohne Auferstehung: Michel Houellebecq und das entzauberte Christentum

„Noël raté. Le christianisme désenchanté de Michel Houellebecq“, hrsg. von Stephan Leopold und Noëlle Miller versammelt zwölf Beiträge und eine Postface, die Houellebecqs Werk aus unterschiedlichen Perspektiven als Auseinandersetzung mit einem fortwirkenden, seiner Heilsgewissheit beraubten Christentum lesen. Ausgehend vom Weihnachtsmotiv als Chiffre des Scheiterns entfalten die Beiträge ein interpretatorisches Feld, das von Fragen der Autorschaft und Performativität über die religiöse Struktur des Konsumkapitalismus und die Problematik sozialer Kohäsion bis hin zu den Motiven von Liebe, Mitleid und Transzendenz reicht. Der Band verbindet literaturwissenschaftliche, religionsphilosophische und kultursoziologische Ansätze zu einer kohärenten Deutung des Œuvres als eines „Karsamstags ohne Auferstehung“, in dem christliche Formen und Symbole fortbestehen, ohne noch durch einen positiven Glaubensgehalt eingelöst zu werden. Trotz einzelner Redundanzen und einer mitunter weitgehenden christologischen Typologisierung eröffnet der Sammelband eine interpretatorisch ambitionierte und methodisch vielfältige Perspektive auf den religiösen Gehalt von Houellebecqs Werk und formuliert zugleich Fragestellungen, die über die Houellebecq-Forschung hinaus für die Analyse zeitgenössischer Formen literarischer Entzauberung von Bedeutung sind.

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Das schöne Trugbild: die unbequeme Wahrheit über Davids politische Kunst

Clemens Klünemann entwirft in seinem David-Buch „Verstörende Vielfalt: Jacques-Louis David und die Inszenierung des Politischen – eine Kulturgeschichte der Französischen Revolution im Spiegel seiner Malerei“ eine kulturgeschichtlich fundierte Neubewertung Jacques-Louis Davids, die den Maler konsequent aus der Rolle des passiven „Zeitzeugen“ löst und als zentralen Akteur der politischen Bildproduktion der Französischen Revolution sichtbar macht. Anhand zentraler Werke zeigt er, wie David durch eine bewusst eingesetzte Ästhetik der „glatten Schönheit“ und heroischen Eindeutigkeit eine neuartige Öffentlichkeit mitprägte, in der politische Ereignisse nicht nur dargestellt, sondern wirkungsmächtig inszeniert wurden. Klünemann versteht Davids Malerei als Teil einer umfassenden „Ästhetisierung des Politischen“, die es erlaubte, die komplexen und widersprüchlichen Dynamiken der Epoche in prägnante, kollektiv anschlussfähige Bildformeln zu überführen. Dabei arbeitet er heraus, dass Davids Fähigkeit zur Anpassung an wechselnde Regime – vom Ancien Régime über den Jakobinismus bis zum Empire – weniger als bloßer Opportunismus denn als Ausdruck einer spezifischen künstlerischen Logik zu begreifen ist, die auf die Herstellung politischer Präsenz und Evidenz zielte. Besonders eindrücklich ist Klünemanns Analyse der ikonographischen Strategien, mit denen David religiöse Bildtraditionen in den Dienst revolutionärer Sinnstiftung stellte und so emotionale wie symbolische Bindungskraft erzeugte. Insgesamt liest sich das Buch als Rekonstruktion der engen Verschränkung von Kunst, Macht und Öffentlichkeit, die David als Schlüsselfigur einer Epoche zeigt, in der Bilder zu entscheidenden Trägern politischer Bedeutung wurden.

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Jüdisch-arabische Koexistenz als Familienchronik: Pierre Hazan

Pierre Hazans „Les Juifs, les Arabes, ma famille et moi“ (2026) entfaltet anhand einer weit verzweigten Familiengeschichte ein ebenso literarisches wie historiographisches Projekt: In sieben genealogisch organisierten Kapiteln rekonstruiert das Buch die untergegangene Realität jüdisch-arabischer Koexistenz im östlichen Mittelmeerraum und stellt sie den verhärteten Identitätslogiken des 20. Jahrhunderts entgegen. Ausgehend von Figuren wie einem sephardischen Rabbiner des 19. Jahrhunderts, einem zugleich ägyptischen Nationalisten und Zionisten oder den letzten jüdischen Stimmen Ägyptens verbindet Hazan Archivmaterial, Erinnerungsfragmente und zeitgenössische Begegnungen mit israelischen und palästinensischen Akteuren. Daraus entwickelt er drei zentrale Thesen: dass Koexistenz historisch gelebte Praxis war, dass ihre Zerstörung auf konkurrierende Nationalismen zurückgeht und dass die wechselseitig verdrängten Traumata – die Vertreibung der Juden aus arabischen Ländern und die Nakba – untrennbar miteinander verschränkt sind. Das Buch versteht sich so als Intervention in die Erinnerungspolitik der Gegenwart und als Plädoyer dafür, Hybridität nicht als Ausnahme, sondern als verlorene historische Normalität neu zu denken.

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Wo die Jungs hinfahren: Alix Boirot

Die Studie der Anthropologin Alix Boirot zeigt, dass der sommerliche Partytourismus als verdichtetes soziales Labor fungiert, in dem Männlichkeit nicht einfach ausgelebt, sondern unter hohem Performanzdruck hergestellt wird: Ausgehend von einem medial geprägten „touristischen Imaginären“, das Frauen als verfügbare Objekte eines männlichen Blicks inszeniert, reisen die jungen Männer mit einem vorab internalisierten Skript an – sichtbar etwa in den frühen Abenden auf der Straße, wenn sie auf die Beschreibung eines Clubs fast reflexhaft mit der Frage reagieren, ob „da Mädchen“ seien, oder in den Schlafsälen, wo noch vor der ersten Nacht halb im Scherz, halb im Ernst ausgehandelt wird, wer im Fall einer „Eroberung“ das Zimmer räumt. In der Praxis erweist sich dieses Skript jedoch als widersprüchlich: Der scheinbar entgrenzte Hedonismus ist streng reguliert („kontrollierter Kontrollverlust“), und die Nächte folgen ritualisierten Abläufen – vom kollektiven Vorglühen mit billigem Alkohol über das dichte Gedränge vor den Clubs bis hin zur exzessiv choreografierten Ekstase auf der Tanzfläche, deren Spuren sich am Morgen in klebrigen Böden, leeren Flaschen und stolz präsentierten Erinnerungslücken materialisieren. Die eigentliche Bühne ist dabei weniger heterosexuell als homosozial organisiert: Wenn ein junger Mann seine Trinkfestigkeit demonstrativ überschreitet oder eine flüchtige Annäherung überzeichnet erzählt, richtet sich die entscheidende Anerkennung nicht an die anwesenden Frauen, sondern an die Blicke und Kommentare seiner Freunde. Im Anschluss an Konzepte wie „doing gender“ und „hegemoniale Männlichkeit“ wird sichtbar, dass Männlichkeit hier als prekäre, ständig zu erneuernde Leistung erscheint, deren Scheitern – etwa wenn die erwarteten sexuellen Begegnungen ausbleiben und sich stattdessen nur ein distanziertes Nebeneinander auf der Tanzfläche einstellt – in Selbstzweifel, aber auch in Schuldumkehr umschlagen kann, etwa wenn ein zurückgewiesenes Gespräch vor dem Club in spöttische oder aggressive Kommentare kippt. Zugleich legt die Untersuchung die strukturelle Einbettung dieser Performanzen offen – in ökonomisch gesteuerte Erlebnisindustrien, in denen Schlepperinnen draußen künstlich Fülle versprechen und Türsteher durch Preise selektieren –, sodass sich die sommerliche „Leichtigkeit“ als ritualisierte Praxis sozialer Differenzierung und Machtreproduktion erweist, die gerade in ihren scheinbar beiläufigen Szenen – dem Griff zur Kondompackung im Koffer, dem Anstoßen im Kreis der Freunde, dem kurzen, folgenlosen Flirt im Stroboskoplicht – ihre eigentliche soziale Dichte entfaltet.

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Zwischen Rückzug der Götter und Wiederkehr des Sinns: Jean-Luc Nancy

Die Rezension zeichnet Jean-Luc Nancys Band „Demande: philosophie, littérature“ als ein über Jahrzehnte gewachsenes, zugleich heterogenes und erstaunlich kohärentes Denkgeflecht, das die traditionelle Grenzziehung zwischen Philosophie und Literatur radikal neu bestimmt: Nicht Hierarchie oder Verschmelzung, sondern ein unabschließbares wechselseitiges „Verlangen“ (demande) strukturiert ihr Verhältnis. Im Zentrum steht die These, dass beide Diskurse einander um eine Wahrheit bitten, die keiner besitzen kann, und gerade in dieser unerfüllbaren Bewegung lebendig bleiben. Leitmotive wie der „Rückzug“ (retrait) als zugleich trennender und verbindender „Zug“ (trait), die Auffassung von Sinn als resonanter, pluraler Prozess jenseits bloßer Bedeutung sowie die Betonung von Stimme, Körper und Rhythmus im literarischen Vollzug entfalten ein Denken, das systematische Geschlossenheit bewusst verweigert. Die Sammlung verbindet theoretische Schärfe mit poetologischer Sensibilität und persönlicher Zwiesprache – insbesondere mit Philippe Lacoue-Labarthe – und gewinnt ihre bleibende Relevanz aus der insistierenden Offenheit ihrer Fragen: nach dem Sinn als Anruf, nach Literatur als Antwortgeschehen und nach einer Ethik des Lesens und Schreibens, die im Unabgeschlossenen ihre eigentliche Form findet.

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Asche und Saat, Transformation der Poesie: Yves Di Manno

Mit „Élagage“ (Flammarion, 2026) legt Yves di Manno eine pointierte Abschiedsbilanz seines jahrzehntelangen Nachdenkens über Dichtung vor: Der Band versammelt verstreute Texte – Rezensionen, Porträts, Essays –, die zu einer bewusst fragmentarischen Kartographie der Poesie seit dem späten 20. Jahrhundert montiert sind. Im Zentrum steht eine doppelte Bewegung des „Auslichtens“: einerseits die Freilegung verborgener Traditionslinien (insbesondere der nordamerikanischen Moderne und des belgischen Surrealismus), andererseits die Kritik an erstarrten Formen, modischen Diskursen und einer zur Selbstinszenierung verkommenen Gegenwartslyrik. So entsteht kein systematisches Panorama, sondern ein Gegenkanon, der die Ränder ins Zentrum verschiebt und Dichtung als präzise Spracharbeit verteidigt. Zugleich markiert das Buch einen historischen Einschnitt: Mit ihm endet die von di Manno über drei Jahrzehnte geprägte Reihe „Poésie/Flammarion“, die maßgeblich zur Sichtbarkeit zeitgenössischer Lyrik beigetragen hat. „Élagage“ erscheint damit nicht als nostalgischer Abgesang, sondern als kritische Übergabe – als Einladung, die „diskrete Wirksamkeit“ poetischer Formen unter veränderten kulturellen Bedingungen weiterzuführen. In der Verbindung von persönlicher Lektüregeschichte, editorischer Praxis und poetologischer Reflexion wird das Buch zu einem Instrument der Orientierung: Es bilanziert nicht nur, sondern öffnet Perspektiven auf eine zukünftige, widerständige Poetik jenseits etablierter literarischer Routinen.

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Jüdisches Denken gegen sich selbst: Verbergen, Assimilation und doppelte Existenz bei Nathan Devers

Nathan Devers’ „Penser contre soi-même“ (Albin Michel, 2024) verfolgt eine ebenso autobiografische wie philosophische Bewegung, in der das orthodox gelebte Judentum nicht als bloße Herkunft, sondern als dynamischer Denkraum erscheint, der seine eigene Überschreitung ermöglicht. Ausgehend von einem bürgerlich-assimilierten Milieu führt der Text über eine Phase intensiver religiöser Radikalisierung hin zu einem Bruch, der nicht von außen erzwungen wird, sondern aus der inneren Logik des Glaubens selbst hervorgeht – paradigmatisch verdichtet in der Lektüre des Kohelet und im Schwindel der eigenen Kontingenz. Zugleich rückt die Darstellung ein jüdisches Leben ins Zentrum, das sich unter Bedingungen latenter Bedrohung organisiert: Praktiken des Sich-Verbergens, der „marranischen“ Unsichtbarkeit und der situativen Anpassung erscheinen als alltägliche Strategien in einer von Antisemitismus durchzogenen Umwelt. Die Besprechung arbeitet diese Spannung als konstitutiv heraus und liest Jüdischkeit nicht als stabile Identität, sondern als Bewegung, die sich gerade der Verfestigung ins Identitäre entzieht. Sie erscheint vielmehr als eine offene, selbstkritische Praxis, die – in ihrer talmudischen Struktur – die Mittel zu ihrer eigenen Infragestellung bereitstellt. Devers’ Übergang zur Philosophie erweist sich folglich nicht als Abkehr, sondern als Transformation: als Fortsetzung einer existenziellen Suche unter veränderten epistemischen Bedingungen, in der die „zerbrochenen Götzen“ des Glaubens in veränderter Form weiterwirken.

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Wenn die Kraft das Recht ablöst: Bruno Le Maire

„Le temps d’une décision“ (Gallimard, 2026) ist zugleich Memoir und weltpolitische Diagnose: Aus fünfundzwanzig Jahren in höchsten französischen Regierungsämtern destilliert Bruno Le Maire die beunruhigte Frage, wer in der Gegenwart von 2025/2026 überhaupt noch entscheidet – und beantwortet sie pessimistisch. Vom verweigerten Handschlag eines Bürgers in Chamonix bis zu den Verhandlungstischen mit Trump, Putin und Xi zeichnet er den Übergang von einer regelbasierten Ordnung, für die das Frankreich des Jahres 2003 mit seinem Veto gegen den Irakkrieg steht, zu einer Welt danach, in der „la force a remplacé le droit“ und die Entscheidung aus Nationen und multilateralen Institutionen in die Hände von Autokraten, Tech-Oligarchen und Finanzgiganten abgewandert ist. Der vorliegende Artikel liest dieses Buch nicht allein als politische Streitschrift, sondern legt seine eigentliche Pointe in der Form frei: Le Maire behauptet seine These nicht, er inszeniert sie – durch novellistisch komponierte Szenen, mit dem Skalpell geschnittene Porträts und Leitsymbole wie die Starlink-Antenne über dem Dach seines Landhauses. Die Argumentation des Artikels verläuft in fünf einander durchdringenden Deutungsachsen, von der Anatomie des Entscheidungsverlusts über die Selbstrechtfertigung in der Schuldenfrage bis zum Weckruf an Europa, und mündet in eine zugespitzte These: Dass die literarische Form bei Le Maire selbst zur Antwort auf das diagnostizierte Problem wird – wo niemand mehr „wirklich“ entscheidet, verspricht das Erzählen jene Kohärenz, die der Politik abhandengekommen ist. So erweist sich das viel beschworene „livre de vérité“ als ein Werk, dessen Wahrheitsanspruch und fiktionale Mittel in einer produktiven, bewusst kalkulierten Spannung stehen.

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Das Intime als politische Technik: Thesen zu Édouard Louis

Dieser Artikel liest Édouard Louis‘ Werk als ein geschlossenes poetologisches Projekt und fragt danach, wie seine Texte die Grenzen zwischen autobiografischem Erzählen, soziologischer Analyse und politischer Intervention überschreiten. Ausgehend von den Begriffen der „Konfrontationsliteratur“ und des „Intimismus“, die Louis in seinem jüngsten Gesprächsband „Que faire de la littérature ?“ (2025) entwickelt, werden zehn Deutungsansätze vorgestellt, die die formalen Verfahren, thematischen Konstanten und strategischen Verschiebungen seines Schreibens sichtbar machen. Im Zentrum steht die Frage, ob sich im Verlauf des Werks eine Reifung des Autors oder vielmehr eine Verfeinerung seiner literarischen Mittel beobachten lässt – und wie Louis mit seinen Texten nicht nur erzählen, sondern seine Leserinnen und Leser dazu zwingen will, das zu sehen, was sie allzu leicht verdrängen.

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Vom Stigma zur Selbstermächtigung: Arabité bei Aïda Amara

Aïda Amaras Roman „Avec ma tête d’arabe“ erzählt die Geschichte einer jungen französisch-algerischen Journalistin, deren Identität durch die Pariser Terroranschläge vom 13. November 2015 erschüttert wird. Ausgehend von diesem traumatischen Ereignis entfaltet der Text eine vielschichtige Bewegung in die Familien- und Kolonialgeschichte, die von der Pariser Kindheit der Erzählerin bis in das Kabylien des algerischen Unabhängigkeitskriegs zurückreicht. Die Rezension zeigt, dass der Roman Identität nicht als stabile Gegebenheit, sondern als fragile und fortwährende Rekonstruktionsarbeit inszeniert: Das Trauma zerstört die bisherige Selbstgewissheit und zwingt die Erzählerin dazu, ihre Herkunft, ihre familiären Überlieferungen und ihre Stellung zwischen Frankreich und Algerien neu zu befragen. Im Mittelpunkt der Analyse stehen die raffinierte Verflechtung der drei Zeitebenen, die weibliche Genealogie des Widerstands, die Bedeutung von Sprache und Schlagfertigkeit als Formen der Selbstbehauptung sowie die Funktion des Humors als Strategie gegen Ohnmacht und Angst. So erscheint „Avec ma tête d’arabe“ als ebenso persönlicher wie politischer Roman, der individuelle Verletzung mit postkolonialer Erinnerung verbindet und das Schreiben selbst als Akt der Wiedergewinnung eines vielstimmigen, widersprüchlichen und dennoch handlungsfähigen Selbst begreift.

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Vom defekten Auge zur Poetik des genauen Blicks: Maylis de Kerangal

Ausgehend von Maylis de Kerangals poetologischem Vortrag „La lentille et le roman“ (Verdier, 2026), in dem die Autorin ihr defektes Auge – Schielen, Myopie, Hyperopie, kongenitaler Katarakt – zum Ausgangspunkt einer Theorie des Romans als optisches Instrument macht, untersucht der vorliegende Aufsatz das erzählerische Werk Kerangals auf die dort entwickelten und weitergeführten Sehpoetiken hin. Anhand von elf Texten – von „Sous la cendre“ (2006) bis „Jour de ressac“ (2024) – werden optische Metaphernfelder, semantische Felder des Visuellen sowie Szenen und Bilder des Sehens, Schauens, der Blindheit und der Unschärfe analysiert und in Bezug auf Kerangals zentrale Unterscheidung zwischen „voir“ und „regarder“, ihre Spinoza-Analogie des Linsenschleifens als handwerklicher Wahrheitssuche und ihr Schlussmodell der Fresnellinse als diskontinuierlicher, vielschichtiger Romanstruktur interpretiert. Der Aufsatz zeigt dabei, dass die im Manifest formulierte Poetik das Werk nicht eigentlich erklärt, vielmehr nachträglich konsolidiert: Die Romane sind uneindeutiger, politisch gefährlicher und emotional aufgewühlter als das Manifest eingesteht – sie zeigen Linsen als Machtinstrumente, Sehen als körperlichen Schmerz und Scheitern als produktive erzählerische Kraft –, und sie entwickeln mit der Synästhesie und der Ästhetik der Unschärfe Prinzipien, die über die optische Metapher des Manifests weit hinausreichen.

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François Mitterrand zwischen Mythos und Kritik: Annie Ernaux

Der Essay untersucht die Darstellung François Mitterrands in Annie Ernaux’ „Les années“ (2008) im Vergleich zu Mitterrands politischer Streitschrift gegen De Gaulle, „Le Coup d’État permanent“ (1964). Im Zentrum steht die Frage, wie beide Texte – trotz ihrer unterschiedlichen Gattungen als autobiografischer Erinnerungsroman und politisches Pamphlet – dasselbe Strukturmerkmal der Fünften Republik sichtbar machen: die Konzentration politischer Hoffnungen, Ängste und Legitimitätsvorstellungen auf eine einzelne charismatische Figur. Während Mitterrand in seiner Kritik an Charles de Gaulle die Gefahren eines personalisierten Präsidialsystems anprangert, beschreibt Ernaux aus der Perspektive eines kollektiven „on“ die Begeisterung, die Erwartungen und die spätere Ernüchterung, die seine eigene Präsidentschaft begleiten. Anhand zentraler Passagen aus „Les années“ wird gezeigt, wie Mitterrand von der Symbolfigur des politischen Aufbruchs 1981 über die Enttäuschung der „rigueur“-Jahre bis hin zur Verkörperung von Alter, Vergänglichkeit und historischer Erinnerung wird. Der Vergleich macht deutlich, dass Ernaux nicht nur die affektive Geschichte der französischen Linken erzählt, sondern zugleich das paradoxe Funktionieren eines politischen Systems offenlegt, das selbst seine Kritiker in monarchisch anmutende Erlöserfiguren verwandelt.

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Montaigne auf der Anklagebank: Philippe Desan

Der Roman des renommierten Montaigne-Forschers Philippe Desans, „Montaigne – La Boétie: une ténébreuse affaire“ (2024), erzählt die berühmteste Freundschaft der französischen Renaissance als literarischen Kriminalfall. Ausgehend von der Begegnung Montaignes und Étienne de La Boéties im Bordeaux des 16. Jahrhunderts entfaltet der Roman die provokante Hypothese, Montaigne selbst könnte für den frühen Tod seines Freundes verantwortlich gewesen sein. Über die Spur eines verschollenen Sonetts, verborgener Dokumente und einer modernen akademischen Untersuchung verfolgt Desan die Wege der Überlieferung bis in die Gegenwart und macht die Rekonstruktion der Vergangenheit zum eigentlichen Gegenstand seiner Erzählung. Der Aufsatz zeigt, dass dieser historische Kriminalroman weit mehr ist als ein gelehrtes Spiel: Er stellt eine fiktionale Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen der Montaigne-Forschung dar und setzt sich dabei implizit mit der humanistischen Montaigne-Deutung Hugo Friedrichs auseinander. Während Friedrich in seiner klassischen Monographie von 1949 die Einheit eines „sehr organisierten Geistes“ und die Konsubstantialität von Leben und Werk betont, entwirft Desan einen Montaigne, dessen Identität, Texte und Erinnerungen von historischen Interessen, editorischen Eingriffen und sozialen Strategien geprägt sind. Der Aufsatz argumentiert, dass Desans Roman die Grenze zwischen Wissenschaft und Fiktion bewusst verwischt, um die grundsätzliche Erzählnatur jeder Interpretation offenzulegen: Lesen erscheint hier als Arbeit mit Indizien, Wahrscheinlichkeiten und Hypothesen, sodass die Geschichte eines möglichen Verbrechens zugleich zu einer Reflexion über die Bedingungen literaturwissenschaftlicher Erkenntnis wird.

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Huysmans als Seismograph der Moderne: Agnès Michaux

Agnès Michaux’ Romantrilogie „La fabrication des chiens“ und ihre spätere Biographie über Joris-Karl Huysmans bilden zusammen ein außergewöhnliches Doppelprojekt: eine literarische Rekonstruktion des fin de siècle und zugleich ein neuer Blick auf Huysmans als Seismograph der Moderne. Der erste Band der Trilogie (1889) folgt dem jungen Provinzjournalisten Louis Daumale durch das Paris der Exposition universelle, der Eiffelturm-Eröffnung und der Fortschrittsbegeisterung, während unter der glänzenden Oberfläche bereits Nationalismus, Eugenik, soziale Angst und kulturelle Erschöpfung sichtbar werden. Im Zentrum steht Daumales Begegnung mit Huysmans, der nicht als museale Décadence-Ikone erscheint, sondern als radikal aufrichtiger Diagnostiker seiner Zeit: „injuste, parfois seulement, mais en toute sincérité“. Michaux’ Argumentation besteht darin, die Décadence nicht als Pose, sondern als präzise Zivilisationsdiagnose zu lesen. Des Esseintes aus „À rebours“ wird nicht als ästhetisches Wunschbild verstanden, sondern als Symptom einer Gesellschaft, deren Reizüberflutung und Künstlichkeit den Menschen deformieren. Diese Idee spiegelt sich im titelgebenden Motiv der „Fabrikation“ von Hunden: Optimierung, Züchtung und gesellschaftliche Dressur werden zur Metapher einer Moderne, die alles Lebendige normiert. In der Biographie radikalisiert Michaux diesen Ansatz weiter, indem sie Huysmans nicht textimmanent, sondern körperlich und sozial situiert liest – als frierenden, nervösen Beamten, dessen Kunst aus physischer Überempfindlichkeit, Großstadtmüdigkeit und kompromissloser Wahrhaftigkeit hervorgeht. So entsteht kein nostalgisches Bild der Belle Époque, sondern eine Analyse der Moderne selbst: 1889 erscheint bei Michaux als jener historische Kipppunkt, an dem Fortschritt und Verfall, Rationalisierung und spirituelle Sehnsucht, Oberfläche und innere Zerrüttung untrennbar ineinander übergehen.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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