Banalität des Bösen? Subjektivität bei Pierre Sautreuil

Il sait que je prépare un livre sur son compte, et c’est une raison suffisante pour réviser sa version des faits.

Pierre Sautreuil, Les Guerres perdues de Youri Beliaev

Er weiß, dass ich ein Buch über ihn vorbereite, und das ist Grund genug, seine Version der Geschehnisse zu revidieren.

Der 1993 geborene Pierre Sautreuil arbeitet seit 2014 als Journalist im Bereich der Russland- und Ukraine-Berichterstattung, zunächst für den Nouvel Observateur, später bei Le Figaro und La Croix. Auch er einer, der journalistisches und literarisches Schreiben zusammenbringt, um seinen Stoffen gerecht zu werden. So erschien bereits 2018 der Roman Les Guerres perdues de Youri Beliaev bei Grasset, für den er u.a. mit dem Prix du Livre du Réel ausgezeichnet wurde, der ein französischsprachiges und ein übersetztes Werk ausgezeichnet, welche eine wahre, zeitgenössische oder historische Begebenheit als Ausgangspunkt haben. Der Text beruht auf Sautreuils realer Begegnung mit einem russischen Söldner im ostukrainischen Gebiet Donbass, der auch Schauplatz des ersten Ukraine-Romans von Benoît Vitkine ist.

Pierre Sautreuil 2022 in seinem Twitter-Konto über Putins „Flucht nach vorne“

Sautreuils Deutung von Putins Angriff diesen Februars 2022 sieht darin eine seit Jahren konsequente Strategie am Werk, die zeige, „wie diese Rhetorik in den Gefühlen der Deklassierung, Wut und Demütigung nach dem Zusammenbruch der UdSSR und der Flaute der 1990er Jahre in Russland Anklang fand, um die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten für die Misere des Landes verantwortlich zu machen“, statt Putin von französischer Seite lediglich eine pathologische Psychologie zu unterstellen: „Der russische Präsident zeigte am Montag, den 21. Februar, das Gesicht eines Führers, der einsamer, autoritärer und verschlossener ist als je zuvor in einer ideologischen und sich viktimisierenden Sicht der Geschichte und der internationalen Beziehungen. Wladimir Putins Entscheidung, den Konflikt zu eskalieren, ist alles andere als irrational, sondern vielmehr die Fortsetzung einer seit Jahren verfolgten belagernden Identitätspolitik.“ 1

Cécile Mazin ordnet anlässlich der Preisvergabe für Les Guerres perdues de Youri Beliaev Sautreuils Begegnung mit der Hauptfigur ein, es sei „[e]ine spannende Untersuchung, die aus seiner Reportage im Donbass und seiner Begegnung mit Jurij Beljajew hervorgegangen ist, einer Figur aus der politischen Landschaft Russlands, die nach dem Zusammenbruch der UdSSR Mitglied der Mafia wurde. Jurijs Werdegang scheint mit dem vieler russischer Nationalisten identisch, aber dennoch baut Sautreuil eine Verbindung zu ihm auf, die zwischen Faszination, Mitleid und Freundschaft schwankt.“ 2 Die Besprechung von Annie Daubenton hat die Rolle der Söldner im russischen Kampf um Einfluss benannt (und für Sautreuils Antihelden Jurij ist es der Krieg in der Ost-Ukraine): „Die Erzählung entfaltet sich wie ein breiter Fahrplan, der sich auf die Gebiete erstreckt, die der Kreml unter seiner Kontrolle halten will. Die Kriegsherren folgen auf Befehl, weil sie von Natur aus dazu neigen, sich an anderen zu rächen, an Feinden anderer Hautfarbe und Konfession, an denen sie hier und dort abprallen würden. Ihre Trümpfe: Geld, Waffen, ein Anteil an den Kohlenwasserstoffvorkommen und gute Verbindungen, die es ihnen ermöglichen, nach Bedarf aus den sich entzündenden „Brandherden“ zu rekrutieren. Der Handel mit diesen Söldnern lohnt sich für diejenigen, die über ein gutes Netzwerk verfügen.“ 3

Der bislang nicht ins Deutsche übersetzte Text von Sautreuil erhält mit dem Einmarsch von Vladimir Putin in der Ukraine eine traurige Aktualität. Ob durch die kriegerische Einnahme des Landes in den nächsten Jahren generell ukrainische Literatur und Romane über die Ukraine-Krise stärker ins europäische Bewusstsein rücken, kann jetzt noch nicht beurteilt werden. Man möchte es wünschen.

Pierre Sautreuil anlässlich des Prix du Réel 2018

In den journalistischen Passagen wie Sautreuils Darstellung von Maifeierlichkeiten in Sankt Petersburg franst der Umzug in eine vielsagende Darstellung eines russischen „Volkes“ aus, mit einer konstruierten Vielstimmigkeit, die es eigentlich in Putins Mediendiktatur schwerer hat, zur Darstellung zu kommen, als in der literarischen Form:

La perspective Nevski est fermée à la circulation, et c’est comme si la population de tous les quartiers de Saint-Pétersbourg s’y était donné rendez-vous, mais la procession qui s’aligne d’un bout à l’autre de la plus célèbre avenue de la ville pour fêter le 1er Mai n’a rien d’une déambulation spontanée de flâneurs du dimanche. La fête du Travail est un rassemblement du « peuple » comme le pouvoir veut le donner à voir : associations et partis politiques strictement compartimentés en blocs dociles qui défilent au garde-à-vous les uns derrière les autres, brandissant des drapeaux irréconciliables, marchant pourtant tambour battant dans la même direction. Le plus miteux des régimes autoritaires peut créer un parti d’opposition bidon pour mettre en scène une parodie de pluralisme, mais aucun mieux que la Russie n’a poussé la blague au point de l’étendre aux associations, aux syndicats, aux fédérations sportives, aux communautés locales, aux corporations les plus diverses, et jusqu’aux groupuscules ultranationalistes ou libéraux, de sorte qu’il n’existe plus un recoin de la société civile qui échappe au soupçon de compromission avec le pouvoir.

Il est 10 heures, et les enceintes sanglées sur les voitures diffusent déjà une pop assourdissante au pied des palais et des galeries marchandes. Sur les trottoirs, des milliers de badauds sans étiquette lancent des hourras et agitent des ballons de baudruche derrière les cordons de plastique les séparant des dizaines de groupes qui, sur le bitume, attendent le coup d’envoi du défilé comme des cohortes romaines aux effectifs disparates, immobiles sous leurs étendards respectifs : les adolescents poutinistes de la Jeune Garde, Russie unie, le syndicat des employés de Gazprom, le mal nommé Parti libéral-démocrate, le parti Yabloko, les communistes, nombreux, derrière un immense portrait de Staline, les soutiens au Donbass, les cosaques du Don, quelques représentants de la brigade Fantôme de Mozgovoï, suivis par le parti anarcho-écologiste, l’union des métallurgistes de l’oblast de Leningrad, la communauté Vegan, les anticapitalistes, le Mouvement impérial russe, le Parti national-bolchevik, les féministes, les majorettes, les motards, l’Alliance des pilotes de ligne du Nord-Ouest, et même les pacifistes et opposants à la guerre en Ukraine, placés en fin de cortège entre une ligue de défense des animaux et une association LGBT.

Pierre Sautreuil, Les Guerres perdues de Youri Beliaev

Der Newski-Prospekt ist für den Verkehr gesperrt, und es ist, als hätten sich die Menschen aus allen Stadtteilen St. Petersburgs dort versammelt, aber die Prozession, die sich von einem Ende der berühmtesten Straße der Stadt zum anderen aufreiht, um den Erster Mai-Feiern, ist kein spontaner Spaziergang von Sonntagsbummlern. Der Tag der Arbeit ist eine Versammlung des „Volkes“, wie es die Machthaber darstellen wollen: Vereinigungen und politische Parteien sind streng in gefügige Blöcke unterteilt, die stramm hintereinander marschieren, unversöhnliche Fahnen schwenken und doch trommelnd in die gleiche Richtung marschieren. Das schäbigste autoritäre Regime kann eine falsche Oppositionspartei gründen, um eine Parodie des Pluralismus zu inszenieren, aber kein Land wie Russland hat diesen Witz so weit getrieben, dass er sich auf Vereine, Gewerkschaften, Sportverbände, lokale Gemeinschaften, verschiedenste Körperschaften bis hin zu ultranationalistischen oder liberalen Gruppierungen ausgedehnt hat, so dass es keinen Winkel der Zivilgesellschaft mehr gibt, der nicht unter dem Verdacht steht, mit der Macht kompromittiert zu sein.

Es ist 10 Uhr und aus den Lautsprechern in den Autos dröhnt bereits ohrenbetäubender Pop am Fuße der Paläste und Einkaufspassagen. Auf den Bürgersteigen jubeln Tausende von Schaulustigen und schwenken Luftballons hinter den Plastikbändern, die sie von den Dutzenden von Gruppen trennen, die auf dem Asphalt wie ungleiche römische Kohorten auf den Startschuss der Parade warten und regungslos unter ihren jeweiligen Bannern stehen: Putinistische Teenager der Jungen Garde, Vereintes Russland, die Gewerkschaft der Gazprom-Angestellten, die schlecht benannte Liberaldemokratische Partei, die Jabloko-Partei, die zahlreichen Kommunisten hinter einem riesigen Stalin-Porträt, die Unterstützer des Donbass, die Don-Kosaken, einige Vertreter von Mozgovois Geisterbrigade, gefolgt von der Anarcho-Ökologischen Partei, der Metallarbeiterverband der Oblast Leningrad, die Gemeinschaft der Veganer, Antikapitalisten, die Russische Imperiale Bewegung, die Nationalbolschewistische Partei, Feministinnen, Majoretten, Motorradfahrer, die Nordwestliche Linienpilotenallianz und sogar Pazifisten und Gegner des Krieges in der Ukraine, die am Ende des Zuges zwischen einer Tierschutzliga und einer LGBT-Vereinigung platziert waren.

Der reale Protagonist Jurij Beljajew ist nicht als Individuum, sondern als Typus interessant, einer von vielen kleinen Führern, extrem, aber nicht fanatisch. Sie spielen „Führer“ in irgendeiner kleinen Institution und wissen, dass sie nicht das Zeug zum nationalen Politikerformat haben. Diese Texte 2022 zu lesen, in denen Männer wie er als irrelevante Veteranen oder Figuren der Vergangenheit eingeordnet werden, hinterlässt angesichts des russischen Kriegs gegen die Ukraine einen bitteren Beigeschmack:

« Vous voulez écrire… un livre… sur Beliaev ? »

[…]

Tarasov repose sa tasse sur sa soucoupe. Pas une goutte de thé dans la barbe.

« Donc il n’a jamais été une figure importante en Russie ?

— Eh bien… Dans le milieu nationaliste et à Saint-Pétersbourg, c’est évident que c’était quelqu’un, mais il n’a pas réussi à aller plus loin politiquement. Il y avait de la concurrence, beaucoup de petits Führer dans son genre, et aucun grand sponsor n’a jugé bon de placer en lui sa confiance et ses ressources. Quant à ses qualités personnelles, vous les connaissez : ce n’est pas une figure charismatique. »

Il reprend une lampée de thé, déglutit, et conclut lapidairement.

« Beliaev est un vétéran, mais pas une figure nationale. C’est un homme du passé. »

Les vieux routiers comme Youri, Tarasov les appelle presque affectueusement « dyedushki russkogo faschizma » : les papys du fascisme russe. Il s’émerveille de l’obstination avec laquelle ils tentent de faire parler d’eux en se jetant à corps perdu dans le soutien au Donbass, comme s’ils étaient à la recherche d’une nouvelle jeunesse, d’un chaos ambiant qui leur rappelle les années fastes de la décennie enragée, quand ils étaient riches et influents, et sûrement cherchent-ils un terreau vierge où prospéreraient de nouveau leur nom et leurs idées. Aujourd’hui ils espèrent bâtir en Ukraine cette Nouvelle-Russie qui leur a glissé entre les doigts vingt ans plus tôt, mais Youri et ses semblables ont raté le coche, leur bestiaire est périmé. Ils ne veulent pas voir qu’il n’y a pas de match retour pour les animaux en voie de disparition.

« Les monarchistes de Stanislav Vorobiov, les ultranationalistes d’Alexandre Barkachov, ou les néonazis d’Ivanov-Soukharevski, tous se vantent d’avoir envoyé des centaines de combattants à Donetsk et à Lougansk. »

Tarasov rigole doucement.

« Le chiffre réel ne dépasse pas quelques dizaines d’individus. Quant à Édouard Limonov, que les Français admirent tant, la moitié de ses volontaires n’ont même pas de lien avec son parti. »

Pierre Sautreuil, Les Guerres perdues de Youri Beliaev

„Sie wollen … ein Buch … über Beljajew schreiben?“

[…]

Tarasov stellt seine Tasse auf die Untertasse. Kein Tropfen Tee in den Bart.

„Also war er nie eine wichtige Figur in Russland?“

„Nun… In der nationalistischen Szene und in St. Petersburg war er offensichtlich jemand, aber er schaffte es nicht, politisch weiterzukommen. Es gab Konkurrenz, viele kleine Führer in seiner Art, und kein großer Sponsor hielt es für nötig, sein Vertrauen und seine Ressourcen in ihn zu investieren. Was seine persönlichen Qualitäten angeht, so kennen Sie diese: Er ist keine charismatische Figur.“

Er nahm noch einen Schluck Tee, schluckte und schloss lapidar.

„Beljajew ist ein Veteran, aber keine nationale Figur. Er ist ein Mann der Vergangenheit.“

Alte Hasen wie Jurij nennt Tarasov sie fast liebevoll „dyedushki russkogo faschizma“: die Opas des russischen Faschismus. Er wundert sich über die Hartnäckigkeit, mit der sie versuchen, von sich reden zu machen, indem sie sich Hals über Kopf in die Unterstützung des Donbass stürzen, als wären sie auf der Suche nach einer neuen Jugend, nach einem vorherrschenden Chaos, das sie an die fetten Jahre des wütenden Jahrzehnts erinnert, als sie reich und einflussreich waren, und sicherlich suchen sie nach einem jungfräulichen Boden, auf dem ihr Name und ihre Ideen wieder gedeihen können. Heute hoffen sie, in der Ukraine jenes Neurussland aufzubauen, das ihnen zwanzig Jahre zuvor durch die Finger gerutscht war, doch Jurij und seine Leute haben den Anschluss verpasst, ihr Bestiarium ist veraltet. Sie wollen nicht einsehen, dass es für die vom Aussterben bedrohten Tiere kein Rückspiel gibt.

„Die Monarchisten von Stanislaw Worobjow, die Ultranationalisten von Alexander Barkaschow oder die Neonazis von Iwanow-Sucharewski – sie alle rühmen sich damit, dass sie Hunderte von Kämpfern nach Donezk und Lugansk geschickt haben.“

Tarasov lacht leise.

„Die tatsächliche Zahl beträgt nicht mehr als ein paar Dutzend Personen. Was Eduard Limonow betrifft, den die Franzosen so sehr bewundern, so hat die Hälfte seiner Freiwilligen nicht einmal eine Verbindung zu seiner Partei.“

Habent sua fata libelli: Pierre Sautreuil, der sich anlässlich der Preisvergabe explizit auf das Vorbild von Emmanuel Carrères subjektivem Schreiben und auf dessen Buch über den russischen Schriftsteller Limonow (mit gleichlautendem Titel Limonow) berief, verurteilt klar dessen späte Wende vom Oppositionellen zum Kriegstreiber:

Quand Emmanuel Carrère a publié sa biographie d’Édouard Limonov en 2011, Viktor Yanoukovitch dirigeait encore l’Ukraine. Rien ne laissait alors présager qu’une guerre éclaterait aussi soudainement. Et personne ne se doutait qu’à 70 ans révolus, Limonov émergerait des eaux stagnantes de l’opposition russe pour écrire dans le sang un nouveau chapitre de sa vie.

Dès février 2014 et l’aboutissement de la révolution sur la place Maïdan, des membres de son parti Autre Russie ont afflué en Crimée pour exiger son rattachement à la Fédération de Russie. En mai 2014, un mois seulement après le début des combats dans l’est de l’Ukraine, Limonov publie un texte annonçant la création de « Brigades internationales de volontaires » pour lutter aux côtés des séparatistes.

À Moscou, un centre d’entraînement d’Autre Russie a accueilli des volontaires de tous horizons avant de les expédier dans le Donbass. Des dizaines de membres du parti s’en sont allés combattre en Ukraine. Beaucoup y ont trouvé la mort. Du best-seller de Carrère, on retient qu’Édouard Limonov a rêvé toute sa vie d’être un jour chef de guerre. C’est désormais chose faite. À 72 ans, le voilà reconverti en prophète du djihad russe.

Qu’est-ce qui a poussé ce héraut de l’antisystème à devenir le porte-voix de la propagande du Kremlin ? Comme toujours, les raisons remontent à l’enfance, qu’il a passée à truander à Kharkov, dans l’est de l’Ukraine. Peut-être aussi s’est-il lassé de son vain combat contre le régime de Vladimir Poutine. En mai 2014, dans les rues de Moscou, j’avais assisté à un rassemblement d’Autre Russie en soutien aux séparatistes du Donbass. D’une voix chevrotante, le vieil Eddy appelait aux armes devant une centaine de militants. Avait-il l’assentiment des autorités ? Le contraire paraît peu probable. C’était son premier meeting autorisé depuis des années.

Pierre Sautreuil, Les Guerres perdues de Youri Beliaev

Als Emmanuel Carrère 2011 seine Biografie über Édouard Limonov veröffentlichte, regierte Viktor Janukowitsch noch die Ukraine. Nichts deutete damals darauf hin, dass ein Krieg so plötzlich ausbrechen würde. Und niemand ahnte, dass Limonow mit über 70 Jahren aus den stagnierenden Gewässern der russischen Opposition auftauchen würde, um ein neues Kapitel seines Lebens blutig zu schreiben.

Bereits im Februar 2014 und nach dem erfolgreichen Abschluss der Revolution auf dem Maidan-Platz strömten Mitglieder seiner Partei Anderes Russland auf die Krim, um deren Anschluss an die Russische Föderation zu fordern. Im Mai 2014, nur einen Monat nach Beginn der Kämpfe in der Ostukraine, veröffentlichte Limonow einen Text, in dem er die Gründung von „Internationalen Freiwilligenbrigaden“ ankündigte, die an der Seite der Separatisten kämpfen sollten.

In Moskau nahm ein Trainingszentrum von Anderes Russland Freiwillige aus aller Welt auf, bevor sie in den Donbass geschickt wurden. Dutzende von Parteimitgliedern gingen in die Ukraine, um dort zu kämpfen. Viele kamen dort ums Leben. Aus Carrères Bestseller geht hervor, dass Édouard Limonov sein ganzes Leben lang davon geträumt hat, eines Tages Kriegsherr zu sein. Nun hat er es geschafft. Mit 72 Jahren ist er zum Propheten des russischen Dschihad geworden.

Was hat diesen Herold des Antisystems dazu gebracht, zum Sprachrohr der Kreml-Propaganda zu werden? Wie immer reichen die Gründe bis in seine Kindheit zurück, die er als Trickbetrüger in Charkow in der Ostukraine verbrachte. Vielleicht wurde er auch seines vergeblichen Kampfes gegen das Regime von Wladimir Putin überdrüssig. Im Mai 2014 hatte ich in den Straßen von Moskau eine Kundgebung von Anderes Russland zur Unterstützung der Separatisten im Donbass besucht. Mit zitternder Stimme rief der alte Eddy vor etwa 100 Aktivisten zu den Waffen. Hatte er die Zustimmung der Behörden? Das Gegenteil ist unwahrscheinlich. Es war seine erste genehmigte Kundgebung seit Jahren.

Auch für Carrères Buch Limonov gilt der Doppelcharakter des Buchs zwischen Journalismus und Literatur, wie Daniel Henselers Kritik betonte: „Emmanuel Carrère hatte zunächst lediglich einen längeren Artikel über Limonow ins Auge gefasst. Daraus ist schließlich ein ganzes Buch geworden, das er zwar als «Reportage» bezeichnet, das man mit Fug und Recht aber auch eine Romanbiografie nennen könnte. Der Verfasser hat dafür eigens mit über dreißig Personen gesprochen, er hat Limonow eine Zeitlang begleitet, ihm zugehört — und ihm manchmal auch nur zugeschaut, wenn dieser es vorzog zu schweigen. Was Carrère nicht unter den Tisch kehrt: Viele Informationen entnimmt er direkt Limonows eigenen Werken. Darunter sind Chroniken und Erinnerungen, allerdings auch literarische Texte. Was die letzteren betrifft, so ist zu bemerken, dass Carrère der «biografischen» Falle nicht immer entgeht — sprich: Er setzt den Helden in Limonows Werken allzu offensichtlich mit dem realen Limonow gleich und übersieht dabei die Möglichkeit einer gezielten Selbstinszenierung oder gar -stilisierung in Limonows Büchern.“ 4 Ebendies war für Jörg Aufenanger ein Teil des Problems dieses Buchs: „Solange Carrère dieses irrlichternde Leben auch mit einem Schuss an Erfindung erzählt, vermag er, den Leser zu faszinieren, doch sobald er sich neben oder gar vor Limonow schiebt, wird es eitel und flau.“ 5 Dass es diese Subjektivität gleichwohl braucht, um den Anteil der französischen Faszination für diesen „ukrainischen Provinz-Ganoven und politische[s] Ekelpaket“ Limonov zu deuten, zeigte Sigrid Löfflers Besprechung: „Mit federleichter Eleganz überprüft Carrère an seinen eigenen Reaktionen auf Limonow zugleich die politischen und intellektuellen Anfälligkeiten der Pariser Kaviar-Linken. Im Schreiben dieses Buches befreit er sich von den blinden Flecken einer nach links und rechts kokettierenden französischen Politschickeria — bis hin zur Auflösung solcher Begrifflichkeiten, die beim Betrachten der Exzesse im heutigen Russland ohnehin nicht weiterhelfen. Emmanuel Carrère tut Limonow nicht einfach als amoralischen, skandalsüchtigen Dreckskerl und Desperado ab; bei allem faszinierten Widerwillen gegen seinen Titelhelden macht er sich die Mühe, diese drastische Karriere vor dem Hintergrund der politischen Umstürze und radikalen Wertewechsel im Russland der letzten fünfzig Jahre als möglicherweise exemplarisch zu entziffern.“ 6 Diese Selbstkritik kommt dem Figaro zupass, wenn Buisson den „Zerrspiegel“ letztlich auch als ein Bild Frankreichs versteht: „Carrère hat hier eine schillernde biografische Erzählung verfasst, die wie ein Zerrspiegel wirkt. Von seinem Thema, hinter dem er sich elegant zurückzieht, hält er eine ideale Distanz: empathisch, aber nicht zu sehr. Mit der Geduld eines Psychopathen zerschlägt er die Medienklischees, die Limonow und sein Land in Frankreich hervorrufen, und verzaubert, amüsiert, überzeugt, erschüttert und erzählt, als wäre nichts dabei, von den letzten vierzig Jahren der Welt. Die von Eduard dem Schrecklichen. Aber auch von seiner eigenen. Und unsere.“ 7

Die eigentliche Frage an die Ukraine-Romane der Gegenwart und der kommenden Jahre wäre demnach: Welche Selbstkritik Europas, Frankreichs und Deutschlands, der westlichen Welt insgesamt werden wir in ihrem ‚Zerrspiegel‘ der neuen Kriegsordnung zwischen Russland und „uns“ finden? „Die verlorenen Kriege von Jurij Beljajew führt uns in ein Russland, das sich nie vom Fall des Ostblocks erholt hat“, so der Verlag Grasset. 8 Annie Daubenton sah die Leistung dieser Doku-Fiktion darin, „neue Figuren der Gesellschaft und andere Arten von Konflikten zu erforschen, hybride Kriege, Kriege an den Rändern Europas, neue Söldner, neue Don Quijotes oder die letzten Dreckskerle, man mag darüber urteilen, wie man will.“ 9 Sautreuils Roman-Reportage ist nicht nur Abgesang auf die neue Ordnung nach 1989 wie im folgenden Auszug, sondern könnte sich unbeabsichtigt als Menetekel einer Remilitarisierung, eines Wiederaufrüstungswahnsinns und der gefährlichen Konfrontationsstellung zwischen Russländischem Imperialismus und Nato-Staaten erweisen, denn der Mann der Vergangenheit, Jurij Beljajew, und die Kriegstreiber seiner Art haben ihre Kriege noch nicht verloren gegeben.

Le mur de Berlin venait de tomber, l’URSS n’en avait plus que pour quelques mois. À Leningrad, comme partout ailleurs, l’heure est à la pénurie. La capitale du Nord est une des rares villes où l’on trouve encore de la viande, et tout le reste manque cruellement. Ce n’est pas tant que le pouvoir d’achat du Soviétique moyen a baissé. Les prix restent encadrés, et Mikhaïl Gorbatchev vient même d’ordonner une hausse générale des salaires. Le problème est plus simple, et autrement plus grave : de Kaliningrad à Vladivostok, il n’y a plus rien à acheter dans les magasins. « Le carnet de rationnement est la nouvelle étoile de notre philosophie, écrit à cette époque le penseur Alexandre Zinoviev, c’est l’idéologue principal de la perestroïka. »

Ce printemps 1990, la Russie connaît sa première pénurie de cigarettes. Des « émeutes de la nicotine » éclatent dans plusieurs villes. Au marché noir, une cigarette se vend au prix d’un paquet. Quand on ne trouve plus de miettes de tabac, on fume du thé vert et des pesticides. À Moscou, des fumeurs bloquent des avenues et saccagent des magasins.

C’est dans ce désordre complet qu’après soixante-dix ans de glaciation, la presse libre fait son apparition en Union soviétique. Avec une avidité inconcevable, les Russes s’arrachent tout ce que le pouvoir a si longtemps mis à l’index : journaux de tous bords, littérature à l’eau de rose, récits de détention. Tout ce qui a été tu pendant des décennies et que les Soviétiques ne s’échangeaient qu’à voix basse dans l’intimité des cuisines s’affiche désormais sur cinq colonnes à la une. L’Archipel du Goulag paraît en 1989. Des groupes de rock font salle comble en chantant « URSS-SS ».

À l’époque, Youri est flic à Leningrad, inspecteur de la police criminelle, et pour lui, la perestroïka est un inconcevable bordel. La ville bouillonne de palabres, de meetings, d’incessantes manifestations : un coup les nationalistes, un coup les communistes, un coup les démocrates, parfois même Hare Krishna. Quelques années plus tôt, la police aurait mis un terme à ce cirque à coups de matraques, mais désormais les Soviétiques ont le droit de manifester, alors Youri se contente d’y aller en civil et de signaler les plus agités.

Pierre Sautreuil, Les Guerres perdues de Youri Beliaev

Die Berliner Mauer war gerade gefallen, die UdSSR hatte nur noch wenige Monate zu leben. In Leningrad herrschte, wie überall, Mangel. Die Hauptstadt des Nordens ist eine der wenigen Städte, in denen es noch Fleisch gibt, und an allem anderen herrscht akuter Mangel. Es ist nicht so sehr, dass die Kaufkraft des durchschnittlichen Sowjetbürgers gesunken ist. Die Preise bleiben im Rahmen und Michail Gorbatschow hat sogar gerade eine allgemeine Lohnerhöhung angeordnet. Das Problem ist einfacher, aber weitaus gravierender: Von Kaliningrad bis Wladiwostok gibt es in den Geschäften nichts mehr zu kaufen. „Das Rationierungsbuch ist der neue Stern unserer Philosophie“, schreibt der Denker Alexander Sinowjew zu dieser Zeit, „es ist der Hauptideologe der Perestroika.“

In diesem Frühjahr 1990 kam es in Russland zum ersten Mal zu einem Mangel an Zigaretten. In mehreren Städten brechen „Nikotinunruhen“ aus. Auf dem Schwarzmarkt wird eine Zigarette zum Preis einer Schachtel verkauft. Wenn man keine Tabakkrümel mehr findet, raucht man grünen Tee und Pestizide. In Moskau blockieren Raucher Straßen und verwüsten Geschäfte.

In diesem völligen Durcheinander taucht nach siebzig Jahren Eiszeit die freie Presse in der Sowjetunion auf. Mit unfassbarer Gier reißen die Russen alles an sich, was die Macht so lange auf dem Index gehalten hatte: Zeitungen aller Couleur, Schnulzenliteratur, Berichte aus der Haft. Alles was jahrzehntelang verschwiegen wurde und worüber sich die Sowjets nur flüsternd in der Intimität der Küchen austauschten, steht nun fünfspaltig auf der Titelseite. Der Archipel Gulag erscheint 1989. Rockbands singen in ausverkauften Hallen „UdSSR-SS“.

Zu dieser Zeit ist Jurij Polizist in Leningrad, Inspektor der Kriminalpolizei, und für ihn ist die Perestroika ein unfassbarer Saustall. Die Stadt brodelt vor Palavern, Meetings und unaufhörlichen Demonstrationen: mal die Nationalisten, mal die Kommunisten, mal die Demokraten, manchmal sogar Hare Krishna. Ein paar Jahre zuvor hätte die Polizei diesem Zirkus mit Schlagstöcken ein Ende bereitet, aber jetzt haben die Sowjets das Recht zu demonstrieren, also begnügt sich Jurij damit, in Zivil zu gehen und die Unruhigsten zu melden.

Anmerkungen
  1. „Le président russe a montré, lundi 21 février, le visage d’un dirigeant plus seul, autoritaire et renfermé que jamais dans une vision idéologique et victimaire de l’Histoire et des relations internationales. Loin d’être irrationnel, le choix fait par Vladimir Poutine d’escalader le conflit s’inscrit dans la continuité d’une politique identitaire obsidionale menée depuis des années.“ Pierre Sautreuil, „Comment Vladimir Poutine s’est enferré dans une vision victimaire“, La Croix, 23. Februar 2022.>>>
  2. „Une enquête passionnante issue de son reportage dans le Donbass et de sa rencontre avec Youri Beliaev, personnage du paysage politique russe devenu mafieux après la chute de l’URSS. Le parcours de Youri semble être identique à celui-ci de beaucoup de nationalistes russes, mais pourtant Sautreuil va tisser un lien avec lui entre fascination, pitié et amitié.“ Cécile Mazin, „Pierre Sautreuil et Maggie Nelson, lauréats du Prix du Livre du Réel 2018“, actualitte.com, 22. Juni 2018.>>>
  3. „Le récit se déploie comme une large feuille de route qui s’étend aux territoires que le Kremlin entend maintenir sous son contrôle. Les seigneurs de guerre la suivent sur ordre, par un penchant naturel à la revanche sur l’autre, l’ennemi d’autre couleur, d’autre confession, et qui les ferait rebondir ici puis là. Leurs atouts : de l’argent, des armes, un pourcentage dans les hydrocarbures et de bonnes connexions qui permettent de recruter à la demande des « foyers » qui s’allument. La traite de ces mercenaires rapporte à qui est pourvu d’un bon réseau.“ Annie Daubenton, „Chronique d’une décennie enragée“, En attendant Nadeau, 3. Juli 2018.>>>
  4. Daniel Henseler, „Limonow, Russland und ich“, literaturkritik.de, 1. Januar 2013.>>>
  5. Jörg Aufenanger, „Mein wilder Bruder im Geiste“, Frankfurter Rundschau, 22. Januar 2013.>>>
  6. Sigrid Löffler, Süddeutsche Zeitung, 19. Dezember 2012.>>>
  7. „A destin exceptionnel, livre exceptionnel. Carrère signe là un éblouissant récit biographique aux faux airs de miroir déformant. De son sujet derrière lequel il s’écarte élégamment, il se tient à distance idéale: empathique mais pas trop. Brisant avec une patience de psychopathe les clichés médiatiques que Limonov et son pays suscitent en France, il enchante, amuse, convainc, bouleverse et raconte, l’air de rien, les quarante dernières années du monde. Celui d’Edouard le Terrible. Mais aussi le sien. Le nôtre.“ ((Jean Christophe Buisson, „Emmanuel Carrère: Edouard le Terrible“, Le Figaro, 27 août 2011.>>>
  8. Les guerres perdues de Youri Beliaev nous fait découvrir une Russie qui ne s’est jamais remise de la chute du Bloc soviétique.>>>
  9. „En tout cas, ce « docu-roman » ou « docu-fiction » s’attache à fouiller de nouveaux personnages de la société et d’autres types de conflits, guerres hybrides, guerres aux marges de l’Europe, nouveaux mercenaires, nouveaux Don Quichotte ou derniers des salopards, on jugera comme on voudra.“ Annie Daubenton, „Chronique d’une décennie enragée“, En attendant Nadeau, 3. Juli 2018.>>>