Action directe im Roman: Vanessa Schneider und Monica Sabolo

Je ne savais pas encore que les années Action directe étaient faites de ce qui me constitue : le secret, le silence et l’écho de la violence.

Monica Sabolo, La vie clandestine

Ich wusste noch nicht, dass die Jahre der Action directe aus dem bestanden, was mich ausmacht: aus Geheimnis, Schweigen und dem Echo der Gewalt.

Mit Joëlle Aubron (1959–2006) in Vanessa Schneiders La fille de Deauville (Grasset) und mit Nathalie Ménigon (geb. 1957) in Monica Sabolos La vie clandestine (Gallimard) werden zwei Mitglieder der linksradikalen Action directe 2022 zu Romanfiguren. Aubron und Ménigon wurden 1987 gemeinsam mit Jean-Marc Rouillan und Georges Cipriani zu Freiheitsstrafen verurteilt, die Zerschlagung der Untergrundorganisation war in diesem Jahr entschieden, damit endete auch die deutsch-französische Kooperation mit der Roten Armee Fraktion. 1

Bevor Sabolo über das Fahndungsplakat der gesuchten Terroristinnen schreibt, bedenkt sie, was das eigene Erinnern angeht: „Irgendwo habe ich gelesen, dass eine Erinnerung nicht die Erinnerung an den Moment T ist, in dem das Ereignis stattgefunden hat, sondern die Erinnerung an das letzte Mal, als die Erinnerung aufgetaucht ist. Unsere Erinnerungen sind Erinnerungen an Erinnerungen an Erinnerungen.“ 2

Eines der französischen Fahndungsplakate mit den Porträts von Nathalie Ménigon und Joëlle Aubron

Sur les photographies, Nathalie Ménigon a une frange à la Sophie Marceau, un visage gracieux mais insaisissable. Joëlle Aubron sourit, cigarette entre les lèvres, elle dégage une énergie frontale, un je-ne-sais-quoi de buté. Elles ressemblent à n’importe quelle jeune fille des années 80. Étudiantes en lettres, vendeuses, employées de bureau, ouvrières, volontaires, rêveuses, moins affranchies qu’elles ne le paraissent. Et dans le même temps elles sont la mort, affichée comme un avertissement : dans notre monde s’en dissimule un autre, dangereux, effroyablement proche, au visage juvénile.

Monica Sabolo, La vie clandestine

Auf den Fotografien hat Nathalie Ménigon einen Pony à la Sophie Marceau, ein anmutiges, aber schwer fassbares Gesicht. Joëlle Aubron lächelt mit einer Zigarette zwischen den Lippen, sie strahlt eine frontale Energie aus, eine gewisse Sturheit. Beide sehen aus wie jedes andere junge Mädchen in den 80er Jahren. Sie sind Literaturstudentinnen, Verkäuferinnen, Büroangestellte, Arbeiterinnen, willensstark, verträumt und weniger befreit, als sie scheinen mögen. Und gleichzeitig sind sie der Tod, der zur Warnung plakatiert wird: In unserer Welt verbirgt sich eine andere, gefährliche, erschreckend nahe Welt mit einem jugendlichen Gesicht.

So zeigt Schneider aus Aubrons Blick die Ermordung von Georges Besse im Jahr 1986 in der Mischung von Zögern und Entschiedenheit und den Moment, von dem aus die Radikalisierung in das Verbrechen umschlägt:

Tu ne vas pas te dégonfler maintenant, petite conne ? Tu ne vas pas renoncer après avoir fait tout ça ? Reste concentrée.

C’était elle qui avait demandé à tirer. Jean-Marc avait toujours dit qu’il n’obligerait personne lorsqu’ils avaient commencé à discuter des assassinats politiques. Les actions militaires se faisaient sur la base du volontariat. Joëlle n’avait pas rejoint AD pour faire de la figuration. Elle n’avait pas quitté les squats et leurs fumeurs de shit pour se contenter d’écouter les fréquences de la police et louer des bagnoles sous de fausses identités. Elle n’avait pas rompu avec ses amis d’enfance, ses sœurs et ses parents, ses anciens camarades de lutte, pour imprimer des tracts clandestins et se déguiser en bourgeoise à faire le guet devant des bureaux de poste à braquer. Elle voulait faire partie de cette avant-garde qui avait choisi de prendre les armes. Il n’était plus question de revenir en arrière.

Vanessa Schneider, La fille de Deauville

Du wirst doch jetzt nicht kneifen, du kleine Schlampe? Du wirst nicht einfach aufgeben, nachdem du all das getan hast? Bleib konzentriert.

Sie war es gewesen, die darum gebeten hatte zu schießen. Jean-Marc hatte immer gesagt, dass er niemanden zwingen würde, als sie begonnen hatten, über politische Morde zu diskutieren. Militärische Aktionen erfolgten auf freiwilliger Basis. Joëlle hatte sich der Action directe nicht angeschlossen, um sich zu profilieren. Sie hatte die besetzten Häuser und ihre Kiffer nicht verlassen, um nur noch die Polizeifrequenzen abzuhören und unter falschen Identitäten Autos zu mieten. Sie hatte nicht mit ihren Kindheitsfreunden, Schwestern und Eltern, ihren ehemaligen Mitstreitern gebrochen, um heimliche Flugblätter zu drucken und sich als bürgerliche Frau zu verkleiden, die vor Postämtern, die überfallen werden sollten, Wache hielt. Sie wollte Teil dieser Avantgarde sein, die sich dafür entschieden hatte, zu den Waffen zu greifen. Es gab kein Zurück mehr.

17. November 1986, Ermordung von Georges Besse durch die Action Directe, Archive INA

Der sechste Roman der Journalistin Vanessa Schneider wählt Joëlle Aubron als Protagonistin, um die Gewaltgeschichte Frankreichs in den 1980er Jahren zu erzählen. Der alte Vorwurf der Romantisierung des Terrorismus, wie er z.B. Sartre und Genet traf, greift hier nicht. Schneier fügt allerdings eine fiktive Figur hinzu, den Polizisten Luigi Pareno und seine acht Jahre währenden Ermittlungen, parataktisch in kurzen Sätzen erzählt, und seine männliche Faszination für die Terroristin schwingt dabei mit:

De son côté, Luigi Pareno sauta dans une voiture pour foncer sur Paris afin de parvenir avant elle à la gare Saint-Lazare. Dans la précipitation, il avait oublié d’enlever le tablier blanc qui entravait sa conduite. Il s’en débarrassa à son arrivée, en même temps que de la voiture garée à la va-vite sur le trottoir devant la gare. Quand il la vit surgir du train, il ne put s’empêcher de lui trouver un air de Catherine Deneuve. Il transpirait à grosses gouttes, ce qui le contraignit à rester à distance. La fille était probablement attendue, il ne pouvait pas se permettre de se faire repérer. Elle était sur ses gardes, beaucoup moins sereine que dans le train. Elle fit plusieurs fois le tour de la gare, s’engouffra finalement dans le métro, mais exécuta quelques coups de sécurité en faisant brusquement marche arrière pour s’assurer qu’elle n’était pas suivie. Pareno dut la laisser filer. Celle qu’ils appelleraient désormais « la fille de Deauville » connaissait son métier.

Vanessa Schneider, La fille de Deauville

Luigi Pareno sprang seinerseits in ein Auto und fuhr nach Paris, um vor ihr am Bahnhof Saint-Lazare anzukommen. In der Eile hatte er vergessen, die weiße Schürze abzulegen, die ihn beim Fahren behinderte. Als er ankam, warf er sie weg, ebenso wie das Auto, das er hastig auf dem Bürgersteig vor dem Bahnhof geparkt hatte. Als er sie aus dem Zug steigen sah, konnte er nicht anders, als ihr einen Hauch von Catherine Deneuve zu attestieren. Er schwitzte stark, was ihn dazu zwang, auf Abstand zu bleiben. Das Mädchen wurde wahrscheinlich erwartet, er konnte es sich nicht leisten, entdeckt zu werden. Sie war auf der Hut und viel weniger gelassen als im Zug. Sie lief mehrmals um den Bahnhof herum und rannte schließlich in die U-Bahn, machte aber einige Sicherheitsmanöver, indem sie plötzlich rückwärts fuhr, um sicherzugehen, dass sie nicht verfolgt wurde. Pareno musste sie ziehen lassen. Die Frau, die sie von nun an „das Mädchen aus Deauville“ nennen würden, verstand ihr Handwerk.

Schneider schlägt einen Blick in die Gedankenwelt von Aubron vor, der viel mit der Geschichte der französischen Linken zu tun hat. Der Weg vom Kollektiv zum Individuum, der heute im Streit um die linke Identitätspolitik nicht weniger aktuell bleibt, wird damals für sie zur Rechtfertigung der eigenen Radikalisierung benutzt:

De ce début des années 80, Joëlle gardait un goût amer au fond de la gorge et ce n’était pas celui de la cocaïne dont elle se badigeonnait allègrement les gencives dès que l’occasion se présentait. Cette amertume-là était parée des pigments du dépit et de la colère. Le mouvement des squats avait perdu le sens de l’engagement. Joëlle avait vu l’individualisme prendre insidieusement le pas sur le collectif. Avec une poignée de camarades, elle commença à envisager des actions plus radicales. Il ne fallait pas compter sur les squatteurs pour mettre à bas le système, ils se ramollissaient comme glace au soleil.

Vanessa Schneider, La fille de Deauville

Joëlle hatte von den frühen 80er Jahren einen bitteren Geschmack im Hals, und es war nicht das Kokain, das sie sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf das Zahnfleisch schmierte. Jene Bitterkeit war mit den Pigmenten von Ärger und Zorn durchsetzt. Die Hausbesetzerbewegung hatte den Sinn für Engagement verloren. Joëlle hatte mit ansehen müssen, wie der Individualismus schleichend die Oberhand über das Kollektiv gewann. Mit einer Handvoll Gefährten begann sie, radikalere Aktionen in Betracht zu ziehen. Man konnte sich nicht darauf verlassen, dass die Hausbesetzer das System zu Fall bringen würden, sie wurden weich wie Eis in der Sonne.

Eine Inspektorin beobachtet Aubron bei der Lektüre von Stendhals Le Rouge et le Noir, und so rückt die Terroristin aus dem Kleinbürgertum in die Nähe der postheroischen Melancholiker wie Julien Sorel oder Frédéric Moreau aus Flauberts Éducation sentimentale:

Joëlle aurait aimé naître quelques années plus tôt, avoir 20 ans en mai 68 et monter sur les barricades, traîner ses baskets dans les usines occupées, tracter dans les amphis, se frotter avec la flicaille le soir venu. Elle avait le sentiment rageant d’être arrivée trop tard. Les aînés avaient vécu le meilleur, l’époque de tous les possibles : faire la révolution, mettre à bas l’État tortionnaire, donner le pouvoir au peuple. Puis ils s’étaient lassés sans voir que tout était à portée de main, qu’il s’en serait fallu d’un rien pour renverser les nervis impérialistes. Les trotskos, les maos, les gauchos de toutes obédiences avaient baissé les bras. Ils avaient volé les rêves des ouvriers, trahi la confiance des pauvres. Ils s’étaient fatigués avant même d’avoir véritablement commencé à agir. Ils pactisaient avec la social-démocratie, ils entraient dans les lieux de pouvoir comme des rats affamés, monnayaient leurs diplômes et leur habileté à établir stratégies et tactiques contre des emplois sûrs et grassement rémunérés. Ils prenaient des salaires en échange d’un retour au calme et à l’ordre. Ils avaient déserté les luttes, on ne les voyait plus aux côtés des opprimés, des immigrés et des proscrits, dans les squats et les taudis, pas davantage aux portes des usines. On les retrouvait occupant les hauts postes à l’université, à la tête des journaux et même dans les grands groupes industriels. Ils faisaient de l’argent quand eux apprenaient à se servir d’un fusil d’assaut.

Leur indécence lui donnait envie de gerber. Ils s’étaient révélés pires que ceux qu’ils avaient combattus, plus cyniques que les bourgeois contre lesquels ils avaient prétendu se dresser, car au moins, du côté des milices d’État, on ne jouait pas à faire semblant. Joëlle était convaincue que si elle était arrivée plus tôt dans la lutte, si des gens comme elle, prêts à tout, avaient été là, ils auraient pu empêcher cette dérive, la funeste déréliction, la lâcheté collective des chefs de 68.

Vanessa Schneider, La fille de Deauville

Joëlle wäre gerne ein paar Jahre früher geboren, im Mai 68 zwanzig Jahre alt gewesen und auf die Barrikaden gegangen, hätte ihre Turnschuhe durch die besetzten Fabriken geschleppt, in den Hörsälen für ihre Meinung geworben und sich am Abend mit der Polizei angelegt. Sie hatte das ärgerliche Gefühl, zu spät gekommen zu sein. Die Älteren hatten das Beste erlebt, die Zeit aller Möglichkeiten: Revolution machen, den Folterstaat zu Fall bringen, dem Volk die Macht geben. Dann waren sie müde geworden und hatten nicht sehen wollen, dass alles zum Greifen nah war, dass nur ein kleines bisschen gefehlt hätte, um die imperialistischen Handlanger zu stürzen. Die Trotzkisten, Maoisten und Linken aller Couleur hatten die Hände in den Schoß gelegt. Sie hatten die Träume der Arbeiter gestohlen und das Vertrauen der Armen missbraucht. Sie waren müde geworden, bevor sie überhaupt richtig zu handeln begonnen hatten. Sie paktierten mit der Sozialdemokratie, betraten wie hungrige Ratten die Schaltstellen der Macht, tauschten ihre Abschlüsse und ihre Fähigkeit, Strategien und Taktiken zu entwickeln, gegen sichere und hochbezahlte Jobs ein. Sie nahmen Gehälter als Gegenleistung dafür, dass sie für Ruhe und Ordnung sorgten. Sie hatten sich aus den Kämpfen zurückgezogen und waren nicht mehr an der Seite der Unterdrückten, Immigranten und Geächteten in den besetzten Häusern und Slums oder an den Werkstoren zu sehen. Man fand sie in hohen Positionen an den Universitäten, an der Spitze von Zeitungen und sogar in großen Industriekonzernen. Sie verdienten Geld, während sie lernten, wie man ein Sturmgewehr bedient.

Deren Unanständigkeit machte ihr Brechreiz. Sie hatten sich als schlimmer erwiesen als die, die sie bekämpft hatten, zynischer als die Bürger, gegen die sie sich angeblich erhoben hatten, denn zumindest auf der Seite der staatlichen Gewalt wurde nicht nur so getan, als ob. Joëlle war überzeugt, dass, wenn sie früher in den Kampf eingetreten wäre, wenn Leute wie sie, die zu allem bereit waren, da gewesen wären, sie dieses Abdriften, die verhängnisvolle Delirium, die kollektive Feigheit der Anführer von 68 hätten verhindern können.

Diese Stelle ist auch wichtig, um die Krise der Linken im Frankreich der 1980er Jahre, mitten in den Mitterrand-Jahren, anschaulich zu machen. Der Roman verschiebt sich hier mehrfach in eine Studie zur Zeitgeschichte, gespiegelt in den internen Debatten der Action directe.

Avec le tournant de la rigueur en 1983, une partie de la gauche déchantait. Mitterrand avait révélé son vrai visage, il n’en avait rien à foutre du peuple, se réjouissait Jean-Marc. Augmentation du prix du tabac, de l’alcool, de l’essence, baisse de la durée des indemnités chômage, ça tapait dans tous les sens. La cohorte des mécontents enflait en même temps que le taux de chômage. La barre des deux millions de sans-emploi serait bientôt franchie. C’était le moment idéal pour enrôler les déçus. Et puis, il y avait aussi cette deuxième génération d’immigrés qui ne parvenait pas à trouver sa place en France, ces laissés-pour-compte, parqués dans des cités ghettos, exclus du marché du travail, victimes du racisme quotidien. Personne n’avait vu venir leur colère, ni anticipé à quel point ils étaient capables de mobilisation. Ils étaient partis des banlieues de Lyon et avaient marché sur Paris, 60 000 filles et garçons qui s’autoproclamaient « Beurs ». La société se craquelait mais ils n’en profitaient pas.

Vanessa Schneider, La fille de Deauville

Mit der Wende zum Sparkurs im Jahr 1983 wurde ein Teil der Linken desillusioniert. Mitterrand hatte sein wahres Gesicht gezeigt, er scherte sich einen Dreck um das Volk, frohlockte Jean-Marc. Die Preise für Tabak, Alkohol und Benzin wurden erhöht, die Dauer des Arbeitslosengeldes verkürzt, es ging Schlag auf Schlag. Die Kohorte der Unzufriedenen wuchs mit der Arbeitslosenquote. Bald würde die Grenze von zwei Millionen Arbeitslosen überschritten werden. Das war der perfekte Zeitpunkt, um die Enttäuschten zu rekrutieren. Und dann war da noch die zweite Generation von Einwanderern, die ihren Platz in Frankreich nicht finden konnte, diese Zurückgelassenen, die in Ghettosiedlungen gepfercht, vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen und Opfer des alltäglichen Rassismus wurden. Niemand hatte ihren Zorn kommen sehen oder vorausgesehen, zu welcher Mobilisierung sie fähig waren. Sie waren in den Vorstädten von Lyon aufgebrochen und nach Paris marschiert, 60.000 Mädchen und Jungen, die sich selbst als „Beurs“ bezeichneten. Die Gesellschaft bekam Risse, aber sie profitierten nicht davon.

Monica Sabolos La vie clandestine ist aus zwei Textschichten zusammengesetzt: den Nachforschungen zu Nathalie Ménigon, die als Mitglied der Action directe im Jahr 1986 Georges Besse ermordet hat. Aber bei dieser Recherche kommen zugleich Erinnerungen an Sabolos eigene Kindheit in der Schweiz nach der Geburt 1971 in Italien an die Oberfläche, an den undurchsichtigen Vater und auch den Missbrauch durch ihn, den sie selbst im Text Tout cela n’a rien à voir avec moi nur angedeutet hatte:

C’est durant l’hiver 1990, bien longtemps après que l’on eut déposé le bac dans la rue, ses parois constellées de moisissure, qu’un souvenir issu d’un lieu secret éclata à la surface de la conscience de Monica. À la façon d’une bulle remontée lentement, très lentement, du fond de la mer, des images d’un quotidien dérobé éclatèrent soudain, avec une douceur mortelle. Comme une déflagration étouffée, un aquarium s’éclaira dans la nuit, des poissons glissant dans les algues, et la main d’Yves S sous sa chemise de nuit.

Monica Sabolo, Tout cela n’a rien à voir avec moi

Im Winter 1990, lange nachdem die Wanne mit ihren schimmeligen Wänden auf die Straße gestellt worden war, brach in Monicas Bewusstsein eine Erinnerung an einen geheimen Ort auf. Wie eine Blase, die langsam, sehr langsam vom Meeresgrund aufsteigt, zerplatzten plötzlich Bilder aus einem gestohlenen Alltag mit tödlicher Sanftheit. Wie eine gedämpfte Explosion leuchtete ein Aquarium in der Nacht auf, Fische glitten durch die Algen und die Hand von Yves S. unter ihr Nachthemd.

Der Roman La vie clandestine läuft auf eine Szene des zögernden Verzeihens gemeinsam mit dem philosophischen Bruder am väterlichen Grab hinaus, Monica schreibt: „Wie spricht man jemanden an, mit dem man nicht gesprochen hat, als er noch lebte? Ich spreche ein paar Worte in meinem Kopf, ich verheddere mich ein wenig. Aber ich muss es sagen. Ich bin so lange unterwegs gewesen, ein ganzes Leben lang, um hierher zu kommen.“ 3 Im Interview mit Cassarin-Grand präzisiert Sabolo das Verhältnis beider Geschichten: „Hatten Sie ursprünglich vor, nur eine Untersuchung über die Action directe zu schreiben, oder war es ein Alibi, um den Inzest, den Sie in Ihrer Kindheit erlitten hatten, frontal anzugehen? – Es war überhaupt nicht vorsätzlich. Später, indem ich das Böse, die Schuld, die Verantwortung transversal mit einer Tatsache angegangen bin, die mich nicht betrifft, die aber sehr gewalttätig ist und über vierzig Jahre zurückliegt, denke ich, dass ich meine eigene Geschichte angegangen bin, indem ich einen Seitenweg genommen habe, indem ich mich selbst getäuscht habe, indem ich mich selbst brutalisiert habe. Aber ich hatte überhaupt nicht mit den Resonanzen gerechnet, die sich ergeben würden. Ich dachte wirklich, dass ich mich mit einem Thema befassen würde, das extrem weit von mir entfernt war.“ 4

Als Jugendliche wird Monica Zeugin einer dekadenten Stimmung zuhause, im Angesicht der politisch-sozialen Unruhen des Landes, und ihr fraulicher werdender Körper erhöht das Gefühl, dem Vater ausgeliefert zu sein, das Trauma verknüpft noch in der Erzählgegenwart eine bestimmte Art des Lachens mit dem erlebten Missbrauch:

À la maison, l’ambiance est étrange, quelque chose glisse, là aussi. Un mouvement imperceptible mais inéluctable, pareil à celui des plaques océaniques. C’est l’époque des dîners spectaculaires, de l’argent, toujours plus abondant, des fêtes déguisées dans un nouvel appartement, au cœur de la vieille ville, près du parc des Bastions, où les invités ne cessent de me répéter, une coupe de champagne à la main, quelle chance j’ai d’avoir une famille aussi extraordinaire. Pendant les dîners, des hommes bronzés en chemise de coton parlent de la France, du mandat « catastrophique » de François Mitterrand, qu’ils prononcent « Mittrrand » en appuyant sur les r. Ils m’évoquent Bernard Tapie, que mon père regarde à la télévision, sur Antenne 2, dans des émissions intitulées « Vive la crise », ou « La saga des faiseurs de fric », et qu’il affirme avoir rencontré, à plusieurs reprises, ce qui visiblement impressionne ses amis. Mon père a le même sourire que lui, et aussi qu’Alain Delon ou Jean-Marie Le Pen, un sourire horizontal sur de toutes petites dents carnivores. Encore aujourd’hui, quand surgit ce sourire sur un plateau télé, cette fente sensuelle, autoritaire, qui s’étire sur leur visage, je sens cette chose, dans mon ventre, de l’ordre de la menace.

Alors que j’entre dans l’adolescence, et que croît le danger, le péril du rapprochement des corps, mon père, lui, est au sommet de son assurance, de son charisme, hermétique au doute. Il a toujours l’air de savoir ce qu’il fait, ce qu’il dit, mais aussi ce que font les autres, les erreurs qu’ils commettent. Mitterrand se plante sur toute la ligne, même Bernard Tapie pourrait mieux faire, s’enrichir plus encore – les moyens de cette réussite, en revanche, ne sont jamais évoqués, et encore moins l’idée qu’il puisse s’agir de détruire des entreprises, de licencier des hommes. La misère, le chômage, cela n’existe pas dans notre maison.

Monica Sabolo, La vie clandestine

Zu Hause ist die Stimmung seltsam, auch hier gleitet etwas. Eine unmerkliche, aber unaufhaltsame Bewegung, ähnlich wie die der ozeanischen Platten. Es ist die Phase der spektakulären Abendessen, des immer üppigeren Geldes, der Kostümpartys in einer neuen Wohnung im Herzen der Altstadt, in der Nähe des Parc des Bastions, wo mir die Gäste mit einem Glas Champagner in der Hand immer wieder sagen, was für ein Glück ich doch habe, eine so außergewöhnliche Familie zu haben. Während der Abendessen sprechen braungebrannte Männer in Baumwollhemden über Frankreich, die „katastrophale“ Amtszeit von François Mitterrand, den sie „Mittrrand“ aussprechen und dabei die r rollen. Sie erzählen mir von Bernard Tapie, den mein Vater im Fernsehen auf Antenne 2 in Sendungen mit dem Titel „Es lebe die Krise“ oder „Die Saga der Geldmacher“ sieht und den er nach eigenen Angaben mehrmals getroffen hat, was seine Freunde offensichtlich beeindruckt. Mein Vater hat das gleiche Lächeln wie er und auch wie Alain Delon oder Jean-Marie Le Pen, ein horizontales Lächeln auf sehr kleinen, fleischfressenden Zähnen. Noch heute, wenn dieses Lächeln auf einer Fernsehbühne auftaucht, dieser sinnliche, autoritäre Schlitz, der sich über ihr Gesicht zieht, spüre ich in meinem Bauch etwas, das wie eine Bedrohung wirkt.

Während ich in die Pubertät komme und die Gefahr wächst, die Gefahr der Annäherung der Körper, ist mein Vater auf dem Höhepunkt seines Selbstbewusstseins, seines Charismas, gegen jeden Zweifel erhaben. Er scheint immer zu wissen, was er tut, was er sagt, aber auch, was die anderen tun und welche Fehler sie machen. Mitterrand versage auf der ganzen Linie, selbst Bernard Tapie könnte es besser machen, noch reicher werden – die Wege zu diesem Erfolg hingegen werden nie erwähnt, geschweige denn die Idee, dass es darum gehen könnte, Unternehmen zu zerstören und Menschen zu entlassen. Elend und Arbeitslosigkeit gibt es in unserem Haus nicht.

Lecoultres Kritik lobt die Doppelstrategie von Sabolo: „Als Anhängerin des automatischen Schreibens, bei dem Kindheitstraumata und historische Fakten lose auf die Seite geworfen werden, vermischt sie ihr Leben als missbrauchtes bürgerliches Kind mit den Attentaten der Action directe, dem Mord an George Besse im Jahr 1986. Die Erzählerin, eine Romanautorin auf Abwegen, fordert die Geheimnisse ihres Vaters heraus, verspottet die Erinnerung und trickst als erfahrene Schriftstellerin mit den Spiegeln ihrer Existenz. Eine Strategie, die einschlägt.“ 5

In der theoretischen Unterscheidung von bloß faktischer véracité und tieferer vérité verbinden sich persönliche Annäherung an den Vater und die Recherchen über Ménigon:

La veille de mon arrivée, mon frère, au téléphone, m’a demandé si je connaissais la différence entre vérité et véracité. Nous avons ri, en résumant les choses à notre façon : véracité, recherche de l’exactitude des faits, vérité, recherche de la réalité profonde des êtres et des choses. Nous avons décidé, de manière péremptoire et très personnelle, que la recherche de la véracité était une manière petite-bourgeoise d’envisager la vie, en alignant les faits directement observables, tandis que celle de la vérité sous-entendait l’acceptation du mystère, d’un sens qui se dérobe, quelque chose de plus grand que nous, que l’on ne peut qu’effleurer. La véracité était une mule, besogneuse et bornée, et la vérité un cheval majestueux, mais indomptable. Il me semble, couchée dans le noir, sur ce lit où Nathalie Ménigon s’est couchée avant moi, que je dois descendre de la mule pour me hisser sur un cheval, ou peut-être simplement le regarder galoper au loin.

Monica Sabolo, La vie clandestine

Am Tag vor meiner Ankunft fragte mich mein Bruder am Telefon, ob ich den Unterschied zwischen Wahrheit und Wahrheitsgemäßheit kenne. Wir lachten und fassten die Dinge auf unsere Weise zusammen: Wahrheitsgemäßheit, das Streben nach der Richtigkeit von Tatsachen, Wahrheit, das Streben nach der tieferen Realität von Wesen und Dingen. Wir entschieden uns auf eine peremptorische und sehr persönliche Weise dafür, dass die Suche nach Wahrheitsgemäßheit eine kleinbürgerliche Art sei, das Leben zu betrachten, indem man die direkt beobachtbaren Fakten aneinanderreiht, während die Suche nach Wahrheit die Akzeptanz des Mysteriums implizierte, einer Bedeutung, die sich entzieht, etwas Größeres als wir, das wir nur streifen können. Die Wahrheitsgemäßheit war ein Maultier, fleißig und engstirnig, und die Wahrheit ein majestätisches, aber ungezähmtes Pferd. Es scheint mir, wenn ich im Dunkeln auf diesem Bett liege, in das sich Nathalie Ménigon vor mir gelegt hat, dass ich vom Maultier absteigen muss, um mich auf ein Pferd zu schwingen, oder vielleicht auch nur, um es in der Ferne galoppieren zu sehen.

Vielleicht deshalb wird in der Begegnung mit Nathalie Ménigon von Sabolo nicht der politisch-juristische Diskurs gewählt oder eine Kriminalgeschichte wie im Text von Schneider erzählt, sondern die Frage des menschlichen Gewissens, der Verantwortung gegenüber den Kindern des von ihr Ermordeten aufgeworfen.

À cet instant, sa main se pose au creux de sa poitrine et appuie sur son cœur. Elle reste là, immobile. Elle inspire profondément, comme si on lui avait donné un coup, ou qu’une douleur se réveillait, entre ses côtes. Son visage est pâle, sa main aussi, posée à plat, et je réalise que tout est là, juste en dessous. La douleur, la rage, le chagrin, Françoise Besse, les cinq enfants. Le tressaillement, la violence, l’incertitude, la volonté de vivre, celle de se souvenir, et celle d’oublier. Tout est là mais nous ne pouvons ni le donner, ni le recevoir, ni le formuler, ni l’entendre.

Nathalie Ménigon s’éloigne, fait une pause, se retourne vers moi. « J’y ai pensé, aux enfants. J’ai imaginé ce que je leur dirais, si je les rencontrais un jour. Que j’étais désolée pour la souffrance. » Elle se tient un moment silencieuse au milieu de la pièce, replace sa veste en équilibre sur son bras. Annelyse, qui vient d’entrer, ses clés de voiture à la main, ne bouge plus. Nathalie inspire à nouveau. « Avant, j’avais cherché leur âge. Ils étaient plus âgés que mon frère quand maman est morte. Je pensais qu’ils s’en sortiraient. »

Monica Sabolo, La vie clandestine

In diesem Moment legt sich ihre Hand auf ihre Brust und drückt auf ihr Herz. Sie steht regungslos da. Sie atmet tief ein, als hätte ihr jemand einen Schlag versetzt oder als würde ein Schmerz zwischen ihren Rippen aufwachen. Ihr Gesicht ist blass, ihre Hand ebenso, flach aufgelegt, und mir wird klar, dass alles da ist, direkt darunter. Der Schmerz, die Wut, die Trauer, Françoise Besse, die fünf Kinder. Das Zucken, die Gewalt, die Ungewissheit, der Wille zu leben, der Wille zu erinnern und der Wille zu vergessen. Alles ist da, aber wir können es weder geben, noch empfangen, weder formulieren, noch hören.

Nathalie Ménigon entfernt sich, macht eine Pause und dreht sich zu mir um. „Ich habe über die Kinder nachgedacht. Ich habe mir vorgestellt, was ich ihnen sagen würde, wenn ich sie eines Tages treffen würde. Dass es mir leid tut, dass sie leiden.“ Sie steht einen Moment lang schweigend in der Mitte des Raums und balanciert ihre Jacke wieder auf ihrem Arm. Annelyse, die gerade mit ihrem Autoschlüssel in der Hand hereingekommen ist, bewegt sich nicht. Nathalie atmet erneut ein. „Davor habe ich nachgeschaut, wie alt sie sind. Sie waren älter als mein Bruder, als Mama starb. Ich dachte, sie würden es schaffen.“

Anmerkungen
  1. Vgl. „Wir können jeden erledigen“, Der Spiegel, 3. Dezember 1989.>>>
  2. „J’ai lu quelque part que le souvenir n’est pas le souvenir de l’instant T où l’événement a eu lieu, mais le souvenir de la dernière fois où le souvenir a surgi. Nos souvenirs sont des souvenirs de souvenirs de souvenirs.“>>>
  3. „Je fais un pas en avant, afin que mes orteils touchent la pierre. Comment s’adresse-t-on à quelqu’un à qui l’on ne parlait pas lorsqu’il était en vie ? Je prononce quelques mots dans ma tête, je m’emmêle un peu. Mais je dois le dire. J’ai cheminé si longtemps, une vie entière, pour venir jusqu’ici. Mon frère ne lâche pas mon bras. Je sais combien il a été difficile pour nous de nous retrouver là. Alors, j’inspire un grand coup et remue les lèvres, sans émettre un seul son.“ Monica Sabolo, La vie clandestine.>>>
  4. Au départ, vous aviez l’intention d’écrire seulement une enquête sur AD ou c’était un alibi pour aborder frontalement l’inceste que vous avez subi dans votre enfance ? – Ce n’était pas du tout prémédité. Après, en abordant le mal, la faute, la responsabilité de façon transversale avec un fait qui ne me concerne pas mais qui est très violent et qui date de plus de quarante ans, je pense que j’ai abordé ma propre histoire en prenant un chemin de traverse, en me leurrant moi-même, en me brutalisant. Mais je ne m’attendais pas du tout aux résonnances qui allaient apparaître. Je pensais réellement m’attaquer à un sujet qui était extrêmement éloigné de moi.“ Véronique Cassarin-Grand und Monica Sabolo, „Monica Sabolo dévoile sa « vie clandestine »“, Nouvel Observateur, 18. August 2022.>>>
  5. „Adepte de l’écriture automatique qui jette en vrac sur la page les traumas d’enfance et les faits historiques, la voilà qui mixe sa vie d’enfant bourgeoise abusée et les attentats perpétrés par Action directe, le meurtre de George Besse en 1986. Défiant les secrets de son père, la narratrice, romancière en perdition, nargue la mémoire, ruse en écrivaine aguerrie avec les miroirs de son existence. Une stratégie qui claque.“ Cécile Lecoultre, „Monica Sabolo, Alain Mabanckou, Anthony Doerr en bons élèves“, La Tribune de Genève, 3. September 2022.>>>