Lektüren und Texte
mit Kurzauszügen in eigener Übersetzung
von Kai Nonnenmacher

Blog | Index der Autoren

Rubriken
(
Les rubriques en français1 ):

Artikel | Eigene Aufsätze zur französischen Literatur der Gegenwart

Besprechungen | Kürzere Einträge zu einem literarischen Text, Kurzbesprechung oder punktuelle Lektüre, Ideen beim Lesen.

Probe | Ein ausgewählter Auszug, eine Stelle, die für sich stehen kann, übersetzt, aber unkommentiert.

Reserve | Ein Text, ein Werk, ein Autor, der wieder aufgeblättert und wieder aufgenommen wird.

Debatte | Besprechung von literaturwissenschaftlichen, theoretischen Texten mit Relevanz für die französische Literatur der Gegenwart.

Poetiken der Kindheit | Vorstellung von Büchern, die sich literarisch der Lebensphase Kindheit und Jugend annehmen.

Judéité | Französisch-jüdische Literatur ist ein imaginäres Territorium, in dem Zugehörigkeit, Erinnerung und Identität neu verhandelt werden, etwa genealogische Spurensuche und Fragen kultureller/sprachlicher Identität, politische und historische Fragen.

Recht schaffen | Literatur ist hier ein Instrument, mit dem Recht und Gerechtigkeit nicht nur thematisiert, sondern ästhetisch verhandelt und hinterfragt werden.

Dialoge | Texte der Gegenwart, die einen Dialog mit Werken der Literaturgeschichte führen, intertextuell, mal kritisch aktualisierend, mal als Hommage oder Transformation.


Neue Artikel und Besprechungen

Drei letzte Menschen: Bildung nach der Zivilisation bei Sacha Bertrand

Sacha Bertrands Roman „11:02h, le vent se lève“ entwirft das Bild einer Welt, in der die Zivilisation als „erstickter Kadaver“ unter dem giftigen Nebel des „Amer“ begraben liegt. Inmitten eines unerbittlichen Bergmassivs, das als „gigantische Insel“ aus scharfen Felsen isoliert ist, führt die ehemalige Bibliothekarin Myriam ein Leben in absoluter Erstarrung, symbolisiert durch eine Uhr, die dauerhaft 11:02 Uhr anzeigt. Diese Einsamkeit endet, als sie Jonas einfängt, ein „erdiges“ Wesen purer Instinkte, das sie mit Gewalt und Sprache nach ihrem Ebenbild zu formen versucht, um das Tier in ihm einzuschläfern. Die mühsam konstruierte Sicherheit ihres „geordneten Gartens“ kollidiert jedoch mit dem Auftauchen eines Unbekannten, dessen gewaltsamer Tod Jonas die Augen für Myriams paranoiden Kontrollzwang öffnet und ihn schließlich zur Flucht in ein unkartiertes „Anderswo“ bewegt. Die Rezension argumentiert, dass Bertrands Erstlingswerk die Grenzen der klassischen Dystopie sprengt, indem es das Grauen nicht in einem totalitären System, sondern im „Verschwinden gemeinsamer Bedeutungshorizonte“ ansiedelt. Der Text wird als kritische Variation der Robinsonade gedeutet, in der technisches Geschick und Disziplin nicht zur Freiheit, sondern in ein beklemmendes Machtgefüge aus Abhängigkeit und psychischer Enge führen. Ein wesentliches Argument der Analyse betrifft die Landschaft, die nicht als romantische Kulisse, sondern als „widerständige Instanz“ fungiert, die dem Menschen jegliche metaphysische Deutung verweigert und ihn auf seine nackte Körperlichkeit zurückwirft. Letztlich zeigt die Kritik auf, dass Menschlichkeit in dieser Welt nur durch eine „Ethik ohne Hoffnung“ bewahrt werden kann.

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Roman noir als Staatskritik: Benjamin Dierstein

Mit der abgeschlossenen Trilogie „Bleus, Blancs, Rouges“ (2025-2026) legt Benjamin Dierstein ein monumentales Noir-Epos vor, das Frankreich zwischen 1978 und 1984 als politischen, moralischen und institutionellen Krisenraum kartiert. In der Verflechtung fiktiver Schicksale mit realhistorischen Figuren und Skandalen entwickelt sich eine schonungslose Saga über Terrorismus, Geheimdienste, Françafrique und den Übergang von der Ära Giscard zur „Mitterrandie“. Dierstein verbindet minutiöse Archivarbeit mit erzählerischer Wucht und satirischer Schärfe und zeichnet eine Republik, deren Machtapparate von Rivalitäten, Korruption und systematischer Vertuschung durchzogen sind. Die Trilogie liest sich zugleich als spannungsgeladener Thriller und als sezierende Diagnose eines Staates, in dem politische Vernunft und moralische Integrität endgültig auseinanderfallen.

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Kontaminationen nach dem 7. Oktober: Amanda Sthers

Der Roman „C“ (Grasset, 2025) von Amanda Sthers entwirft ein düsteres Panorama der französischen Gegenwart nach dem 7. Oktober 2023, in dem privates Leben, politische Diskurse und historisch sedimentierte Traumata ineinandergreifen. Es beginnt mit einem Pilzbefall in der Pariser Wohnung der jüdischen Lektorin Rebecca Vermusein und ihres Mannes Gilles, der sich rasch als zentrale Denkfigur erweist: Der Pilz wird nicht als bloßes Horrorelement erzählt, sondern als Materialisierung eines Antisemitismus, der unsichtbar zirkuliert, sich normalisiert und schließlich tödlich fruchtet. Parallel zur Zersetzung der Ehe zeichnet der Roman den Zerfall des französischen „vivre-ensemble“: politische Radikalisierung, selektive Empathie nach dem 7. Oktober, die moralische Selbstentlastung westlicher Eliten und die Vereinsamung jüdischer Individuen bilden ein eng verschaltetes Szenario. In der Rückbindung an Sthers Roman „Les gestes“ zeigt sich „C“ zugleich als Kulminationspunkt eines länger angelegten Projekts, das jüdische Identität nicht als stabile Zugehörigkeit, sondern als historisch belasteten Erinnerungskörper entwirft. Die Rezension analysiert diese Konstellation, indem sie „C“ als Fortschreibung und Radikalisierung der in „Les gestes“ angelegten Motive liest: von der „Archäologie der Intimität“ zur „Biologie des Hasses“. Im Zentrum steht die Argumentation, dass Sthers den Antisemitismus nicht als Randphänomen, sondern als strukturelles Produkt eines moralischen Klimas darstellt, in dem Diskurse, Ästhetik und Affekt ineinandergreifen. Die Rezension zeigt, wie der Roman über die Pilzmetaphorik Normalisierung, Verführung und Gewalt zusammendenkt und wie er damit insbesondere den zeitgenössischen Feminismus, die Identitätspolitik und den Antizionismus einer scharfen Prüfung unterzieht. Dabei wird „C“ nicht als Thesenroman verstanden, sondern als literarische Diagnose eines Zustands: ohne Katharsis, ohne versöhnenden Ausblick, aber mit der insistierenden Forderung, die Sporen zu erkennen, bevor sie erneut fruchten.

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Der Ozean: Ökofiktion, Erzählinstanz und ethische Spannung bei Vincent Message

Der Roman „La Folie Océan“ (Seuil, 2025) von Vincent Message verknüpft Ökofiktion, Liebesroman und politischen Thriller. Im Zentrum steht Maya, Meeresbiologin und Planktonforscherin, die zwischen der abstrakten Welt internationaler Biodiversitätsgremien und dem konkret bedrohten Küstenraum der bretonischen Atlantikküste lebt. Ihre Beziehung zu Quentin, einem Taucher und Umweltaktivisten aus einer Fischerfamilie, verbindet wissenschaftliche Erkenntnis mit leiblicher Erfahrung des Meeres. Ausgehend von einem Akt symbolischer Gewalt – einem ermordeten Basstölpel – eskaliert der Konflikt um industrielle Fischerei, Naturschutz und lokale Machtverhältnisse bis hin zu Radikalisierung, Verschwinden und Mord. Der Ozean erscheint dabei nicht nur als Schauplatz, sondern als strukturierendes Prinzip des Romans: als sinnlich erfahrener Lebensraum, als wissenschaftlich vermitteltes Datensystem und als ethischer Resonanzraum, in dem ökologische Zerstörung, politische Gewalt und intime Lebensentscheidungen unauflöslich ineinandergreifen. Die Rezension analysiert den Roman als literarisches Experiment der Vermittlung zwischen Wissen, Wahrnehmung und Verantwortung. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie ökologische Komplexität erzählbar wird, ohne in reine Didaktik oder bloße Katastrophenästhetik zu kippen. Herausgearbeitet wird Messages Poetik des Unsichtbaren: Plankton, Mikroorganismen, statistische Modelle und latente Bedrohungen strukturieren den Text ebenso wie Liebe, Angst und Begehren. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Verschränkung von Maßstäben – vom Mikroskopischen bis zum Planetarischen – sowie der narrativen Parallelführung von globaler Wissenschaft und lokalem Aktivismus. Am Ende werden die Lebenswege von Maya und Quentin über das Meer zusammengeführt: nicht durch Versöhnung oder Rückkehr, sondern durch eine geteilte Erfahrung von Verlust, Persistenz und Bewegung. Der Ozean wirkt dabei als vermittelnde Instanz, die ihre Geschichten räumlich trennt und zugleich symbolisch verbindet, indem er individuelle Biografien in eine größere, offene Zeitlichkeit des Lebendigen einschreibt.

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Versunkene Welten, offene Wunden: Geologie und Trauma bei Elisabeth Filhol

Élisabeth Filhols Roman „Doggerland“ (2019, dt. 2020) verbindet die Gegenwart eines Sturms über der Nordsee mit der tiefen Vergangenheit einer versunkenen Landschaft, die einst Großbritannien mit dem europäischen Kontinent verband. Im Zentrum stehen die Geologin Margaret und der Ingenieur Marc, die sich zwanzig Jahre nach ihrer Trennung wiederbegegnen – eingebettet in eine Erzählung, die persönliche Biografien mit geologischen, klimatischen und mythologischen Zeitskalen verschränkt. Während Margaret das prähistorische Doggerland wissenschaftlich rekonstruiert, arbeitet Marc an der industriellen Nutzung eben jener Erdschichten, die sie erforscht. Der Roman entfaltet sich zwischen Sturmwarnungen, fossilen Wäldern, tektonischen Visionen und dem Epilog einer steinzeitlichen Katastrophe und macht die Nordsee zu einem Raum, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unauflöslich ineinandergreifen. Die Rezension analysiert „Doggerland“ als poetisch-wissenschaftliche Reflexion über die Handlungsmacht der Natur und die Verletzlichkeit menschlicher Lebensentwürfe. Sie zeigt, wie Filhol geologische Prozesse – Isostasie, Gletscherdynamiken, tektonische Risse – nicht nur als Hintergrund, sondern als strukturierende Metaphern für psychische Traumata, Erinnerung und Wiederkehr einsetzt. Dabei arbeitet der Essay heraus, wie mythologische Semantisierungen (der Sturm als Göttin, das Eis als atmender Organismus) mit präziser naturwissenschaftlicher Sprache verschmelzen. Die Argumentation der Rezension folgt der These, dass „Doggerland“ die Illusion menschlicher Kontrolle im Anthropozän unterläuft: Natur erscheint nicht als Ressource oder Kulisse, sondern als eigenständige, zyklisch wirkende Macht, die individuelle wie kollektive Geschichte formt – und jederzeit aus der Tiefe zurückkehren kann.

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Hitlers Visite im leeren Paris: Michel Guénaire

Michel Guénaires „La visite“ (Grasset, 2025) rekonstruiert Hitlers zweistündigen Paris-Besuch am 23. Juni 1940 nicht als historische Episode, sondern als hochkonzentrierten ästhetischen Akt. Der Text zeigt eine entvölkerte Stadt, die Hitler im Morgengrauen durchschreitet wie ein Museum ohne Publikum: Paris erscheint als „toter Stern“, als reine Architektur, losgelöst von sozialem Leben. Guénaire ersetzt Handlung durch Wahrnehmung und macht den Gang, den Blick und das Schweigen zum eigentlichen Stoff der Erzählung. Die Stadt wird zum Maßstab und zum Rivalen, an dem sich Hitlers ästhetische Ambitionen entzünden: Paris wird bewundert, taxiert und zugleich als Herausforderung für das nie realisierte Projekt „Germania“ gelesen. In der Begegnung mit Monumenten wie der Opéra, dem Trocadéro oder dem Invalidendom entfaltet sich der Récit als politisch-ästhetische Studie über Macht, Form und Aneignung, in der Architektur zur Sprache totalitärer Imagination wird. Die Rezension liest „La visite“ als Modellfall autoritärer Herrschaft und analysiert Guénaires Argumentation über den historischen Rahmen hinaus. Sie zeigt, wie der Text Macht nicht psychologisch erklärt, sondern als Wahrnehmungs- und Inszenierungsform freilegt: Hitler erscheint nicht als denkendes Subjekt, sondern als sehende Instanz, umgeben von einem archetypischen Gefolge aus Technikern, Künstlern und Funktionären, die Macht ästhetisch absichern. Die menschenleere Stadt verweigert jedoch die erwartete Resonanz und entlarvt so die Leere totalitärer Gesten. Die Rezension betont besonders die Metapher des „Stummfilms“, mit der Guénaire die Visite als irrealen, nahezu unwirklichen Moment beschreibt – eine friedliche Inszenierung im Zentrum eines Vernichtungskrieges. Aus dieser Perspektive wird „La visite“ zu einer universellen Reflexion über autoritäre Systeme: Nicht der einzelne Diktator steht im Mittelpunkt, sondern die wiederkehrenden Strukturen, Rollen und Bilder, durch die Macht sich selbst hervorbringt – und an einer Welt scheitert, die sich nicht vollständig aneignen lässt.

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Nach dem Ende: Frankreich ohne Zukunft bei Jean Rolin

Jean Rolins Roman „Les événements“ (2015) entwirft das Bild eines Frankreichs, in dem die staatliche Ordnung zusammengebrochen ist, ohne durch eine neue Ordnung ersetzt zu werden. In einer Folge von Fahrten, Beobachtungen und episodischen Begegnungen durchquert der Erzähler ein Land, das von bewaffneten Gruppen, provisorischen Kontrollpunkten und zerstörter Infrastruktur geprägt ist. Der Bürgerkrieg bleibt dabei seltsam unspektakulär: Gewalt ist allgegenwärtig, aber selten eruptiv; sie äußert sich in blockierten Straßen, verwaisten Gebäuden und einer permanenten Unsicherheit, die den Alltag strukturiert. Rolin verzichtet auf eine klare zeitliche Verortung oder eine erklärende politische Hintergrundgeschichte. Stattdessen entsteht ein Panorama der Gegenwart als Dauerzustand des Ausnahmezustands, in dem frühere staatliche Strukturen nur noch als Ruinen oder leere Gesten fortexistieren. Die Rezension argumentiert, dass „Les événements“ weniger als klassische Dystopie denn als „dokumentarischer Dystopismus“ zu lesen ist. Sie zeigt, wie Rolin mit einer nüchternen, präzise beobachtenden Sprache das Katastrophische in die Alltäglichkeit einsickern lässt und damit eine neue Form politischer Literatur entwirft, die ohne totalitäre Zukunftsvisionen auskommt. Analysiert werden insbesondere die Topographie des Zerfalls, die Mikropolitik der Gewalt, die gestörten Kommunikationsformen und der offene Schluss des Romans, der jede Erlösungs- oder Wiederaufbauphantasie verweigert. Die Rezension versteht Rolins Text als literarische Diagnose einer Gegenwart, in der das Ende nicht bevorsteht, sondern bereits stattgefunden hat.

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Neue Proben

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Reserve: wieder aufgeblättert

Versöhnung ist mitten im Streit: Christine de Mazières

Christine de Mazières’ „Trois jours à Berlin“ (Wespieser, 2019, ich fand etwas ungläubig keine deutsche Übersetzung) verwandelt den 9. November 1989 in ein poetisches Mosaik aus Stimmen, Erinnerungen und Blicken. Eine Französin, Anna, reist in die geteilte Stadt, um den Mann wiederzufinden, dem sie einst begegnete – Micha, Sohn eines ostdeutschen Funktionärs. Zwischen Stasi-Protokollen, inneren Monologen und der überirdischen Perspektive des Engels Cassiel entfaltet der Roman eine polyphone Erzählung der Geschichte als ‘Faltung’: Berlin wird zur vibrierenden Metapher Europas, zur „plaine immense“ voller Ruinen, Sprachen und Sehnsüchte. Der Fall der Mauer erscheint nicht als heroischer Moment, sondern als zarter Augenblick der Durchlässigkeit, in dem Schweigen, Missverständnis und Poesie die Macht der Ideologien unterwandern. „Trois jours à Berlin“ ist als poetische Reflexion eines französischen Blicks auf Deutschland zu interpretieren – als Werk, das die Teilung nicht nur politisch, sondern existentiell erfahrbar macht. De Mazières’ wechselnde Erzählformen, ihr Spiel zwischen lyrischer Innenschau und bürokratischer Kälte, lassen das Ereignis selbst zur Sprache werden: die Versöhnung als ästhetische Bewegung, nicht als historischer Abschluss. In der Spannung zwischen Anna und Micha, zwischen dem Engel Cassiel und den Menschen, findet sich das Bild eines Europas, das seine „part manquante“ sucht – eine verlorene Zärtlichkeit, die sich im Moment der Öffnung wiederfindet.

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Nackte Realität: zur Neuausgabe des frühen Claude Simon

Claude Simons Roman „La corde raide“ (1947) ist ein Mosaik aus Szenen, Erinnerungen und Reflexionen, die vom Bad im Meer mit der jungen Véra über Kindheitserinnerungen und Kriegserlebnisse bis hin zu kunsttheoretischen Betrachtungen reichen. Das „straff gespannte Seil“ im Titel steht für eine heikle Balance zwischen Vitalität und Todesbewusstsein, zwischen chaotischer Lebenserfahrung und deren künstlerischer Formung. Die 2025 von den Éditions de Minuit in einem Band mit „Le tricheur“ (1945) neu herausgegebenen Frühwerke des Autors, präsentiert von Mireille Calle-Gruber, waren lange vergriffen, da Simon ihre Wiederauflage zu Lebzeiten nicht wünschte. Calle-Gruber deutet die Texte als poetologisches Laboratorium, in dem bereits Montage, Fragmentierung, Simultaneität der Zeiten und Vorrang der Sinneswahrnehmung vor Handlung erkennbar sind – Techniken, die sein späteres Werk prägen. Die Neuauflage schließt eine Lücke in der Werkgeschichte, indem sie diesen Moment der literarischen Entwicklung wieder zugänglich macht (beide Texte fehlen in der Pléiade-Ausgabe). – Der Artikel interpretiert „La corde raide“ als nicht-lineare Erzählung, als assoziatives Netz von Szenen und Leitmotiven, die durch semantische Felder wie Wasser, Licht, Vegetation, Körper und Bewegung verknüpft sind. Kriegserfahrungen werden nicht heroisch, sondern als chaotische, körperlich-sensorische Realität geschildert; Kindheitsszenen dienen als Ursprungsschicht der Wahrnehmung und Kontrastfolie zur existenziellen Gegenwart. Das Spannungsverhältnis von Schein und Realität ist zentral: Simon kritisiert „Fälschung“ in Kunst und Gesellschaft und sucht eine nackte, ungeschminkte Wahrheit, wobei Cézanne als positives Gegenmodell zur akademischen Malerei gilt. Architektur, Farb- und Lichtgestaltung werden wie in der Malerei eingesetzt, um Erinnerung und Wahrnehmung zu strukturieren. Insgesamt wird „La corde raide“ als frühe, aber bereits konsequente Erprobung einer Poetik verstanden, die Wahrnehmung, Erinnerung und Form auf einem „Drahtseil“ zwischen Chaos und Struktur balanciert.

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Choreografie der Erinnerung: Patrick Modiano zum 80.

Seit seinem Debütroman „La Place de l’Étoile“ (1968) hat Patrick Modiano, der in diesem Jahr so alt wird „wie die Nachkriegszeit“ (Andreas Platthaus), eine poetische Welt geschaffen, die von Erinnerungsschatten, verschobenen Identitäten und geheimnisvollen Abwesenheiten durchzogen ist. Seine Romane – melancholisch, elliptisch, durchzogen von Vergessen und Wiederkehr – kreisen um eine paradoxe Bewegung: das Erinnern durch das Verlieren, das Erleben durch das Verschwinden. In diesem ästhetischen Spannungsverhältnis gewinnt der Tanz eine besondere Rolle: als Motiv, als Bild, als Erzählform. Insbesondere in seinem jüngsten Roman „La danseuse“ (2023, deutsch 2025) gerät dieses Motiv zur poetischen Metapher: Die Tänzerin wird zur Figur des Erinnerns, zur Projektionsfläche eines tastenden Ich-Erzählers und zur Allegorie eines kaum fassbaren Lebens. Der Tanz steht hier nicht im Zentrum einer Handlung, sondern inszeniert sich als schwebende Spur, als rhythmisches Prinzip des Erzählens, als flüchtige Figur, die das Erzählen selbst choreographiert.

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Walzer der Ruinen: Jean-Jacques Schuhl

Jean-Jacques Schuhls Roman „Ingrid Caven“ (Gallimard, L’Infini, 2000), ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt, ist mehr als eine bloße biografische Annäherung an die Künstlerin und Partnerin des Autors. Er lässt sich als eine kulturgeschichtliche Diagnose einer Epoche, ihrer prägenden Themen und der Faszination an einer spezifischen deutschen Mythologie aus französischer Perspektive lesen. Dies umfasst zentrale historische Marker wie den Krieg und die „Stunde Null“, Figuren einer „deutschen Mythologie“ wie Rainer Werner Fassbinder und die Rote Armee Fraktion, sowie das omnipräsente Motiv der „Sehnsucht“. Gleichzeitig ist der Roman in seiner Ästhetik Ausdruck eines dezidierten Literaturverständnisses von Jean-Jacques Schuhl selbst, der seine eigene Rolle und die des Verlegers Philippe Sollers in der literarischen Produktion und Rezeption reflektiert.

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Alle Reserve-Texte


 

Anmerkungen
  1. Les rubriques en français

    Article | Des articles sur la littérature française contemporaine ;

    Compte-rendu | Des notes plus courtes sur un texte littéraire, une brève discussion ou une lecture ponctuelle, des idées au fil de la lecture ;

    Extrait | Un extrait choisi, un passage significatif sans commentaire, accompagné de sa traduction allemande ;

    Réserve | Un texte, une œuvre, un auteur, repris et relu.

    Débat | Discussion de textes critiques, théoriques, pertinents pour la littérature française contemporaine.

    Poétiques de l’enfance | Présentation d’ouvrages littéraires consacrés à l’enfance et à l’adolescence.

    Judéité | La littérature juive française est un territoire imaginaire où l’appartenance, la mémoire et l’identité sont renégociées, à travers notamment la recherche de traces généalogiques et des questions d’identité culturelle/linguistique, politiques et historiques.

    Rendre justice | La littérature est ici un instrument qui permet non seulement d’aborder les thèmes du droit et de la justice, mais aussi de les traiter et de les remettre en question sur le plan esthétique.

    Dialogues | Des textes contemporains qui dialoguent avec des œuvres de l’histoire littéraire, de manière intertextuelle, tantôt dans une actualisation critique, tantôt sous forme d’hommage ou de transformation.>>>

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