Erinnerungsblitze – und Vergessen: Proust und Modiano

(…) essayant de me souvenir, sentant au fond de moi des terres reconquises sur l’oubli qui s’assèchent et se rebâtissent (…)

Marcel Proust, Du côté de chez Swann

(…) während ich versuche, mich zu erinnern, und spüre, wie tief in mir dem Vergessen abgerungene Gebiete trockengelegt und wieder bebaut werden (…)

Marcel Proust, Unterwegs zu Swann, Ü: Eva Rechel-Mertens/Luzius Keller

Ist der französische Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano ein Autor der Erinnerung? oder des Vergessens und Verschwindens? Gerade wieder der Impuls bei der Lektüre des neuen, 30. Buchs Chevreuse, vor allem ihn, den Autor im Prozess des Schreibens, vor mir zu sehen, existenziell, 1945 geboren, im Rückblick auf seine Romane. Bereits in La Place de l’Étoile (der Name des Platzes ist seit 1970 überschrieben worden: als Place Charles-de-Gaulle), in dieser frühen fiktiven Autobiografie des französischen Juden Raphaël Schlemilovitch, beginnen Modianos Proustbezüge, wenn der Ich-Erzähler gefragt wird: „Halten Sie sich für Marcel Proust, Schlemilovitch? Das ist wirklich schlimm! Sie werden doch nicht Ihre Jugend damit vergeuden, dass Sie Auf der Suche nach der verlorenen Zeit abkupfern?“ 1 Wie Prousts Recherche, ist das Buch für Modiano Prozess des Erinnerns und Dokument des Vergessens, wie er in seiner Nobelpreisrede ausführt, eine Art Schreibsucht, ein Drang zur nächsten Fluchtbewegung:

Sur le point d’achever un livre, il vous semble que celui-ci commence à se détacher de vous et qu’il respire déjà l’air de la liberté, comme les enfants, dans la classe, la veille des grandes vacances. Ils sont distraits et bruyants et n’écoutent plus leur professeur. Je dirais même qu’au moment où vous écrivez les derniers paragraphes, le livre vous témoigne une certaine hostilité dans sa hâte de se libérer de vous. Et il vous quitte à peine avez-vous tracé le dernier mot. C’est fini, il n’a plus besoin de vous, il vous a déjà oublié. Ce sont les lecteurs désormais qui le révéleront à lui-même. Vous éprouvez à ce moment-là un grand vide et le sentiment d’avoir été abandonné. Et aussi une sorte d’insatisfaction à cause de ce lien entre le livre et vous, qui a été tranché trop vite. Cette insatisfaction et ce sentiment de quelque chose d’inaccompli vous poussent à écrire le livre suivant pour rétablir l’équilibre, sans que vous y parveniez jamais. À mesure que les années passent, les livres se succèdent et les lecteurs parleront d’une « œuvre ». Mais vous aurez le sentiment qu’il ne s’agissait que d’une longue fuite en avant.

Patrick Modiano, Nobelpreisrede 2014 2

Wenn Sie ein Buch zu Ende lesen, haben Sie den Eindruck, dass es sich von Ihnen zu lösen beginnt und bereits die Luft der Freiheit atmet, wie die Kinder im Klassenzimmer am Vorabend der Sommerferien. Sie sind abgelenkt und laut und hören nicht mehr auf ihren Lehrer. Ich würde sogar sagen, dass das Buch, während Sie die letzten Absätze schreiben, Ihnen eine gewisse Feindseligkeit entgegenbringt, weil es sich von Ihnen befreien will. Und es verlässt Sie, sobald Sie das letzte Wort geschrieben haben. Es ist vorbei, es braucht Sie nicht mehr, es hat Sie schon vergessen. Von nun an sind es die Leser, die ihn sich selbst erschließen werden. In diesem Moment fühlen Sie eine große Leere und das Gefühl, verlassen worden zu sein. Und auch eine Art Unzufriedenheit wegen dieser Verbindung zwischen dem Buch und Ihnen, welche zu schnell gekappt wurde. Diese Unzufriedenheit und das Gefühl, dass etwas unerfüllt bleibt, treibt Sie dazu, das nächste Buch zu schreiben, um das Gleichgewicht wiederherzustellen, ohne dass es Ihnen jemals gelingt. Im Laufe der Jahre kommen und gehen die Bücher, und die Leser werden von einem „Gesamtwerk“ sprechen. Aber Sie werden das Gefühl haben, dass es eine einzige lange Flucht nach vorne war.

Auch im vorletzten Roman Encre sympathique finden wir heilsames Vergessen: „Wissen Sie, mein Herr, es gibt Zeiten im Leben, an die man sich lieber nicht erinnern möchte… Und am Ende vergessen wir sie sogar… Und das ist gut so… Ich hatte eine ziemlich schwierige Jugend…“ 3 Es sind die Kontexte und Nuancen, mit denen sich in der Werkgeschichte poetologische Prinzipien und Leitmotive wandeln können, denn: „Es heißt, Patrick Modiano schreibe immer wieder denselben Roman – das mögen manche als Gleichförmigkeit verstehen. In Wahrheit ist es ein außerordentliches Qualitätsmerkmal.“ Dirk Fuhrig stellte damit klar, das Problem eines Lesers mit Modiano sei eigentlich eine literarische Auszeichnung seiner Poetik: Patrick Modiano zu lesen, wie ein Werk, in der Zeit strukturiert und sich erneut der Erinnerung und dem Verschwinden stellend, das lässt ihn als „ein Marcel Proust unserer Zeit“ erscheinen, in der Formulierung des Ständigen Sekretärs der Schwedischen Akademie, Peter Englund. Allerdings betonte Modiano in seiner Nobelpreisrede auch, die Proust’sche Suche könne nicht mehr mit der Kraft und Offenheit von Marcel Proust betrieben werden, so stabil dessen Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts noch gewesen sei, bringe es detailgetreu und lebendig ein Gemälde zustande. Modiano aber konstatierte, „dass das Gedächtnis heute viel unsicherer ist und ständig mit Amnesie und Vergessen zu kämpfen hat. Aufgrund dieser Schicht, dieser Masse des Vergessens, die alles bedeckt, gelingt es uns nur, Fragmente der Vergangenheit zu erfassen, unterbrochene Spuren, schwer fassbare und fast unfassbare menschliche Schicksale.“ 4

Ich glaube, einem Teil der literarischen Öffentlichkeit wird deshalb Modiano verschlossen bleiben, weil die Literatur heute dokumentarischer, als Intervention des Erinnerten und nicht des prozessualen Erinnerns auftreten will oder erscheinen muss. Modiano dagegen wiederholt in Chevreuse seine lange konsequente Fluchtbewegung:

Il notait au fur et à mesure les pensées qui traversaient son esprit. En général le matin ou en fin d’après-midi. Il suffisait d’un détail qui aurait paru dérisoire à un autre que lui. C’était cela : un détail. Le mot « pensée » ne convenait pas du tout. Il était trop solennel. Une quantité de détails finissaient par remplir les pages de son cahier bleu et, à première vue, ils n’avaient aucun lien les uns avec les autres et, dans leur brièveté, ils auraient été incompréhensibles à un lecteur éventuel.

Plus ils s’accumulaient sur les pages blanches en lui semblant décousus, plus il aurait de chances par la suite – il en était sûr – de tirer les choses au clair. Et leur caractère en apparence futile ne devait pas le décourager.

Son professeur de philosophie lui avait confié jadis que les différentes périodes d’une vie – enfance, adolescence, âge mûr, vieillesse – correspondent aussi à plusieurs morts successives. De même pour les éclats de souvenirs qu’il tâchait de noter le plus vite possible : quelques images d’une période de sa vie qu’il voyait défiler en accéléré avant qu’elles ne disparaissent définitivement dans l’oubli.

Patrick Modiano, Chevreuse

Er schrieb die Gedanken auf, die ihm dabei durch den Kopf gingen. Normalerweise am Morgen oder am späten Nachmittag. Es brauchte nur ein Detail, das einem anderen unbedeutend erschienen wäre. Das war alles: ein Detail. Das Wort „gedacht“ war überhaupt nicht angebracht. Es war zu feierlich. Eine Reihe von Details füllten die Seiten seines blauen Notizbuchs, die auf den ersten Blick keinen Zusammenhang hatten und in ihrer Kürze für einen potentiellen Leser unverständlich waren.

Je mehr sie sich auf den leeren Seiten stapelten und unzusammenhängend erschienen, desto wahrscheinlicher war es, dass er ihnen später auf den Grund gehen würde – da war er sich sicher. Und ihre scheinbare Aussichtslosigkeit sollte ihn nicht entmutigen.

Sein Philosophielehrer hatte ihm einmal gesagt, dass die verschiedenen Abschnitte eines Lebens – Kindheit, Jugend, mittleres Alter, Alter – auch mehreren aufeinanderfolgenden Tode entsprechen. Das Gleiche galt für die Erinnerungsblitze, die er so schnell wie möglich aufzuschreiben versuchte: ein paar Bilder aus einem Lebensabschnitt, die er vorbeiziehen sah, bevor sie für immer im Vergessen verschwanden.

In Modianos Romanen verschwinden Personen, und wie im vorletzten Buch Encre sympathique führt dies zu einer Art Kriminalroman, wenn eine Detektei auf die verschwundene Noëlle Lefebvre angesetzt wird und schließlich auf Spuren ihres neuen Lebens in Rom stößt. Auch wenn Modiano selbst Proust-Pastiches in sein Schreiben einbaut, muss auf die große Differenz zur Recherche hingewiesen werden, wie etwa Anna-Louise Milne argumentiert: „Der Leser wird mit den bloßen Fragmenten zurückgelassen, und die Visionen, die er durch Türen und Hofeinfahrten erblickt, bieten keine Transzendenz, wie wir sie beispielsweise im fiktiven Universum von Proust finden. Die Verbindungen zwischen Modianos Paris und Prousts monde sind zwar vorstellbar, aber nur als eine Art Kurzschluss. (…) Dieses Viertel von Paris (Faubourg Saint-Germain, K.N.) taucht in mehreren Sequenzen seiner Romane als Kulisse auf, insbesondere durch Verweise auf eine Wohnung, in der er am Quai de Conti lebte, und insbesondere auf sein Schlafzimmer in dieser Wohnung. Wie Prousts Ich-Erzähler fühlt sich Modianos literarisches Ich von der Umgebung seiner Kindheit getrennt, aber während diese Verwirrung in A la recherche durch das rückblickende Verständnis und das Projekt des monumentalen Romans, der den Faubourg vollständig „wiederherstellt“, aufgehoben wird, bleiben die historischen Präsenzen oder „Freunde“, die ebenfalls in den Mauern des Schlafzimmers am Quai de Conti lebten, skizzenhafte Evokationen, die in Modianos leichten, rätselhaften Texten nur zaghaft auftauchen. In der Tat wird Paris in seinem Werk zunehmend elliptisch, da die Erzählung reduziert und die Struktur fragmentiert wird. Doch je schwieriger es wird, einen Blick auf die Stadt zu werfen, desto größer wird der Anspruch an die Kraft der Literatur, die Stadt zu „enthüllen“.“ 5

Diesen Umstand betont Modiano auch im neuesten Buch, wenn er die Recherche explizit erwähnt. Meine eingangs gestellte Frage, ob Modiano heute ein Autor des Erinnerns oder des Vergessens sei, wird von Fabrice Gabriel in Le Monde dialektisch beantwortet: „Vielleicht war Modiano, ein junger Mann von 76 Jahren, Proust noch nie so nahe: nicht wegen der Formulierungen, sondern in dieser so besonderen Art, seine verlorene Zeit zu erzählen – zu finden –, aus materiellen Schnipseln, der Textur eines Wortes, dem Echo eines Gehwegs aus der Vergangenheit… Chevreuse ist die Geschichte einer bereits gelebten Lebenserfahrung, die von der Erinnerung neu zusammengesetzt wird und die auf den letzten Seiten mit dem Versprechen eines Werkes schließen kann, eben jenes, das wir gerade lesen.“ 6 Denn wie bspw. Marie Schmidt zur deutschen Ausgabe von Encre sympathique die These vorbrachte, Modiano überschreibe „in seinem Alterswerk seine Erinnerungstexte mit Vergessensliteratur“, so urteilt der Autor nun in Chevreuse, der Weg des Schreibenden in die Vergangenheit bleibe den anderen versperrt, einmal spricht er im Buch davon, dass Prosa und Poesie nicht nur aus Worten, sondern auch aus Schweigen gemacht sei. 7 In der flüchtigen Gegenläufigkeit von blitzartigem Erinnern und Überschreibungsanläufen also wäre diese neue Proustreverenz zu verstehen:

Il avait emporté dans son sac de voyage un bloc de papier à lettres. Au début d’un après-midi de grande chaleur, il était assis à l’une des tables du café, sur la petite place, à l’ombre, et il écrivit une première phrase qui serait peut-être celle d’un roman. Puis il rédigea quelques notes, au hasard. Il aurait aimé rendre compte de ce qu’il avait vécu ces derniers temps. Au bout de quinze ans, des souvenirs d’enfance que vous aviez oubliés jusqu’ici vous reviennent, et vous êtes un amnésique qui retrouve un peu de mémoire. Cela, vous le devez à certaines personnes dont vous ignoriez l’existence et qui vous recherchaient parce qu’elles savaient, elles, que quinze ans plus tôt vous aviez été le témoin de quelque chose. Quinze ans, c’est déjà beaucoup, et un laps de temps suffisant pour que les autres témoins aient disparu. Mais ces personnes qui ont besoin de votre témoignage n’ont pas les mêmes raisons que vous de partir à la recherche du temps perdu. Il y a entre ces « imbéciles » et vous un certain quiproquo. Et vous ne pouvez pas vraiment vous entendre avec eux et leur servir de guide, bien que vous vous engagiez les uns et les autres sur les mêmes pistes du passé.

Patrick Modiano, Chevreuse 8

In seiner Reisetasche hatte er einen Block mit Schreibpapier mitgenommen. Zu Beginn eines sehr heißen Nachmittags saß er an einem der Tische im Café, auf dem kleinen Platz, im Schatten, und schrieb einen ersten Satz, der der eines Romans sein könnte. Dann schrieb er ein paar Notizen aufs Geratewohl. Er hätte gerne über das Bericht erstattet, was er in letzter Zeit erlebt hat. Nach fünfzehn Jahren kehren Kindheitserinnerungen zurück, die Sie bis dahin vergessen hatten, und Sie sind ein Amnesiekranker, der sein Gedächtnis wiedererlangt. Das haben Sie bestimmten Personen zu verdanken, von denen Sie nicht wussten, dass es sie gibt, und die nach Ihnen gesucht haben, weil sie wussten, dass Sie fünfzehn Jahre zuvor etwas erlebt hatten. Fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit, und genug Zeit, dass die anderen Zeugen verschwänden. Aber diese Menschen, die Ihre Zeugenschaft benötigen, haben nicht die gleichen Gründe wie Sie zu einem Aufbruch zur Suche nach der verlorenen Zeit. Es mag ein gewisser Austausch zwischen Ihnen und diesen „Narren“ bestehen. Und man kann sich doch nicht wirklich mit ihnen verständigen und ihr Wegweiser sein, auch wenn Sie beide demselben Weg in die Vergangenheit folgten.

Dass Patrick Modiano immer wieder dasselbe Buch schreibe, diese These könnte sich auch auf den Titel des aktuellen Buchs beziehen: Chevreuse, die bei Proust in Du côté des Guermantes erwähnte duchesse Marie de Rohan, wird im ersten Buch Modianos eine erotische Rolle unter anderen: „Die folgende Woche war einfach idyllisch: Die Marquise schlüpfte von einem Kostüm ins andere, um sein Begehren zu wecken. Außer den Königinnen Frankreichs vergewaltigte er Madame de Chevreuse, die Duchesse de Berry, den Chevalier d’Éon, Bossuet, Ludwig den Heiligen, Bayard, Du Guesclin, Jeanne d’Arc, den Grafen von Toulouse und General Boulanger.“ 9 Im Livret de famille übernimmt eine Stripteasetänzerin den Künstlernamen Claude Chevreuse, aber auch das Tal von Chevreuse, das bei Proust Erwähnung findet, weil Albertine gerne Ausflüge mit der Freundin Andrée dorthin unternimmt, ist als Proust-Verweis von Modiano zu lesen: „»O ja, sie mochte es so gern, wenn wir zusammen ins Tal von Chevreuse fuhren.« Es schien mir, als füge dieses Tal dem unbestimmten und gleichsam nicht existenten Universum, in dem sich die Spazierfahrten Albertines und Andrées vollzogen hatten, aufgrund eines nachträglichen, dämonischen Schöpfungsaktes dem Werk Gottes ein Tal von Teufels Gnaden hinzu.“ 10

Ob die Kategorie Spätwerk, wie sie Marie Schmidt für Modiano benutzt hatte, überhaupt greifen kann, wenn Prousts Bild in Die wiedergefundene Zeit der unvollendet bleibenden Kathedrale auch auf Patrick Modianos Erinnerungsliteratur zutrifft: „Wie viele gewaltige Kathedralen bleiben unvollendet! Man nährt ein solches Werk, man verstärkt seine schwachen Teile, man erhält es, doch dann ist es dieses Werk, das wächst, das unser Grab bezeichnet, es vor Gerüchten und eine Zeitlang vor dem Vergessen bewahrt.“ 11 Modianos Roman Chevreuse erotisiert dieses Tal nicht wie Proust, als Raum lesbischer Liebe, es war bereits in Un pedigree (2005) Thema gewesen. Während das Tal für Bosmans für eine vergangene Autofahrt vor 30 Jahren steht, an deren Zeit er sich jedoch nicht genau erinnern kann, wohl aber wird die Ankunft in der Vergangenheit mit der gespürten idyllischen Frische des locus amoenus ausgestattet, 12 gerät schließlich bei Bosmans Rückkehr zum Appartement von Auteuil das Chevreuse-Tal zum transzendierenden Raum einer stillstehenden Zeit der Kindheit:

Bientôt, il sentit qu’il avait traversé une frontière et qu’il était arrivé dans la vallée de Chevreuse. Ce n’était pas à cause du paysage familier et de cette fraîcheur de l’air qui vous saisissait brusquement. Mais il entrait dans une zone où le temps était suspendu, et d’ailleurs il le vérifia, quand il s’aperçut que les aiguilles de sa montre étaient arrêtées.

À mesure qu’il avançait sur la route, il avait l’impression d’être revenu au cœur de ces après-midi d’été interminables de l’enfance où le temps n’était pas suspendu, mais tout simplement immobile, et où l’on passait des heures à regarder la fourmi tourner par saccades sur la margelle du puits.

Patrick Modiano, Chevreuse

Bald hatte er das Gefühl, eine Grenze überschritten zu haben und im Chevreuse-Tal angekommen zu sein. Es lag nicht an der vertrauten Landschaft und der Frische der Luft, die einen plötzlich erfasste. Aber er betrat eine Zone, in der die Zeit angehalten war, und tatsächlich vergewisserte er sich, als er bemerkte, dass die Zeiger seiner Uhr stehen geblieben waren.

Als er die Straße entlangging, fühlte er sich in die endlosen Sommernachmittage seiner Kindheit zurückversetzt, als die Zeit nicht angehalten wurde, sondern einfach stillstand, und man stundenlang die Ameisen um den Brunnenrand herumkrabbelnd beobachten konnte.

Parc naturel de Chevreuse – Chateaufort (PNR Chevreuse)

Anmerkungen
  1. „Vous vous prenez pour Marcel Proust, Schlemilovitch ? C’est très grave ! Vous n’allez tout de même pas gaspiller votre jeunesse en recopiant A la recherche du temps perdu ?“ Patrick Modiano, La Place de l’Étoile. Ü: Elisabeth Edl.>>>
  2. Patrick Modiano, Conférence Nobel. NobelPrize.org. Nobel Prize Outreach AB 2021.>>>
  3. « Voyez-vous, monsieur, il y a des périodes de la vie dont on préfère ne pas se souvenir… Et d’ailleurs, on finit par les oublier… Et c’est très bien comme ça… J’ai eu une jeunesse assez difficile… », Patrick Modiano, Encre sympathique>>>
  4. „J’ai l’impression qu’aujourd’hui la mémoire est beaucoup moins sûre d’elle-même et qu’elle doit lutter sans cesse contre l’amnésie et contre l’oubli. À cause de cette couche, de cette masse d’oubli qui recouvre tout, on ne parvient à capter que des fragments du passé, des traces interrompues, des destinées humaines fuyantes et presque insaisissables.“ Patrick Modiano, Conférence Nobel. NobelPrize.org. Nobel Prize Outreach AB 2021.>>>
  5. „The reader is left with the mere fragments, and the visions glimpsed through doors and courtyard entrances offer none of the transcendence we find, for example, in the fictional universe produced by Proust. The connections between Modiano’s Paris and Proust’s monde can be imagined, but only as a form of short-circuit. (…) This area of Paris (Faubourg Saint-Germain, K.N.) emerges as a backdrop in a number of sequences in his novels, particularly through references to an apartment in which he lived on the quai de Conti and more specifically to his bedroom within the apartment. Like Proust’s narrator, Modiano’s literary ‚I‘ experiences a sense of disconnection from his childhood surroundings, but whereas this confusion is redeemed in A la recherche by retrospective understanding and the project of the monumental novel that completely ‚reconstitutes‘ le Faubourg, the historical presences or ‚friends‘ who also lived within the walls of the quai de Conti bedroom remain sketchy evocations that emerge only tentatively within Modiano’s slight, enigmatic texts. Paris, indeed, becomes increasingly elliptical in his work as narration is pared down and structure fragmented. But arguably, as it becomes ever more difficult to get perspective on the City, the claims made for the powers of literature to ‚reveal‘ the City grow greater.“ Anna-Louise Milne, The Cambridge Companion to the Literature of Paris (Cambridge University Press, 2013), 15.>>>
  6. „Peut-être Modiano, jeune homme de 76 ans, n’a-t-il jamais été aussi proche de Proust : non pour le phrasé, mais dans cette façon si particulière de raconter – de retrouver – son temps perdu, à partir de bribes matérielles, texture d’un mot, écho d’un pavé d’autrefois… Chevreuse est le récit d’un apprentissage déjà vécu, recomposé par la mémoire et qui pourra se clore, dans les dernières pages, par la promesse d’une œuvre, celle-là même que nous lisons.“ Fabrice Gabriel, „« Chevreuse », de Patrick Modiano : une vie recomposée“, Le Monde, 6. Oktober 2021.>>>
  7. „L’un de ses livres de chevet, avec les Mémoires du cardinal de Retz et quelques autres ouvrages, était un traité de morale qui s’intitulait L’Art de se taire. Depuis son enfance, il avait toujours essayé de pratiquer cet art-là, un art très difficile, celui qu’il admirait le plus et qui pouvait s’appliquer à tous les domaines, même à celui de la littérature. Son professeur ne lui avait-il pas appris que la prose et la poésie ne sont pas faites simplement de mots mais surtout de silences ?“>>>
  8. Hervorh.: K.N.>>>
  9. „La semaine qui suivit fut vraiment idyllique : la marquise changeait sans cesse de costume pour réveiller ses désirs. Exception faite des reines de France, il viola Mme de Chevreuse, la duchesse de Berry, le chevalier d’Éon, Bossuet, Saint Louis, Bayard, Du Guesclin, Jeanne d’Arc, le comte de Toulouse et le général Boulanger.“ Patrick Modiano, La Place de l’Étoile. Ü: Elisabeth Edl.>>>
  10. „« Ah ! oui, elle aimait bien qu’on aille se promener dans la vallée de Chevreuse. » À l’univers vague et inexistant où se passaient les promenades d’Albertine et d’Andrée, il me semblait que celle-ci venait par une création postérieure et diabolique, d’ajouter à l’œuvre de Dieu une vallée maudite.“ Marcel Proust, Albertine disparue, Ü: Eva Rechel-Mertens/Luzius Keller.>>>
  11. „Combien de grandes cathédrales restent inachevées ! On le nourrit, on fortifie ses parties faibles, on le préserve, mais ensuite c’est lui qui grandit, qui désigne notre tombe, la protège contre les rumeurs et quelque temps contre l’oubli.“ Marcel Proust, Le temps retrouvé. Ü: Eva Rechel-Mertens/Luzius Keller.>>>
  12. „On entrait dans la vallée de Chevreuse. Il le sentit à la fraîcheur de l’air et à la lumière douce, vert et or, qui filtre à travers le feuillage des arbres. Oui, c’était peut-être la sensation de revenir après quinze ans dans le passé.“ Patrick Modiano, Chevreuse.>>>