Das Spätwerk als Laboratorium: Jean-Jacques Schuhl und Simon Liberati

Jean-Jacques Schuhls „Les apparitions“ und Simon Liberatis „Performance“ (beide 2022) kreisen um alternde Schriftstellerfiguren, deren körperlicher Verfall zum Ausgangspunkt einer radikal erneuerten literarischen Erfahrung wird. In „Les apparitions“ schildert Schuhl einen Erzähler, der nach einer schweren inneren Blutung und zerebralen Hypoxie von sogenannten „Erscheinungen“ heimgesucht wird: autonome, hochpräsente Bildereignisse, die weder Traum noch Halluzination sein wollen. Der Text entfaltet eine Poetik der Montage, der Zitation und der Entsubjektivierung, in der das Ich zunehmend hinter fremden Bildern, Stimmen und Fragmenten zurücktritt. „Performance“ hingegen erzählt von einem 71-jährigen Autor, der nach einem Schlaganfall durch einen Auftrag über die Rolling Stones zu neuer schöpferischer Energie findet. Diese wird jedoch maßgeblich durch eine skandalöse Beziehung zu seiner jungen Stieftochter gespeist, die als Projektionsfläche eines exzessiven Begehrens wirkt. Liberatis Roman verbindet Krankheit, Dekadenz, Popkultur und Transgression zu einer provokanten Inszenierung des Alterns als ästhetische Grenzerfahrung. – Die Rezension liest beide Romane als paradigmatische Alterswerke, die das Altern nicht als Phase der Bilanz oder Mäßigung, sondern als ästhetisches Extrem begreifen. Sie argumentiert, dass Schuhl und Liberati zwei gegensätzliche, aber komplementäre Modelle des „vieillir créateur“ entwerfen: eine rezeptive, entmächtigende Imagination bei Schuhl, die das Ich im Schreiben nahezu auflöst, und eine aggressive, transgressive Imagination bei Liberati, die gerade im moralischen und körperlichen Niedergang eine letzte Form künstlerischer Souveränität behauptet. Im Zentrum der Analyse steht die These, dass Pathologie, Krankheit und Nähe zum Tod in beiden Texten zur „Denkmaterie“ werden, aus der neue Formen literarischer Intensität hervorgehen. Die Rezension zeigt damit, wie das Spätwerk hier nicht als Abgesang, sondern als Laboratorium fungiert, in dem Literatur ihre eigenen Grenzen im Angesicht der Endlichkeit radikal neu vermisst.

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Die Republik funktioniert: François Bégaudeau

François Bégaudeaus „Désertion“ (2026) erzählt die leise, aber unumkehrbare Erosion des Lebens von Steve, einem Jugendlichen aus der Provinz der Normandie. Aufgewachsen in einer intakten Familie, geprägt von Schule, Medienkonsum und popkulturellen Obsessionen, driftet er nach und nach aus allen sozialen Bindungen heraus. Kleine Kränkungen, sprachliche Unsichtbarkeit und institutionelle Gleichgültigkeit summieren sich über Jahre, bis er schließlich nach Syrien geht und sich den kurdischen YPG anschließt. Der Roman verzichtet bewusst auf dramatische Wendepunkte oder psychologische Erklärung und zeigt Steves Weg nicht als logische Folge von Radikalisierung, sondern als strukturelle Konsequenz eines Lebens, das nirgends mehr gesehen oder adressiert wird. Desertion wird hier weniger als Bruch, sondern als fortschreitender Prozess gesellschaftlicher Blindstellen dargestellt. Die Rezension argumentiert, dass Bégaudeau die Erwartungen an eine lineare, politisch-kausale Erzählung unterläuft. Der Roman entfaltet eine Poetik der Verschiebung, der Parallelität und der affektiven Subjektivität, in der kleine Alltagsereignisse, Schule, Familie und Medien den Rahmen für das Leben Steves bilden. Der Syrien-Abschnitt sabotiert dabei die erwartete Radikalisierung: Statt ideologischer Verführung stehen Gespräche, Alltag und widersprüchliche Diskurse. Diese Struktur erlaubt es, „Désertion“ als literarische Darstellung einer „anarchischen“ Sinnverweigerung zu lesen, in der die formale Funktionsfähigkeit gesellschaftlicher Institutionen die existenziellen Leerstellen offenlegt, die Steves Verschwindung überhaupt erst ermöglichen.

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Zerstörung als Möglichkeit: Mannsein und Gewalt bei Bernard Bourrit

Bernard Bourrits Roman “Détruire tout” (2025) rekonstruiert einen realen Feminizid in der Schweiz der 1960er-Jahre, verweigert jedoch konsequent eine lineare Täterpsychologie oder moralische Auflösung: Anhand von Archiven, Beobachtungen und essayistischen Fragmenten erscheint der Täter Alain weniger als individuelles Monster denn als Symptom eines patriarchalen, ländlichen und autoritär organisierten sozialen Gefüges, das Gewalt strukturell ermöglicht. Die Rezension zeigt, wie Bourrit bäuerliche Enge, männliche Normierung, sprachlose Affekte und asymmetrische Geschlechterverhältnisse freilegt und insbesondere Männlichkeit als brüchige, überforderte Konstruktion analysiert, deren Anspruch auf Kontrolle in destruktive Gewalt umschlägt. Der männliche Körper wird dabei zum Austragungsort sozialer Zumutungen, während Carmen als Projektionsfläche gesellschaftlicher Erwartungen sichtbar wird, ohne zur bloßen Figur zu verflachen. Formal wie ethisch verweigert der Text den Mord als erzählerischen Höhepunkt und belässt ihn als Leerstelle, wodurch die Aufmerksamkeit auf Bedingungen statt auf Sensation gelenkt wird. So versteht die Rezension “Détruire tout” als literarische Untersuchung gesellschaftlicher Gewalt, die gerade im Scheitern von Erklärung und Katharsis ihre politische und ästhetische Kraft entfaltet.

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Hohelied ohne Zeugen: Patrick Autréaux

Patrick Autréaux’ „L’Époux“ (2025) ist ein leiser, existenziell verdichteter Roman, der von der standesamtlichen Trauung zweier Männer ausgeht. Ein Ritual, das als gesellschaftliche Anerkennung gedacht ist, wird zur Erfahrung radikaler Vereinzelung: durch die demonstrative Abwesenheit der Familien, die eine geografisch fern, die andere ideologisch und religiös sich verweigernd. Der Erzähler beobachtet die Tränen seines Partners; in diesem Moment brechen Jahre des Schweigens, der Anpassung und der erlittenen Zurückweisung auf. Ausgehend von diesem Moment entfaltet der Text eine vielschichtige Rückschau, in der sich eine homosexuelle Liebesgeschichte mit biografischen Verletzungen, Krankheit und einer tiefgreifenden spirituellen Suche verschränkt. Zentral ist dabei der jüdische Hintergrund der Familie des Partners, deren Geschichte von Shoah, Vertreibung und Exil geprägt ist und deren traumatische Erfahrung in eine religiöse Verhärtung und die Ablehnung der Beziehung mündet. Autréaux zeigt, wie diese kollektiven Wunden familiäre Bindungen vergiften und Schweigen, Tilgung und Ausschluss erzeugen. In der Auseinandersetzung mit dem Hohelied Salomos und dem Werk Edmond Jabès entwickelt der Roman eine Poetik der Abwesenheit, des Schweigens und des Exils, in der der Körper des Geliebten zum Ort des Heiligen wird. „L’Époux“ liest sich so als modernes Hohelied, das die intime Geschichte einer homosexuellen Liebe mit der Last jüdischer Erinnerung verbindet und eine fragile, aber beharrliche Transzendenz entwirft – „aus der Wüste gekommen, wie man aus dem Jenseits der Erinnerung kommt“.

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Exponierter Körper und Melancholie der Spur: Joy Majdalani und Robert Mapplethorpe

Die Rezension liest Joy Majdalanis Roman „Le goût des garçons“ (2021) und Essay „Jimmy Freeman“ (2025) als zwei komplementäre Stationen eines konsequenten literarischen Projekts. Der Roman „Le goût des garçons“ ist eine subjektive Erkundung weiblichen Begehrens, das sich im Spannungsfeld von religiöser Erziehung, Schuld und Selbstermächtigung formt. Männliche Figuren erscheinen darin weniger als psychologisch ausgearbeitete Charaktere denn als Projektionsflächen, an denen sich Macht, Fantasie und Transgression erproben lassen. „Jimmy Freeman“ führt diese Motive weiter, verschiebt sie jedoch vom narrativen Risiko des Romans in eine poetisch-essayistische Reflexion: Ausgehend von Robert Mapplethorpes Fotografie von Jimmy Freeman denkt Majdalani Begehren, Objektivierung und Gewalt der Form kunsttheoretisch und existenziell weiter. Der Essay wirkt wie eine Verdichtung und Kommentierung des Romans, in dem sich autobiographische Erfahrung, ästhetische Analyse und ethische Selbstbefragung überlagern. Zentral für den Artikel ist die homoerotische Kunst Robert Mapplethorpes, dessen Werk als Scharnier zwischen klassischer Schönheit und radikaler Körperpolitik gelesen wird, als perfekt geformtes, diszipliniertes Objekt des Begehrens. Zugleich zeigt die Lektüre, dass diese ästhetische Objektifizierung des Körpers immer von einer Melancholie der Spur begleitet ist, denn die Fotografie bewahrt nur den Abdruck eines lebendigen, sterblichen Körpers. In der Spannung zwischen formaler Ewigkeit und körperlicher Vergänglichkeit entfaltet sich bei Mapplethorpe ein Begehren, das ebenso monumental wie tief verletzlich ist. Seine Fotografien stehen für eine Kunst, die den männlichen – insbesondere den schwarzen – Körper zugleich kanonisiert und exponiert und dabei Fragen von Macht, Blick und Unterwerfung unausweichlich macht. Überschattet wird diese Spannung vom Wissen um AIDS und den frühen Tod Mapplethorpes und vieler seiner Modelle, wodurch die Bilder im Rückblick den Charakter eines letzten Aufleuchtens annehmen – verewigt schön, sterblich und unwiederbringlich.

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Gegenarchiv der Kinderkolonie: Simon Johannin

Simon Johannins „Le Fin Chemin des anges“ (2025) rekonstruiert das Schicksal der Jungen, die in der Kinderkolonie auf der Île du Levant – einer von Isolation, Gewalt und Zwangsarbeit geprägten Einrichtung – lebten und starben. Im Mittelpunkt steht Louis, ein sensibler, homoerotisch empfindender Junge, dessen „Abweichung“ im 19. Jahrhundert zur moralischen und juristischen Verurteilung führt und ihn in das System der Kolonie schleudert. Dort werden die Kinder entkräftet, gedemütigt und zu Arbeit gezwungen; viele sterben an Hunger, Krankheit oder Misshandlung. Louis’ Leben wird aus Fragmenten, Erinnerungsflashs und Archivresten rekonstruiert, während die Ruinen des Ortes als Resonanzraum der ausgelöschten Stimmen erscheinen. Der Roman zeigt die Kolonie nicht als pädagogische Einrichtung, sondern als Maschine der systematischen Zerstörung junger Körper und Biografien – und macht die gewaltvolle Geschichte eines Ortes hörbar, den das Archiv weitgehend zum Schweigen gebracht hat. – Johannins Roman ist exemplarisch für die neue Buchreihe „Locus“, indem er einen verlassenen Ort als palimpsestartigen Speicher traumatischer Geschichte lesbar macht. Der Artikel zeigt, wie Johannin räumliche, archivische und poetische Ebenen miteinander verschränkt, um jenen Kindern eine Stimme zurückzugeben, die in den offiziellen Dokumenten entindividualisiert und ausgelöscht wurden. Besonders hervorgehoben wird die doppelte Bewegung des Texts: Einerseits die präzise Analyse der Architektur der Kolonie als Disziplinarapparat, andererseits die imaginative Rekonstruktion einer einzelnen Biographie, die stellvertretend für eine Vielzahl verloren gegangener Leben steht. Die Rezension arbeitet heraus, wie Johannin Sexualität, Körperlichkeit und Erinnerung politisch auflädt, indem er die Pathologisierung von Louis’ Homosexualität als gesellschaftlichen Gewaltmechanismus offenlegt und die Poetik der Berührung – die „flashs“, die aus den Ruinen hervorgehen – als Form literarischer Zeugenschaft interpretiert. Insgesamt weist der Aufsatz den Roman als ein Gegenarchiv aus, das die Stille eines gewaltsam vergessenen Ortes in erzählerische Präsenz verwandelt und damit die ethische Dimension von Literatur sichtbar macht.

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Christlich-jüdisches Frankreich und identitäre Zwangsassimilation: Eric Zemmour

Die Präsidenten der Französischen Republik suchten jeweils eigene Wege, um das Spannungsverhältnis zwischen dem Selbstverständnis Frankreichs als historisch christlich geprägte Nation und den Prinzipien der strikt laizistischen Republik politisch auszugleichen. „La messe n’est pas dite“ (2025) präsentiert Éric Zemmours rechtsextreme Vision einer zivilisatorischen Wiedergeburt Europas durch eine Rückkehr zu seinen christlichen Fundamenten. In seiner Darstellung bildet das Christentum das historische, kulturelle und politische Fundament Europas. Daraus leitet er allerdings die Forderung nach einer intensiven autoritären Rechristianisierung ab, die sowohl juristische Maßnahmen (z. B. Einschränkungen der Vornamenswahl, Remigration, Einschränkung richterlicher Befugnisse) als auch eine kulturelle und moralische Umformung der Gesellschaft umfasst. Diese Neuordnung verbindet er mit der Idee einer „großen Allianz“ zwischen traditionalistischen Katholiken und assimilierten Juden, die gemeinsam den kulturellen Bestand Europas sichern sollen. – Die Rezension zeichnet nach, wie Zemmours Argumentation auf einer selektiven Geschichts- und Religionsdeutung beruht, die komplexe kulturelle und politische Dynamiken auf ein dualistisches Bedrohungsszenario reduziert. Sie zeigt, dass Zemmour Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Universalismus – Werte, die er selbst als christliches Erbe beschreibt – im Namen einer identitären Selbstbehauptung zurückdrängen will. Die Rezension zeigt auf, wie Zemmour sowohl den Islam als auch den modernen Liberalismus als monolithische Feindbilder konstruiert und dabei mit Doppelstandards operiert, etwa durch selektive Lektüre religiöser Texte oder die Vereinfachung historischer Beispiele. Darüber hinaus zeigt sie, wie Zemmour den Laizismus funktionalisiert, um ihn von einem Prinzip staatlicher Neutralität in ein Instrument kultureller Dominanz zu verwandeln. Zemmours Programm stellt weniger eine Verteidigung des christlich geprägten Erbes dar als vielmehr eine autoritär-identitäre Revision der republikanischen Tradition, die die Grundlagen der Fünften Republik grundlegend infrage stellt.

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Der Naive und die Spießer bei Voltaire und Dominique Fernandez

In „Un jeune homme simple“ (2024) zeichnet Dominique Fernandez den Weg des jungen Auvergnaten Arthur nach, der als unverbildeter Provinzler in das hyperideologisierte Paris gerät. Seine Begegnungen u.a. mit radikal-feministischen, ökologischen und literarischen Milieus machen die Gegenwartsgesellschaft als von Moralismus, Woke-Dogmen und kulturellem Konformismus durchdrungen sichtbar. Die Naivität des Helden fungiert dabei als Prüfstein moderner Eliten: Gerade weil Arthur die „Codes“ der Hauptstadt nicht versteht, legt er deren Heuchelei frei und entscheidet sich am Ende für die Rückkehr in die Auvergne, wo „valeurs sûres, éprouvées“ und eine einfache Liebe auf ihn warten. – Die Rezension ordnet den Roman explizit in eine intertextuelle Linie zu Voltaires „L’Ingénu“ ein und deutet Arthur als gegenwärtige Reinkarnation des aufgeklärten Außenseiters. Wie Voltaires Hurone entlarvt auch Arthur durch sein unverstelltes Urteil die Absurditäten der jeweiligen Epoche – einst der religiösen Riten, heute der ideologischen Orthodoxien. Dabei kehrt sich Voltaires Impuls jedoch um: Wo der Ingénu zum Widerstand in der Welt gezwungen wird, erscheint bei Fernandez der Rückzug als einzige verbleibende Form von Integrität. Die Argumentation der Rezension arbeitet folglich mit einem doppelten Vergleich: Sie liest Fernandez’ Satire als moderne Fortsetzung voltairischer Kritik – und zugleich als ironische Antithese, in der der naive Held nicht mehr kämpft, sondern die korrumpierte Zivilisation hinter sich lässt. – Zentral für die Rezension ist zudem die Beobachtung, dass Fernandez die sexuelle Befreiung der Gegenwart nicht als Fortschritt, sondern als neue Form des Konformismus zeichnet: Was einst transgressiv war, erscheint im Pariser Milieu als kommerzialisiertes Ritual, das seine rebellische Energie verloren hat. Die Werkgeschichte der Homosexualität bei Fernandez zeigt diesen Verlust der „gloire du paria“ als wiederkehrendes Motiv: Seit „L’Étoile rose“ (1978) und „La Gloire du Paria“ (1987) über den Doppelroman „L’homme de trop“ (2021/2022) beschreibt er die Assimilation der einst widerständigen Minderheit als kulturelle Nivellierung, die Wünsche nach einer neuen radikalen Differenz – zuletzt im Transgender – hervorbringt.

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Okzitanische Transgression: Alain Guiraudie

Die vier Romane des Filmemachers und Schriftstellers Alain Guiraudie bilden eine zusammenhängende Saga, in der sich die Logik des Roman-Flux entfaltet: „Ici commence la nuit“ (2014) eröffnet das Universum mit einem düsteren Dreieck aus Gewalt, Begehren und okzitanisch grundierter Außenseiterexistenz; „Rabalaïre“ (2021) radikalisiert dies zu einer tausendseitigen, delirierenden Odyssee, die den ländlichen Süden Frankreichs in ein zugleich realistisches und mythisches Terrain verwandelt, in dem sexuelle, kriminelle und fantastische Energien ineinanderströmen; „Pour les siècles des siècles“ (2024) verschiebt das Projekt ins Metaphysische, indem die Fusion von Jacques und dem Priester Jean-Marie zu einer theologischen, erotischen und philosophischen Reflexion über Identität, Körper und Koexistenz wird; „Persona non grata“ (2025) schließlich zeigt die Konsequenzen dieser Fusion auf institutioneller Ebene und vertieft das Motiv der Ausgrenzung, während es den paranoid-politischen Resonanzraum der Reihe erweitert. Als Werkganzes bilden die Bände einen immer weiter mäandrierenden Fluss, in dem Genregrenzen, moralische Kategorien und ontologische Fixpunkte systematisch aufgelöst werden. – Die Rezension argumentiert, dass Guiraudies Werk aus dem Prinzip der radikalen Entgrenzung heraus zu deuten ist: Die poétique du flux wirkt als ästhetischer, politischer und anthropologischer Schlüssel, der die Verschmelzung von Oralität, okzitanischer Sprachsubversion, sexueller Transgression und philosophischer Spekulation glaubwürdig macht. Ihre Argumentation setzt auf die konsequente Rückbindung der erzählerischen Exzesse an ein strukturelles Programm – die Aufhebung von Identität als stabiler Kategorie, die erzählerische Durchlässigkeit zwischen Realem und Fantastischem sowie die Verbindung von ländlichem Terroir und utopischer Sehnsucht. Durch diese Perspektive erscheinen selbst die extremsten Motive nicht als Provokationen um ihrer selbst willen, sondern als Bausteine einer literarischen Utopie, die das Begehren als verbindende, politisch wirksame Kraft begreift. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch der Zusammenhang von Trobadors und Sade fassen: Guiraudie aktualisiert die mittelalterliche Dichtung des Begehrens, die bei den Trobadors als kultivierte, oft unerfüllte und zugleich transzendierende Kraft erscheint, und verschränkt sie mit de Sades Erforschung der Körpergrenzen, der Ambivalenz von Lust und Grausamkeit und der radikalen Freiheit jenseits moralischer Kodifikationen.

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Guillaume Dustans Abdriften und Christophe Beaux’ literarische Befreiung

Christophe Beaux’ „Un tombeau pour Dustan“ ist eine autobiografische Liebeserinnerung und zugleich ein literarischer Nachruf auf Guillaume Dustan, der einst William Baranès hieß. Beaux schildert ihre Beziehung im Paris der späten 1980er Jahre, gezeichnet von Faszination, Dominanz und Schuld, vor dem Hintergrund der AIDS-Krise. Aus dem intellektuellen und sexuellen Einfluss Williams auf den jüngeren Christophe entsteht eine ungleiche Beziehung, die zugleich prägte und zerstörte. Nach der Trennung und Williams HIV-Diagnose verwandelt sich dieser in den provokativen Schriftsteller Guillaume Dustan, der mit radikaler Offenheit über Sexualität, Krankheit und gesellschaftliche Doppelmoral schreibt. Das Buch dient Beaux als „Grabmal“ und Exorzismus zugleich: Er versucht, die jahrzehntelange Schuld und Faszination zu bannen, indem er die gemeinsame Vergangenheit mit literarischer Klarheit neu erzählt und sich so symbolisch von dem Geliebten befreit, der sein Leben beherrschte. – Die Rezension deutet Beaux’ Text als doppelte Befreiung – biografisch wie literarisch. Sie liest „Un tombeau pour Dustan“ nicht bloß als private Beichte, sondern als dialogischen Gegenentwurf zu Dustans radikalem Werk: Beaux übernimmt dessen Poetik der Wahrhaftigkeit („véracité“), aber verwandelt sie von einer destruktiven zu einer heilenden Kraft. Der Rezensent betont die Spannung zwischen Bewunderung und Abrechnung, zwischen Liebe und Rache, die das Buch strukturiert. Beaux’ Schreiben wird als Akt der Parrhesia – einer mutigen, schonungslosen Rede – gedeutet, der zugleich psychoanalytische und ästhetische Funktion erfüllt. Die Rezension verknüpft das Werk mit den historischen Diskursen über AIDS, Sexualität und gesellschaftliche Rebellion, um es als literarische Antwort auf Dustans Skandalästhetik zu positionieren: Wo Dustan provozierte, reflektiert Beaux; wo jener den Tabubruch suchte, sucht dieser Versöhnung. Das „Tombeau“ erscheint so als Requiem für eine Epoche und als Selbsttherapie eines Überlebenden, der seine Stimme durch das Schreiben wiederfindet.

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Frauenmord als Denkstruktur: Ivan Jablonka

Ivan Jablonka, La culture du féminicide: histoire d’une structure de pensée (Traverse, 2025).

Systemisches Phänomen: sexuelle Gewalt, Verstümmelung und Tötung

Ivan Jablonkas La culture du féminicide: histoire d’une structure de pensée (2025) präsentiert eine literaturwissenschaftliche und soziohistorische Analyse, die die kulturelle Zentralität des sexualisierten Frauenmordes in der westlichen Zivilisation freilegt. Jablonka, bekannt für seine Werke über Gewalt und soziale Strukturen, stellt die gynozidale Kultur oder Feminizid-Kultur („culture du féminicide“) 1 als eine universelle Denkstruktur dar, die die Gesellschaft durchdringt und das Vergnügen am weiblichen Terror vorbereitet. Die grundlegende Problemstellung ist das Ambivalente der gesellschaftlichen Obsession: Wir sind kulturell nach sexualisierten Morden „süchtig“, während wir diese Taten als abscheulich verurteilen. Jablonka definiert den Feminizid als „meurtre d’une femme en tant que femme“ (Mord an einer Frau als Frau), ein vorsätzliches und systemisches Verbrechen, das in sozialen Ungleichheiten wurzelt. Er segmentiert diesen Akt theoretisch in drei „items gynocidaires“: (1) sexualisierte Gewalt (Vergewaltigung, Prostitution), (2) Verstümmelung (Folter, Zerstückelung) und (3) die eigentliche Tötung. Die zentrale These ist, dass diese gynozidale Kultur durch die „idéologie gynocidaire“ – die Rechtfertigung dieser Darstellung – den Feminizid von der Mythologie bis zur Gegenwart als „logique qui traverse la société tout entière“ legitimiert und normalisiert.

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Anmerkungen
  1. „Der Begriff ‚Femizid‘ wurde in den 1990er Jahren von Feministinnen in den USA geprägt, um die Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts zu bezeichnen. Feministinnen in Mexiko entwickelten den Begriff weiter und fügten die Silbe „ni” an Feminizid an, um auszudrücken, dass es sich nicht um die Ermordung von Frauen als individualisierte Fälle, sondern um ein Massenverbrechen handelt.“ https://contre-les-feminicides.ch/femizid-oder-feminizid/, 21. Dezember 2023.>>>

Geschlecht, Macht und Computerspiel: Pauline Gonthier

Polis, Maskulinismus und politischer Opportunismus

Pauline Gonthiers Parthenia ist ein seltenes Beispiel zeitgenössischer Literatur, das Soziologie des Digitalen, Geschlechtersemiotik und politische Psychologie in eine ästhetische Form bringt, die zugleich analytisch und poetisch ist. Der Roman beschreibt parabelartig eine Zeit, in der Sprache selbst zu Code wird und Geschlecht zu Interface. In diesem Sinn ist Parthenia nicht nur ein Ort, sondern ein Verfahren – eine Simulation des Mythos in der Syntax des Digitalen.

Gonthiers Parthenia (2025) ist ein Roman über die gefährliche Schönheit der Ordnung: Zwischen den leeren Bildschirmen eines arbeitslosen Gamers und den makellos beleuchteten Büros einer politischen Beraterin entfaltet sich das Doppelporträt einer Gesellschaft, die sich selbst in Mythen und Algorithmen spiegelt. Baptiste, gefangen in den toxischen Foren der maskulinistischen „redpill“-Kultur, und Léa, Attachée eines nationalistischen Politikers, bewegen sich in unterschiedlichen, aber gleichförmig codierten Welten: seine digitale Misogynie und ihr professioneller Zynismus sind zwei Seiten derselben Kommunikationslogik – kühl, effizient und körperlos. Zwischen ihnen entsteht Parthenia, eine virtuelle Stadt im Stil der Antike, die den Traum von Disziplin, Reinheit und männlicher Macht in ein Spiel verwandelt – und so die Grenze zwischen Simulation und Wirklichkeit zum Einsturz bringt. Beide Figuren sind Spiegel desselben ideologischen Klimas: der eine introvertiert, regressiv und narzisstisch; die andere extravertiert, funktionalistisch und opportunistisch – zwei Gesichter eines posthumanen Projekts, das Körper, Sprache und Moral virtualisiert. Der Roman konfrontiert Baptiste, den entwurzelten jungen Mann, der seine Affekte und seine Sexualität in Foren und Gamingwelten kanalisiert, mit Léa, der jungen Politikverwalterin, die sich zwischen Anpassung, Machtfaszination und moralischem Ekel bewegt.

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Autosoziobiographie als französische Gattung

Autosoziobiographie: Poetik und Politik, hrsg. von Eva Blome, Philipp Lammers und Sarah Seidel, Abhandlungen zur Literaturwissenschaft, Metzler, 2022.

Der Sammelband „Autosoziobiographie: Poetik und Politik“, herausgegeben von Eva Blome, Philipp Lammers und Sarah Seidel, widmet sich der Untersuchung einer literarischen Textform, die seit Didier Eribons Rückkehr nach Reims (Retour à Reims, 2009/2016) eine unübersehbare Konjunktur erlebt. Die Herausgeber verfolgen die Intention, dieses „noch junge Genre“ zu sichten, zu systematisieren und zu reflektieren, um es als relevantes literaturwissenschaftliches Forschungsobjekt zu etablieren und die literarische Form (Poetik) im Kontext ihrer politischen und gesellschaftsanalytischen Ansprüche zu untersuchen. Die Beiträge diskutieren aktuelle autosoziobiographische Texte und ihre literarhistorischen Kontexte unter den drei Schwerpunkten ‚Literarische Epistemologie des Sozialen‘, ‚Zum Politischen der Form‘ und ‚Transition und Narration‘.

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Fragmente eines Werks: Roland Barthes Handbuch von Angela Oster

Barthes-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung, hrsg. von Angela Oster, Metzler, 2025.

Dritte Form des Schreibens

Roland Barthes’ Position konsolidierte sich erst im Laufe der Zeit. Im 21. Jahrhundert ist dieser Rang unumstritten, aber die Universitäten der Gegenwart und ihre Geistes- und Kulturwissenschaften sind nicht mehr die der 1960er und 1970er Jahre. Durch die radikale Neukonzeption des Schreibens („écriture“) als gewählte Haltung (Am Nullpunkt der Literatur) und die programmatische Abschaffung des Autors als Sinn-Garant (Der Tod des Autors) befreite er die Literaturwissenschaft von positivistischen und essentialistischen Dogmen. Barthes’ theoretisches Werk ist selbst Literatur in Kurzform („écriture courte“), die mit Lust und Wollust affektive und körperliche Dimensionen in die Ästhetik einführte (Die Lust am Text). Sein Spätwerk, das sich der Autofiktion und Biographematik widmete (Über mich selbst, Die Vorbereitung des Romans), indem es das Subjekt nicht eliminierte, sondern in seinen fragmentarischen Widersprüchen annahm, lieferte ästhetische und philosophische Argumente für die post-autobiographischen Strömungen der Gegenwart. Barthes revolutionierte nicht nur die Kritik und Theorie in Frankreich, sondern stellte der „auf Leistung und das fertige Produkt ausgerichtete[n] Gesellschaft“ (Resch, Eintrag Nr. 29) ein Credo des Scheiterns und des Begehrens entgegen, das bis heute nachwirkt.

Roland Barthes erfand sich als Autor unentwegt neu und wurde als Literatur- und Kulturwissenschaftler, Philosoph, Semiologe, (Post-)Strukturalist, Soziologe und Ideologiekritiker bezeichnet. Sein Schreiben bedient sich ganz selbstverständlich literarischer Verfahren und muss als solche sprachliche, literarische Form ernst genommen werden muss. Das von Angela Oster herausgegebene Barthes Handbuch: Leben – Werk – Wirkung (Metzler, 2025) ist nicht nur Kompendium, sondern selbst ein literaturtheoretisches Zeugnis, das Barthes’ Werk in seiner ganzen, oft widersprüchlichen, Fülle zugänglich macht.

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Vom Prix Goncourt zur Bibliothèque de Babel: Mohamed Mbougar Sarr

Sarah Burnautzki, Abdoulaye Imorou und Cornelia Ruhe, Hrsg. Le Labyrinthe littéraire de Mohamed Mbougar Sarr. Francopolyphonies 36. Leiden; Boston: Brill, 2024.

Eine zirkuläre Route

Mohamed Mbougar Sarr gilt als literarische Sensation. Bereits als junger Autor greift er mit intellektueller Reife und stilistischer Brillanz Themen von weltliterarischem Rang auf. Sein Schreiben verbindet die Erfahrung senegalesischer Herkunft mit einer souveränen Aneignung europäischer Bildungstraditionen. Daraus entsteht eine Stimme, die zugleich afrikanisch verwurzelt und universell anschlussfähig ist – voller intertextueller Anspielungen, philosophischer Tiefenschärfe und spielerischer Lust an Sprache. Mbougar Sarr bringt hochkomplexe Fragestellungen – von Identität über Erinnerung bis zur Macht des Erzählens selbst – in eine Form, die nicht akademisch wirkt, sondern lebendig, ironisch und sinnlich. Seine Romane sind packende, manchmal wilde Erzählungen, die poetische Kraft mit intellektuellem Witz verbinden. Er spielt afrikanische und westliche Diskurse nicht gegeneinander aus, sondern bringt sie auf Augenhöhe in produktive Reibung. Der Autor schreibt so selbstverständlich transnational und transkulturell, dass die Kategorien von „Zentrum“ und „Peripherie“ außer Kraft gesetzt scheinen.

Der Sammelband Le Labyrinthe littéraire de Mohamed Mbougar Sarr wurde herausgegeben von Sarah Burnautzki, Abdoulaye Imorou und Cornelia Ruhe. Die Beiträge, die in diesem Band versammelt sind, wurden anlässlich eines Kolloquiums vorgestellt, das im Mai 2023 an der Universität Mannheim abgehalten wurde. Das Kolloquium vereinte eine Vielzahl von internationalen Beitragenden aus Ländern wie Südafrika, Eswatini, Ghana, Senegal, Kanada, den USA und mehreren europäischen Ländern (Frankreich, Belgien, England, Niederlande). Zusätzlich zu den akademischen Vorträgen umfasste die Veranstaltung einen Dialogabend, der dem Verlagsgeschäft afrikanischer Literaturen in französischer Sprache gewidmet war. Mohamed Mbougar Sarr selbst nahm ebenfalls an einem Abschlussabend teil.

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Invasive Pflanzen und drittes Geschlecht: Caroline Lamarche

Caroline Lamarches Roman „Le bel obscur“ (2025, Auswahlliste für den Prix Goncourt) ist eine Erkundung von Liebe, Erinnerung und Geschlechteridentitäten, in der eine Erzählerin nach dem Zerbrechen ihrer Ehe ihre eigene Identität und genealogische Vergangenheit ergründet. Der zentrale Titel „Le bel obscur“ ist eng mit dem verborgenen, queeren Leben ihres Vorfahren Edmond verbunden, dessen Auslöschung aus dem Stammbaum die Unterdrückung seiner irritierende Zwischenstellung repräsentiert. Der Roman dekonstruiert binäre Geschlechterordnungen, indem er Liebe als fluides, unsichtbares Band neu definiert, wobei die Erzählerin die Notwendigkeit des „Dritten“ gegenüber der exklusiven Zweierkonstellation auch für sich selbst als Ehefrau eines homosexuellen Mannes betont. In seiner hybriden Form aus Roman, Essay und Traumprosa transformiert „Le bel obscur“ persönliches Leid in eine universelle poetische Erfahrung, die die Fragilität menschlicher Beziehungen, die Unsichtbarkeit bestimmter Identitäten und die schöpferische Kraft des Erzählens bekräftigt.

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Silikonimplantat und Kriegsprothese: Arno Bertina

Arno Bertinas Roman „Des obus, des fesses et des prothèses“ („Granaten, Hintern und Prothesen“, éd. Verticales, 2025) entwirft ein ebenso groteskes wie aufschlussreiches Panorama menschlichen Leidens und Überlebens an einem unwahrscheinlichen Ort: einem luxuriösen Hotelpalast in Gammarth, unweit von Tunis, angesiedelt ein bis zwei Jahre nach dem Sturz Ben Alis und inmitten des libyschen Bürgerkriegs. Auf der einen Seite beherbergt das Hotel schwer verstümmelte Männer, Überlebende des brutalen Libyen-Krieges, deren Körper von Granaten und Kugeln gezeichnet sind. Auf der anderen Seite finden sich Frauen ein, die sich ästhetischen Operationen unterzogen haben und nun, von Verbänden und Hämatomen gezeichnet, ihre Genesung abwarten. Diese beiden Gruppen, deren Körper auf unterschiedliche Weisen „beschädigt“ oder „modifiziert“ wurden, begegnen sich am Rande eines stillgelegten Swimmingpools, was eine Atmosphäre des Unbehagens, der Absurdität und einer stillen Konfrontation schafft, die über die gesamte Erzählung hinweg schwebt.

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Partnerschaft und Gewalt im Roman: Nathacha Appanah

Der Titel „La nuit au cœur“ (2025) des neuen Romans von Nathacha Appanah spiegelt die zentralen Themen: Gewalt, Angst, Isolation, Trauma, aber auch Widerstand und die Suche nach Sinn und Erinnerung. Die Struktur des Romans gliedert sich in fünf Teile, die zwischen der persönlichen, autofiktionalen Erzählung der Autorin und den rekonstruierten Schicksalen von Emma und Chahinez wechseln, wobei eine „imaginäre Kammer“ als Ort der Begegnung und Reflexion dient. Der Roman dekonstruiert Feminizide nicht als isolierte Vorfälle, sondern als Ausdruck eines tief verwurzelten patriarchalen Systems, das sich über Kulturen und Zeiten erstreckt. Der Roman kritisiert scharf die patriarchalen Gesellschaften, insbesondere in Algerien und auf Mauritius, wo Frauen mit Scheidung stigmatisiert werden und ihre Autonomie eingeschränkt ist. Die parallele Erzählung der drei Frauen – einer Überlebenden und zwei Opfern – unterstreicht die universelle Gefahr, der Frauen ausgesetzt sind, und die erschreckende Ähnlichkeit der Täterprofile und Gewaltmuster (Kontrolle, Eifersucht, Isolation, physische und psychische Misshandlung).

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Alain Pacadis als Ikone der Pariser Underground-Szene: Charles Salles

Charles Salles‘ Roman „Alain Pacadis, Face B“, veröffentlicht im Jahr 2023, zeichnet ein vielschichtiges Porträt des französischen Journalisten und der „Glam-Punk-Ikone“ Alain Pacadis. Das Buch beleuchtet Pacadis‘ Leben, das exemplarisch für die radikalen gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüche der Nachkriegszeit in Paris steht. Es begleitet ihn von seiner Jugend in ärmlichen Verhältnissen und seiner ersten politischen Manifestation im Jahr 1968, die seine Desorientierung und Suche nach Identität offenbart, über seine prägenden Erfahrungen mit Drogen, Sexualität und der Pariser Underground-Szene der 1970er Jahre, bis hin zu seinem tragischen Tod im Jahr 1986. Der Roman erforscht die tiefere, komplexere Persönlichkeit jenseits der Oberfläche: seine Familiengeschichte, seine jüdischen und griechischen Wurzeln, persönliche Traumata wie den Tod des Vaters und den Suizid der Mutter sowie seine tiefen Unsicherheiten. Diese weniger sichtbaren, intimen Schichten seines Wesens bilden seine „B-Seite“.

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Übersehenes Interieur: Partikel, Zeichen und Kratzer bei Thomas Clerc

Thomas Clercs Bücher „Intérieur“ und „Cave“ sind eng miteinander verbunden und bilden eine kohärente, doch sich entwickelnde Erkundung des Raums, des Selbsts und des Schreibakts. Während „Intérieur“ eine akribische Bestandsaufnahme des eigenen Wohnraums darstellt, erweitert „Cave“ diese topografische Obsession zu einer Reise in das Verborgene, das Unausgesprochene und das Begehren. Die Bewegung vom sichtbaren, oberirdischen Leben zum unsichtbaren, unterirdischen Reich der Höhle symbolisiert dabei einen doppelten Prozess: die Fortführung einer bereits etablierten literarischen Methode und ihre radikale Vertiefung in die Komplexität menschlicher Innerlichkeit und seines Begehrens.

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rentrée littéraire
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