Rimbaud-Fiktionen: Guillaume Meurice

In Guillaume Meurices Rimbaud-Fiktion „Cosme“ (2018) ist der Protagonist Sohn spanischer Einwanderer, der in Biarritz geboren wurde und seine Kindheit verbrachte. Sein Leben ist eine bewegte Reise, die ihn von Jugenddelinquenz in den Pariser Vorstädten über einen Militärdienst, bei dem er Geheimnachrichten entschlüsselt, bis hin zu endlosen Stunden in Schachklubs führt. Cosme ist ein freier Geist, ein Dichter und potenziell ein „Seher“ („Voyant“), der Freundschaft schätzt und eine Existenz zwischen geteilten Leidenschaften, unendlicher Einsamkeit, Schwindelgefühlen und einer „langen Entfesselung der Sinne“ führt. Ein zentrales Thema in Cosmes Leben ist seine beharrliche und fast obsessive Suche nach dem verborgenen Sinn von Arthur Rimbauds rätselhaftem Gedicht „Voyelles“, das er als den „Gral der französischen Poesie“ betrachtet. Er ist unbeirrbar in seiner Entschlossenheit, Geheimnisse zu lüften, auch wenn dies bedeutet, unkonventionelle Wege zu gehen und sich der sozialen Gewalt, der Obdachlosigkeit oder der Missachtung von Autorität zu stellen. Letztendlich ist Cosme ein selbstlernender Alchemist der Worte, der das bestgehütete Geheimnis der französischen Literatur lüften will.

Frankreichs Kontamination 2036: Robert Merle und Emmanuel Ruben

Emmanuel Rubens Roman „Malville“ (Stock, 2024) fügt sich in eine lange Reihe apokalyptischer Literatur ein, die von biblischen Prophetien bis zu Robert Merles „Malevil“ bzw. „Malevil oder die Bombe ist gefallen“ (1972, dt. 1975) reicht, dessen Titel hier bewusst als intertextuelle Folie aufgerufen wird: Auf der Ebene der Gesellschaftskritik ist „Malville“ eine Abrechnung mit der französischen Nuklearpolitik seit den 1970er Jahren. Heute zeichnet Ruben minutiös nach, wie politische Entscheidungen – von Macrons Renaissance des Atomprogramms über den Aufstieg der extremen Rechten bis zur Auflösung der Europäischen Union – in die Katastrophe führten. Robert Merles „Malevil“ erzählt aus der Ich-Perspektive des Landwirts Emmanuel Comte, der nach einem plötzlichen Atomschlag gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Freunden und Nachbarn in der abgeschiedenen Burg Malevil überlebt. Schon vor Beginn der eigentlichen Handlung wird klar, dass Rubens „Malville“ als intertextueller Dialog mit Merle gelesen werden will – Fortführung, Variation und zugleich kritische Umkehrung seines Endzeitromans.

Afrikanischer Klassizismus: alternative Geschichtlichkeit bei David Diop

David Diop gehört seit seinem preisgekrönten Roman „Frère d’âme“ (2018) zu den wichtigsten Stimmen der franko-senegalesischen Literatur. In „Où s’adosse le ciel“ (2025) führt er eine poetische und zugleich historiographische Suche fort, die bereits in seinen früheren Büchern sichtbar wurde: das Bestreben, afrikanische Geschichte jenseits kolonialer Narrative zu rekonstruieren. Das Neue an diesem Roman ist, dass er die Verbindungslinien nicht nur zwischen Kolonialzeit und Gegenwart zieht, sondern zwischen einer mythischen Vergangenheit – dem Ägypten der Ptolemäer – und dem Senegal des 19. Jahrhunderts. Der Roman entwirft eine alternative Geschichtlichkeit, die nicht auf Schrift, Monument oder Archiv basiert, sondern auf mündlicher Überlieferung und Erinnerung.

Technische Notiz des Schreibautomaten: Sigolène Vinson

„Les Jouisseurs“ (2017) erzählt die Geschichte von Olivier, einem unter Schreibblockade leidenden Autor, der einen Automaten namens „L’Écrivain“ stiehlt, um seinen Roman zu verfassen, während seine Partnerin Éléonore Psychopharmaka konsumiert und in ihren Halluzinationen ebenfalls den Automaten nutzt, um die Geschichte von Ole und Léonie zu imaginieren. Parallel dazu entfaltet sich die Erzählung von Ole und Léonie, einem Paar von Schmugglern im Marokko des frühen 20. Jahrhunderts, die ebenfalls versuchen, ihrer Melancholie durch ihre „Caravane de débauche“ zu entfliehen. Der Roman erforscht dabei über Epochen und Orte hinweg die zentrale Frage, ob intensive Sinnesfreude („jouissance“) eine Flucht vor der Brutalität des irdischen Daseins ermöglichen und zu wahrer Lebensfreude führen kann.

Pflüger der Erde: Gaspard Kœnig

Gaspard Kœnigs „Humus“ (2023, deutsch 2025), das sich der großen Tradition der realistischen Literatur verpflichtet fühlt, gräbt sich tief in die Materie des Bodens und seiner Bewohner, der Regenwürmer, ein, um existenzielle Fragen nach dem Verhältnis von Mensch und Natur, Idealismus und Pragmatismus, Scheitern und Neuanfang zu verhandeln. Es ist eine Geschichte von zwei jungen Agronomie-Studenten, Arthur und Kevin, deren Wege sich anfänglich kreuzen, um dann in radikal unterschiedliche Richtungen zu führen und die Komplexität heutiger Umweltkonflikte widerzuspiegeln. Der Roman entscheidet nicht zwischen den beiden großen Optionen der Protagonisten, sondern analysiert sowohl die Fehler als auch die Vorzüge beider Entwürfe.

Übersehenes Interieur: Partikel, Zeichen und Kratzer bei Thomas Clerc

Thomas Clercs Bücher „Intérieur“ und „Cave“ sind eng miteinander verbunden und bilden eine kohärente, doch sich entwickelnde Erkundung des Raums, des Selbsts und des Schreibakts. Während „Intérieur“ eine akribische Bestandsaufnahme des eigenen Wohnraums darstellt, erweitert „Cave“ diese topografische Obsession zu einer Reise in das Verborgene, das Unausgesprochene und das Begehren. Die Bewegung vom sichtbaren, oberirdischen Leben zum unsichtbaren, unterirdischen Reich der Höhle symbolisiert dabei einen doppelten Prozess: die Fortführung einer bereits etablierten literarischen Methode und ihre radikale Vertiefung in die Komplexität menschlicher Innerlichkeit und seines Begehrens.

Apologie einer Wiederentdeckung: Célines verschollene Manuskripte und Véronique Chovin

Lucettes Erbe Die literaturwissenschaftliche Forschung zum Werk Louis-Ferdinand Célines erfuhr jüngst eine signifikante Erweiterung durch eine Reihe unerwarteter Entdeckungen. Im Zentrum dieser „wundersamen Wiederauferstehung“ steht die Gestalt Véronique Chovins, deren persönliche Erzählung sich auf untrennbare Weise mit der des „verfluchten“ Schriftstellers und seiner Witwe, Lucette Almansor, verbindet. Chovin, die in den 1970er Jahren als Siebzehnjährige …

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Von der Idealisierung zur Problematisierung: Mutterbilder in der französischen Gegenwartsliteratur

Transformationen und Dekonstruktionen Der Band Mater Genetrix: les images de la mère dans la littérature contemporaine d’expression française, herausgegeben von Marina Hertrampf, bietet eine aufschlussreiche Auseinandersetzung mit der Darstellung von Müttern in der aktuellen französisch- und frankophonen Literatur. Das Werk beleuchtet die Transformation und Dekonstruktion überkommener Mutterbilder und zeigt, wie literarische Texte als Seismographen gesellschaftlicher …

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Das vergessene Drama von 1940: Aurélien d’Avout

Aurélien d’Avout, La France en éclats: écrire la débâcle de 1940, d’Aragon à Claude Simon (Brüssel: Les Impressions nouvelles, 2023), 390 S. Zäsur und Riss im französischen Selbstbild Aurélien d’Avouts Studie La France en éclats beleuchtet, warum das Jahr 1940, insbesondere der Juni, in Frankreich oft von einem „Schleier des Schweigens“ umgeben ist. Obwohl die …

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Burlesk und unheimlich: zwei Lesarten des Monströsen bei Arthur Dreyfus

Arthur Dreyfus’ „La troisième main“ (P.O.L., 2023) erzählt in der Form eines „journal en désordre“ die Lebensgeschichte des jungen Paul Marchand, die vom Ersten Weltkrieg und einer grotesken medizinischen Grenzüberschreitung geprägt wird. Die erste Hälfte des Romans skizziert eine Kindheit in Besançon, deren Kontinuität mit dem Tod des Vaters und der fortschreitenden Verwahrlosung der Mutter zerbricht. Als Paul schwer verwundet wird, erwacht er nicht im Krankenhaus, sondern im Keller des androgyn inszenierten Camille Gottschalk, der an Menschen und Tieren bizarre Transplantationen vornimmt. Aus Pauls Bauch wächst fortan eine „dritte Hand“ des Deutschen Hans – ein lebendiger, fremder Arm, der sein Überleben sichert und ihn zugleich zum Monstrum macht. Der Text verwebt Krieg, Körperhorror und Identitätssuche und lässt offen, ob sein Protagonist Opfer, Täter oder Komplize des eigenen Überlebens ist. – Der Artikel liest Dreyfus’ Roman doppelt: als unheimliche Parabel über Entfremdung und als grotesk-burleske Körperfantasie. In der einen Lesart ist Gottschalks Labor ein Ort des wissenschaftlichen Grauens, die dritte Hand ein unheimlicher Fremdkörper, der Autonomie und Identität untergräbt. In der anderen erscheint dasselbe Szenario als schillerndes, libertines Spektakel, in dem ein Candide-ähnlicher Erzähler durch ein anatomisches Kuriositätenkabinett taumelt, in dem Geschlechtergrenzen, Moral und Körperformen lustvoll überschritten werden. Zwischen Horror und Überschuss changierend, wird das Monströse zur Bühne des Überlebens – und die „dritte Hand“ zum Symbol für die Ambiguität zwischen Fremdheit und Zugehörigkeit, Abscheu und Lust.

Nackte Realität: zur Neuausgabe des frühen Claude Simon

Claude Simons Roman „La corde raide“ (1947) ist ein Mosaik aus Szenen, Erinnerungen und Reflexionen, die vom Bad im Meer mit der jungen Véra über Kindheitserinnerungen und Kriegserlebnisse bis hin zu kunsttheoretischen Betrachtungen reichen. Das „straff gespannte Seil“ im Titel steht für eine heikle Balance zwischen Vitalität und Todesbewusstsein, zwischen chaotischer Lebenserfahrung und deren künstlerischer Formung. Die 2025 von den Éditions de Minuit in einem Band mit „Le tricheur“ (1945) neu herausgegebenen Frühwerke des Autors, präsentiert von Mireille Calle-Gruber, waren lange vergriffen, da Simon ihre Wiederauflage zu Lebzeiten nicht wünschte. Calle-Gruber deutet die Texte als poetologisches Laboratorium, in dem bereits Montage, Fragmentierung, Simultaneität der Zeiten und Vorrang der Sinneswahrnehmung vor Handlung erkennbar sind – Techniken, die sein späteres Werk prägen. Die Neuauflage schließt eine Lücke in der Werkgeschichte, indem sie diesen Moment der literarischen Entwicklung wieder zugänglich macht (beide Texte fehlen in der Pléiade-Ausgabe). – Der Artikel interpretiert „La corde raide“ als nicht-lineare Erzählung, als assoziatives Netz von Szenen und Leitmotiven, die durch semantische Felder wie Wasser, Licht, Vegetation, Körper und Bewegung verknüpft sind. Kriegserfahrungen werden nicht heroisch, sondern als chaotische, körperlich-sensorische Realität geschildert; Kindheitsszenen dienen als Ursprungsschicht der Wahrnehmung und Kontrastfolie zur existenziellen Gegenwart. Das Spannungsverhältnis von Schein und Realität ist zentral: Simon kritisiert „Fälschung“ in Kunst und Gesellschaft und sucht eine nackte, ungeschminkte Wahrheit, wobei Cézanne als positives Gegenmodell zur akademischen Malerei gilt. Architektur, Farb- und Lichtgestaltung werden wie in der Malerei eingesetzt, um Erinnerung und Wahrnehmung zu strukturieren. Insgesamt wird „La corde raide“ als frühe, aber bereits konsequente Erprobung einer Poetik verstanden, die Wahrnehmung, Erinnerung und Form auf einem „Drahtseil“ zwischen Chaos und Struktur balanciert.

Kunst als Pharmakon: Schmerzpoetik bei Rose Vidal

Rose Vidals Roman „Drama doll“ (2025) eröffnet die neue Buchreihe „Aventures“ von Yannick Haenel bei Gallimard und stellt Schmerz ins Zentrum einer Erzählung, die nicht als linearer Bericht funktioniert, sondern als vielstimmige Montage: Gespräche, medizinische Details, Erinnerungen, mythische Analogien, kunsthistorische Referenzen. Schmerz erscheint hier nicht nur als Thema, sondern als formbestimmendes Prinzip. Die Erzählbewegung ist durchzogen von Pausen, Abschweifungen, Wiederholungen – Strukturen, die dem Rhythmus chronischer Schmerzen ähneln: sie kehren wieder, sie lassen sich nicht abschließen, sie modulieren Intensität und Wahrnehmung. Im Zentrum der Handlung stehen Emmanuelles jahrelange chronische Schmerzen, verursacht durch eine fehlgeschlagene Epiduralanästhesie während der Geburt ihrer Zwillingssöhne in Kalifornien, bei der einer der Zwillinge, Clément, verstarb. Diese traumatische Erfahrung führt Emmanuelle in eine Morphiumabhängigkeit, die sie über zwei Jahrzehnte begleitet. Die Erzählerin verbindet Emmanuelles Geschichte mit eigenen Erfahrungen, insbesondere ihrer chronischen Kälteempfindlichkeit, die sie als eine Form des Leidens begreift.

Frankreich als griechische Polis: François Hartog

François Hartogs so gewichtiger wie schmaler Band von gerade mal 54 Seiten, Das antike Griechenland ist die schönste Erfindung der Neuzeit (2021), der als dritter Teil der Gunnar Hering Lectures erschienen ist, lädt dazu ein, die gewohnte Rolle Griechenlands in der westlichen Kultur kritisch zu überdenken. Die Arbeit, die sich explizit an Paul Valérys berühmten …

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Sarah Kofman und die französisch-jüdische Literatur: Esra Akkaya

Esra Akkaya, Sarah Kofmans literarisches Werk: Frankreichs verdrängte Gedächtnisse. Berlin: De Gruyter, 2025.  Leben und Werk Sarah Kofman (1934–1994) war eine der französischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts – Philosophin, Literaturwissenschaftlerin, Nietzsche-Interpretin und Shoah-Überlebende. Geboren in Paris in eine jüdisch-orthodoxe Familie, erlebte sie als Kind die Verhaftung ihres Vaters durch die französische Polizei während der Razzia im Juli …

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Schöne Lüge: Philippe Mezescaze

Philippe Mezescazes scheinbar autofiktionaler Roman „Mercurio“ (Mercure de France, 2025) ist eine Meditation über Erinnerung, Begehren, Freundschaft und die Unmöglichkeit, die Wahrheit eines Menschen festzuhalten, als mentir vrai, als bella menzogna. Erzählt wird die Geschichte einer langjährigen Dreierbeziehung zwischen dem Ich-Erzähler, seinem Lebenspartner Almano und dem titelgebenden Mercurio, einer ebenso charismatischen wie widersprüchlichen Figur. Der Roman beginnt mit Mercurios plötzlicher Wiederkehr nach Jahren der Abwesenheit, gefolgt von einer vagen Andeutung einer schweren Krankheit. Doch was als dokumentarischer Erzählbericht beginnt, entfaltet sich rasch zu einem vielschichtigen poetischen Text, der mit Fiktion und Erinnerung, Mythos und Lüge spielt.

Kindheit als Bühne, Theater als Heilung: Axel Auriant

Axel Auriants Roman „Rue de la Gaîté“ (2025) verfolgt die Entwicklung eines jungen Mannes namens Baptiste, der in der Welt des Theaters nicht nur eine berufliche Bestimmung, sondern vor allem ein Vehikel zur Bewältigung seiner Kindheitstraumata und zur Neubewertung seines Ichs findet. Der Roman verwebt die inneren Kämpfe des Protagonisten mit den äußeren Erfahrungen im Cours Florent und im Théâtre Montparnasse.

Das Leben ändern: Claudine Galea

Claudine Galeas Roman „Les choses comme elles sont“ (Éd. Verticales, 2019) nimmt die Kindheit und Jugend einer namenlosen Protagonistin in Marseille und ihrer Umgebung in den 1960er und 70er Jahren zum Ausgangspunkt einer Erkundung der Kindheit, der familiären Dynamiken und der Auswirkungen historischer Ereignisse auf die individuelle Entwicklung. Im Kern ist es die Geschichte der „Petite“, die sich von einem neugierigen Kind zu einer rebellischen Jugendlichen und schließlich zu einer jungen Frau an der Schwelle aller Möglichkeiten entwickelt. Der Roman zeichnet eine existenzielle Familiengeschichte von großer Härte, geprägt von „schwarzen Löchern“, die unaussprechlich, aber unauslöschlich sind. Gleichzeitig atmet man die sprachliche Dichte der durchlebten Epochen in Marseille und die bitteren Nachwehen der Geschichte von einem Ufer zum anderen des Mittelmeers. Galeas Fresko verbindet eine lyrische Schreibweise mit der Distanz einer Untersuchung der dunklen Zonen der nationalen Erzählung Frankreichs.

Aus Lügen sprudelt die Wahrheit hervor: Adrien Bosc

Adrien Boscs Roman „L’invention de Tristan“ (2025) ist eine Erkundung der Grenzen zwischen Fakt und Fiktion in der literarischen Biografik, verpackt in die Form eines modernen Detektivromans. Der Roman erzählt die Geschichte des fiktiven amerikanischen Journalisten Zachary Crane, der nach Paris fliegt, um ein Porträt des rätselhaften und tragisch verstorbenen amerikanischen Schriftstellers Tristan Egolf zu verfassen. Was als journalistische Recherche beginnt, entwickelt sich zu einer metatextuellen Reise, auf der Zachary Egolfs Leben – von seiner Ablehnung durch amerikanische Verleger über seine wundersame Entdeckung in Paris bis zu seinem frühen Tod – rekonstruiert.

Schuld, Scham, Freiheit: Marie-Ève Lacasse

Marie-Ève Lacasses Roman „La vie des gens libres“ (Seuil, 2025) ist ein so stilles wie hochkomplexes Erzählwerk über das Nachleben der Schuld, die Erfahrung von Stigmatisierung und das Ringen um ein neues Selbstbild. Im Zentrum stehen zwei Frauen, Clémence Thévenin – vormals Clémence Robert, Ärztin, Straftäterin, Häftling – und Laura Rolin, alleinerziehende Mutter, Medizinerin im prekären Übergang. Beide verbindet weder biografisch noch sozial ein direkter Kontakt, und doch legt Lacasse durch subtile narrative Parallelführung und symbolische Spiegelungen eine Art doppelter Frauenbiografie vor, die sich zu einer kollektiven Reflexion über die Möglichkeit weiblicher Freiheit verdichtet. Der Roman ist vieles zugleich: ein gesellschaftskritischer Text über Klassenverhältnisse, ein psychologisches Kammerspiel über Schuld und Einsamkeit, ein poetisches Mosaik aus inneren Monologen und konkreten Beobachtungen. In seiner politischen Tiefenstruktur lässt sich „La vie des gens libres“ auch als kritische Untersuchung des französischen Justiz- und Gesundheitssystems lesen. Dabei treten Fragen nach sozialer Teilhabe, nach Solidarität unter Frauen und nach der symbolischen Ordnung von Reinheit und Makel ins Zentrum. Was bedeutet es, „frei“ zu sein – und wer gehört zur „vie des gens libres“?

Choreografie der Erinnerung: Patrick Modiano zum 80.

Seit seinem Debütroman „La Place de l’Étoile“ (1968) hat Patrick Modiano, der in diesem Jahr so alt wird „wie die Nachkriegszeit“ (Andreas Platthaus), eine poetische Welt geschaffen, die von Erinnerungsschatten, verschobenen Identitäten und geheimnisvollen Abwesenheiten durchzogen ist. Seine Romane – melancholisch, elliptisch, durchzogen von Vergessen und Wiederkehr – kreisen um eine paradoxe Bewegung: das Erinnern durch das Verlieren, das Erleben durch das Verschwinden. In diesem ästhetischen Spannungsverhältnis gewinnt der Tanz eine besondere Rolle: als Motiv, als Bild, als Erzählform. Insbesondere in seinem jüngsten Roman „La danseuse“ (2023, deutsch 2025) gerät dieses Motiv zur poetischen Metapher: Die Tänzerin wird zur Figur des Erinnerns, zur Projektionsfläche eines tastenden Ich-Erzählers und zur Allegorie eines kaum fassbaren Lebens. Der Tanz steht hier nicht im Zentrum einer Handlung, sondern inszeniert sich als schwebende Spur, als rhythmisches Prinzip des Erzählens, als flüchtige Figur, die das Erzählen selbst choreographiert.

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